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„Ich erinnere mich...“: Literarische Zeugnisse des 19. Jahrhunderts – Ein Kreuznacher Lesebuch –

Von Dominik Kasper

Kategorie: Buchtipp, Hauptportal, Neueste Zeit

Menschen, die den Wandel des pfälzischen Landstädtchens zur preußischen Kurstadt miterlebt haben, erzählen hier vom Kreuznach des 19. Jahrhunderts. 50 Berichte und Erzählungen, 50 sehr persönliche Sichtweisen hat Jörg Julius Reisek zusammengetragen. Wer sich auf diese Zeugnisse einlässt – vom schwärmerischen Bericht über die Jugendzeit bis zur nüchternen Beschreibung von Handel und Wandel in Kreuznachs Gassen, von der Hymne bis zur Schmähung – wird mit Staunen und Sympathie eine kleine Welt entdecken, die uns nah und fern zugleich ist.

Titel: „Ich erinnere mich...“: Literarische Zeugnisse des 19. Jahrhunderts – Ein Kreuznacher Lesebuch –

ausgewählt und bearbeitet von Jörg Julius Reisek

Hrsg. vom Verein für Heimatkunde für Stadt und Kreis Bad Kreuznach e. V.
Bad Kreuznach: Verlag Matthias Ess, 2011.
272 S., zahlreiche Abb., € 19,50
ISBN 978-3-935516-64-8

Die im Kreuznacher Lesebuch enthaltene „Haus-Chronik“ von Karl Hessel kann hier in vollständig digitalisierter Form und zusätzlich mit Transkriptionen versehen betrachtet werden: Jörg Julius Reisek: Dr. Karl Hessel „Haus-Chronik“ 1866

Eine bejahrte Kreuznacherin, die „alte Wieserin“, wurde 1859 Augenzeugin der Eröffnung der Rhein-Nahe-Bahn. Erstmals erlebte sie eine Lokomotive. Doch in ihren Berichten zuhause unterstellte sie dann doch, dass der Fortschritt von den bewährten und bekannten Kräften der Vergangenheit und nicht von Dampf getrieben sei. „Un isch losse mersch nit ausredde, es laafe Geil drunner“, schloss sie ihre Erzählung. Die Anekdote überliefert Karl Hessel in seiner Zusammenstellung von Originalen in diesem Buch. Solche Funde machen Lust auf die Lektüre des Kreuznacher Lesebuchs. Zahllos sind die zeittypischen Charaktere, denen wir hier begegnen.
Die humorige Erzählung von der „Wieserin“ liefert zugleich den Leitfaden, der durch die rund 50 Quellenzeugnisse und Erinnerungen führt, die Jörg Julius Reisek mit Sachkunde und Findigkeit zum „Kreuznacher Lesebuch des 19. Jahrhunderts“ zusammengestellt hat. Es geht um Menschen. Es sind Menschen, die über das eigene tägliche Leben und Leben der Kreuznacher in der Zeitspanne vom Ende der Franzosenzeit (1815) bis zum Ende des 19. Jahrhunderts (ca. 1890) berichten. Dabei handelt es sich nicht um sogenannte „Überreste“, überlieferte Dokumente aus dem Berichtszeitraum selbst. Es sind vielmehr Erinnerungen, Berichte, autobiographische Zeugnisse, literarische Verarbeitungen von Selbsterlebtem oder Beobachtetem. Das heißt, wir haben es hier natürlich mit der Interpretation und Deutung der eigenen Geschichte, Erfahrungen und Erlebnisse zu tun. Literarische Verarbeitungen der Vergangenheit, die zum Teil wenige Jahre später, oft aber auch mit einem Zeitabstand von vielen Jahrzehnten angestellt werden. In etlichen Fällen sind es gerade Autoren, die auf den letzten Lebensabschnitt zugehen, die mit Akribie und etwas Wehmut „die ganze Macht der Jugend-Erinnerungen“ in sich wirken und den „Frühlingsglanz der Jugend“ wieder aufscheinen lassen. Und da spielen natürlich Kindheit und Schulzeit eine ganz besondere Rolle. Vielfach sind es auch Reiseberichte, in denen die Autoren ihre subjektive Sicht der Dinge vermitteln. Geradezu allgegenwärtig ist das Thema Kurstadt.  
     
Die Autoren gehören vorwiegend Familien des Bildungsbürgertums mit akademischen Ausbildungen und Berufen an. Sie sind es, die über die sprachlichen Mittel, das Kommunikationsbedürfnis und die Muße verfügen, ihre Erfahrungen und Erinnerungen literarisch zu verarbeiten. Demgemäß bilden die Bildungseinrichtungen, bürgerliche Geselligkeitskultur und das Kurwesen ebenso wie das Landschaftserlebnis und Leben in der bürgerlichen Familie die Hauptthemen des Buches. Doch fehlen auch vielfältige soziale Informationen nicht. Sie aber muss man herausdestillieren. Die Texte bilden Teile eines Mosaiks, die darauf warten, vom Leser zu einem Gesamtbild zusammengefügt zu werden.

Die Sammlung von Jörg Julius Reisek verwirklicht ein wesentliches Anliegen des Vereins für Heimatkunde und entspricht der Intention der Autoren selbst. Eine persönliche Erinnerung an das Kreuznach der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sei an der Zeit, sagte Peter Engelmann den Vereinsfreunden in einem hier abgedruckten Vortrag 1870, “…, da sonst manches zu einer getreuen Schilderung der früheren Zustände nothwendige Material der Vergessenheit anheimfallen und manches, das jetzt noch Zeugniß giebt von der alten sogenannten guten Zeit, verschwinden möchte“. Der scheinbar widersprüchliche Zusatz, „was freilich kein großer Schaden wäre“, gibt einen guten Schuss Engelmannscher Ironie zu erkennen und ist als Absage an verklärende Nostalgie zu verstehen. Erschließung vergangener Lebenswelten und nicht deren Verklärung ist denn auch das Credo dieses Buches.

Dr. Michael Vesper