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Mainzer Regesten 1200-1250 erschienen

Kategorie: Buchtipp, Hauptportal, Rheinhessenportal, Mittelrheinportal

Die Mainzer Urkundenbücher deckten bisher nur den Zeitraum bis 1200 ab. Der ehemalige Leiter des Stadtarchivs Mainz, Dr. Ludwig Falck, hat nun die Überlieferung in Form von Regesten bis zum Jahr 1250 weitergeführt. Der Doppelband "Mainzer Regesten zur Geschichte der Stadt, ihrer geistlichen und weltlichen Institutionen und Bewohner" erschien kürzlich in der Reihe "Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz". Eine Rezension von Josef Heinzelmann.

Des Müllers Esel und der Menschen Seelenheil

Eine Rezension von Josef Heinzelmann

Soeben erschien der Band 1200–1250 der "Mainzer Regesten zur Geschichte der Stadt, ihrer geistlichen und weltlichen Institutionen und Bewohner", also nicht der Erzbischöfe als solchen. Für die gibt es bereits Regesten, wobei freilich die bis zum Jahre 1289 schon 1886 gedruckt wurden, weshalb trotz aller Sorgfalt viele inzwischen erschlossene oder neu interpretierte Quellen fehlen. Bis 1200 gibt es auch zuverlässige Urkundenbücher, von denen allerdings der 1971 abgeschlossene zweite Band bis heute kein Register hat, und wohl auch nie bekommen wird.
Hier ist also eine ärgerliche Lücke in der Aufarbeitung der überlieferten Quellen geschlossen worden. Der Textband enthält 1303 Nummern von Regesten. Selbst wenn darin einige Leernummern und Fälschungen mitgezählt sind, ist es eine gewaltige Menge von Namen (ihr Index umfasst rund 200 Seiten), Daten, Informationen. Im Gegensatz zu den Urkundenbüchern sind auch andere, z. B. chronikalische Aufzeichnungen aufgenommen, und vor allem sind sie vollregestiert, und dies in deutscher Sprache, mit allen inhaltlichen Informationen ohne die oft überbordenden Formeln und Floskeln, Wiederholungen und Ausschmückungen damaliger Schreiber.
Für den einfachen Geschichtskonsumenten sind relativ wenige Leckerbissen darunter, etwa Nr. 1256: Konrad Winzo hat den Müller des Petersstifts bei Zahlbach seiner Esel beraubt, weil ihm seit Jahren von einer jährlichen Abgabe von 14 Malter Korn nicht 4 Malter als Weizen geliefert wurden. Die Stiftsherren beeiden, er habe keinen Anspruch auf Weizen statt Korn und bekommen daraufhin Recht vor den Mitgliedern des später sogenannten "weltlichen" Mainzer Gerichts. Für diese Institution ist dies eine entscheidende Urkunde, weswegen sie im zweiten Band als letzte von 40 Tafeln abgebildet ist (s. auch unsere Abbildung). Dieser zweite Band enthält daneben das Literatur- und Quellenverzeichnis sowie einen überaus umfangreichen, daher auch umständlich zu bedienenden Index der Personen, Orte und Institutionen, leider nicht der Sachbegriffe, wie etwa in unserem Fall "Esel", "Müller", "Malter", "Weizen", von Rechts- und Glaubensbegriffen zu schweigen. Denn eine große Anzahl der Informationen betrifft hierarchische Probleme des Klerus und die Stiftungen vor allem des Adels für ihrer Vorfahren Seelenheil oder ihr eigenes. Insgesamt ergeben sich aber doch Schnappschüsse damaligen Denkens und Handelns: Faustrecht und Angst vor Verdammnis, Rangrangeleien und Vorformen demokratischer Zusammenschlüsse in den Kapiteln, dem Rat, dem Gericht…
Die beiden Bände sind buchtechnisch makellos und bilden zusammen den Band 35 der "Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz". Dass sie 90 € kosten, mag dem mühsam zu erarbeitenden Inhalt und dem Herstellungsaufwand entsprechen, zeigt aber auch, wie wenig die Stadt Mainz an Unterstützung für Geschichtsforschung und -bewusstsein übrig hat.
Ludwig Falck, der verdienstvolle frühere Direktor des Stadtarchivs und Verfasser der Mittelalter-Bände in der aufgegebenen "Geschichte der Stadt Mainz", hat die mittelrheinische Geschichtsforschung 50 Jahre weitergebracht. Und das ist nur ein Anfang, denn er hat im Stadtarchiv eine "Quellensammlung zur Mainzer Geschichte aus fremden Beständen" aufgebaut, die mittlerweile schon um die 37000 Urkunden, chronikalischen Erwähnungen und anderen Dokumenten umfasst. Wir wünschen ihm noch viele Jahre eines so ertragreichen Ruhestands und erwarten geduldig den nächsten Band der "Mainzer Regesten".

Ludwig Falck. Mainzer Regesten 1200-1250 zur Geschichte der Stadt, ihrer geistlichen und weltlichen Institutionen und Bewohner. Mainz 2008. 1. Teil: Text. 2. Teil: Tafeln, Literatur, Index. Geb. 670 und 311 S. mit 40 SW-Bildtafeln von Urkunden.

Informationen auf der Internetseite des Stadtarchivs Mainz