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Lokalgeschichte und Digital Humanities — 'sliusica generalia', 'sliusica digitalia' und 'sliusica visualia' als Beispiele für Oberschleißheimer Ortsgeschichte im Internet

von Andreas C. Hofmann

1. Einführung

Die Digitalisierung unserer Welt schreitet immer weiter voran. Unter dem Slogan der Digital Humanities haben nun auch eher weniger technikaffine Zünfte wie die Geistes- und Kulturwissenschaften ihren Frieden mit der neuen digitalen Welt gemacht. Blogs zu historischen Themen schießen wie Pilze aus dem Boden und jede renommierte Institution schickt sich vor dem Hintergrund seines Jahrhundertjubiläums an, Portale zur Geschichte des Ersten Weltkrieges auf den Markt zu bringen. Den ‚großen Themen‘ der Geschichte scheint die Aufmerksamkeit der Digital Natives — wie die mit digitalen Techniken groß gewordene Generation gerne genannt wird — sicher. Aber können auch vermeintlich ‚kleine Themen‘ wie die Orts- und Lokalgeschichte mit den neuesten Entwicklungen mithalten? Gibt es überhaupt sinnvolle Möglichkeit einer Anwendung digitaler Verfahren auf die Geschichte kleiner bis mittelgroßer Ortschaften? Welcher Technologien und Ressourcen bedarf man hierzu? Und nicht zuletzt: Was sind überhaupt Digitale Geisteswissenschaften? Mach es überhaupt Sinn unsere neue digitale Welt auf Disziplinen wie die Ortsgeschichte überzustülpen?

Betrachten wir, welches Feld an Methoden Digital Humanities überhaupt umfassen: Es sind z.B. Sprachverarbeitung, Geographische Informationssysteme, Fachinformation, Digitale Bildverarbeitung, Digitale Editionen und Langzeitarchivierung. Aber was davon ist auf die Ortsgeschichte anwendbar und welcher Mehrwert besteht darin? Bedarf es eines institutionellen Hintergrundes, um Digitale Geisteswissenschaften gewinnbringend anzuwenden? Oder ist es auch ‚im Kleinen‘ möglich, Digitale Ortsgeschichte zu betreiben? Der Beitrag behandelt am Beispiel der oberbayerischen Gemeinde Oberschleißheim ein ortsgeschichtliches Blog (sliusica generalia) sowie zwei Projekte zur Archivierung lokalgeschichtlich relevanter Internetressourcen (sliusica digitalia) und zur Sammlung alter Fotographien, die insbesondere das frühere Ortsbild darstellen sollen (sliusica visualia). Angeschnitten werden in einem Ausblick Überlegungen zu einem historischen Geoinformationssystem (sliusica geographica) und zur Aufzeichnung von Zeitzeugenberichten (sliusica acustica). sliusica ist hierbei die latinisierte Form des Schleißheimer Namenspatrons Slius.

2. sliusica generalia. Oberschleißheimer Historie Online / umsichten. Regionalisierung von Geschichte

Am Anfang war die Volltextsuche der Bayerischen Staatsbibliothek (http://opac-plus-volltext.bsb-muenchen.de), die es ermöglicht sämtliche digitalen Bestände des Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit einer Anfrage zu durchsuchen. Auch wenn bei dem Ergebnis von über 4.000 Treffern zu "Schleißheim" zahlreiche Titel über keinen besonderen Mehrwert verfügten, waren doch einige ortsgeschichtlich hochwertige Quellen enthalten. Aus dem Versuch digitale Quellen zur Geschichte von Oberschleißheim und seiner näheren Umgebung zu erhalten, wurde schließlich eine Tugend, denn wieso sollten die zusammengetragenen digitalen Ressourcen nicht der geneigten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Während die Vorstellung der historischen Quellen von Oktober 2012 bis März 2013 noch in einer Unterrubrik von »aussichten. Perspektivierung von Geschichte« stattfand, gibt es nun das mit eigener Domain versehene und im einsichten-Publikationsverbund betriebene Portal »umsichten. Regionalisierung von Geschichte« (http://www.umsichten-online.de).

Seitdem hat das Sammlungsprofil des Portals auch eine Erweiterung erfahren. Denn neben Textquellen aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek werden auch Bildquellen (v.a. Fotographien, Gemälde, Karten) unterschiedlicher Provenienz vorgestellt, die über die Deutsche Digitale Bibliothek (http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de) oder über bavarikon. Kultur- und Wissensschätze Bayerns (http://www.bavarikon.de) recherchiert werden konnten. Darüber hinaus bietet auch Google-Books mit seinen Buch-Voransichten zahlreiche Quellen zur Ortsgeschichte Oberschleißheims. Das Portal firmiert mittlerweile am Ort unter der Bezeichnung „Schleißheimer Historie Online“ und entwickelt sich zunehmend zu einem Fachinformationsdienst zur Ortsgeschichte Ober- und Unterschleißheims. Es bindet hierbei auch die Quellen anderer Portale zur Ortsgeschichte ein, die beispielsweise auf Facebook agieren und versucht deren Ressourcen persistent zu verlinken. Um es aus dem akademischen Kontext herauszulösen, ist es nunmehr auch unter http://www.schleissheim.net verfügbar.

3. sliusica digitalia. Ein Langzeitarchiv für ortsgeschichtlich relevante Internetressourcen als digitales Gedächtnis für Oberschleißheim

Das Internet ist aus unserer heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken! Es hat sich zu einem anerkannten Medium entwickelt, das in Bedeutung und Nutzen durchaus den Status erreicht hat, den früher Zeitungen, Zeitschriften oder das Fernsehen hatten. So würde niemand bestreiten, dass eine Tageszeitung aus dem Jahre 1960, eine Zeitschrift der 1970er Jahre oder eine Nachrichtensendung aus dem Jahre 1989 Quellenwert besitzen. Aber gerade dieser Quellenwert ist es, der von Historikern auch zunehmend dem Internet zugesprochen wird. Die hieraus entstehende Aufgabe des Aufbaus eines digitalen Gedächtnisses wird nun für Oberschleißheim unter dem Titel sliusica digitalia ins Auge gefasst. Bei dem Projekt geht es aber nicht darum zu dokumentieren, welches Layout die Homepage der Gemeinde im Jahre 2009 hatte oder ob die Internetseiten eines bestimmten Vereins über die Jahre hinweg eine andere Farbe angenommen haben. Es sind die Inhalte, die bereits wenige Jahre später interessant sein können. Seien es Gemeindeveröffentlichungen, der digitale Auftritt einer Bank wie der Raiffeisenbank Oberschleißheim eG, die Einsatzdatenbank der Freiwilligen Feuerwehr oder Spielerlisten von Sportvereinen.

Ein Hauptproblem des Word Wide Web besteht in seiner Flüchtigkeit, in der Tatsache dass anders als beim gedruckten Medium eine Veröffentlichung unangekündigt verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Archivierung eben solcher Internetressourcen soll diese für die Nachwelt sichtbar und verfügbar machen, wobei die Zustimmung der jeweiligen Betreiber eine Grundvoraussetzung ist. Wegen des ausgeprägten Vereinslebens am Ort, der zahlreichen öffentlichen und privaten Einrichtungen und nicht zuletzt der unterschiedlichen Gewerbe, erscheint es für Oberschleißheim erstrebenswert, ein solches digitales Gedächtnis aufzubauen. Das Prinzip der Langzeitarchivierung von Internetressourcen ist nicht neu. Am bekanntesten aber leider nicht zuverlässigsten das Internet Archive (http://www.archive.org), das häufig die erste Anlaufstelle ist, um im Netz verschwundene Seiten noch einsehen zu können. Aber auch die Bayerische Staatsbibliothek und das Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften unternehmen seit langem Anstrengungen auf diesem Gebiet, wobei die Zielgruppe hier wegen der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft dezidiert die Wissenschaft ist.

4. sliusica visualia. Potenziale eines kollaborativen digitalen Archivs zur Schleißheimer Ortsbildgeschichte

Fragt man sich nicht manchmal, wie eine heutige Siedlung vor 60 Jahren aussah? Interessiert es einen nicht, wie sich früher hektisches Treiben am Bahnhof abspielte? Oder erinnert man sich nicht gerne daran, als vor etwa 25 Jahren noch eine Reihe an kleinen Kramerläden am Ort existierte? Diese und andere Fragen zur Oberschleißheimer Ortsgeschichte — um nicht zu sagen Ortsbildgeschichte — werden unter dem latinisierten Arbeitstitel "sliusica visualia" gestellt. Es sind Fotographien, die der Erinnerung auf die Sprünge helfen und späteren Generationen einen Blick auf das Ortsbild der Vergangenheit geben. Doch diese sind weit verstreut und befinden sich häufig im Privatbesitz und ein zentrales Schleißheimer Bildarchiv gibt es nicht — auch nicht digital. Beachtlich sind die Anstrengungen der ‚Freunde von Schleißheim‘, die unter der Federführung ihres Vorsitzenden und anerkannten Ortshistorikers Otto Bürger ein virtuelles Heimatmuseum errichteten, das bereits mit unzähligen Fotographien und Ortsskizzen bestückt ist (http://www.heimatmuseum-oberschleissheim.de).

Aber auch die Seite ‚Schleißheim in alten Ansichten‘ von Bernhard Antoniol bietet Einblicke in die Vergangenheit (http://www.schleissheim.eu) und an gedruckten Publikationen zeigt das Monumentalwerk ‚Oberschleißheim. Eine Zeitreise‘ ebenfalls unzählige Aufnahmen unseres Ortes. Indes existiert eine Veröffentlichungsmöglichkeit für eingescanntes oder sonst wie digitalisiertes privates Bildmaterial nicht. Es ist also ein Aufruf an alle an einer solchen Einrichtung interessierten Oberschleißheimer Bürgerinnen und Bürger sowie Freundinnen und Freunde des Ortes von Nöten, sich zu melden. Denn nur wenn ein ausreichendes Potenzial für ein digitales Bildarchiv bestünde, könnte es auch aufgebaut werden. Mit der Bereitstellung von Bildmaterialien im Internet soll keineswegs ein zweites virtuelles Heimatmuseum entstehen, sondern vielmehr eine museal nicht aufbereitete Materialsammlung für orthistorisch Interessierte. Durch die gezielte Vergabe beispielsweise von Creative-Commons-Lizenzen stünde einer Nachnutzung durch die ortsgeschichtliche Forschung nichts im Wege.

5. Ausblick

5.1 sliusica geographica und sliusica acustica. Historisch-geographische Informationssysteme und die Aufzeichnung von Zeitzeugenberichten

sliusica geographica: Google-Maps bietet die Möglichkeit, individualisierte Karten mit selbst gesetzten Markierungen anzulegen. Dies würde es ermöglichen, denkmalgeschützte und historische Gebäude sowie Bodendenkmäler und historische Straßen in eine Karte einzuzeichnen und mit weiterführenden Informationen zu versehen. So kann mit verhältnismäßig einfachen Mitteln ein historisches Geoinformationssystem erstellt werden, das ohne Mehrkosten auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

sliusica acustica: Fernab der visuellen und visualisierten Quellen bestünde ein Mehrwert in der akustischen Aufzeichnung und Wiedergabe von Zeitzeugengesprächen. Es könnten sowohl prominente Personen des öffentlichen Lebens und Bürger von Nebenan zu ihren Erlebnissen in Oberschleißheim und der Oberschleißheimer Vergangenheit befragt werden. Die digitalisierten Mitschnitte könnten dann der Öffentlichkeit beispielsweise im Rahmen eines ortgeschichtlichen Portals zur Verfügung gestellt werden.

5.2 Zum Aufbau eines sliusica-Projektverbundes: Digitale Ortsgeschichte Oberschleißheims unter einem Dach

Die vorgestellten Projekte sind bewusst so benannt, dass der vorangestellten latinisierten Form des Schleißheimer Namensgebers ein weiterer Latinismus folgt, der über den jeweiligen Inhalt (Digitales, Bilder, Allgemeines etc.) Auskunft gibt. Auf diese Weise entsteht eine Reihe an Publikationen, die sich durch ihre Zugehörigkeit zum sliusica-Projektverbund auszeichnet. Diesem Verbund gehören ferner zwei kleine Mitteilungsreihen an, die sich im weiteren Sinne auch mit der Ortsgeschichte Oberschleißheims beschäftigen.

  • sliusica specialia: Im Rahmen von »umsichten« werden auch Mitteilungen publiziert, die sich mit den sliusica-Projekten befassen.
  • sliusica ferrivia: Pressemitteilungen der Initiative zur Rettung des Alten Bahnhofs Oberschleißheim werden ebenfalls im Rahmen von »umsichten« publiziert.

6. Zusammenfassung

Der Überblick über die zur Oberschleißheimer Ortsgeschichte betriebenen und konzipierten digitalen Angebote zeigt, dass die Digital Humanities sich auch auf die Lokalgeschichte anwenden lassen. Hierbei werden diverse Bereiche der Digitalen Geisteswissenschaften berührt: Das ortsgeschichtliche Blog sliusica generalia sowie die Mitteilungen sliusica specialia und sliusica ferrivia stellen eine Fachinformation zur Schleißheimer Ortsgeschichte dar. Das Projekt zur Archivierung ortsgeschichtlich relevanter Internetressourcen sliusica digitalia fällt zweifelsohne in das Ressort der Langzeitarchivierung. Auch wenn eine Analyse der Bilder nicht stattfindet, so betritt die Bilddatenbank sliusica visualia das Feld der computergestützten Bildverarbeitung. Nimmt man noch die geplante kartengestützte Verzeichnung von Denkmälern und Monumenten durch sliusica geographica sowie die digitale Aufzeichnung von Zeitzeugengesprächen mit sliusica acustica dazu, stellt der geplante sliusica-Projektverbund ein umfassendes auf den Methoden der Digital Humanities aufbauendes Fachinformationssystem zur Geschichte Oberschleißheims dar.

Nachweise

Verfasser: Andreas C. Hofmann

Datum: 25.09.2014