Obertiefenbach im Rhein-Lahn

Ortsgeschichte von Obertiefenbach

2013 feierte der Ort Obertiefenbach sein 850-jähriges Bestehen. Das Jubiläum ging auf die erste urkundliche Erwähnung des Ortes im Jahr 1163 zurück. In der überlieferten Schenkungsurkunde bestätigte der Trierer Erzbischof Hillin dem Abt Eustachius von Arnstein, dass Hartrad und Irmengard von Merenberg dem Kloster Arnstein ihre Besitztümer in Obertiefenbach vermacht haben.

Antike und Mittelalter

Der Ort ist wahrscheinlich älter als diese Erwähnung. In der Urkunde wird nämlich auch die Pfarrkirche erwähnt, die zum Zeitpunkt der Schenkung bereits errichtet war. Darüber hinaus deuten Überreste keltischer Befestigungen und Kultstätten, darunter vier Hügelgräber, auf eine frühere Besiedelung der Gemarkung zwischen 750 und 450 v. Chr. hin. Nachdem viele keltische Verbände in der Region von den Germanen verdrängt wurden, fassten die Römer im Laufe des ersten Jahrhunderts n. Chr. zwischen Rhein und Lahn Fuß. So finden sich im Kohlwald noch heute Spuren des Obergermanischen Limes, wo die Grundmauern eines Turmes erhalten sind. Nach dem Rückzug der Römer fiel das Gebiet im Laufe des fünften Jahrhunderts unter die Herrschaft der Franken, die das Areal zwischen Rhein, Lahn und Aar als Einrichgau bezeichneten, was so viel wie „abgelegenes Herrschaftsgebiet“ bedeutet. Im Jahr 790 wurden Teile der heutigen Gemarkung von Karl dem Großen im Rahmen einer umfangreichen Schenkung dem Kloster Prüm in der Eifel zuerkannt.[Anm. 1]

Im Laufe der Zeit ging das Territorium wohl in den Besitz der Grafen von Arnstein über. Reinbold von Isenburg – ein Vetter Ludwigs III. von Arnstein, dem Gründer des eingangs erwähnten Klosters – verkaufte um 1160 die Einrich-Grafschaft an die Grafen von Nassau und Katzenelnbogen. Letztere übten bis Ende des 15. Jahrhunderts die landesherrliche Kontrolle über Obertiefenbach aus, was zahlreiche Lehnsurkunden aus dieser Zeit belegen.[Anm. 2] Die grundherrlichen Rechte über das Dorf und seine Bewohner gingen im Zusammenhang mit der Schenkung des Jahres 1163 größtenteils an das Kloster Arnstein über, welches viele seiner Rechte bis zur Säkularisation wahren konnte. So ist überliefert, dass die Bewohner dem Kloster Abgaben und Handdienste zu leisten hatten. Der Abtei gehörte darüber hinaus ein im 12. Jahrhundert von Laienbrüdern gegründeter Hof, der heutige Spriestersbacherhof. Hinzu kamen immer wieder Käufe, Stiftungen und Schenkungen rund um die Gemarkung, welche einen wichtigen Teil der wirtschaftlichen Grundlagen des Klosters ausmachten.[Anm. 3]

In der 1163 abgefassten Schenkungsurkunde wurden 21 Personen genannt, die dem Kloster hörig waren – vermutlich die Familien- bzw. Haushaltsvorstände. Dies lässt auf die ungefähre Größe des Bauerndorfes schließen. Die Einwohnerzahl nahm im ausgehenden Mittelalter jedoch ab. Im Jahr 1400 ist die Zahl von zehn Haushalten überliefert, 1497 sind acht Haushalte belegt. Dieser Bevölkerungsrückgang lässt sich auch am Bespiel des Märkergerichts nachvollziehen, welches aus drei Schöffen bestand und im Jahr 1367 zum ersten Mal erwähnt wurde. Aufgrund der geringen Zahl der Untertanen trat das Gericht schon hundert Jahre später nicht mehr zusammen. Gründe für diese Entwicklung sind schwer auszumachen, jedoch führte u.a. die spätmittelalterliche Agrarkrise zu einem Bevölkerungsrückgang, der in ganz Europa zu verzeichnen war. So waren Anfang des 16. Jahrhunderts noch sechs Haushalte in Obertiefenbach ansässig.[Anm. 4]

Nach der Erbteilung des Hauses Nassau im Jahr 1255 in die ottonische und die walramische Linie erfolgte fünf Jahre später die Teilung des Hauses Katzenelnbogen. Zwischen den nun insgesamt vier Herrschern entstand das Vierherrengericht auf dem Einrich, welches von den Grafengeschlechtern fortan gemeinsam verwaltet wurde. Dies lief nicht immer konfliktfrei ab, da sich Herrschaftsrechte teilweise überschnitten und der Besitz von Territorien oftmals umstritten war. Obertiefenbach blieb davon nicht unberührt. Dies bezeugt ein langer Grenzkonflikt um die Weißler Höhe, der bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts schwelte und sich mitunter gewaltsam entlud. Kirchlich war die Pfarrei Obertiefenbach seit dem 12. Jahrhundert ein Sprengel des Erzbistums Trier. Das Kirchspiel, in dem der Abt des Klosters Arnstein der oberste Seelsorger war, umfasste den Nachbarort Bettendorf sowie den abgelegenen Spriestersbacherhof.[Anm. 5]

Frühe Neuzeit

Da das Adelsgeschlecht der Katzenelnboger im Jahr 1479 mit dem Tod Philipps des Älteren im Mannesstamm ausstarb, fiel sein Besitz an den Landgraf Heinrich III. von Hessen, der seine Tochter Anna mit ersterem verheiratet hatte. Das Territorium wurde nun als Niedergrafschaft Katzenelnbogen bezeichnet. Landgraf Philipp I., genannt der Großmütige, führte dort nach der Synode zu Gronau im Jahr 1527 die lutherische Reformation ein. Dieser Schritt löste zahlreiche Spannungen auf Reichsebene aus und wirkte sich auch auf das kleine Obertiefenbach aus. 1530 hatte das Kloster Arnstein die vakante Pfarrstelle im Ort neu zu besetzen. Der vom Abt für diesen Posten vorgesehene Pfarrer war jedoch zuvor zum lutherischen Glauben übergetreten und zog sich nun die Missgunst des Klostervorstehers zu, der den Pfarrer entließ. Nach einem Prozess wurde der Pfarrer wiedereingesetzt. Im Zuge des Landesausbaus und einem stärkeren Zugriff der Verwaltung musste das Kloster Arnstein zunehmend grundherrliche Privilegien an den Landgrafen abtreten. Obwohl es nach dem Konflikt von 1530 seine Pfarrei in Obertiefenbach verlor, bekam es ein gewisses Mitspracherecht bei der Besetzung der protestantischen Pfarrstelle zuerkannt. Auch war die katholische Abtei weiterhin für die Besoldung des lutherischen Pfarrers und den Unterhalt des Pfarrhofes zuständig – ein Kuriosum, was die oftmals komplizierten rechtlichen Verhältnisse im Konfessionellen Zeitalter widerspiegelt.[Anm. 6]

Diese Aufteilung der Kompetenzen zwischen Kloster und landesherrlicher Verwaltung wirkten sich äußerst nachteilig auf das Kirchspiel Obertiefenbach aus. Seit dem Jahr 1544 beklagten zahlreiche Visitationsberichte den schlechten baulichen Zustand zunächst des Pfarrhofes, und dann der Kirche selbst. So wurde das Kloster Arnstein wiederholt aufgefordert, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, die jedoch immer seltener erfüllt wurden. 1731 stellte man fest, dass sowohl der Hof als auch die Kirche in einem stark baufälligen Zustand waren. So wurde noch im gleichen Jahr ein Bauantrag gestellt. Jedoch stürzen in den Folgejahren wohl Teile des Dachgebälkes und des Chores ein, sodass in der Pfarrkirche keine Gottesdienste mehr stattfinden konnten. Da die Gemeinde verarmt war, zog sich die Sanierung lange Zeit hin. Erst im Jahr 1774 konnten die Arbeiten abgeschlossen werden und das Sakralgebäude wurde auf den Mauern der alten romanischen Kirche neu errichtet. Im Gegensatz zur Kirche erfuhr das Pfarrhaus keine Instandsetzung, sodass dieses weiter verfiel. 1824 ist in der Kirchenchronik vermerkt, dass nunmehr keine Überreste an das Gebäude erinnerten.[Anm. 7]

Nach dem Tod Philipps I. von Hessen im Jahr 1567 wurde das hessische Herrschaftsgebiet unter seinen vier Söhnen aufgeteilt. Die Niedergrafschaft fiel an Hessen-Darmstadt, wo sie bis 1648 verblieb. Obertiefenbach wurde weiterhin vom vierherrischen Amt Reichenberg aus verwaltet. In der Folgezeit entspannte sich die Bevölkerungsentwicklung. So wurde im Jahr 1575 erstmals die Plätzermühle südöstlich der Gemarkung urkundlich erwähnt und 1595 die Erlaubnis zum Bau eines Rathauses in Obertiefenbach erteilt. Bis 1618 stieg die Einwohnerzahl auf 27 Hausgemeinschaften an.[Anm. 8]

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurden große Teile Obertiefenbachs zerstört. Von den im Ort ansässigen Familien überlebten nur drei den Konflikt, darunter die Müllerfamilie. Zahlreiche Einwohner waren geflohen oder kamen durch Hunger und Krankheit um, da immer wieder durchziehende Truppen verschiedener Kriegsparteien schwere Verheerungen in der Region anrichteten. So war spätestens seit 1638 die Pfarrei in Obertiefenbach verwaist. In der Folge wurde der Pfarrsprengel in Obertiefenbach aufgelöst und der Ort wurde zusammen mit Bettendorf, dem Spriestersbacherhof und der Plätzermühle dem Kirchspiel Holzhausen angegliedert.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges geriet die Niedergrafschaft unter die Herrschaft der Landgrafen von Hessen-Kassel. Nun begann sich die wirtschaftliche und politische Lage langsam zu entspannen. Im Jahr 1685 erfolgte die Einrichtung einer Schule, die 1711 erweitert wurde. Das für Obertiefenbach zuständige vierherrische Amt in Reichenberg wurde 1774 der alleinigen Kontrolle Hessen-Kassels unterstellt. Jedoch prägten immer wieder Truppendurchmärsche die Geschichte des Ortes. Beispielsweise ging während des Durchzuges kaiserlicher Truppen die Plätzermühle 1673 in Flammen auf, die in den Folgejahren jedoch wiederaufgebaut werden konnte. Auch während weiterer Konflikte des 17. und 18. Jahrhunderts, beispielsweise aufgrund des Pfälzischen Erbfolgekrieges oder des Siebenjährigen Krieges, kam es zu Einquartierungen, Truppendurchmärschen und Beschlagnahmungen von Lebensmitteln im Ort. Diese Umstände stellten eine massive wirtschaftliche Belastung für die Bevölkerung dar.[Anm. 9]

19. Jahrhundert

Die Auswirkungen der französischen Revolution stellten in der über 850-jährigen Geschichte Obertiefenbachs einen bedeutenden Einschnitt dar. Auch während der Koalitionskriege war der Ort immer wieder Auf- und Durchmarschgebiet für Truppen aller Konfliktparteien. Zwischen 1789 und 1798 besetzten mehrmals französische Revolutionstruppen den Ort. Politisch gehörte der Ort, der seit 1795 vom Amt Nastätten aus verwaltet wurde, bis 1803 weiterhin zur Landgrafschaft Hessen-Kassel. Nach den militärischen Erfolgen Napoleons stellte dieser die Niedergrafschaft Katzenelnbogen zwischen 1806 und 1813 unter französische Verwaltung. Neben einer territorialen Neuordnung Europas beseitigten die Franzosen kirchliche und adlige Privilegien, beendeten die Hörigkeit der Untertanen und kodifizierten Grund- und Bürgerrechte. So fiel auch das Kloster Arnstein mit seinen Besitzungen in Obertiefenbach der Säkularisierung zum Opfer.[Anm. 10] Die französische Präsenz in Obertiefenbach endete mit der militärischen Niederlage Napoleons. Nach dem Wiener Kongress geriet das Territorium im Jahr 1816 unter die Herrschaft des neugeschaffenen Herzogtums Nassau. Viele der ursprünglich eingeführten liberalen Reformen – beispielsweise die Pressefreiheit – wurden während der Restauration seit 1819 wieder zurückgenommen. In dieser Zeit entwickelte sich das Herzogtum in einen modernen Verwaltungsstaat.[Anm. 11]

So verzeichneten 1817 Nassauer Beamten die Besitzungen der Gemeinde. Neben zahlreichen Wohngebäuden wurden ein Schäferhaus, das alte Schulgebäude sowie das neue Schulgebäude und das Rathaus aufgelistet, in dem sich auch der gemeinschaftlich genutzte Backofen des Ortes befand. Darüber hinaus wurde der neue Friedhof zwischen Obertiefenbach und Bettendorf erwähnt, der wohl von beiden Dörfern unterhalten wurde. Die ins 12. Jahrhundert zurückreichende Kooperation, welche sich nicht zuletzt aus der räumlichen Nähe ergab, setzte sich auch im 19. Jahrhundert fort. So gingen die Kinder aus Bettendorf (sowie dem Spriestersbacherhof und der Plätzermühle) bis 1901 in die Obertiefenbacher Schule und die Gemeinden kamen gemeinsam für die Besoldung des Lehrers auf. Für die wachsende Zahl an Schülerinnen und Schülern – Ende des 19. Jahrhunderts waren es bereits 120 – wurde 1827/28 ein weiteres Schulgebäude errichtet. Mit der Anzahl der Kinder wuchs die Bevölkerung Obertiefenbachs. Während 1827 ca. 283 Menschen im Ort lebten, waren es dreißig Jahre später bereits 396 Personen. Da sich das Dorf weiter ausdehnte, entschloss sich die Gemeinde in den 1830er Jahren zum Bau eines Hauses für die Nachtwache, in dem u.a. Utensilien zur Brandbekämpfung, wie Leitern und Eimer untergebracht waren. Obwohl Obertiefenbach weiterhin zum Kirchspiel Holzhausen gehörte, wurde 1832 die Pfarrkirche mit einer neuen Orgel ausgestattet.[Anm. 12]

In der kurzen Geschichte der Herzogtums Nassau stellte die Revolution der Jahre 1848/49 eine Zäsur dar. Die Errungenschaften der Umwälzungen wirkten sich auch auf den kleinen Taunusort aus. Im Zuge von Reformen wurde den Gemeinden mehr Selbstverwaltung zugestanden. So schaffte man das Amt des vom Landesherrn eingesetzten Schultheiß ab und die Bürger konnten ihren Gemeindevorsteher fortan selbst bestimmen. Der erste frei gewählte Bürgermeister Obertiefenbachs war Anton Hell, der die Position acht Jahre innehatte. Obwohl in der Folgezeit wieder restaurative Politikansätze dominierten, blieb die Gemeindeverordnung eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit.[Anm. 13]

Nach dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 endete das über 60-jährige Bestehen des Herzogtums Nassau. Da es auf der unterlegenen österreichischen Seite gestanden hatte, wurde der Staat von Preußen annektiert und in die neugeschaffene Provinz Hessen-Nassau integriert. Fortan war Obertiefenbach preußisch und gehörte bis 1885 zum Unterlahnkreis mit der Kreisstadt Diez. 1885 änderten sich durch einen neuen Zuschnitt der Gebietskörperschaften die Zuständigkeiten und der Ort wurde seit 1885 vom Amt St. Goarshausen aus verwaltet. Obertiefenbach blieb trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der Gründerjahre ein von der Landwirtschaft geprägtes Bauerndorf, in dem 1871 ca. 370 Menschen lebten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Einwohnerzahl rückläufig. Eine im Jahr 1905 durchgeführte Volkszählung ergab 300 in Obertiefenbach ansässige Bürger. Darunter waren vier Personen jüdischen, 30 katholischen und 266 protestantischen Glaubens. In der Erhebung sind auch Viehbestände aufgeführt, die auf die bereits angesprochene Erwerbsstruktur schließen lassen. So wurden 21 Pferde, 309 Rinder und 242 Schweine erwähnt.[Anm. 14]

20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen bedeutete einen schweren Einschnitt für die Menschen, sowohl auf globaler als auch auf lokaler Ebene. Zwischen 1914 und 1918 wurden insgesamt 27 Männer aus Obertiefenbach zum Kriegsdienst einberufen, von denen 12 nicht wieder heimkehrten. Insgesamt waren die Kriegsjahre und die anschließende Besatzungszeit entbehrungsreich. 1917 wurden zwei der drei Kirchenglocken des Ortes eingeschmolzen, um Metall für die Rüstungsindustrie zu gewinnen. Viel gravierender als der Mangel an kriegswichtigen Metallen wirkte sich die Knappheit an Lebensmitteln aus, die sich gegen Kriegsende verschärfte. Nach dem Waffenstillstand quartierten sich im Winter 1918/19 französische Soldaten im Dorf ein, deren Präsenz die ohnehin schon vorhandenen gegenseitigen Ressentiments beförderte. Auch verschärfte dies den Mangel an Nahrungsmitteln. So war der Viehbestand im Jahr 1921 auf 244 Rinder und 168 Schweine geschrumpft. Obwohl die Truppen bald aus dem Ort abzogen, gehörte Obertiefenbach während der alliierten Rheinlandbesatzung bis 1929 zur französischen Besatzungszone.[Anm. 15]

Auch nach dem Friedensschluss blieben die politischen und wirtschaftlichen Umstände turbulent. Während des Krisenjahres 1923, in dem die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, kostete ein Zentner Weizen in Obertiefenbach 14.000 Mark. Mit der Währungsreform desselben Jahres stellte sich zwar eine langsame Entspannung der ökonomischen Situation ein, diese wurde jedoch sechs Jahre später von der Weltwirtschaftskrise wieder beendet. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war jedoch nicht nur von Verwerfungen, sondern auch von technischem Fortschritt geprägt. Bereits um die Jahrhundertwende erfolgte der Anschluss Obertiefenbachs an das Wassernetz, 1920 wurde das Dorf elektrifiziert. Auch zahlreiche Umbauten der kommunalen Infrastruktur nahm man in Angriff. Neben dem Neubau des Rat- und Backhauses Ende der 1920er Jahre wurde im Zuge der Verbreiterung der Ortsstraße das Leiter- und Spritzenhaus der Feuerwehr neu errichtet. Trotz dieser Investition vernichtete im April 1932 ein Großbrand, dessen Ursache ungeklärt blieb, mehrere Wohnhäuser und Scheunen.[Anm. 16]

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler begann im Januar 1933 die über 12 Jahre währende nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Es ist nicht belegt, wie die Obertiefenbacher Bürgerinnen und Bürger gegenüber dem Nationalsozialismus eingestellt waren. Die Wahlergebnisse des Kreises St. Goarshausen deuten jedoch darauf hin, dass die Herrschaft der NSDAP vielerorts begrüßt wurde.[Anm. 17] Nach der Machtergreifung versuchte das NS-Regime die Bevölkerung durch Wohltaten gefügig zu machen. So wurden 1934 die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzenen Glocken ersetzt. Wieviel die nationalsozialistischen Zukunftsversprechen und Verheißungen tatsächlich wert waren, wurde nur neun Jahre später deutlich. Das Material wurde wieder eingeschmolzen – dieses Mal wurde es für den Zweiten Weltkrieg (1939-1945) benötigt. In der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurden in der Rhein-Lahn-Region über 15 Synagogen zerstört, darunter die im benachbarten Holzhausen. Von 820 Juden im Unterlahnkreis und im Kreis St. Goarshausen konnten 120 ausreisen, zwischen 400 und 450 wurden nachweislich deportiert. Im Zuge der Deportationen in die Konzentrationslager im Sommer 1942 wurden auch drei jüdische Bürger aus Obertiefenbach deportiert, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist.[Anm. 18]

Mit dem Beginn des Krieges im Westen zogen im Mai 1940 deutsche Truppen durch die Region, von denen einige Verbände in Holzhausen stationiert waren. Obertiefenbach wurde jedoch kaum von den unmittelbaren Folgen des Krieges berührt. Erst 1945 machten sich die Auswirkungen des Luftkrieges bemerkbar. In diesem Jahr wurde ein alliierter Bomber abgeschossen, der in der Nähe des Friedhofes abstürzte. Von der Besatzung konnte sich ein Soldat mit dem Fallschirm retten, zwei gerieten in Gefangenschaft und drei starben am Absturzort. Auch Fliegerbomben (vermutlich Notabwürfe) schlugen in der Nähe des Spriestersbacherhofes und des Pohlerwäldchens ein. Darüber hinaus ist mindestens ein Tieffliegerangriff belegt. Mit dem Herannahen der Front im Frühjahr 1945 waren einige Sanitäter im Dorf einquartiert. Nach Rückzugsgefechten der Wehrmacht in der Nähe des Friedhofes, bei denen einige Häuser schwer beschädigt wurden, nahmen amerikanische Soldaten am 28. März 1945 das Dorf ein. Für die Einwohner war damit der Zweite Weltkrieg vorbei. 30 Männer aus Obertiefenbach hatten in diesem Konflikt ihr Leben gelassen.[Anm. 19]

Obertiefenbach lag in der nach Kriegsende eingerichteten französischen Besatzungszone und wurde somit im Jahr 1946 Teil des neugeschaffenen Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Zunächst gehörte der Ort dem Kreis St. Goarshausen an, seit 1962 dem Kreis Loreley. Im Zuge der rheinland-pfälzischen Gebietsreform ordnete man das Dorf 1969 schließlich dem Rhein-Lahn-Kreis zu. Seit 1970 wird die Ortsgemeinde von der Verbandsgemeinde Nastätten aus verwaltet.

Der Mangel der ersten Nachkriegsjahre zwang die Bürger zu zahlreichen Improvisationen.[Anm. 20] In dieser Zeit nahm die Gemeinde 101 Heimatvertriebene auf, von denen sich die Hälfte dauerhaft im Ort niederließ. Als Folge des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre hielt ein bescheidener Wohlstand im Dorf Einzug. 1956 wurden zwei neue Glocken für die Pfarrkirche geweiht. Die steigende Konsumfreude der Bevölkerung führte 1954 zur Anschaffung des ersten Fernsehapparates im Gasthaus Frankenfeld. 1959 verfügten die Bewohner Obertiefenbachs insgesamt über 17 Traktoren, 16 Autos und 42 Motorräder. Mit den technischen Neuerungen begann sich auch die Gesellschafts- und Erwerbsstruktur zu wandeln. Dies äußerte sich u.a. in der abnehmenden Bedeutung der Landwirtschaft. Von den 281 Einwohnern war im Jahr 2013 noch eine Person hauptberuflich als Landwirt tätig. Mit der Gründung der Mittelpunktschule in Miehlen 1965 endete die fast 300-jährige Schulgeschichte in Obertiefenbach.[Anm. 21]

Verfasser: Jan Brunner

Verwendete Literatur:

  • Abel, Wilhelm: Art. Agrarkrise. In: Lexikon des Mittelalters 1 (1980), Sp. 218-220.
  • Deutsche Limeskommission: Orte am Limes (Übersichtskarte). URL: http://www.deutsche-limeskommission.de/index.php?id=23 (11.05.2020).
  • Krings, Bruno: Das Prämonanstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139-1527). Wiesbaden 1990 (=Veröffentlichungen des Historischen Kommission für Nassau, Bd. 48).
  • Mack, Hans Joachim: Das Kriegsende in Rheinland-Pfalz. Mainz 2001 (= Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz Bd. 24).
  • Ortsgemeinde Obertiefenbach (Hg.): 850 Jahre Obertiefenbach. Dorfchronik zum Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung, Trier 1163. Leipzig 2012.
  • Rheingans, Eckhart: Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die Menschen unserer Heimat. In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S. 184-197.
  • Schüler, Winfried: Das Herzogtum Nassau 1806-1866. Deutsche Geschichte im Kleinformat. Wiesbaden 2006 (=Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau Bd. 75).
  • Seibert, Hubertus: Der Aufstieg des Nationalsozialismus im Rhein-Lahn-Kreis (1925-1933). In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S. 219-251.
  • Seibert, Hubertus: Zwischen Integration und Deportation. Zur Geschichte der Juden im Rhein-Lahn-Gebiet 1918-1945. In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S. 252-278.

Letzte Bearbeitung: 02.06.2020

Anmerkungen:

  1. Deutsche Limeskommission: Orte am Limes (Übersichtskarte). URL: http://www.deutsche-limeskommission.de/index.php?id=23 (11.05.2020); Ortsgemeinde Obertiefenbach (Hg.): 850 Jahre Obertiefenbach. Dorfchronik zum Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung, Trier 1163. Leipzig 2012, S. 8-15. Zurück
  2. Für einen Überblick der von Katzenelnbogen vergebenen Lehen siehe: Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 19-23. Zurück
  3. Krings, Bruno: Das Prämonanstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139-1527). Wiesbaden 1990 (=Veröffentlichungen des Historischen Kommission für Nassau, Bd. 48), S. 86f.; Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 15ff. Zurück
  4. Krings, Prämonanstratenserstift, S. 409; Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 21-26. Zurück
  5. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 18-21 u. 56. Zurück
  6. Ebd., S. 23-32. Zurück
  7. Ebd., S. 41-58 u. 67. Zurück
  8. Ebd., S. 30-33. Zurück
  9. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 33-45 u. 49-57; Rheingans, Eckhart: Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die Menschen unserer Heimat. In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S.184-197, hier S. 190-196. Zurück
  10. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 59-64. Zurück
  11. Schüler, Winfried: Das Herzogtum Nassau 1806-1866. Deutsche Geschichte im Kleinformat. Wiesbaden 2006 (=Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau Bd. 75), S. 96-101. Zurück
  12. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 65-68 u. 76-79: Die Freiwillige Feuerwehr Obertiefenbach gründete sich 1901. Zurück
  13. Ebd., S. 71; Schüler, Nassau, S. 18-33 u. 194f. Zurück
  14. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 72-80. Zurück
  15. Ebd., S. 84-86 Zurück
  16. Ebd., S. 78 u. 84-87. Zurück
  17. Seibert, Hubertus: Der Aufstieg des Nationalsozialismus im Rhein-Lahn-Kreis (1925-1933). In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S. 219-251, hier S. 237ff. Zurück
  18. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 87-91; Seibert, Hubertus: Zwischen Integration und Deportation. Zur Geschichte der Juden im Rhein-Lahn-Gebiet 1918-1945. In: Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises (Hg.): Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft – Geschichte – Kultur unserer Heimat. Oberwesel 1987, S. 252-278, hier S. 274. Zurück
  19. Ortsgemeinde Obertiefenbach, Dorfchronik, S. 90f. u. S. 96; Mack, Hans Joachim: Das Kriegsende in Rheinland-Pfalz. Mainz 2001 (= Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz Bd. 24), S. 305ff. Zurück
  20. Siehe hierzu: Ortsgemeinde Obertiefenbach: Ortschronik, S. 91f.  Zurück
  21. Ebd., S. 91-99 u. 113. Zurück