Wallertheim in Rheinhessen

Der Wallertheimer Kirchturm

Rätselhaftes Bauwerk der Frühgotik

 

Von Hans-Dieter Bauer

(Artikel aus dem Alzeyer Heimatjahrbuch 2006)

 

Wallertheim liegt in einer sanften Talmulde an einem Knick des Wiesbachs, der dort seine Fließrichtung von Nord nach West ändert und kleinere Bachläufe in sich aufnimmt. Steinzeitlichen Jägern diente die Gegend als Lagerplatz und seit der Bronzezeit ist eine ununterbrochene Besiedlung durch viele Funde an unterschiedlichen Stellen der Gemarkung nachweisbar [1]. Von den Gebäuden der damaligen Zeit, v.a. aus Holz und Lehm errichtet, ist freilich nichts erhalten geblieben. Das, was man heute als „alten Ortskern“ bezeichnet, befindet sich auf der Innenseite des Wiesbachknicks, in leicht erhöhter Position.

Zentrum dieses Ortskernes und zweifellos das Wahrzeichen Wallertheims ist der wuchtige Turm der Evangelischen Kirche. Mit seinen gut 25 Metern ragt er deutlich über die Dächer der Ortschaft hinaus. Auf einem mächtigen Fundament von 7,5 m x 7,5 m erhebt sich der Turm, gegliedert durch zwei Gewandsimse, bis zu einer Höhe von 18,6 m und wird dann von einer hölzernen, schiefergedeckten Haube abgeschlossen. Bei den umfangreichen Restaurationsarbeiten, die im Jahr 2006 durchgeführt wurden, wurde sichtbar, dass als Baumaterial für die bis zu 1,4 m dicken Mauem Steine unterschiedlichen Ursprungs und ganz verschiedener Größe verwendet wurden. Der Turm steht heute alleine, nicht mit dem neuen Kirchenschiff südlich davon verbunden, welches im Jahre 1880 fertig gestellt wurde. Den Zugang zum Turm bildet eine niedere, mit Spitzbogenleibung versehene Tür in der Nordwand, zum Kirchplatz hin. Ost- und Südseite weisen je ein gotisches Maßwerkfenster auf. Diese sehr einfachen, dem ländlichen Umfeld angemessenen Stilmerkmale weisen auf einen frühgotischen Ursprung des Bauwerkes hin, also ganz grob in die Zeit um 1300 [2]. 

 

 

Die Ursprünge des Kirchturms und seine Geschichte sind rätselhaft wie die frühe Geschichte des Ortes selbst. Sicher ist wohl, dass der Ortsname auf eine fränkische Gründung hinweist: Man benannte damals die Gehöfte, Keimzellen der daraus erwachsenden Dörfer, nach einem Gefolgsmann des fränkischen Heerführers bzw. Königs. Damit könnte Wallertheim - wie viele Orte in Rheinhessen -irgendwann in den Jahren zwischen 500 und 700 „gegründet“ worden sein. Gestützt wird diese Annahme durch die Struktur des Ortskems, der exakt dem „Nackenheimer Typ“ entspricht [3], und Grabfunde aus fränkischer Zeit. Rätselhaft und einzigartig in Rheinhessen ist der Name des Ortes insofern, dass er nicht auf einen männlichen Eigennamen zurückgeführt wird, sondern auf einen weiblichen: Sprachforscher interpretieren Wallertheim als das „Heim der Waldrada“ [4]. Auch die früheren, urkundlich überlieferten Namen des Dorfes (Waldertheim, Waldirtheym u.a.) lassen diesen Frauennamen anklingen, der uns heute als „Waltraud“ geläufig ist.

Ob „Waldradas Heim“ schon bei der Gründung mit einer Kirche ausgestattet wurde, ist zu bezweifeln. Wahrscheinlich ist der heutige Kirchturm nicht der älteste steinerne Sakralbau des Ortes: Ein romanisches Doppelfenster, monolithisch aus Sandstein gehauen und versehen mit einem eingeritzten Kreuz, dürfte von einer deutlich älteren Kirche oder Kapelle stammen [5]. Das Fenster wurde bei Bauarbeiten in der Nähe der heutigen Kirche gefunden und wurde in die Seitenwand des neuen Altarraums integriert. Das erste schriftliche Zeugnis, welches Waldertheym nennt, stammt in etwa aus den Jahren 1190 - 1198 und ist das Lehensverzeichnis des Werner ll. von Bolanden, eines angesehenen staufischen Ministerialen. Wallertheim als Zentrum einer ganzen Reihe umliegender Höfe bildete damals ein bedeutendes Lehen, das der Pfalzgraf Konrad, ein Halbbruder Kaiser Barbarossas, an Werner Il. vergab. Das Lehensverzeichnis sagt jedoch nichts über eine Kirche aus. Irgendwann in den auf die Erstellung des Lehensverzeichnisses folgenden Jahrzehnten kam Wallertheim an die Grafen von Leiningen. Eine Urkunde vom Ende des 13. Jahrhunderts weist Wallertheim jetzt als Kölner Lehen der Leininger aus [6]. Vielleicht hatte ja auch schon der Pfalzgraf Konrad Wallertheim von Köln als Lehen bekommen und dem Bolandener als Unterlehen vergeben. Wallertheim bildete eine Exklave weit abseits der leiningenschen Kemlande in der Pfalz - keine gute Voraussetzung für die weitere bauliche oder strategische Entwicklung des Ortes, zumal er auch nicht direkt an wichtigen Straßen gelegen war. Somit geographisch zwischen den historisch bestimmenden Territorien des Mainzer Erzbischofs und des Pfälzer Kurfürsten gelegen, befand sich Wallertheim wohl ziemlich wörtlich oft genug „zwischen den Fronten“ und war es wohl auch seiner Herrschaft nie wert, mehr als gemeinhin üblich befestigt oder gar mit einer Residenz versehen zu werden wie etwa das benachbarte Armsheim. In die Zeit des Übergangs der Grundherrschaft von den Bolanden auf das Haus Leiningen dürfte auch der Bau des Turmes fallen, der im Mittelalter immerhin als Ausguck und als Zufluchtsort gedient hat. Hilft der eventuell kölnische Ursprung für die Geschichte des Bauwerkes weiter? Bisher sind von dort keine Urkunden bekannt, die Wallertheim nennen. Auch die Herkunft des Patroziniums der Wallertheimer Kirche ist bis heute ungeklärt: Sie ist den Märtyrern Simon und Judas Thaddäus geweiht, was in Rheinhessen sehr selten ist. (Der hartnäckig mündlich überlieferten Meinung, der Name Wallertheim habe etwas mit „Wald“ zu tun, wird durch die Tatsache Vorschub geleistet, dass die beiden Märtyrer Simon und Judas Thaddäus die Schutzheiligen der Holzfäller und Waldarbeiter sind ...)

Ein einfaches Kreuzrippengewölbe überspannte einstmals das Erdgeschoss des Turmes bis in eine Höhe von 5,5m. Dieses Gewölbe mit seinen vier Schildbögen aus Hohlkehlenrippen ist fast gänzlich zusammengebrochen, lediglich ein bescheidener Rest der Kreuzrippe beiderseits nur geschrägt, verrät die wohl noch frühgotische Bauzeit. In älteren Beschreibungen wird das Gewölbe sehr genau datiert, nämlich auf 1419 [2]. Leider können wir heute nicht mehr nachvollziehen, worauf sich diese Datierung stützt; eine Inschrift jedenfalls ist nicht (mehr?) sichtbar. Bisher kaum Beachtung fanden die Malereien im Erdgeschoss des Turmes. In den Leibungen des Ost- wie auch des Südfensters findet man Reste davon. Die Darstellungen im Ostfenster, direkt auf dem Sandstein angebracht, zeigen vier der bekannten „klugen und törichten Jungfrauen“, teilweise scheinen nur die Rötel-Vorzeichnungen erhalten zu sein. In der Leibungsspitze des Südfensters sind Reste eines engelumringten thronenden Heilands und gegenüber die Turmspitzen eines „himmlischen Jerusalems“ zu sehen, hier als Seccomalerei auf Putz angebracht. Alles sind in der Kirchenmalerei durchweg beliebte Motive. Die Malereien ähneln im Stil z.B. denen in Hambach (kath. Kirche, ehem. Chor, Westwand, um 1330) und Landau (Katharinenkapelle, Chor, Nordwand, Mitte 14. Jh.) [7]. Natürlich ist es schwer, die Darstellungen genau zu datieren, denn sie wurden sicher nicht von einem Künstler der damaligen Avantgarde geschaffen, sondern wohl eher von 'einem „erschwinglichen“ Maler, von dem wir nicht wissen, ob seine Fähigkeiten dem Stand seiner Zeit entsprachen oder ob er etwa noch dem Stil einer älteren „Schule“ verhaftet war. Wozu diente der Raum im Erdgeschoss des Turmes? Die Malereien könnten auf die Nutzung als Altarraum hindeuten. Zudem ist an der Westseite noch ein großer, heute zugemauerter Durchgangsbogen sichtbar. Ein früheres Kirchenschiff hätte sich damals also vom Turm aus gen Westen erstreckt. Von den Vorgängerbauten des heutigen Kirchenschiffes gibt es leider keine Pläne und nur ein undatiertes Gemälde unbekannten Ursprungs, vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, zeigt uns den Gesamtaspekt der Kirche von Norden aus (heute zu sehen neben der Orgel). Darauf sieht man ein Kirchenschiff, was offenbar unsymmetrisch nördlich an den Turm angebaut wurde, mit seiner Längsachse aber in West-Ost Richtung verläuft. Es dürfte sich um den 1700 errichteten Neubau handeln, der 1864 wegen Baufälligkeit verlassen wurde. Da kein größerer Durchbruch nachweisbar ist, der den Turm mit diesem Schiff verbunden hat, wäre die Nutzung des Turmraumes als Chor somit hinfällig geworden. Denkbar ist aber auch, dass das dargestellte Kirchenschiff, wohl der Vorläufer des heutigen, den Turm an der Nord- und Westseite umfasste, so dass der Turmraum für einen der bezeugten Seitenaltäre diente [8]. Dies könnte erklären, weshalb in der Ostseite des Turmes unterhalb des gotischen Maßwerkfensters eine weitere Tür angebracht wurde. Ihre rechteckige Form weist auf eine deutlich nach-gotische Einbauzeit hin. War sie eine neue Zugangsmöglichkeit zum Turm, nachdem die ursprüngliche Tür nun im Innern des Gebäudes lag? Ähnliche unsymmetrisch angelegte Kirchengebäude finden sich in Rheinhessen häufig und ein baugeschichtlicher Vergleich könnte sich evtl. lohnen. Wann das Gewölbe des Turmes bis auf die heute sichtbaren spärlichen Reste einbrach, ist unklar. Wahrscheinlich ist eine Zerstörung im Verlauf des Pfälzischen Erbfolgekrieges um das Jahr 1689, etwa durch die herabfallenden Glocken. Abplatzungen an den Sandsteinen im Innern sind recht typisch für das Auftreten großer Hitze, deuten also auf einen schweren Brand hin [9]. Vielleicht erhielt der Turm während der Wiederaufbauarbeiten nach diesem verheerenden Krieg auch die vom Stil her eher barocke Haube. (Noch heute hört man von alteingesessenen Wallertheimern, ihr Kirchturm habe „früher“ auch eine so prachtvolle Spitze besessen wie der Armsheimer ...)

Auch das 20. Jahrhundert hat seine Spuren hinterlassen: Der stolze Hahn auf der Kirchturmspitze weist Löcher vom Beschuss durch amerikanische Truppen auf. Und im Innern der Kugel, auf der er thront, finden sich Beigaben der Renovierungen von 1922 und 1970. So spiegelt der Kirchturm die wechselvolle Geschichte des Ortes bis zum heutigen Tage wider. Ob wir einige Details seiner rätselhaften Geschichte aufklären können? Eine spannende Aufgabe!

Quellen und Literatur:

 

[1] s. z. B. Behrens, Eine bronzezeitliche Grabanlage bei Wallertheim in Rhh., Mz. Zeitschr. XXII (1927), 44ff.

[2] Dehio, Hdb. der dt. Kunstdenkmäler; Rhl.-Pf. und Saarl., 1984.

[3] Laufs, Geisenheim - Zur frühmittelalterl. Topographie einer fränk. Siedlung im Rheingau, Gesch. Landeskunde 9 (1973), 278ff.

[4] Kaufmann, Rheinhess. Ortsnamen, 1976.

[5] Emmerling, Ein mittelalterl. Fenster in Wallertheim, Alzeyer Geschichtsblätter.

[6] Touissaint, Die Grafen von Leiningen, 1982. 

[7] Glatz, Mittelalterl. Wandmalereien in der Pfalz und in Rhh., 1981. 

[8] Böhn, Beitr. z. Territorialgeschichte des Lkr. Alzey, 1958. 

[9] Persönliche Mitteilung von J. Glatz, Denkmalpflege Mainz.