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Ohne Frauen läuft es nicht – Frauenarbeitsplätze in der Pirmasenser Schuhindustrie im langen 19. Jahrhundert

Für Pirmasens waren Soldaten seit der Errichtung einer Garnison 1741 im Stadtbild prägend. Mit dem Tod des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt wurde die Garnison 1790 aufgelöst und in  Darmstadt konzentriert. Seit dem Weggang des Militärs lebten die Menschen in Pirmasens nur noch vom Hausierhandel mit Glas, Fayencen, Porzellan, Kalendern, Bildern und Wollschuhen.[Anm. 1] Die Not war so groß, dass Männer und Frauen den Hausierhandel ausübten.

Der Notgeldschein aus dem Jahr 1923 zeigt Schuhträgerinnen vor dem Buchweiler Tor.[Bild: Stadtarchiv Pirmasens]

Im Wollschuh-Hausierhandel fertigten insbesondere die Frauen ihre Produkte aus Stoffen und Tuchabfällen. Die Stoffe zur Herstellung der Schuhe bezogen die Wollschuhmacherinnen aus der in Pirmasens gelegenen Sturmfelsschen Tuch- und Plüschfabrik. Diese beschäftigte im ehemaligen Kasernengebäude in der Sandstraße mehr als 400 Weber und Weberinnen.[Anm. 2] Was anfänglich zum eigenen Gebrauch hergestellt wurde, tauschten die ersten Schuhmacherinnen später mit den Landbewohnern der näheren Umgebung. Als die Schuhe einen guten Absatz fanden, weiteten sie den Handel auch auf entfernter gelegene Ortschaften aus.[Anm. 3] Der Frieden von Lunéville 1801 erleichtert den zollfreien Absatz Richtung Frankreich.

Die Gewerbefreiheit in Pirmasens ließ ab 1802 weitere Schuster zu. Bei gerade einmal 4.441 Einwohnern gingen 50 dem Schuhmacher-Gewerbe nach. Im Jahr 1818 hatte Pirmasens 4.890 Einwohner. Eine Aufschlüsselung der Einwohner nach Frauen, Männern und Kindern gibt an, dass gerade einmal 860 Männer, 970 Frauen und 2.940 Kinder sowie 120 Gesinde in Pirmasens lebten. Der Anteil der 70 Schuhmacher unter den Erwachsenen lag bei 3, 5 Prozent. Für den Vertrieb sorgten sieben gemeldete Hausierer, davon drei Frauen.[Anm. 4] Es muss angenommen werden, dass weitere Hausiererinnen und Hausierer unterwegs waren, die wegen zu geringem Verdienst nicht in den Deklarationsregistern der Gewerbesteuerpflichtigen der Jahre 1818, 1819/20, 1829, 1822/23, 1825/26, 1827/28 und 1831/32 geführt werden. Aus den An- und Abmeldungen des Gewerbes und analog zu einer Auflistung über die Lebensverhältnisse der Bilderhändler in Pirmasens lässt sich schließen, dass neben dem Handel auch die Bewirtschaftung von durchschnittlich 2,2 Morgen Ackerland zum Unterhalt der Familie beitrug.  

Die Rohstoffe änderten sich und aus den Wollschuhen wurden Schuhe aus in Frankreich hergestelltem Ziegen- oder Schafsleder. Für die Sohle verwendete man Leder aus den umliegenden Gerbereien. Mit den geänderten Materialien änderte sich die Arbeitsverteilung in den Familien. Nun fertigte der Mann die Schuhe. Seine Arbeit, das Durchstechen des Leders, verlangte mehr Kraft als das Zusammennähen der Schuhe aus Wollstoffen, welches die Frauen ausgeführt hatten. Die leichteren Zuarbeiten bis hin zum Verkauf wurden fortan von weiteren Familienmitgliedern übernommen.[Anm. 5] Im Durchschnitt konnte eine Familie auf die Mithilfe von vier bis fünf Kindern zurückgreifen.[Anm. 6] Diese blieben oft sich selbst überlassen, wenn die Mutter auf den Hausierhandel nach Frankreich, in die Schweiz oder nach Holland reiste.[Anm. 7]

Die Händler und Händlerinnen hatten ihre festen Wanderrouten und Absatzgebiete.[Anm. 8] Leider waren die Absatzgebiete abhängig von den politischen Gegebenheiten. Mal waren die Landesgrenzen unpassierbar, ein anderes Mal wurden die Waren mit Zöllen belegt, so dass die Schuhhändler und Schuhhändlerinnen um ihre Konkurrenzfähigkeit bangen mussten.[Anm. 9] Aus dem Jahr 1830 ist ein Bürgermeisterbericht in Stadtarchiv Pirmasens vorhanden, der die Wegezeiten der zurückgelegten Strecken eindrücklich darlegt: „Wann die Träger ihre mitgenommenen Schuhe bald abgesetzt haben oder den Absatz verspüren, so werden ihnen auf ihre Nachricht hiervon noch Quantitäten nachgesendet; es kann angenommen werden, daß ein Schuhträger gewöhnlich auf der Reise ist nach der Schweiz 6-8 Wochen, im Badischen 14 Tage, im Würtembergischen 3 Wochen, im Ober- und Untermainkreise 3 Wochen und nach München 4-5 Wochen. Im Großherzogtum Hessen 18 Tage, in Rheinpreußen 3 Wochen und auch länger, zu Frankfurt a. M. 12 Tage, je nachdem er viel oder weniger Schuhe zu verkaufen hat [...] Zum Schuhtragen werden etwa 150 Personen, fast nur weibliche verwendet.”[Anm. 10] Mit dem Verkauf von einem Dutzend Paar Schuhen erlösten die Händlerinnen und Händler im Durchschnitt 6 Gulden.[Anm. 11]

Nach 1830 nimmt der Hausierhandel ab, und das Verkaufsgeschäft, von den Töchtern der Schuhmacher organisiert[Anm. 12], verlegt sich auf die Buden der unterschiedlichsten Märkte, wie beispielsweise in Bad Kreuznach.[Anm. 13] Aus Plänen des Stadtarchivs Bad Kreuznach geht hervor, dass in der Zeit von 1845 bis 1858 eine große Anzahl von Schuhhändlern, insgesamt 21, unter dem Begriff „Pirmasenzer” oder „Pirmasenser Schuhstände” einen separaten Teil an Buden auf dem Bad Kreuznacher Jahrmarkt fest zugewiesen bekam. Nach 1860 wird die Gruppe von den Mainzer Schuhständen abgelöst. In den Kreuznacher Registern der Beschicker der Märkte von 1816 bis 1898 sind 32 Pirmasenser Händlerinnen und Händler namentlich aufgeführt.[Anm. 14]

Nach Fertigstellung der Straßen von Pirmasens nach Zweibrücken und von Pirmasens nach Landau wurden die Waren immer seltener von den Schuhmädchen getragen. Nur noch die kleinsten Betriebe, die sich die Transportkosten nicht leisten konnten, ließen die Frauen wandern.[Anm. 15] Drei Pirmasenser Fuhrunternehmen hatten sich spezialisiert und hohe Kastenwagen angeschafft, die im Innenraum verschiedene Fächer aufwiesen - für jeden Schuhmacher ein eigenes Fach. Die den Transport begleitenden Frauen kehrten erst wieder nach Hause, wenn die Schuhwaren verkauft waren. Mit steigender Nachfrage erweiterte sich der Familienbetrieb um Gesellen, die den Meister bei der Arbeit unterstützen und so die Produktion erhöhten.[Anm. 16]

Schuhstand des Unternehmens Drexler & Co. auf der Fachausstellung in Berlin 1904.[Bild: Wolfgang Lang, München]

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte sich die arbeitsteilige Schuhproduktion, vom Zuschnitt des Leders bis hin zum Verkauf des fertigen Produktes. Der Meister eines florierenden Handwerksbetriebs  verkaufte nun die Endprodukte an einen Händler, der diese weitervertrieb. Der Hersteller behielt sich allerdings vor, größere Fachmessen oder die Weltausstellungen mit eigenem Stand selbst zu besuchen und den Vertrieb vor Ort zu organisieren.

Für den kleinen Vertrieb hielt sich weiterhin der bettelähnlich ausgeartete Haushierhandel, direkt vom Produzenten für die Konsumenten. Diesen unterstützte die neue Erscheinung der sogenannten Hausierweiber, die selbständig von verschiedenen Meistern in Anspruch genommen werden konnten. Dabei handelten sie mit allerlei Waren und betätigten sich als Botengängerin vornehmlich in die Alpenländer. Sie verkauften Öl- und Madonnenbilder oder Strohhüte und setzten dabei die übernommenen Schuhe ab. In der Regel kauften sie diese nicht vom Produzenten, sondern vertrieben sie auf Rechnung ihres Auftraggebers, der schriftlich Kontrolle über das Geschäft führte und den Händlerinnen einen Gewinnanteil abgab.[Anm. 17]

Abgesehen von den Namen in den Steuerhebelisten ist nur wenig über die „Schuhmäde” von Pirmasens bekannt. Eine von ihnen war die Ehefrau von Carl Semler, Magaretha, geborene Ganß. Ihr überließ der Ehemann den Vertrieb seiner selbst hergestellten Schuhe. Er besaß bereits 1865 einige Schuhmaschinen und angestellte Arbeiter. Als die Produktion um 1870 den Absatz überstieg, beschloss Semler im deutschsprachigen Gebiet der Schweiz einen neuen Absatzmarkt zu etablieren. Er legte im Aarau ein Schuhlager an, welches er von Pirmasens aus belieferte. Seine Ehefrau sowie eine Helferin, Bärbel Volkemer, organisierten fortan über Monate die Reisen und Verkaufstätigkeiten in der Schweiz. In die größer werdenden Familienbetriebe stiegen später auch die Kinder mit ein. Semmlers Tochter Margarethe ging frühzeitig mit der Mutter auf Reisen, in die Schweiz und ins Elsass.[Anm. 18]

Einbändlerinnen bei der Heimarbeit. Das Einbändeln beschreibt das Einfädeln des Schnürsenkels in die Ösen des Schuhs.[Bild: Stadtarchiv Pirmasens]

Das Antihausiergesetz vom 1. Juli 1856 schränkte den Hausierhandel maßgeblich ein. Im Jahr 1860 waren nur noch 109 Schuhmädchen unterwegs. Die erwerbslosen Mädchen fanden Arbeit in den sich vergrößernden Schuhmacher-Betrieben. Einigen Meistern gelang es bereits, mehrere Schuhmaschinen anzuschaffen und damit die Aufteilung der Arbeitsschritte auf mehrere Schultern zu verteilen. Die Schuhherstellung erforderte viel Handarbeit, und bessere Löhne ließen sich nur über hohe Stückzahlen erreichen. Ein Bürgermeisterbericht aus dem Jahr 1854 zählt die Verdienste in der Schuhindustrie von Pirmasens auf und weist zugleich auf die viel zu niedrigen Löhne hin sowie die harten Lebensumstände, gekennzeichnet von Krankheiten, wie Hungertyphus und Schwarze Blattern: „Die Wohnungsmiete kostete für eine schlechte Wohnung 10-12 Gulden. Die Löhne betrugen im Winter 36, im Sommer 48 Kreuzer pro Dutzend Schuhe bei einem Verdienst pro Tag und Arbeiter vom 24 Kreuzern; bessere Arbeiter erlangten bis 30 Kreuzer pro Tag und die Schuhmädchen 18. Die Büglerinnen erhielten pro Dutzend Schuhe 3 Kreuzer und die Mädchen, die das Einbändeln besorgten, 4 Kreuzer.”[Anm. 19]

Mit der Erfindung der Nähmaschine in den USA, einem bahnbrechenden technischen Fortschritt, änderten sich abermals Produktionsweisen und Arbeitsbedingungen. Sofort nach der spektakulären Vorführung der Nähmaschine 1851 auf der Londoner Weltausstellung begannen Fachzeitschriften, Gewerbeausstellungen und Handlungsreisende das neue Instrument auch in Deutschland bekanntzumachen. Bereits in den 1860er Jahren entstanden die ersten leistungsfähigen Nähmaschinenfabriken. Für Pirmasens und Umgebung war die Firma Pfaff aus Kaiserslautern die Bezugsquelle für Nähmaschinen. Die Pfaff-Werke nahmen 1862 mit zwei Leuten die Fabrikation auf und produzierten bereits im Jahr 1872 mit 30 Beschäftigten 1.000 Maschinen pro Jahr. Neben dem Versenden von Preislisten und dem Inserieren in Zeitungen bewährte sich vor allem der Detailreisende. Zusätzlich zum Verkauf im Laden gegen Barzahlung kam auch in Deutschland mit dem Nähmaschinenhandel das Ratenzahlungsgeschäft in Blüte. Der Ratenkauf verteuerte zwar für den Käufer die Anschaffung ganz beträchtlich, setzte ihn aber häufig erst instand, das dringend benötigte Arbeitsgerät zu erwerben.[Anm. 20]

Durch die Nähmaschine wurde die Heimarbeit lukrativ. Den ärmsten Familien stellten die Fabrikanten die Maschinen. Die untere Mittelschicht konnte durch die Ratenzahlung eine eigene erwerben. Die Fabrikanten schnitten das Leder zu. Die Frauen und Kinder der Heimarbeiter holten die Halbprodukte - Sohlen, Stoffe, Pappdeckel - in der Fabrik ab und fertigten daraus zu Hause die Schuhe. Der Heimarbeiter seinerseits konnte bei gutem Geschäft 1-2 Lehrlinge beschäftigen, die überwiegend zum Zwicken der Schuhe eingesetzt wurden.[Anm. 21]

Blick in die Stepperei der Schuhfabrik Emil Neuffer.[Bild: Stadtarchiv Pirmasens]

Die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte in der Schuhindustrie wuchs mit dem Wunsch nach steigender Produktivität stetig an. Die Nachfrage nach Qualitätsschuhen kam auch von den ausgewanderten Pfälzern aus Übersee. Neue Absatzgebiete waren die Länder Neuseeland, Australien, Brasilien, Argentinien, Chile, Peru, Bolivien, Honduras und die Antillen. Durch Kontakte über Paris verschiffte man die Waren nach Konstantinopel, Tunis, Ägypten und dem Orient. Doch trugen die Verbesserungen in der Schuhindustrie nicht zum verbesserten Lebensstandard der Pirmasenser Bevölkerung bei.[Anm. 22] Der Pirmasenser Bürgermeister erwähnt 1872 gestiegene Löhne durch den Einsatz der Maschinen. So konnten die Stepperinnen, die wie die anderen Fabrikarbeiter im Stücklohn bezahlt wurden, sechs bis zwölf Gulden pro Woche erwirtschaften. Die Zuschneider, die die handwerklich anspruchsvollste Tätigkeit beim Hantieren mit Kneipmesser, Schablonen und Leder ausführten, liegen mit dem Verdienst in Höhe von sieben bis zwölf Gulden minimal darüber. Die Männer, die die Sohlen an die Leisten brachten, erarbeiteten sich einen Lohn in Höhe von acht bis zehn Gulden. Die Löhne lagen, laut Auskunft des Bürgermeisters Friedrich Greiner, höher als in Erfurt, was er auf den Einsatz der neuen Technik zurückführte.[Anm. 23]

Mit welchem Eifer die Pirmasenser Schuhfabrikanten sich der neuen Herstellungsverfahren verschrieben hatten, zeigt die nachfolgende Tabelle[Anm. 24], die die frühesten Jahreszahlen für die Einführung der Maschinen nennt:

Steppmaschine 1857/58
Mac Kay-Maschine 1872
Doppel-Maschine 1885
Einstech-Maschine 1890
Zwick-Maschine 1891

Waren zu Anfang die Betriebe eher Familienbetriebe mit einem Gesellen, so traten mit zunehmender Industrialisierung und Nachfrage immer mehr Menschen in den Dienst der Schuhfabrikanten ein. Dies erforderte geregelte Arbeitsbedingungen, was ab 1884 in Pirmasens zur Gründung der unterschiedlichsten Gewerkschaftsvertretungen führte.

Die Zunahme gewerkschaftlich aktiver weiblicher ist zum ersten Mal 1890 dokumentiert, als auf der Generalversammlung  der „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“ auch eine weibliche Delegierte, als Vertreterin der Stepperinnen, anwesend war. Da jedoch nach den Statuten weibliche Mitglieder nicht aufgenommen werden durften, wurde zunächst in Mainz ein „Verein zur Wahrung der Interessen der Stepperinnen“ gegründet. Auf der nächsten Generalversammlung im Oktober 1890 erweiterte man die Statuten, so dass auch weibliche Mitglieder aufgenommen werden konnten.[Anm. 25]

Lederhandlung Hoffmann & Kirchner, Pirmasens um 1900.[Bild: Stadtarchiv Pirmasens]

Ein Dorn im Auge der Gewerkschaften war immer schon die Heimarbeiterindustrie, deren Betroffene schwer zu organisieren waren und die meist unter schlechten Bedingungen arbeiten mussten. Ein Bericht aus Pirmasens um 1872: „Der wundeste Punkt ist die Hausindustrie; hier wird größtenteils die geringere Ware gefertigt, hier arbeitet, was kann und es ist gerade traurig, wenn man diese Leute in meistens ungesunden Räumen mit übermäßig langer Arbeitszeit und oft kärglicher Nahrung sieht, wie sie sich abmühen, den kargen Lohn durch Überanstrengungen zu vergrößern, um sich mit ihrer oft zahlreichen Familie, wenn auch kümmerlich, so doch ehrlich, zu ernähren. Diejenigen, welche ein zahlreiche Kinderschar ernähren müssen, fristen ein sorgen- und mühevolles, schweres Dasein. Denn schwer, recht schwer muß es doch sein, wenn ein Mann 2 Mk. bis 2,20 Mk. bekommt für ein Dutzend Paar Schuhe auszuputzen und sich hiervon mit einer starken Familie ernähren soll. Die Lebensmittel sind durch die schlechte Bahnverbindung sehr teuer, teurer wie in mancher Großstadt. Diese Leute können sich erst dann wieder etwas erholen, wenn die Kinder heranwachsen und etwas mit verdienen können, wozu sie leider sehr jung herangezogen werden; denn kaum haben sie das 10 Lebensjahr erreicht, sind die Eltern froh, eine, wenn auch anfänglich kleine Unterstützung zu haben, dann heißt es schon mit fest an die Arbeit, sei es in der Fabrik oder in der Hausindustrie.” Die Betroffenen sahen oft einen Vorteil in der Heimindustrie, da sie einen hohen Grad an Selbstbestimmtheit bot.[Anm. 26]

Nicht selten war es der Fall, dass tagsüber in der Fabrik gearbeitet wurde und die Familie noch bis tief in die Nacht zu Hause Schuhe fertigte. Erst nach heftigem Veto der Gewerkschaften wurde es den Arbeitern verboten, nach einem 10-Stunden-Tag, noch in der Heimarbeit tätig zu sein.

Mit zunehmender statistischer Erfassung der Arbeiter und Arbeiterinnen gelingt es, Vergleichszahlen aufzuzeigen: Nach Düppe unterschieden sich drei Arten der Heimarbeit: Die Stepperin, der Heimzwicker und der Handausputzer.[Anm. 27]

Tabelle: [Anm. 28]

Jahr Zahl der Heimarbeiter:innen Männlich Weiblich
1882 2.230 1.540 660
1905 3.858 1.713 2.145
1906 2.937 1.982 955
1909 1.200 550 650
1913 3.002 1.047 1.928
1920 2.416 580 1.836
1925 3.300 1.100 2.200

Die Schwankungen in der Heimarbeit sind auf die bessere technische Ausstattung der Fabriken und die Gründung von Schuhfabriken auf dem Lande zurückzuführen. Die Verschiebung hin zu weiblichen Heimarbeiterinnen liegt an der höheren Vergabe von Steppaufträgen, die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts deutlich zugenommen hatten. Der Altersdurchschnitt liegt bei den Heimarbeiterinnen zwischen 20 bis 40 Jahren.  Die Männer dagegen sind deutlich älter, zwischen 40 bis 50 Jahren. Ihre Arbeit war das  Zwicken und Herstellen der Wendeschuhe[Anm. 29].[Anm. 30]

Die Zusammensetzung der Arbeiter in den Fabriken nach Geschlecht ist nur unzureichend dokumentiert. Um die Zahl annähernd zu erfassen, dienten die Zahlen der Ortskrankenkassen, und die Listen der einzelnen Schuhfabriken.

Jahr Zahl der Arbeiter:innen
1864 1.614
1872 3.306
1877 3.000
1878 3.500
1905 7.200
1908 8.375
1913 13.726
1922 17.200

Bei dem 70 % Anteil der Männer sind die Altersklassen von 20 bis 45 Jahren am stärksten vertreten. Frauen sind meist zwischen 17 und 21 Jahre alt, nur wenige Arbeiterinnen sind über 30 Jahre alt. Diese Angaben gelten nicht für die Heimarbeiterinnen. Die Feststellung drängt sich auf, dass bei den Frauen die Fabrikarbeit nur als Durchgangsberuf bis zur Verheiratung gewählt wird. Nach der Verehelichung gehen sie, soweit sie mitverdienen müssen, zur Heimarbeit über oder wenden sich anderen spezifischen Frauenberufen wie Haushaltshilfe, Wäscherei oder Bügelei zu.

Fazit

Im langen 19. Jahrhundert bieten sich für die Pirmasenser Frauen mehrere Erwerbszweige im Niedriglohnsegment an. Die Mitarbeit der Frauen ist zwingend notwendig, um die Familie zu ernähren. Die Berufe existieren zeitweise nebeneinander und sind vom technischen Fortschritt abhängig.

Verfasserin: Heike Wittmer
Erstellt am: 26.04.2022

Anmerkungen:

  1. Stadtarchiv Pirmasens, Aktenbestand: A 783.00/-, Industrie, S. 84. Zurück
  2. Stadtarchiv Pirmasens, Aktenbestand: A 783.00/-, Industrie, S. 84. Zurück
  3. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau 1927, S. 4f. Zurück
  4. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 18. Zurück
  5. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 5. Zurück
  6. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 24. Zurück
  7. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 6. Zurück
  8. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 15. Zurück
  9. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 6. Zurück
  10. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 20. Zurück
  11. Stadtarchiv Pirmasens, Aktenbestand: A 783.00/-,Industrie, S. 85. Zurück
  12. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 7. Zurück
  13. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 7. Zurück
  14. Für diese Erkenntnisse bin ich der Leiterin des Stadtarchivs in Bad Kreuznach Franziska Blum-Gabelmann dankbar, die bereits über die Jahrmarktspläne in Bad Kreuznach gearbeitete hatte und sich an den Eintrag der Pirmasenser Markleute erinnern konnte.  Zurück
  15. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 22. Zurück
  16. Paul Weiß, Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Landau, 1927, S. 7. Zurück
  17. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 27. Zurück
  18. Dieter Schuster,  1863-1963 100 Jahre Carl Semler. In: Schritt für Schritt, ein Jahrhundert Leder-Gewerkschaften, Pirmasens, 1963, S. 9. Zurück
  19. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 30. Zurück
  20. Karin Hausen, Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine, Technischer Fortschritt und Frauenarbeit im 19. Jahrhundert. In: Gewerkschaftliche Monatshefte. – Wiesbaden, (31.11.1980), S. 741-757. Zurück
  21. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 34. Zurück
  22. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 32f. Zurück
  23. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 49. Zurück
  24. Dr. Zwick, Die Pirmasenser Schuhindustrie, 1918, S. 38. Zurück
  25. Dieter Schuster, 1872-1972 „Schritt für Schritt“ ein Jahrhundert Leder-Gewerkschaften, 1972, S. 55. Zurück
  26. Dieter Schuster, 1872-1972 „Schritt für Schritt“ ein Jahrhundert Leder-Gewerkschaften, 1972, S. 59. Zurück
  27. Friedrich Düppe, Die Heimarbeit in der Pirmasenser Schuh-Industrie, Wiesloch, 1921, S. 30. Zurück
  28. Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs und Nachkriegsjahre, Paul Weiß, Landau, 1927, S. 44. Zurück
  29. Wikipedia: Wendeschuh bezeichnet einen Schuh, bei dem Schaft und Sohle auf links zusammengenäht und der dann auf rechts gewendet wird, so dass die Sohlennaht innen zu liegen kommt. Zurück
  30. Die Entwicklung der Pirmasenser Schuhindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs und Nachkriegsjahre, Paul Weiß, Landau, 1927, S. 44f. Zurück