
Bayerisches Gesetz zur „Bekämpfung von
Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ (1926)
Nach dem Gesetz galt als „Zigeuner“, wer aufgrund rassistischer Vorstellungen als solcher eingestuft wurde. Das Gesetz hatte auch in der Pfalz, die damals zu Bayern gehörte, Gültigkeit.
„Antiziganismus ist der Fachbegriff für den Rassismus gegenüber Sinti, Roma, Jenischen und anderen als ‚Zigeuner‘ stigmatisierten Gruppen und Einzelpersonen. Die Auswirkungen des Antiziganismus reichen von inneren Vorbehalten über offene Ablehnung, Ausgrenzung, Vertreibung, physischer Gewalt bis zur systematischen Vernichtung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus.“
Auszug aus der Definition der Gesellschaft für Antiziganismusforschung
Gesetzliche Diskriminierung und polizeiliche Kontrolle vor der NS-Zeit
Bereits im Kaiserreich wurden in vielen Ländern Sondergesetze erlassen, die gezielt Sinti und Roma betrafen. Eine führende Rolle spielte Bayern. Hier wurde 1899 eine „Zigeunerzentrale“ eingerichtet, die „Zigeuner“ und „nach Zigeunerart umherziehende Personen“ – auch über die Landesgrenzen hinaus – erfasste. 1926 verabschiedete der bayerische Landtag außerdem das Gesetz zur „Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“. Es führte zu umfassender Überwachung, Kriminalisierung und zur Verhinderung von Niederlassungen. Die Bestimmungen waren so streng, dass Verstöße und strafrechtliche Verfolgungen nahezu unvermeidbar waren. So war es etwa verboten, in „Horden“ zu reisen oder zu rasten – als „Horde“ galten bereits zwei nicht miteinander verwandte Personen.
Fremdbezeichnung und Rassifizierung
Der Begriff „Zigeuner“ ist eine Fremdbezeichnung, die von der Mehrheitsgesellschaft über viele Jahrhunderte geprägt wurde. Die mit dem Begriff einhergehenden Stereotype geben dabei mehr Auskunft über die Zeit, in der sie entstanden sind, als über Sinti und Roma. Ursprünglich bezeichnete der Begriff unterschiedliche soziale und ethnische Gruppen, die aufgrund bestimmter Berufe, Armut oder Vertreibung häufig ihren Aufenthaltsort wechseln mussten. Als im späten 18. Jahrhundert entdeckt wurde, dass Sinti und Roma eine eigene Sprache besitzen, wurde der „Zigeuner“-Begriff ethnisiert und rassifiziert. Bereits bestehende Stereotype wurden zu vermeintlichen „Rasseneigenschaften” erklärt. Im 19. Jahrhundert verbreiteten sich zudem in Kunst, Literatur und Musik romantisierte Bilder des „Zigeunerlebens“. Hier wurden „Zigeuner” als „freiheitsliebend“ und „naturverbunden“ dargestellt und damit als Gegenbild der bürgerlichen Gesellschaft.
LASp H45 1046, Personalausweis, Ausweis für mitgeführte Tiere und Erlaubnisschein für das Umherziehen mit Wohnwagen von Katharina Fattler, die ein ambulantes Gewerbe als Schirmmacherin ausübte. Die Ausweise
wurden 1926 aufgrund des „Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes“ ausgestellt. Sie hatten nur eine kurze Gültigkeit und mussten ständig erneuert werden. Ob Katharina Fattler eine Sintezza war, ist unbekannt.
Der lange Weg zur Anerkennung der Selbstbezeichnung „Sinti und Roma“

E-Mail an den Landesverband Deutscher Sinti und Roma
Rheinland-Pfalz
Bis heute sind zahlreiche Assoziationen mit dem Begriff
„Zigeuner” verbunden, die teilweise einfach auf Sinti und
Roma übertragen werden.
Die Selbstbezeichnung Sinti gelangte spätestens im 18. Jahrhundert zur Kenntnis von sogenannten „Zigeuner“-Experten. Diese ignorierten sie allerdings und verbreiteten weiterhin ihre „Zigeuner“-Bilder. Erst durch die Arbeit der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma, die sich seit Anfang der 1970er-Jahre formierte, setzte sich die Selbstbezeichnung Sinti und Roma allmählich durch. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff für verschiedene Gruppen, die die Sprache Romanes sprechen. Unter diesen vielfältigen Gruppen stellen in Deutschland die Sinti und die Roma die größten dar. Vereinfacht gesagt, sind Sinti seit dem 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum beheimatet, während Roma überwiegend aus Osteuropa stammen und seit dem späten 19. Jahrhundert hier eine neue Heimat suchen.
Literatur (Auswahl)
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Hrsg.): Antiziganismus. Soziale und historische Dimensionen von „Zigeuner“- Stereotypen. Heidelberg 2015.
Fings, Karola: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit. München 2016.
Giere, Jacqueline (Hrsg.): Die gesellschaftliche Konstruktion des Zigeuners: Zur Genese eines Vorurteils. Frankfurt am Main 1996.
Kleinmann, Sarah: Zigeuner (Begriff). In: Fings, Karola (Hrsg.): Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Heidelberg 2024.
Obwohl wir grundsätzlich auf eine gendersensible Sprache achten, sehen wir vom Gendern der Selbstbezeichnung Sinti und Roma ab. Die Hintergründe dazu finden Sie hier: https://tinyurl.com/2eb8ys5y






