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Turnei

Massenkampf beim ritterlichen Turnier

Als Krone der Waffenspiele galt der Turnei, ein Massenkampf, an dem zahlreiche Ritter teilnahmen. Die Turnierveranstalter bestimmten am Vortag des Turniers zwei Parteiführer, einen "Herausforderer" und einen "Verteidiger". Dies waren Adlige meist vornehmen Standes, die jeweils eine Schar von Rittern unter ihrer Fahne versammeln sollten.

Am Morgen des eigentlichen Turniertages ritten die Turnierrufer (Kroijiere), durch das Zeltdorf der Ritter und trommelten die Kämpfer zusammen. Dann traf man sich zu einer feierlichen Messe.

Die Kirche war eigentlich gegen diese Turniere, konnte die Beliebtheit der Turniere aber nicht einfach ignorieren, denn sie war auf die Ritter vor allem für die Kreuzzüge angewiesen. So wird vor jedem Turnier eine Messe stattgefunden haben. Vielleicht nutzten die Priester die Gelegenheit, um den turnierenden Rittern ins Gewissen zu reden.

Im Anschluss daran ritt man zum Turnierfeld. Die Kroijiere stellten den vornehmen Damen und Herren auf den Tribünen und dem anderen Publikum rund um das Turnierfeld die einzelnen Teilnehmer vor. Man lobte und pries ihre Namen und würdigte das von ihnen geführte Wappen.

Die zum Turnier zugelassenen Ritter wurden durch einen einfaches Wahl- bzw. Losverfahren auf die beiden Anführer verteilt und stellten sich unter seiner Fahne auf beiden Seiten des abgesteckten Turnierfeldes einander gegenüber auf. Die Herolde verkündeten die Turnierregeln und geboten den Zuschauern bei Androhung schwerster Strafen, sich nicht in die Kämpfe einzumischen. Gelegentlich eröffnete eine Tjost der beiden Anführer der Turnei. Meistens begann der Turnei aber mit dem Lanzenkampf.

Lanzenkampf

Der erste Teil des Turneis bestand aus einer Art Gruppen-Tjost. Einige gepanzerte Reiter aus jeder Gruppe stellten sich, nur mit der Stoßlanze bewaffnet, einander gegenüber auf. Dann gaben die Trompeter das Zeichen zum Kampf und beide Gruppen sprengten geschlossen mit eingelegter Lanze aufeinander los. Wie bei der Tjost barsten die Lanzen und die ersten Reiter fielen aus dem Sattel. In den Jubel der Zuschauer mischten sich die ersten Schmerzensschreie. Die Knappen und Knechte eilten herbei, räumten die gebrochenen Lanzen fort und trugen Verwundete hinaus.

Die im Sattel gebliebenen Reiter waren aneinander vorbei geritten und befanden sich jetzt auf der "Seite der Gegner". Waren ihre Lanzen zersplittert, standen sie wehrlos da. Sie mussten ihre Pferde wenden und versuchen, an den gegnerischen Reitern und Knappen vorbei, wieder auf ihre eigene Seite zu gelangen. Bei diesem Manöver konnten sie eingekreist und gefangen genommen werden. Wer glücklich auf seiner Seite ankam, war in Sicherheit und durfte sich ausruhen. Wer noch im Besitz seiner Lanze war, versuchte, egal wo er sich befand, mit einem neuen Anlauf einen wehrfähigen Gegner aus dem Sattel zu stechen bzw. wehrlose Ritter gefangen zu nehmen.

Der variationsreiche Lanzenkampf im Turnei unterschied sich von dem des einfachen Tjostes. Denn Lanzenführung, Deckung des Reiters und Führung des Pferdes waren verschieden, je nachdem, ob man den Gegner in der Gruppe nach einem längeren Anlauf angriff (Stich zem puneiz), von der Seite anfiel (Stich ze triviers, à travers) oder ihn gar verfolgte (Stich zer volge). Es machte auch einen Unterschied, ob man mit einem kurzen Anritt (Stich z'entmouten) oder mit weitem Anlauf (Stich ze rehter tjost) auf den Gegner lospreschte.

Eine Gefangennahme drohte vor allem den vom Pferd gefallenen Herren, wenn es ihren Knappen (Kipper) nicht gelang, sie rechtzeitig vom Turnierfeld zu schaffen. Der erste Waffengang war vorüber, wenn eine Gruppe keinen wehrfähigen Ritter mehr im Sattel hatte.

Danach setzten andere Ritter beider Gruppen den Lanzenkampf solange fort, bis die Schar der Gegner durch Gefangennahme Einzelner so geschwächt war, dass sie aufgeben musste oder ein Trompetensignal der Turnierleitung den ersten Teil des Turneis beendete. Diese Lanzenkämpfe konnten viele Stunden dauern, da es den Rittern erlaubt war, das Pferd und die Lanze zu wechseln sowie sich selbst zu erfrischen. Sie durften das Turnierfeld verlassen und sich im Schatten eines Baumes ausruhen, mussten aber in Sichtweite bleiben. Hatten sie ein paar Augenblicke verschnauft, konnten sie sich mit neuer Energie in das Kampfgetümmel. stürzen.

Schwertkampf

Im zweiten Teil des Turneis wurde mit dem Schwert gekämpft. Die Scharen ordneten sich, die Knappen legten ihren Rittern das meist stumpfe Turnierschwert in die Hand und jetzt sprengten alle aus beiden Gruppen aufeinander los. Der Schwertkampf galt bei Rittern, die im Zeichen der Ehre oder der Minne kämpften, als wenig ehrenhaft und wurde bei manchen Turnieren ausgelassen. Doch neben diesen "edlen" Rittern kämpften auch hart gesottene Haudegen, die ganz auf ihr Schwert und die Stärke ihrer Pferde vertrauten und nur wegen der Beute in den Turnei zogen. Sie versuchten mit allen Mitteln, den Gegner kampfunfähig zu machen, seinen Schild in Stücke zu hauen, ihm das Schwert aus der Hand zu winden, ihn mit Hieben auf den Helm zu betäuben, den Helm vom Kopf zu schlagen oder die Zügel aus der Hand zu reißen. Mit Hilfe der Knappen wurde der Wehrlose umzingelt, von seinen Mitstreitern getrennt und vom Sieger am Zaum fortgezerrt. Wer so "gezäumt" war, der wurde, wie vornehm er auch sein mochte, vom Sieger und dessen Knappen nicht mit Samthandschuhen angefasst. Die Knappen, die innerhalb der Schranken einen Knüppel mit sich führen durften, hatten das ausdrückliche Recht, den Gezäumten auf seinem Pferd mit Knüppelhieben vom Turnierfeld zum Zelt ihres Herrn zu treiben. Die Freunde des Gezäumten konnten innerhalb der Schranken versuchen, ihn aus der schmählichen Lage zu befreien. Um die Gefangenen entbrannte, so ist dies auf zeitgenössischen Turnierdarstellungen zu sehen, ein erbittertes Ringen, Drängen und Schieben.

Erst seit dem 15. Jahrhundert begann die Turnierbuchliteratur aufzublühen. Berühmte Turnierbücher des 16. Jahrhunderts sind etwa das Augsburger Turnierbuch (1518), das "Handbuch eines christlichen Ritters" von Erasmus von Rotterdam (1520), das Rüxnersche Turnierbuch (1530) und das Turnierbuch Herzog Wilhelms IV. von Bayern (1541).

Gefangennahme und Lösegeld

Wer beim Turnei in Gefangenschaft geriet, musste dem Sieger "Sicherheit geben", d.h. er hatte ihm in der Regel Pferd und Rüstung auszuhändigen oder schuldete ihm einen entsprechenden Geldbetrag, mit dem er sich auslösen konnte. Da viele Ritter, die Ross und Rüstung verloren hatten, nicht genügend Geld besaßen, um die teuren Rittersachen zu ersetzen, ging man dazu über, bereits vor Turnierbeginn eine angemessene Summe festzulegen, mit der sie sich freikaufen konnten.

Vornehme, auf Ruhm und Ehre bedachte Ritter ließen ihre Gefangenen großmütig frei oder verschenkten die erzielten Lösegelder an Bedürftige. Weniger edelmütige Ritter betrachteten Turniere vornehmlich als Einkommensquelle. Sie zogen von Turnier zu Turnier, nahmen möglichst viele Gefangene und gelangten mit Hilfe der Lösegelder bzw. des Verkaufs der erbeuteten Rüstungen und Pferde zu teilweise beachtlichem Reichtum.

Der berühmte "Turnierprofi" Ritter William Marshall soll im 13. Jahrhundert im Verlauf von zwei Jahren 103 Ritter gefangen genommen haben. Vom Reichsmarschall William von Pembroke wird berichtet, er habe während der Jugendzeit des späteren englischen Königs Henry III. (1216-1272) mit Lösegeldern beträchtliche Summen erzielt.

(Text: Stefan Grathoff)

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