Städte & Dörfer

Tagebucheinträge der Lucie Meckel aus Diez

Ausgewählte Auszüge aus: Meurer, Alfred [Bearb.]: Die Kriegstagebücher der Lucie Meckel aus Diez. Eine Abschrift der Tagebücher aus den Jahren 1914–1923. Lahnbrück-Verlag Weilburg 2012.

0.1.1914: Die Stadt ist fast leer.

6. August 1914

Derselbe verlief ohne große Veränderung. Immer zogen wieder Landwehrleute aus Diez + Umgebung fort ins Feld. Anhaltend fahren Züge und der vaterl. Frauenverein ist vollauf beschäftigt die durchfahrenden Truppen an der Bahn zu erfrischen. Nicht allein Diez sorgte in der hiesigen Bahn für Esswaaren, auch von der Aar kommen Leiterwagen voll Brode, Schinken Eier + Fleisch zum verteilen hier an. Freiendiez versorgte Fachinger Wasser in Hülle + Fülle den Soldaten. Heute kamen 24 Züge mit Militär und morgen gibt es eben so viele. Der Tag schloß mit einem Feldgottesdienst in der neuen Kaserne.

7. August 1914

Dies der letzte Tag vor dem Ausmarschtag ins Feld!! Die Stadt ist fast leer. Wenn nicht das Militär noch Leben brächte heute so wäre schon jetzt eine unheimliche Stille. Um 10 Uhr zog das 1000 Mann starke vermehrte Bat. In die Stadt ein. Dasselbe hatte einen Übungsmarsch mit sämtlichen Ausrüstungs, Gepäck, Bäckerei pp Wagen, gemacht.Auch heute wurde wieder sehr viel Militär gespeist u unter Singen und Hurra gings dann so weiter immer näher den Franzosen zu. Die Kriegsnachrichten treffen sehr spärlich ein. Die Zeitungen durften nur amtliche Notizen bringen und dmait wurde sehr zurückgehalten. Die ausrückenden Soldaten durften keine Karten an ihre Angehörigen schicken, da alles geheim gehalten werden sollte. Die Arbeiten für das Kriegs Lazareth sind in vollem Gange. 250 Betten sind schon fertig. Die ganze Kaserne ist als Lazareth ausgestaltet und viele junge Mädchen aus Diez haben das schöne Amt der Krankenpflege angenommen. Morgen wird schon im Krankenhause mit dem Anlernen derselben begonnen. Die übrig bleibenden Männer wurden als Krankenträger angenomen oder sie finden in städtischen Arbeitsstellen Beschäftigung. Die Schüler und Kadetten werden angewiesend en Landleuten Feldarbeiten zu verrichten. Kein Mensch, er darf noch so klein sein, ist überzählig möchte man sagen! Der Himmel vergießt sogar heute am Vorabend tüchtig Abschiedstränen und überall geht es in gedämpftem Tone. Sogar der Bat Kapelle u dem Militär wollte es heute nach ihrem Ausmarsch nicht so recht aus dem Hals heraus. Morgen früh 9,30 fahren die Züge mit unserem 160 Bat ins Feld u wollen wir hoffen, daß sie uns den Sieg nachhause bringen.

11. August 1914

Heute kamen noch einige junge Leute welche sich als Freiwillige gemeldet hatten zurück, da vorläufig Überfluß sei. 1 300 000 Kriegsfreiwillige haben sich gemeldet. Also haben wir draußen doch noch tüchtig Nachschub. Dies tut aber auch dringend not, wenn man die vielen Verwundeten sieht, welche schon heute durch unser Städtchen nach dem Lazarth gebracht wurden. Um 4 Uhr hörte man, daß ausgeschellt wurde u es wurde beannt gegeben, daß die Krankenträger sofort nach der Bahn kommen sollte, und um 6,20 kamen die ersten Kranken gefahren, getragen, u der größte Teil legte den Weg durch die Straßen zu Fuß zurück. 4 recht schwer Verwundete waren dabei. Die Kranken kamen schon aus einem anderen Krankenhaus hierher, da sie Platz machen mußten für die neuen Verwundeten. Soeben 9 Uhr kommt schon der 2te Transport an, dies waren auch leicht Verwundete. Die Diezer Mädchen Krankenpflegerinnen werden also früh in ihr Amt eingwiesen.

0.2.1916: Alles Obst auf den Bäumen ist beschlagnahmt!

6. September 1914

Nachdem heute um 4 Uhr das Geschäft geschlossen, ging ich mit Carla welche den neuen Verwundeten wie sie sich ausdrückt etwas gutes bringen wollte nach der Bahn. Es kam aber weder ein Zug mit Verwundeten noch  mit Gefangenen und wir gingen um ½ 7 Uhr mit vollem Korb wieder nach Hause. Soeben fällt mir gerade noch etwas recht drolliges von Karla ein. Sie will bei den Kriegszeiten sparen und sagt nun immer am Kaffeetisch: Vater hat gesagt, mer müßte spare. Mir sollte net immer nur Butter schmiere, mir dürfte immer nur Butter und Kraut. Mit dem ernstesten Gesicht behauptet sie das und läßt sich natürlich ihr Brot gern doppelt bestreichen.

19. September 1916

Alles Obst auf den Bäumen ist beschlagnahmt. Kein Mensch kann Zwetschen zur Krauteinkocherei bekommen, da vorläufig Bestandaufnahme gemacht wird und für das Heer erst aufgekauft werden muß. Wenn übrig bleibt wird wieder frei gegeben. Mit Mühe + Not hat man nun einen Kessel zum Krautkochen aufzutreiben versucht u nun gibt es keine Zwet-schen. Alles jammert um die schönen Zwetschen, welche sie nicht bekommen. Nun gibt es im Winter wohl trockenes Brot, da auch keine Butter zu haben ist. Kupferkessel könnte die Stadt 10 Stück bis übers Krautkochen hinaus zurückbehalten u diejenigen Kesselbesitzer mußten alle anderen Einwohner in ihren Kesseln kochen lassen. Vom 1 Oktober an bekommen wir Butterkarten u da werden wir recht schlecht dabei fahren. Bis jetzt bekommen wir in der letz-ten Zeit noch immer 3 Pfd. Wöchentlich u waren damit noch nicht zufrieden. Margarine be-kam man gestern pro Kopf 50 gramm zu 20, ¼ Centner Äpfel bekam ich heut, weil er schon vor der Bekanntmachung der Beschlagnahme bestellt war. Ctr kostet 20,- Die Kinder mußten Kastanien u Mehlbeeren suchen u den Städt. Sammelstellen abliefern + Obstkerne werden ebenfalls von den Schulkindern gesammelt, da sie zur Oelbereitung notwendig sind. Wir erle-ben in dieser schlimmen Kriegszeit viel leider, allzuviel.

Die Colonialwarengeschäfte sehen aus als ob der Gerichtsvollzieher darin gewesen sei. Die Schuhgeschäfte ebenfalls. Die Schuhmacher bekommen Lederkarten Jeder erhält pro Monat ca 4 Pfd. Leder u damit soll er all seine Kunden befriedigen. Es dauert nicht mehr lange u wir gehen in Holzschuhen! Die Kartoffeln scheinen wenigstens gut und reichlich auszufallen ca. 6000 Ctnr sollen sogar hier aus dem Kreise noch ausgeliefert werden nach andren Bezirken.

25. September 1916

Krautkochtag. Der wunderbare Duft durchzieht das ganze Haus. Jede Hausfrau ist in diesem Jahr stolz auf ihr Zwetschekochen und ich glaube es sind wenig Familie[n] welche nicht ko-chen. Vom 1 Oktober an gibt es hier auch Butterkarten und dann wird es schwerer fallen But-ter zu erhalten u man kann dann froh sein wenn man etwas selbstgekochtes Kraut hat. Fleischkarten u Zuckerkarten gibt es ebenfalls mit dem 1 Oktober.

5. Oktober 1916

Nun haben wir Fleisch + Butterkarten, aber ohne Butter sind wir bereits schon nach Tagen. An welchen Tagen wir welche bekommen, ist noch unbestimmt u ob wirklich 90 gr. Pro Kopf + Woche, das muß man auch erst noch abwarten. Aber man gewöhnt sich sich auch ohne fett Gemüse zurecht zu machen u es schmeckt auch so. Die Kinder bekommen aufs Frühstücksbrot Zwetschenkraut u trinken Suppe in der Schule, welche ihnen per Becher zu 5, verabreicht wird.

6. Oktober 1916

Heute erhielten wir zum erstenmal Butter nach den Butterkarten. Bekamen pro Person ca 60 gr. Es macht dies auf die ganze Familie 1 ¼ Pfd. Butter mit welcher man 8 Tage auskommen muß. Fleisch erhielten wir am Freitag zum erstenmal nach der Karte und es entfiel auf jede Person 200 gr. Also für unsere Familie gab es ca. 3 ¼ Pfd. À Pfd. 225.

25. November 1916

Heute haben wir unsere alte Haustüre verkauft und zwar soll diese als Haustüre der Besitzungen Hofhaus welches Exellenz von Unruh gekauft hat, verwendet werden. Wir haben sie für 12,- abgegeben und die Kinder sollen den Betrag auf ihre Sparkassenkonto verteilt bekommen. Die Freude ist natürlich hierüber groß! Ernst hat übrigens sich selbst Geld verdient indem er Eicheln und Kastanien gesammelt und verkauft hat. Für den Erlös der Kastanien holte er sich Sohlenschoner u nagelte sich diese selbst auf seine Sonntagsstiefel. Auf diesen Verkauf u Einkauf ist er nicht wenig stolz. Heini wird jeden Freitag zum Butter abholen nach Altendiez geschickt. Da [es] „Vertrauenssache“ ist wird er als Ältester bevorzugt für diesen Gang. Der Butterhandel wird ganz im geheimen betrieben!! Gesetzlich bekommen wir pro Woche nur 3/3 Pfd. Und die Altendiezer Verwandten geben uns wöchentlich manchmal ½ bis 1 Pfd. Auf die Weise. So können die Kinder doch wenigstens ein Frühstück bekommen. Gestern wurde hier gesalzenes Schweinefleisch per Pfd. 7,- verkauft. 1 Päckchen Zwieback bezahlen wir heute mit 80, welches in Friedenszeit 20, gekostet hat. 1 Rollmops kostet heute 28, sonst 5, heute ist auch das neue Hilfs[p]flichtgesetz im Entwurf veröffentlicht worden. Nach diesem sollen Frauen + Mädchen doch noch nicht einberufen werden zum neueren Dienst im Land, sondern nur Männer v 17-60 Jahren welche beschäftigungslos sind. Nun müssen wir abwarten was es weiter giebt, ob die Männer ausreichen werden für alle Munitionsbetriebe und sonstige direkte und indirekte Heeresarbeiten.

0.3.1917: Jeder mit einer Beute

27. März 1917

Heute brachte Heini u Ernst Mitteilungen von der Schule mit, darin die Schüler aufgefordert werden, den Landleuten beim Säen pp. Helfen zu können unter Einwilligung der Eltern. Der Aufenthalt geschieht unter Aufsicht der Lehrer. Eine ganze Klasse zieht auf Tage, vielleicht Wochen aufs Land, werden in einem Dorfe verteilt und stehen unter Aufsicht der Lehrer und sind gegen Unfall versichert. Mit Freude und Stolz ziehen Heini + Ernst nachdem sie die Unterschrift der Eltern erhalten haben nachstens in irgendein Dorf des Unterlahnkreises. Es muß wohl dringend nötig sein, sonst würden 12-16jährige Jungens nicht geholt. Vom 1. April an bekommen wir auch Milchkarten. Da wir nun kleine Kinder nicht haben, bekommen wir nun auch keine Milch mehr oder müssen uns Halbmilch auf den Dörfern selbst holen. Ebenso giebt es v 1 April Bezugsscheine auf alle Stoffe und Bekleidungsstücker. Seither war Seide + Samt noch frei, aber nun ist nicht die geringste Kleinigkeit zu haben ohne Bezugsschein.

16. August 1917

Heute sind die 3 Jungens aus ihrer ländlichen Sommerfrischen oder besser gesagt „Arbeitsstellen“ hoch befriedigt zurückgekehrt. Jeder mit einer Beute. Dies machte sie glücklich! Heinz kam als erster schon um  ½ 9 Uhr. Brachte Eier, Platz, Schmierkäse + Butter. Dann kam Ernst von Ebertshausen. Dieser hatte stolz in einer Schachtel [hier folgen zwei unleserliche Wörter] 23 Eier, dann 1 Pfund Honig und allerlei kleine Teile. Um 2 Uhr kam Walter u war froh, daß er einen Rucksack mit Gerste heim schleppen konnte. Sie sahen alle 3 sehr wohl und gut herangefüttert aus u erzählen sich nun gegenseitig ihre Erlebnisse und einer will den anderen in der Esserei übertrumpfen. Jeder will es am besten getroffen haben und seinen Ferienaufenthalt. Speck, sowie Speck + Eier steht bei jedem obenan auf der Speisekarte und die vielen dicken Butetrbrote loben sie besonders. Es wurde ihnen kein Brotstück zugeteilt, als wie bei uns wie es nach der Brotkarte zugeteilt werden muß. Jetzt sind die drei Kerlchen am bauen eines Kaninchenstalles und damit beginnt die Viehzucht hier bei uns. Ein Aquarium hat Walter schon längst unter die Gartenkultur auf dem Zinkdach gedeiht prächtig. Walters Kürbis wird immer dicker u er hat riesige Freude, daß er prächtig gediehen seit seiner Abreise.

0.4.1918: Alles ist aufgebraucht!

28. September 1918

Man darf hinsehen wo man will, alles ist aufgebraucht! Die Menschen machen die größten Anstrengungen um dem Haushalt die notwendigsten Nahrungsmittel herbei zu kriegen. In diesen letzten Tagen ziehen Frauen u Kinder in Scharen in die Wälder um Bucheckern zum Oel schlagen zu suchen. Aus jeder Familie, ob hoch oder gering sieht man sie ausziehen mit Säckchen, Sieben, Besen, zum Einholen der Bucheckern. 12 Pfd derselben ergeben 1 Liter Oel. Heute waren Ernst, Walter, Julie u die zwei befreundeten Anna Kaiser u Henriette Rheinhard im Freiendiezer Wald u hatten für uns 12 Pfd zusammen gebracht. Morgen giebt es Fortsetzung! Brombeeren, Hagebutten, Eicheln Scheehen alles wird gesucht. Zwetschen wurden zu 50-100 Mark p Ctr verkauft. Bohnäpfel 35-50 Mark. Bessere Äpfel kosten 80-100 Mark in Hirschberg. Dies diese Preise die man kaum zahlen kann! – dies alles sind Kleinstadtpreise! In der Großstadt sind sie doppelt so hoch. Heute wollte f Karle, Strümpfe zum Geburtstag kaufen. Baumwollene schlechte Strümpfe 14,- bessere 18,- Diese Preise kann man doch nicht zahlen!

0.5.Nov 1918: Man ist bald kopflos!

01.Februar 1918

Die Streiks dauern an sogar recht ernst wird es und man muß sich tatsächlich dem Ausland gegenüber schämen. Dort ist es gewiß auch nicht anders aber soetwas dürfte doch bei uns nicht ausarten. Sogar ist Blut geflossen wie man heute liest. Und das schönste ist, es handelt sich nicht um Lohnerhöhungen sondern um Wahlrechtssachen. Die kurzsichtigen Arbeiter glauben mit ihrem Streik den Krieg abkürzen zu können, bezwecken aber das Gegenteil.

8. November 1918

Man ist bald kopflos! Ein schlimmes Ereignis jagt das andere. In Kiel, Hamburg, Hannover ist Revolution!!! Man befürchtet daß diese auf ganz Deutschland übergreift! Daß soetwas noch kommt ist gewiß das Schlimmste von allem. Unsere Feinde mit denen wir nun am verhandeln sind haben uns dann noch ganz ind en Händen. SDie werden ihre Bedingungen nun so stellen, daß wir bettelarm werden. Gerade jetzt im letzten Augenblick, wo Deutschland einiger sein müßte als je und die Kriegsanleihe noch dazu im Umlauf ist passiert das Schrecklichste. Vor ca. 14 Tagen war uns der schrecklichste Gedanken, daß wir am Ende noch den Feind ins Land bekämen und eventl. Das linke Rheinufer uns nähme worüber man Tag und Nacht in größter Sorge war und jetzt ist die Revolution und Kaisersturz unsere größte Sorge. Soeben kommt die Nachricht daß Köln und Coblenz schon einen Arbeiter u Soldatenrat haben und Unruhen seien. Die Gefängnisse haben sie geöffnet Proviantämter u Geschäfte einige geplündert doch wenig von der Waffe Gebrauch gemacht. Mehrere Offiziere welche sich nicht gefügt haben sind den Aufständigen allerdings zum Opfer gefallen.

9. November 1918

Heute zwischen 1-2 Uhr Nachmittags ist auch hier ein Soldatenrat gewählt worden. Was damit zusammen hängt, dachten wir gleich, kann nur Revolution sein. Aber es ist alles glatt am gestrigen Tage verlaufen. Nun lasse mit einigen Worten wie die Sache vor sich ging: Am Kasernenplatz vor der alten Kaserne waren Soldaten mit dem ausgewählten rat versammelt. In der Mitte der hiesige Major u Hauptmann in Civil. Ein Unteroffizier hielt eine Rede, versuchte vor allen Dingen, größte Ruhe zu bewahren, zu Ausschreitungen sollte es auf keinen Fall kommen, plündern u von der Waffe Gebrauch zu machen sei strengstens verboten. Die politischen und militärischen Verbrecher aus dem Zuchthaus u Gefängnis seien sofort zu entlassen. Doppelte Wachen würden am Zuchthaus, Proviantmagazin und sonstigen bedrohten Häusern aufgestellt. Bürgermeister pp. Seien ihm unterstellt und alle Waffen aus Privathäusern müssten abgeliefert werden. Die Soldaten wurden zum größten Teil auf 14 Tage beurlaubt nur Rekruten behielten sie hier zum Wachestehen. Man sah bald nach diesem Vorgang die Soldaten in Schaaren abziehen nach der Heimat mit roten Schleifen zum Teil geschmückt. Alle friedlich und vergnügt! So verlief der gestrige Tag. Geschäft war natürlich soviel wie 0. Um 6 Uhr machten wir Schluß, da es uns auch etwas ungemütlich wurde. Seit langer Zeit ließen wir auch gestern unsere Rolläden in den Schaufenstern wieder herunter und man fühlte sich ordentlich geborgen hinter ihnen. Mag es nun kommen wie es will. Deutschland Republik! Soeben Abends 6 Uhr kommt das Telegramm daß Kaiser Wilh u Kronprinz dem Thron entsagt haben und somit das Deutsche Reich zur Republik geworden ist. Der ganze Aufbau seit 48 Jahren ist zusammen gebrochen. Alle kleinen Fürstentümer und Staaten sind König + Fürstenlos geworden! Dies alles zu erleben ist hart! Der Reichskanzler Prinz Max von Baden hat abgedankt wie ein eben angekommenes Telegramm besagt u Ebert ist sein Nachfolger geworden. (Ebert ist ein früherer Schlosser)

13. April 1919

Die Zeitungsberichte der letzten Tage sind wieder so schrecklich über die Zustände im ganzen Deutschen Reich, daß man sie garnicht im Tagebuch wiedergeben kann! Überall werden Räte-Republiken ausgerufen, Streiks brechen von neuem los, Mord + Todschlag überall wo man hin sieht! In Frkft kam es zu ganz schlimmen Räubereien, Scheppler und andere Geschäfte wurden geplündert, alle Lebensmittel folgen auf die Straße und jeder konnte sich mitnehmen was er wollte. Im Gericht wurden die Akten vernichtet, Möbel aus den Fenstern geworfen, Verbrecher aus dem Gefängnis freigelassen pp. Da wohnen wir hier im besetzten Gebiet noch am sichersten, dies sagt man sich immer wieder! Die Besatzung legt den Bürgern auch noch kaum etwas in den Weg und wäre die Verkehrssperre nicht, so könnte man es schon aushalten! So weit sind wir Deutschen schon gekommen, daß man sagt, unter der franz Besatzung ist besser leben als mit Deutscher Besatzung!

0.6.1919: Der Gewaltfrieden ist unterzeichnet.

23 Juni! abends 9 Uhr der Gewaltfrieden ist unterzeichnet. Auf der Straße hört man die Musik des Siegesfackelzug der Großen Nation herankommen. Bei uns herrscht tiefe Trauer nach all dem was man bis jetzt erlebte. Die aufkommende Musik mit ihren schreienden Tönen ist nicht zum anhören und meiner Ansicht nach ist der Zug eine Taktlosigkeit der Franzosen wie ich sie nie erwartet hätte. Ein Tag ist heute vorüber an dem man sagen muß, er gedenkt einem ewig!! Unterzeichnung oder erneuter Krieg! Stunde um Stunde schwand dahin und immer noch keine Bestätigung. Die Franzosen arbeiteten hastig an der Vorbereitung zum Weitergehen. Die Pferde + Wagen wurden heute früh überall requiriert, Gepäck befördert, Sachen eingekauft pp. Jeder will über die Straße nur uns Deutschen bemächtigte sich eine sichtbare Lähmung. Wie wird es werden, was wird kommen, dies waren unsere Fragen. Wenn die Franzosen weiter vorgehen hieß es, bekommen wir Diez von Durchmarschierenden vollgestopft und außerdem hatte man immer noch die Angst ob nicht noch geschossen wird.

Eine Pause ist während dieses Schreibens soeben eingetreten. Der Fackelzug ist soeben vorbeigekommen und tief, tief erschüttert will ich den Verlauf desselben noch einiges niederschreiben was ich niemals in meinem Leben für möglich gehalten hätte!! Noch ehe der Fackelzug vorbeikam, stellten sich schon die Charakterlosen Weibsleute an der Ecke auf um ja nichts versäumen zu müssen. Dann kam der Zug in bengalischer Beleuchtung erstrahlend begleitet von einer noch größeren Menge „Deutscher“. Mütter erlaubten sogar den Kindern, den Franzosen Fackeln tragen zu dürfen und ich muß sagen, es bestätigt sich, daß unser Volk moralisch furchtbar tief gesunken ist. Vaterlandsliebe scheint es kaum mehr zu geben. Im Dunkel, tränenden Auges sah ich dies alles ganz im Versteck stehend am Fenster. Nun wird man morgen noch mehr erleben. Nun wird bei vielen schon eine Verbrüderung stattfinden und unseren Todfeind werden sie als Freund in die Arme nehmen. Nachdem unser Feind uns einen so gnädigen Frieden mit Zwang wie in die Welt niemals erlebte diktierte! Wer nicht wie wir, im besetzten Gebiet wohnt und diese 6 Monate selbst drinnen steckte, der weiß nicht was es heißt, in der Gewalt eines solchen Friedens zu sein. Wir haben es zur Genüge gespürt, welche Gewalt und Unverschämtheit er besitzt und gerade deßhalb kann man es nicht begreifen, daß die Menschen besonders die Frauen u Mädchen diese große Nation nicht mehr hassen!!

Deutschland hatte doch heute nochmals eine Note nach Versailles geschickt, damit man es von der Unterschreibung der Schuld am Krieg u der Auslieferung gewisser Deutscher frei, darauf erfolgte die Antwort „Bedingungslose Unterzeichnung“ Nun galt es schnell handeln, es waren nur noch einige Stunden vor der gesetzten Frist. Um 7 Uhr abends sollte die Weiterbesetzung vor sich gehen. Um ¼ vor 7 war noch keine Nachricht über die Unterzeichnung hier, und so kamen dann wirklich die Franzosen mit Geschützen u Allem was dazu gehört durch die Straßen in der Richtung Limburg. Der Anblick war gerade zu schrecklich. Aber auch die Gesichter der Franzosen sahen nicht gerade als siegesbewusste Eroberer aus. Sie ließen alle die Köpfe hängen, statt mit Sang + Klangihren Eroberungsgang anzutreten. Unordentlich u ungeregelt kamen sie daher. Auf einmal stoppte der Zug und die oberen des Zuges, welche die Wilhelmstraße bei Schade u Füllgrabe am Eck erreicht hatten bogen nach einer Meldung, welche sie vom Obersten der nach dem Hof v Holland das Telegramm „Unterzeichnet“ erhalten hatte, durch die Unterstraße ein um wieder die Kaserne als ihr besseres Ziel aufzusuchen. Die Gesichter hellten sich auf, aber auch uns war es etwas leichter geworden wenn auch keine Freude aufkam über diese letzte Nachricht. Ein ehrlicher und guter Deutscher kann sich nicht freuen! – Die Bedingungen sind zu schwer u unerfüllbar. Vielleicht spürt es auch der Franzose recht bald, daß er mit diesem Zwang der Unterzeichnung sich nicht Deutschland zum Freund machen wird nie u nimmer. […] Also der heutige Tag ist der Schlußtag des Krieges welchen wir uns allerdings ganz anders gedacht hatten, aber ein Siegestag ist er auf keinen Fall und wenn sie sich es selbst noch so oft zugestehen u ihn befeiern werden. Stolz können wir doch auf alle gewonnen Schlachten und unseren tapferen Krieger sein. Ein kleines Deutschland gegenüber so vieler Feinde muß schon vieles geleistet haben wenn es 4 Jahre einer vielfachen Übermacht standgehalten hat und die Geschichte wird jederzeit nur von einem tapferen Deutschen Heere und tüchtigen Heerführern berichten können. Die Blockade war unser größter Feind und wollten wir nicht verhungern so mußten wir Schluß machen.

27 Juni. Eigentlich sollten die Zeilen vom 23 Juni den Schluß der Kriegsberichte bilden, aber erst morgen wird der Frieden in Versailles unterzeichnet. Endlich haben sie welche gefunden die das Todesurteil unterzeichnen, natürlich auch unter Zwang. Nachdem Rantzau zurückgetreten u mit ihm auch die anderen Delegierten dieses „Schwerste“ nicht tun wollten war die Sache ganz kritisch. Auch Erzberger schlug ab, derjenige welcher doch sonst sehr dafür war. Man glaubte nun, die Unterzeichnung würde sich nochmals um mehrere Tage verzögern aber heute bringt die Zeitung die Nachricht, daß Minister Müller + Dr. Bell morgen Nachmittag 3 Uhr unterzeichnen werden. Ein schmerzensvoller Tag für Deutschland. –

Das was unsere Feinde seit 4 Jahren wollen ist geschehen.

29 Juni. Der Friedensunterzeichnungsakt im Spiegelsaal z Versailles ist am 28 Juni, nachm. 2.15 erfolgt. Diese Zeilen genügen! –

30 Juni. Nun haben wir den Frieden, aber wie ich schon niederschrieb, nicht wie gewollt. Die Unterschrift ist uns aufgezwungen! Heute schreiben schon die Eng. Zeitungen, daß es kein dauerhafter Fried. Sein könne. Man müsse bei der Ratifizierung noch Milderungen einfließen lassen. Sie sehen also jetzt schon ein, daß sie zu viel verlangt haben. Die Ratifizierung soll in einem Monat beendet sein. Bis dahin bleibt in den besetzten Gebieten der Verkehr noch gesperrt und es geht alles noch wie seither weiter in „Militärischer Weise“. Die Besatzung hat heute wieder gewechselt. Für die 114er haben wir 125er bekommen. Die Amerikaneer welche seit Mittwoch hier waren zum Bahnschutz pp, sind heute wieder fort, und wir sagen Gott sei dank! Betrunken sind die Kerls meist gewesen und roh dann geworden. Ob es in der 10jährigen Besetzungszeit überhaupt viel besser bei uns wird, wir nicht ewig von allem abgesperrt bleiben ist noch die große Frage!

Erstellt am: 28.01.2014

Red. Bearb. Katharina Thielen