Bingerbrück in Rheinhessen

Erzbischof Hatto und der Mäuseturm

1. Fassung

Im 10. Jahrhundert regierte in Mainz Erzbischof Hatto II (968-870). Hatto war ein sehr harter und geiziger Mann, der trotz seines ungeheuren Reichtums die Hand lieber zum Segen als zum Almosengeben ausstreckte. Wiewohl seine Scheuer voll Korn und seine Schatzkammern voll Gold waren, konnte er doch nie genug bekommen und erpresste unbarmherzig seine Untertanen.

Da aber geschah es, daß infolge einer Teuerung die Hungersnot in seinem Lande ausbrach. Viele Leute kamen dadurch elendig ums Leben. Noch mehr jedoch versammelten sich, hohlwangig und gar erbärmlich anzusehen, um die bischöfliche Burg, wo sie nach Brot schrien. Hatto verweigerte es ihnen und schalt sie überdies ein ebenso lästiges wie unnützes Volk, das bisher lieber gefaulenzt als gearbeitet hätte.

Weil aber die schrecklich hungernden Leute auch auf diesem Schimpf hin nicht abzogen, sondern in ihrer Leibesnot noch flehentlicher nach Brot verlangten, sandte der Bischof seine Schergen gegen sie aus und ließ sie festnehmen, soviel ihrer auch waren, Männer und Frauen, Greise und Kinder. Dann befahl er, die Gefangenen in eine alte Scheune einzusperren und diese in Brand zu stecken. Es geschah, und da erscholl ein grauenhaftes Schreien aus den bald hoch auflodernden Flammen. Der steinharte Bischof jedoch wurde nicht im mindesten davon beindruckt. Vielmehr spottete er noch: "Hört nur, die Mäuse pfeifen."

Und kaum hatte er diese boshaften Worte ausgesprochen, als das Strafgericht Gottes über ihn kam. Aus der brennenden Scheune quoll nämlich eine riesige Schar von Mäusen hervor, die wimmelnd zum Schloß des Bischofs flutete und in dieses eindrang. Hals über Kopf mußte da Hatto flüchten. Allein, wohin er auch lief und später ritt, aus Mainz hinaus und durch vieler Herren Lande, überall hin folgte ihm die mausgraue Flut der schrecklichen Tiere wie eine Schleppe.

Schließlich, als der Bischof selbst vor Sorge und Not so abgezehrt und hohlwangig war, wie einst die Hungernden vor seiner Burg, wußte er sich keinen anderen Rat mehr, als auf einer kleinen Rheininsel bei Bingen einen hohen Turm errichten und darin im obersten Stockwerk ein an Ketten hängendes Bett anbringen zu lassen. Dorthin flüchtete er sodann. Wenn er aber gehofft hatte, hier Frieden zu finden, irrte er sich.

Eines Morgens wimmelte es von Mäusen um den Turm, und immer noch kamen neue herangeschwommen. Hatto, der ihnen entsetzt ausweichen wollte, stürzte über die kribbelnde, an ihm hinaufschnellende und sich an ihm festbeißende Schar angsterfüllt zum Kahne hin und gedachte, nach dem rechten Rheinufer überzusetzen. Doch das Boot war bereits zernagt und lag unbrauchbar im Wasser. Da wandte sich der Bischof wieder dem Turme zu und hetzte die Treppe hinauf. Tür um Tür schlug er dabei hinter sich zu. Droben, im obersten Geschoß, verkroch er sich erschöpft in seinem Bette. Und hier fand er nun sein Ende. Wenige Tage später, als sich die furchtbare Schar der Mäuse wieder verzogen hatte und spurlos verschwunden war, fand man im Turme nur noch das Gerippe des Bischofs. Die Mäuse hatten ihn bei lebendigem Leibe aufgefressen. Seitdem hat man Hatto noch oft als eine ungewisse und unruhig hin und her schwebende Nebelgestalt nachts bei dem Turme gesehen, der bis auf den heutigen Tag der "Maus-" oder "Mäuseturm" genannt wurde.

2. Fassung

Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- das sogenannte Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres, halbzertrümmertes Gemäuer. Es ist „Hattos Turm“. Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. "Mäuseturm" nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet.
Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh und hart war und unempfänglich gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, sodass viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher mit Korn gefüllt waren, öffnete diese dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels.
Als nun die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fielen sie in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an, und als dies umsonst war, murrten sie und fluchten in ohnmächtiger Wut dem Tyrannen. Und ob sein Herz sich nicht vor Mitleid regte, wurde es doch rege vor Zorn. Er ergrimmte und schickte seine Schergen aus, um die Murrenden zu fangen, sperrte sie in eine große Scheune ein und ließ Feuer daranlegen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis herauf an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief er in teuflischem Hohn: „Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen ?“
Aber still wurde es unten, und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen vermochten nicht, die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und nicht die Brosamen auf der Tafel blieben verschont und nicht der Bissen, der zum Munde geführt wurde.
Da ergriffen Furcht und Entsetzen alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen die Nähe des Geächteten.
Der Bischof aber wollte entrinnen, bestieg ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch Tausende von Mäusen krochen wiederum mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg er bebend vor Angst, stumm vor Entsetzen die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts von ihm übrig.
So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.

3. Fassung

Am Eingang zur schauerlichen Felsschlucht, in die sich der Rhein bei Bingen hineinzwängt, erhebt sich auf dem rechten Ufer des Stroms zwischen den Gesträuchen und Weinbergen der Rüdesheimer Höhen die Ruine der stolzen Burg Ehrenfels; inmitten der brausenden Fluten des Rheins aber ragt auf einer Felseninsel ein düsteres Gemäuer empor, das unter dem Namen „Mäuseturm“" oder „Hattos Turm“ berüchtigt geworden ist. Das alte Bauwerk steht hart bei dem sogenannten Binger Loch, wo der Strom über Klippen rauscht und nur eine enge Durchfahrt freilässt, die man einst für sehr gefährlich hielt; man glaubte, dass die Trümmer von Fahrzeugen, die das Binger Loch verschlungen, an der Felsenbank von St. Goar wieder zum Vorschein kämen. Aber seit langer Zeit kennt der Schiffer diesen Weg so genau, dass die Durchfahrt nur bei Sturm bedenklich ist; jetzt sind die meisten der gefährlichen Felsen gesprengt.
Im Anfang des zehnten Jahrhunderts lebte in jener Gegend ein gewisser Hatto, der durch Wohlleben, Übermut und Hartherzigkeit weithin verrufen war. Der ehrgeizige Mann wurde schließlich zum Erzbischof von Mainz erhoben. Nachdem er jahrelang seines Amtes gewaltet hatte, wurde das gesegnete Land am Rhein von schweren Plagen heimgesucht. Schwüle Hitze brannte die reichen Felder aus; eine starke Wasserflut vernichtete alle Hoffnung auf die Ernte; überall herrschte Not und Teuerung. Nur Hatto spürte nichts davon; denn seine Speicher waren gefüllt, und er scheute sich auch nicht, üblen Getreidewucher mit seinen Vorräten zu treiben.
Die Not stieg immer höher, und das arme, ausgehungerte Volk bestürmte den reichen Kirchenfürsten mit der flehentlichen Bitte um Brot. Der hartherzige Mann aber wollte nicht an seine Pflicht erinnert werden und ließ die Armen fortjagen; es seien nur Müßiggänger, sagte er, die sich ihr Brot auf leichte Art durch Bettel erwerben wollten. Doch nur umso stärker erscholl die Klage, man hörte sogar Worte der Verwünschung, aus der die Verzweiflung zu erkennen war. Denn der Erzbischof hatte sich beim Volke durch Bedrückungen schon längst verhasst gemacht; immer neue Bittsteller vermehrten die Schar der Flehenden, die schließlich mit Gewalt zu drohen schienen, da er ihrem Flehen kein Gehör schenkte.
Hatto sah darin einen Aufstand, rief seine Waffenknechte herbei und befahl ihnen, die frechen Empörer zu ergreifen. Die Söldner stürmten heran und zerstreuten die zusammengerottete Menge nach kurzem Widerstand. Groß war die Zahl derer, die man gefangen ins Schloxx führte.
"Sie trachten nach meiner Frucht", erklärte Hatto mit bitterem Hohn. "Gut! Man sperre sie in eine der Scheunen!" Die Knechte schleppten die Ärmsten hinein, und der grausame Herr befahl, die Scheune in Brand zu stecken. Bald loderten die Flammen ringsum empor, und das Klagegeschrei der Unglücklichen, für die jeder Weg zur Rettung verschlossen war, drang zum Himmel. Mit satanischem Gelächter rief der Bischof: "Hört doch, hört, wie die Kornmäuse pfeifen!" Den Aufruhr hatte der Bösewicht nun unterdrückt, der Strafe Gottes aber vermochte er nicht zu entrinnen.
Als sich Hatto am Abend nach dem Mahle in sein prächtiges Schlafgemach zurückzog, hörte er plötzlich ein sonderbares Gepolter und ein durchdringendes Pfeifen. Kalter Schauer fuhr ihm durch die Glieder. Mit einemmal sprangen Mäuse aus allen Wänden und Ritzen und fielen über den erschrockenen Mann her. Heulend rief er seine Diener zu Hilfe; aber sie konnten den dichten Haufen der Tiere nicht, abwehren; die Leute bekreuzten sich entsetzt und flohen. Endlich warf sich Hatto zu Pferd, eilte mit einem Trupp seiner Knechte stromabwärts und suchte Schutz in der Burg Ehrenfels. Doch die Plagegeister wimmelten auch hier durch das ganze Schloss, ihn mit scharfen, quälenden Bissen verfolgend.
Nun erwachte Hattos Gewissen, er fühlte seine Sünde und flehte zum Himmel um Hilfe. Aber die gerechte Strafe, die ihn treffen sollte, war noch nicht vollendet. Er floh daraufhin auf einem Kahn zu dem einsamen Turm, der sich auf der kleinen Rheininsel erhob, und - ließ dort sein Bett an Ketten aufhängen. Aber die Mäuse schwammen durch die Flut, kamen ihm nach, schlüpften durch alle Gitter und Löcher und nagten mit scharfem Biss so lange an seinem Leib, bis der geistliche Würdenträger den Geist aufgab. Ja, selbst sein Name, der in die Tapeten des Gemachs gewirkt war, wurde von den Tieren zernagt.xxx Kaum war dies geschehen, so zerstreute sich das ganze Heer der Mäuse und wurde nicht mehr gesehen. Der Ort aber, wo der Bischof seinen gerechten Lohn gefunden, heißt von jener Zeit an der "Mäuseturm". Noch oft soll bei Nacht, wenn der Sturm braust und die Woge grollt, sein Geist gleich einer grauen Wolke das uralte Gemäuer umschweben; somit hat der Bischof wegen seiner schweren Schuld noch immer nicht die ewige Ruhe gefunden.

Nachweise

Redaktioenlle Bearbeitung: Ann-Kathrin Zehender

Verwendete Literatur:

Aktualisiert am: 12.05.2014