Geschütze im Mittelalter
Bei den Geschützen gab es Arten, die auf einem Balkengestell befestigt waren oder auf die Erde legte und mit dem hinteren Teil in die Erde eingraben wurden. Alle frühen Geschütze (Büchsen) waren Frontlader, d.h. sie wurden von vorne mit Hilfe eines Stückladers aus Kupfer bestückt. Zunächst füllte man Pulver hinein, dann führte man einen hölzernen Pfropfen und zum Schluss die Kugel ein. Das Feuer am Zündloch wurde mit einer brennenden Kohle oder einem glühenden Eisen (Lunte) entfacht. Im 15. Jahrhundert gab es auch Treibladungen, die entweder am Ende des Rohres eingesetzt oder daran angefügt wurden. Anfänglich gab es eher große Geschütze, doch strategische Überlegungen und vor allem Transportprobleme führten dazu, dass man bald auch kleinere Geschütze entwickelte. Bereits im 15. Jahrhundert gab es ein reiches Waffenarsenal. Die Namen der verschiedenen Büchsen bezogen sich entweder auf die Art des Geschosses, des Kalibers oder die Art der Lafettierung.
Die Lotbüchse des 14./15. Jahrhunderts war beispielsweise eine kleinkalibrige Feuerwaffe, die Kugeln aus Lot ( =Blei) verschoss. Wagen-und Karrenbüchsen besaßen ein Räderuntergestell, die Bock- oder Klotzbüchse stand auf einem festen Holzgestell. Ähnlich verhielt es sich wohl auch mit den sog. Terras-, Haupt-, Zentner- und Ringelbüchsen.
Genaueres über Aussehen und Beschaffenheit zahlreicher in den Quellen genannter Waffen lässt sich oft nicht ermitteln. Dies trifft etwa auf folgende Waffen zu: (Scharf)Metzen, Karthaunen und Quarten (Quartane = Viertelsbüchse), Nachtigallen, Falken, Sperber, Singerin, Vögler, Falkonetten, Falkonen, Haufnitzen, Wurfkessel, Roller und Tümmler.
Steinbüchsen
Dieses älteste der mittelalterlichen Belagerungsgeschütze wurde in verschiedenen Größen mit unterschiedlicher Lafettierung erbaut. Wie der Name schon sagt, wurden aus den Steinbüchsen große Steinkugeln abgefeuert, manche mit einem Durchmesser bis zu 80 cm. Das Gewicht der Kugeln konnte zwischen 50 und 450 Pfund betragen.
Anfangs wurden Steinbüchsen in der sog. Stab-Ring-Technik hergestellt, d.h. von Ringen umklammerte aneinander geschmiedete Bandeisen. Ende des 14. Jahrhunderts ging man dazu über, Steinbüchsen aus Bronze zu gießen. Die Steinbüchse war ein Frontlader. Der vordere Teil bestand aus einem dicken Rohr (Flug), der hintere Teil aus der im Durchmesser kleineren Kammer für die Pulverladung. Am oberen Ende dieser Kammer befand sich das Zündloch.
Mörser
Der Mörser war eine grobe Feuerwaffe, auch Böller genannt. Kennzeichen des Mörsers waren großkalibrige Ausführung und kurzer Flug (Als Flug bezeichnet man den von der Pulverkammer abgesetzten Vorderteil des Rohres zur Aufnahme der Kugel).
Schon früh fertigte man Mörser aus geschmiedeten Eisenstäben, die wie die Dauben eines Fasses aneinandergefügt und durch Reifen verbunden waren. Doch schon Mitte des 14. Jahrhunderts bestand der Mörser aus geschmiedetem Eisen. Aufgrund seiner Größe und seines gewaltigen Rückstoßes musste er in einem massiven Holzunterbau fixiert werden. Im Laufe der Zeit begann man die Geschützstücke aus Metallguß herzustellen und die Mörser erreichten riesige Ausmaße.
Bombarde
Die Bombarde (Donnerbüchse) war aus geschmiedetem Eisen. Sie war eigentlich ein Mörser, hatte aber an beiden Enden eine Öffnung. Die Pulverladung wurde am untere Ende, am sog. Bodenstück, eingefüllt. Diese Öffnung wurde durch Metall- und Holzkeile verschlossen. Die Kugel wurde am oberen Rohrende eingeführt. Großkalibrige Bombarden konnte man erst bauen, als man eine wichtige Neuerung einführte. Da man den Rohrdurchmesser nicht einfach radikal vergrößern konnte, weil das Pulver nicht hermetisch abgeriegelt werden konnte (dies war für die Zündung und Explosivität des Pulvers absolut notwendig), fügte man an das Rohr (Vorhaus oder Flug) eine Kammer mit kleinem Durchmesser an. Die kleine Kammer, die das Pulver aufnahm, konnte mit einem Klotz aus weichem Holz verkeilt und verschlossen werden. In den Flug legte man die teilweise riesigen Steinkugeln. Die Bombarde war, in verbesserter Ausführung, in Deutschland noch im 16. Jahrhundert in Gebrauch.
Legstück
Das Legstück, ein schweres Rohrgeschütz des 14./15. Jahrhunderts wurde am Boden liegend abgefeuert. Bei Belagerungen musste zunächst eine Holzbettung gezimmert und das Geschütz darin fixiert werden oder man sicherte es am rückwärtigen Ende mit in den Boden getriebenen Holzpflöcken. Nur so war es möglich, das Geschütz auszurichten und vor allem den Rückstoß abzufangen. Kleinere Legstücke wurden zusammen mit der Holzverschalung an den Einsatzort transportiert.
Schlangen
Schlange war seit dem 15. Jahrhundert die Bezeichnung für ein Geschütz, das im Verhältnis zum Kaliber ein besonders langes Rohr hatte. Die Schlange war ein typisches Flachbahngeschütz mit großer Durchschlagskraft, das bei Belagerungen und auch bei der Feldschlacht (Feldschlange) verwendet wurde. Die schwersten Geschütze dieser Art, die "Not- und Quartierschlangen", wogen bis zu 3 Tonnen und waren bis zu 4 Meter lang. Sie mussten mit einem Dutzend Pferde mühsam zum Einsatzort gezogen werden und verschossen Eisenkugeln mit einem Durchmesser bis zu 15 cm. Die kleinste Ausführung ("Schlänglein") war nur 50 - 100 kg schwer, konnte von einem Pferd gezogen werden und verschoß Blei- oder Eisenkugeln bis zu 5 cm Durchmesser.
Vogler
Der Vogler (veuglaire) des frühen 15. Jahrhunderts war ein leicht zu handhabendes Hinterlader-Geschütz, das aus zwei Teilen bestand, dem Flug (Als Flug bezeichnet man den von der Pulverkammer abgesetzten Vorderteil des Rohres zur Aufnahme der Kugel) und der Zündkammer. Besonderes Merkmal dieses Geschützes war eine herausnehmbare Kammer für die Pulverladung. Man baute die Vogler zunächst in Ring-Stab-Technik, dann goss man sie aus Eisen und seit 1450 aus Bronze.
Doppelhaken
Der Doppelhaken war doppelt so groß wie die einfache Hakenbüchse. Außerdem hatte er nicht nur einen, sondern zwei Hähne, die in entgegengesetzter Richtung niederschlugen. Dieses Geschütz musste wegen seines enormen Gewichtes und seines gefährlichen Rückstoßes auf einen Bock montiert werden, der zusätzlich am Boden verankert wurde. Der Doppelhaken wurde vor allem zur Verteidigung der Burgwälle genutzt und hatte eine Länge von bis zu zwei Metern. Mit seinem Rohr konnten bis zu 15 kg schwere Stein-, Blei- oder Eisenkugeln abgeschossen werden.
Wirkung der Geschütze
Das Bahnbrechende an den neuen schweren Feuerwaffen war, dass im Gegensatz zum Bogenschuss der alten Belagerungsmaschinen nun ein horizontaler mauerbrechender Flachschuss möglich war. Richtig angewendet konnten Feuergeschütze schon früh großen Schaden anrichten und zuweilen sogar Kämpfe entscheiden, wie z.B. die Belagerungen der Burgen Tannenberg (1399) und Harzburg (1412) zeigen.
Die mehr als 300 Meter über der Rheinebene gelegene Burg Tannenberg wurde 21 Tage lang von fünf großen Kanonen aus etwa 200 bis 250 Meter Entfernung beschossen. Die große Frankfurter Büchse gab am ersten Tag ein Schuß ab, der im Turm stecken blieb, ein anderer riss ein großes Loch hinein. Die Steinkugeln hatten einen Durchmesser von 1 bis 2 ½ Fuß (ca. 30-75 cm). Auch Blei- und Eisenkugeln wurden abgeschossen. Nach sieben Tagen war eine breite Bresche in die Mauer gebrochen, die den Angreifern den Weg in die Burg frei gab. Die Verluste bei den Verteidigern waren verheerend; nur fünf von anfänglich 68 Mann blieben am Leben.
Doch zunächst konnten die Verteidiger auf die Unbezwingbarkeit ihrer mittelalterlichen Burgmauern selbst dann noch bauen, wenn Feuerwaffen im Spiel waren.
Im Bayerisch-Pfälzischen Krieg (1504/1505) ließ König Maximilian I. (1486-1519) im Jahr 1504 Burg Kufstein belagern. Die Verteidiger unter Hauptmann Hans von Pienzenau ließen zum Spott die von Maximilians berühmter "artolerey" heraufgeschossenen Kugeln "von den Mauern fegen" (Kufsteiner Kugelkehren). In seiner Ehre gekränkt ließ der König "stärkeres Geschütz" auffahren. Die in Stellung gebrachten großen Bombarden führten die Wende herbei. Bevor die Angreifer durch die schnell geschossenen Breschen stürmen konnten, kapitulierten die Burginsassen. Der Burghauptmann und elf seiner Kriegsleute wurden hingerichtet.
Im Lauf des 15. Jahrhunderts wurden die Feuerwaffen immer weiter verbessert und entwickelten vollends ihre mauerbrechende Kraft. Doch nicht nur ihr gewaltiges Zerstörungspotential, sondern auch psychologische Elemente spielten eine große Rolle bei der Burgeroberung. Der laute Geschützdonner, das grelle Mündungsfeuer, das die Nacht zum Tag machte, sowie der stechende Pulverdampf schüchterten die Burginsassen ein und trieben sie zur Aufgabe.
Nachteil der Feuergeschütze war, dass sie wegen ihres enormen Gewichtes nur mühsam zum Einsatzort, vor allem zu Gipfelburgen, transportiert werden konnten. Zudem benötigten sie komplizierte Untergestelle und Lager. Ihre Bedienung war umständlich und zum Laden brauchte man mindestens eine Viertelstunde. Bis das Rohr nach einem Schuss so weit abgekühlt war, daß es nachgeladen werden durfte, konnten Stunden vergehen. Deshalb blieb den Belagerten meist ausreichend Zeit, Schäden an den Mauern zu reparieren, Breschen mit Mauern, Palisaden und Gräben wieder zu schließen. Auch die Geschützmeister selbst lebten in der Frühzeit der Feuergeschütze gefährlich. Häufig kam es vor, dass Geschützrohre platzten, weil die Materialwahl und Gusstechnik einzelner Schmiede und Gießereien noch nicht ausgereift war.
Im Jahr 1437 zersprangen beispielsweise den Zürichern zwei Geschütze bei der Belagerung von Burg Freudenberg bei Ragaz und 1504 ging die viel gerühmte große Büchse der Haller Bürger vor Burg Weinsberg zu Bruch.
Starker Regen konnte die Kriegführung mit Feuerwaffen erschweren, da das Pulver durch die Nässe leicht unbrauchbar wurde.