Landau in der Pfalz

0.Landau im Ersten Weltkrieg

0.1.Landau vor Ausbruch des Krieges

Die bis 1871 als Festungsstadt geltende Stadt Landau befand sich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einer Phase der Umgestaltung. Seit Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 wurde im Rahmen einer groß angelegten Stadterweiterung die Entfestung der Stadt vorangetrieben, d.h. viele Verteidigungswerke wurden abgerissen. Um die Jahrhundertwende wurde die gebräuchliche Bauform des Historismus allmählich von neueren Formen des Jugend-, Heimatschutz- und Reformstils abgelöst.[Anm. 1] So schrieb schon 1890 ein bayerischer Militärbeamter, dass „[…] Landau in die Reihe der modernen Städte getreten ist und mit der Zeit als schönste Stadt der Pfalz gelten wird.“[Anm. 2] Der Bauboom, in dessen Zuge Landau zu einer offenen Stadt wurde, fand mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein jähes Ende.[Anm. 3]

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0.2.Die Situation während des Krieges

Zu Beginn des Krieges 1914 war in der damaligen Garnisonsstadt Landau auch nach Aussage neuer Veröffentlichungen die Kriegsbegeisterung innerhalb der Bevölkerung vorherrschend.[Anm. 4] Viele Landauer waren stolz auf ihre Soldaten und verabschiedeten die ausrückenden Truppenverbände feierlich: „Der Durchmarsch der Truppen auf der Eisenbahn geht ruhig und sicher. Junge Dämchen bewirten die Soldaten mit Wasser, Tee, Milch, geben Brot, Eier, Schokolade, Zigarren und Zigaretten an die herausgestreckten Hände. […] Die Wagen sind theils mit Grün geschmückt und tragen Inschriften, wie: „Nach Paris, Inhalt Franzosenfresser“ und dergleichen.“[Anm. 5] Jene Szenen in Landau wurden vom Künstler Heinrich Strieffler als Zeichnungen festgehalten. Mit Accessoires wie Blumenschmuck und Fähnchen ergänzt, wurden diese kriegsverherrlichenden Bilder dann in Form von Postkarten verkauft und millionenfach im Deutschen Reich verschickt.[Anm. 6]

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Zur Unterstützung der örtlichen Truppe gab es freiwillige Hilfsdienste für Jungen, zu deren Aufgaben z.B. das Ausspähen des Luftraumes nach feindlichen Fliegern gehörte. Bemerkenswert ist jedoch der freiwillige Dienst der sog. Mädchenwehr bzw. Mädchenvereinigung: Jene Gruppe entstand im September 1914 und in ihr formierten sich Schülerinnen, die dem Frauenverein des Roten Kreuzes einfache Helferdienste anboten. Dazu gehörten z.B. der Dienst im Lazarett in Form von Küchenhilfe, Botendiensten oder das Bereitstellen von Verbandstoffen. Der freiwillige Dienst in dieser Gruppe war reglementiert. Alle Mädchen mussten das 13. Lebensjahr vollendet haben, weshalb für den Dienst ausschließlich Schülerinnen der höheren Mädchenschulen in Frage kamen. Eine Einwilligung der Eltern war erforderlich und die Dienstzeit durfte 2-4 Stunden pro Woche nicht überschreiten. Die Schulleitungen waren für die Einhaltung dieser Vorschriften verantwortlich. In Landau leisteten während des Krieges etwa 70 Mädchen gleichzeitig den freiwilligen Dienst. Nach kurzer Erprobungszeit mochten die Lazarette die zusätzliche Hilfe durch die Mädchen nicht mehr missen.[Anm. 7]

Auf die Hochstimmung zu Kriegsbeginn folgte mangels entscheidender Siege bald die Ernüchterung.[Anm. 8] Die Bewohner Landaus wurden zwar bis auf wenige Luftangriffe auf die Stadt gegen Ende des Krieges nicht in die Kämpfe mit hineingezogen, doch deren Auswirkungen erlebten sie hautnah mit.[Anm. 9] Die Zahl der ankommenden Verwundeten von der Front stieg rasant und die städtischen Lazarette, in die sie überführt wurden, vergrößerten sich schnell. Auch öffentliche Gebäude wie etwa die Festhalle wurden in Lazarette umgewandelt.[Anm. 10] Verwundete, die aus der Gegend stammten, durften sich auf besondere Genehmigung hin bei Angehörigen zur Genesung einquartieren. Nach einer Anordnung des Bezirksamtes Landau vom 12. November 1914 an alle Bürgermeisterämter des Bezirks hatten diese die Aufgabe, den Genesungsprozess dieser Soldaten zu überwachen und bei vollständiger Genesung dem Bezirkskommando Bericht zu erstatten.[Anm. 11]

Ebenfalls 1914 erließ das Bezirksamt Landau eine Verordnung an die Gemeinden über die Beanspruchung von Kriegsgefangenen. Da im Zuge von Rekrutierungen im Deutschen Reich viele Arbeitskräfte fehlten, sollten Kriegsgefangene als kostengünstiger Ersatz vor allem in der Landwirtschaft und beim Ausbau der Infrastruktur eingesetzt werden. Für deren Unterbringung und Bewachung durch militärisch ausgebildete Personen waren die Gemeinden selbst verantwortlich.[Anm. 12]

Mit Fortschreiten des Krieges und dem allmählichen Wirken der über das Deutsche Reich verhängten alliierten Seeblockade, trat ab Frühjahr 1915 der Mangel an lebenswichtigen Gütern immer deutlicher zu Tage. Besonders in der Pfalz war dies zu spüren. Obwohl die Versorgungslage ohnehin schlecht war, beschaffte sich das dort in Frontnähe stationierte deutsche Heer Waren für den Eigenbedarf, was eine zusätzliche Belastung für den örtlichen Markt darstellte. Mit Preisobergrenzen für Güter des täglichen Bedarfs sowie komplizierten Reglementierungen und Verordnungen wie etwa einer „Brot- und Mehlordnung für den Kommunalverband Landau“ versuchten die zuständigen Behörden, die gerechte Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Solche Verordnung sorgten allerdings dafür, dass Waren zunehmend an den Verordnungen vorbei auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden.[Anm. 13] In Landau selbst waren die Lebensbedingungen dank guter Verbindungen und Verwandtschaftsbeziehungen ins bäuerliche Umland noch erträglicher als in anderen Städten.[Anm. 14]

In Landau wurde am 30. Januar 1916 ein hölzernes Soldatenstandbild vor dem Portal der Stiftskirche aufgestellt. Wegen der grauen Uniform der deutschen Soldaten wurde dieses Bildnis auch „Feldgrauer“ genannt. Dort, wie in vielen anderen Orten wurden solche hölzernen Kriegswahrzeichen errichtet, die dann großflächig mit eisernen Nägeln beschlagen wurden. Die Idee dahinter war, dass Bürger einen gewissen Geldbetrag für Bedürftige und Kriegsversehrte spendeten und dafür einen Nagel ins Standbild schlagen durften. Heute steht dieser „Nagelsoldat“ im Keller des Städtischen Museums Landaus. Über 700 solcher Nagelbilder wurden im Deutschen Reich während des Krieges aufgestellt.[Anm. 15]

Am 20. Mai 1918 wurde Landau erstmals von feindlichen Flugzeugen bombardiert. Hierbei handelte sich es um „Notabwürfe“ englischer Flugzeuge, die eigentlich Ludwigshafen zum Ziel hatten. Insgesamt 18 Bomben trafen die Stadt, zwei Menschen starben und zwei wurden verletzt. Trotz verhältnismäßig geringer Schäden, war der Schock, der bisher vom eigentlichen Kampfgeschehen verschont geblieben, Landauer Bevölkerung, gewaltig. Am 30. Juni wurde Landau erneut aus der Luft angegriffen.[Anm. 16]

0.3.Kriegsende und Folgen

Im Herbst 1918 hatte die Landauer Bevölkerung kaum noch Zuversicht auf einen siegreichen Ausgang des Krieges; Unmut über eine bevorstehende Niederlage herrschte vor. Die Anzeichen für ein nahendes Kriegsende waren spürbar: Schulen wurden geschlossen, Theater- und Kinovorführungen verboten. Viele Bewohner befürchteten einen baldigen Einmarsch der Franzosen und brachten daher ihre wertvollste Habe über den Rhein zu Verwandten und Freunden in Sicherheit.[Anm. 17]

Nach dem Abschluss des Waffenstillstands am 11. November 1918 strömten Kolonnen deutscher Soldaten von der Front zurück ins Reich. Landau war als Garnisonsstadt Sammelpunkt vieler heimkehrender Truppenverbände und so wurde den Landauern die erlittene Niederlage noch deutlicher vor Augen geführt.[Anm. 18] Am 12. November übernahm ein kurz zuvor gegründeter Arbeiter- und Soldatenrat die Kontrolle über die Stadt. Auf Flugblättern proklamierte dieser, sich um die Verwaltung der Stadt sowie um die Erhaltung der öffentlichen Ordnung kümmern zu wollen. Dies stellte auf Grund der vielen demoralisierten und in Auflösung begriffenen Soldatenverbände, welche kaum noch militärische Befehle akzeptierten, eine große Herausforderung dar.[Anm. 19]

Der Arbeiter- und Soldatenrat wurde mit der französischen Besetzung Landaus am 1. Dezember aufgelöst. Am 4. Dezember zog der später bei den Pfälzern verhasste französische General Gérard, Kommandant der Besatzungstruppen, in die requirierte Villa Ufer ein.[Anm. 20] Freundliche Kontakte zwischen den Landauern und den französischen Besatzern gab es auf Grund der zunächst geplanten Anbindung des linksrheinischen deutschen Gebietes an Frankreich, die von vielen Pfälzern abgelehnt wurde, und des 1920 ausbrechenden Ruhrkampfes sowie der Ruhrbesetzung 1923 kaum.[Anm. 21] Außerdem musste die Garnisonsstadt Landau ein großes französisches Truppenkontingent beherbergen. Dies war in der Folgezeit eine der spürbarsten Belastungen für die Landauer im Alltag, da sich die französischen Soldaten häufig in die Häuser der Bevölkerung einquartierten und nicht in die Kasernen Landaus. Diese waren angeblich in sehr schlechtem Zustand. Die daraus resultierende Wohnungsnot bestand, trotz des Neubaus von insgesamt 864 Wohnungen, bis zum Abzug der Franzosen 1930.[Anm. 22]

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Literatur:

  • Arnold, Alfred: Landau zwischen 1800 und 1950. Eine bewegte Zeitreise. Landau 2009.
  • Dell, Peter; Knecht, Markus (Hg.): Landau in der Pfalz. Landau 2001.
  • Heil, Peter: Von der ländlichen Festungsstadt zur bürgerlichen Kleinstadt. Stadtumbau zwischen Deutschland und Frankreich. Landau, Haguenau, Selestat und Belfort zwischen 1871 und 1930 (Geschichtliche Landeskunde, Bd. 49). Stuttgart 1999.
  • Krauß, Martin; Rummel, Walter (Hg.): „Heimatfront“ – Der Erste Weltkrieg und seine Folgen im Rhein-Neckar-Raum (1914-1924). Ubstadt-Weiher 2014.
  • Martin, Michael: Kleine Geschichte der Stadt Landau. Karlsruhe 2006.

Verfasser: Hauke Petersen

Erstellt am: 20.08.2014

Anmerkungen:

  1. Vgl. Dell, Peter; Knecht, Markus (Hg.): Landau in der Pfalz. Landau 2001, S. 81; Heil, Peter: Von der ländlichen Festungsstadt zur bürgerlichen Kleinstadt. Stadtumbau zwischen Deutschland und Frankreich. Landau, Haguenau, Selestat und Belfort zwischen 1871 und 1930 ( Geschichtliche Landeskunde, Bd. 49). Stuttgart 1999, S. 10ff. Zurück
  2. Martin, Michael: Kleine Geschichte der Stadt Landau. Karlsruhe 2006, S. 135. Zurück
  3. Vgl. ebd. Zurück
  4. Vgl. ebd; Arnold, Alfred: Landau zwischen 1800 und 1950. Eine bewegte Zeitreise. Landau 2009, S. 37. Zurück
  5. Martin: Landau, S. 135. Zurück
  6. Vgl. Arnold: Landau, S. 38. Zurück
  7. Vgl. StA Landau, A VI Nr 47 I–III. Zurück
  8. Vgl. Martin: Landau, S. 136. Zurück
  9. Vgl. Krauß, Martin; Rummel, Walter (Hg.): „Heimatfront“ – Der Erste Weltkrieg und seine Folgen im Rhein-Neckar-Raum (1914-1924). Ubstadt-Weiher 2014, S. 12. Zurück
  10. Vgl. Arnold: Landau, S. 39. Zurück
  11. Vgl. Krauß: „Heimatfront“, S. 69. Zurück
  12. Vgl. ebd, S. 75; Arnold: Landau, S. 42f. Zurück
  13. Vgl. Krauß: „Heimatfront“, S. 65. Zurück
  14. Vgl. Martin: Landau, S. 138. Zurück
  15. Vgl. Arnold: Landau, S. 41; Krauß: „Heimatfront“, S. 153; Martin: Landau, S. 137. Zurück
  16. Vgl. Krauß: „Heimatfront“, S. 109; Martin: Landau, S. 137ff. Zurück
  17. Vgl. Martin: Landau, S. 138. Zurück
  18. Vgl. ebd. Zurück
  19. Vgl. ebd, S. 140f; Krauß: „Heimatfront“, S. 187. Zurück
  20. Vgl. Martin: Landau, S. 142. Zurück
  21. Vgl. ebd, S. 145; Arnold: Landau, S. 45f. Zurück
  22. Vgl. Heil: Festungsstadt, S. 144f. Zurück