Einleitung
Zielsetzung und Methodik
Meine Erfahrungen als Schüler des Bischöflichen Knabenkonviktes Bensheim in den Jahren 1970 bis 1976 entwickelten sich – unter anfänglicher Anleitung des saarländischen Historikers Franz Josef Schäfer – ab dem Jahr 2010 zu einer Erschließung südhessischer und rheinhessischer Archivbestände. Mikrohistorische Ereignisse sowie lokale Biografien im Spiegel der allgemeinen Landes- und Nationalgeschichte darzustellen, ist das Ziel meiner Bemühungen.
Die Quellenarbeit vollzog sich im Dom- und Diözesanarchiv Mainz, Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Bundesarchiv Berlin sowie in den Stadtarchiven von Bensheim, Lorsch, Mainz und Flörsheim am Main.
Befragungen von Zeitzeugen und historischen Akteuren wurden nach Möglichkeit durchgeführt (z.B. mit dem ehemaligen Bensheimer Bürgermeister Georg Stolle [1938–2020] oder Angehörigen und Zeitzeugen von Verfolgten). Die behördliche Aktenlage konnte dadurch zuweilen ergänzt oder korrigiert werden. Bei zwei Aufsätzen über das Bensheimer Konvikt habe ich meine eigene Zeitzeugenschaft eingebracht.
Übersicht über die Veröffentlichungen
Die regionalgeschichtlichen Publikationen gliedern sich in folgende Themengruppen:
- Konvikt Bensheim:Geschichtsblätter Kreis Bergstraße (Band 44/2011, Band 45/2012, Band 58/2025), Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte (Band 64/2012), Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde (Band 83/2025).
- NS-Verfolgte und Opfer:Mainzer Zeitschrift (Band 109/2014), Mainzer Geschichtsblätter (Band 15/2014), Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde (Band 74/2016).
- Administrative Vorgänge im Kreis Bergstraße:Geschichtsblätter Kreis Bergstraße (Band 46/2013, Band 47/2014, Band 48/2015, Band 49/2016).
- Flörsheim am Main:Nassauische Annalen (Band 135/2024, Band 137/2026).
Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim
Teil I: Die Gründungs- und Konsolidierungsphase (1888–1939)
1888 eröffnete das Bistum Mainz in Bensheim ein Wohninternat (Konvikt) für Jungen, die das städtische Gymnasium besuchten. Die Akten des Dom- und Diözesanarchivs Mainz zeigen die tiefe religiöse Ausrichtung der Institution. Jährlich berichteten die Rektoren vom Berufsziel der Abiturienten, wovon nicht wenige das Priester- oder Ordensleben anstrebten. Herausforderungen bestanden im Ersten Weltkrieg, der Hyperinflation 1922/23, die zu gravierenden Versorgungsengpässen führte, sowie gelegentlich mit zahlungsunwilligen Eltern oder undisziplinierten Schülern. Rektor Eugen Mergler (1919–1930) gründete im Konvikt eine kostenpflichtige Privatschule für Spätberufene und Gymnasiumsanwärter, die gezielt auf das Latinum, Graecum und Abitur vorbereitet wurden.
Die Nationalsozialisten belasteten mit ideologischen Ansprüchen die Arbeit im Konvikt und verunmöglichten sie schließlich. Im Sommer 1939 musste das Internat auf Betreiben der NS-Behörden vorläufig geschlossen werden.
Publikation: Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim. Erster Teil: 1888–1939. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 44 (2011), S. 86–114.
Teil II: Die Wiedereröffnung und der allmähliche Niedergang (1950–1981)
Die Wiedereröffnung des Konvikts fand unter dem Namen „Schülerheim St. Bonifatius“ im Juni 1950 statt. Da die Hauptakten im Diözesanarchiv Mainz für diesen Zeitraum aus Datenschutzgründen gesperrt sind, stützt sich die Darstellung auf Bestände des Stadtarchivs Bensheim, Pressemeldungen sowie Zeitzeugenberichte (u. a. des langjährigen Bensheimer Bürgermeisters Georg Stolle sowie zahlreicher anderer Ehemaliger und meiner eigenen Zeitzeugenschaft).
Die Nachkriegsgeschichte gliedert sich in verschiedene Rektorate, deren Analyse den schrittweisen Niedergang der Institution aufzeigt:
- Karl Kunkel (1950–1955):Anknüpfung an die Vorkriegstradition mit starker religiöser Formung und Disziplin, dazu einem reichhaltigen Kultur- und Sportangebot für die Schülerschaft.
- Paulus Tillmann (1955–1959):Dokumentenbasierte, regelhafte Führung des Internats mit strengen Restriktionen bis in die Freizeitgestaltung.
- Karlhans Gerber (1959–1971) & Otto Lause (1971–1973):Zunehmende Orientierungslosigkeit und innere Entfremdung der Heimleitung; mit Lause wurde erstmals ein Laie eingesetzt, was zu antiautoritären, aber strukturell überfordernden Experimenten führte.
- Franz-Josef Thelen (1973–1979):Modernisierung nach sozialpädagogischen Grundsätzen. Das seinerzeit hochgelobte Rektorat gilt heute als schwarze Vergangenheit wegen Thelens Finanzbetrug und sexuellem Missbrauch von Konviktsschülern.
- Georg Berger (1979–1980) & Josef Deibele (1980–1981):Fehlbesetzung und Abwicklung. Im Sommer 1981 wurde das Konvikt trotz Schülerprotesten endgültig geschlossen. Seit 1983 dient das Gebäude als Rathaus der Stadt Bensheim.
Publikation: Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim. Zweiter (fragmentarischer) Teil: 1950–1981. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 45 (2012), S. 213–238.
Die Enteignung im Nationalsozialismus (1941–1944)
Eine Akte des Bundesarchivs Berlin belegt den rücksichtslosen Versuch des NS-Reichsstatthalters in Hessen, Jakob Sprenger (1884–1945), das Konviktsgebäude im Schnellverfahren zu enteignen und für staatliche und militärische Zwecke zu nutzen. Dagegen leistete das Bischöfliche Ordinariat Mainz hartnäckigen juristischen Widerstand. Ein geschickter Schachzug war die Einschaltung Berliner Ministerien. Kompetenzstreitigkeiten und ein Erlass Hitlers bezüglich der vorläufigen Aussetzung der Beschlagnahmung oder Enteignung von Kirchengut verzögerten die Angelegenheit entscheidend. Die Abhandlung belegt exemplarisch, wie das NS-Regime im Spannungsfeld zwischen absolutem Machtanspruch, bürokratischer Selbstblockade und kriegsbedingter Realität agierte.
Publikation: Die Enteignung des Bischöflichen Knabenkonviktes Bensheim durch das Land Hessen. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, Band 64 (2012), S. 277–289.
Elternbriefe Rektor Karl Kunkels (1950–1955)
Der erste Rektor des Konvikts nach der Wiedereröffnung schrieb 24 Elternbriefe (aufbewahrt im Stadtarchiv Bensheim), welche „das Leben im Heim“ unter Aspekten wie Erziehung, Schule, Religion, Kultur, Sport und wirtschaftlichen Nöten anschaulich schildern. Der ehemalige KZ-Häftling in Ravensbrück und Dachau, Karl Kunkel (1913–2012), strebte mit seinem engsten Mitarbeiter, Präfekt Siegfried Schramm (1907–1985), die Neuetablierung einer katholisch-humanistischen Werteordnung an. Kunkels Elternbriefe atmen den Geist der frühen Fünfzigerjahre mit Lichtspielhaus und AEG-Magnetophon, mit materiellen Sorgen und Aufbruchsstimmung nach dem Krieg.
Publikation: „Denn die Hauptaufgabe ist halt doch das Studium.“ Elternbriefe Karl Kunkels als Rektor des Konvikts Bensheim. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 58 (2025), S. 269–292.
Die innere Geschichte des Hauses und Auflösungserscheinungen aus der Zeitzeugenperspektive
Eine erneute Durchsicht der Konviktsakten im Dom- und Diözesanarchiv Mainz brachte Dokumente ans Licht, welche den Glaubensverlust der Heimleitung an die eigene Einrichtung bereits für die Sechzigerjahre belegen. Eine Grundrisszeichnung von 1965 weist konkrete Umplanungsentwürfe des Gebäudes für ein Gymnasium der „Englischen Fräuleins“ nach, im Mai 1969 hinterfragen Diözesanmitarbeiter den Sinn des Konvikts „in der heutigen Zeit“. Die religiöse Ausrichtung verblasste zunehmend, in den Siebzigerjahren wurden Versuche einer sozialpädagogischen Umgestaltung unternommen. Diese Phase eines schrittweisen Scheiterns einer kirchlichen Bildungseinrichtung wird quellenbasiert beleuchtet, auch aus subjektiver Zeitzeugenschaft. Trotz struktureller Mängel und Missständen (Rektorat Franz Josef Thelen) blieb das Konvikt bis zuletzt ein wichtiges und schützendes Zuhause für Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen.
Publikation: Quellen zur Geschichte des Konvikts Bensheim. Gelesen von einem Zeitzeugen aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Band 83 (2025), S. 255–278.
Opfer des Nationalsozialismus und Zivilcourage
Studienassessor Emil Darapsky (1906–1944)
Emil Darapskys Widerstand gegen das NS-Regime bestand nicht in irgendeiner Form öffentlicher Agitation, sondern in der stillen Verweigerung, sich zum Regime zu bekennen. In Mainz und im Konvikt Bensheim aufgewachsen, wurde der Studienassessor für Deutsch, Geschichte und Französisch von der NS-Schulbehörde zwischen 1937 und 1939 mit acht Versetzungen an Schulen in verschiedenen Städten schikaniert. Am 14. Oktober 1943 erfolgte seine Verhaftung aufgrund einer Denunziation. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode, am 30. Oktober 1944 fand im Zuchthaus Brandenburg-Görden die Hinrichtung statt. Das Gespräch mit Darapskys Tochter verdeutlichte die jahrzehntelange Traumatisierung in den Familien der Opfer.
Publikation: Emil Darapsky. Katholik in feindlicher Zeit. In: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst und Geschichte, Band 109 (2014), S. 147–155.
Die kommunistische Widerstandskämpferin Franziska Kessel (1906–1934)
Franziska Kessel, in ärmlichen Verhältnissen in Köln aufgewachsen, war von Juli 1932 bis März 1933 Reichstagsabgeordnete für die KPD. Nach dem Verbot der Partei organisierte sie den Widerstand im Rhein-Main-Gebiet. Durch Verrat eines Überläufers wurde sie im April 1933 von der Gestapo verhaftet und im Landgerichtsgefängnis Mainz inhaftiert. Für Propagandazwecke sollte sie in einem erneuten Reichstagsbrandprozess missbraucht werden. Isolationshaft, Hungerstreik und Folterverhöre zermürbten ihre Gesundheit und führten möglicherweise zur Erblindung. Am 17. April 1934 fand eine Wärterin Franziska Kessel morgens beim Aufschluss erhängt in der Zelle vor. Die Aktenanalyse entlarvt die behördlichen Vertuschungsmuster der NS-Justiz, die den Mord oder erzwungenen Selbstmord als Freitod darstellte.
Publikation: „Vorläufig bin ich noch in Einzelhaft“ – Franziska Kessel (1906–1934). In: Mainzer Geschichtsblätter. Lebensläufe in Zeiten der Diktatur, Band 15 (2014), S. 123–146.
Pfarrer Johannes Heinrich Heinstadt (1872–1956) in Lorsch an der Bergstraße
Die Weltanschauung des Nationalsozialismus lehnte der Lorscher Pfarrer Johannes Heinrich Heinstadt früh ab. 1929 kam es zu einer ersten spürbaren Konfrontation, als Heinstadt bei einer Beerdigung eines in Nürnberg getöteten Lorscher SA-Sympathisanten den Aufmarsch uniformierter Parteiformationen, darunter Adolf Hitler, untersagte. Nach dem 30. Januar 1933 verteidigte Heinstadt die katholische Jugendarbeit und verweigerte den Hitlergruß. Seine Verhaftung erfolgte im Januar 1934. Trotz Freispruchs durch das Sondergericht Darmstadt verhängten die Nationalsozialisten ein Aufenthaltsverbot für Lorsch. Der von Heimweh geplagte Heinstadt weigerte sich, ein erpresserisches Unterwerfungsschreiben zu unterzeichnen. Erst 1936 durfte er unter strengen Auflagen zurückkehren. Das Spannungsfeld zwischen katholischer Seelsorge und nationalsozialistischem Machtanspruch auf lokaler Ebene beleuchtet ein vielschichtiges Spektrum zwischen Auflehnung, defensiver Verteidigung und Anpassungsversuchen zur Deeskalation. Die Haltung des Lorscher Pfarrers Heinstadt bewahrte seiner Kirchengemeinde eine moralische Substanz gegenüber der Gleichschaltung des NS-Regimes.
Publikation: Johannes Heinrich Heinstadt, Pfarrer in Lorsch: Konflikt mit dem NS-Regime. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Band 74 (2016), S. 173–214.
Verwaltung, Gesellschaft und Justiz im Kreis Bergstraße
Fürsorgeerziehung im Nationalsozialismus (1934–1938)
Eine Akte des Staatsarchivs Darmstadt beleuchtet Anordnungen zur Fürsorgeerziehung im Kreis Bergstraße im Kontext der NS-Zeit. Erfasst sind 23 Schüler/innen und zwei Kleinkinder. Diebstähle, „Verwahrlosung“, Misshandlung durch Eltern sowie sexueller Missbrauch wurden als Hauptgründe für Fürsorgeanträge genannt. Erstaunlich wenige ideologische Floskeln tauchen in den Schriftsätzen auf. Die dokumentierte soziale Not widersprach dem Propagandaideal „deutschen Lebens“, was den Sachbearbeitern einen Spielraum für Sachlichkeit beließ. Die Schicksale verdeutlichen das Spannungsfeld zwischen dem Schutz der Kinder vor elterlicher Vernachlässigung und den repressiven Strukturen staatlicher Heimerziehung.
Publikation: „… um eine weitere Verwahrlosung zu verhindern“. Anordnungen zur Fürsorgeerziehung im Kreis Bergstraße in den Jahren 1934–1938. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 47 (2014), S. 221–235.
Behördliche Feiertagsregelungen der Nachkriegszeit (1945–1952)
Akten des Staatsarchivs Darmstadt mit Briefwechseln, Anträgen und Verordnungen vermitteln eine mikrohistorische Analyse der Feiertagsgesetzgebung an der Bergstraße im Zeitraum 1945–1952. Nach dem Krieg war der Rechtszustand unklar. Staatliche, kirchliche und wirtschaftliche Interessen stießen aufeinander. Rechtsunsicherheiten bezüglich der Schutzverordnungen von 1934 und 1946 sorgten für Diskussionen. Gemeindeverwaltungen, Gastwirte, Privatpersonen – alle wollten ihre Wünsche berücksichtigt sehen. Das Ringen um die gesellschaftliche und konfessionelle Neuordnung führte in Bensheim zur administrativen Aufteilung von Feiertagsregelungen nach einzelnen Stadtteilen.
Publikation: Behördliche Regelungen kirchlicher Feiertage an der Bergstraße in den Jahren 1945–1952. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 46 (2013), S. 219–232.
Bezirksgemeindearchivpflege durch Max Gorges (ab 1952)
Ab 1952 sichtete der pensionierte Oberzollinspektor Max Gorges (1893–1986) im Auftrag des Landkreises Bergstraße und des Staatsarchivs Darmstadt Gemeindearchive, um ihren Zustand nach den Kriegswirren zu beurteilen und die Archivpflege nach historischen Registraturplänen neu zu strukturieren. Er stellte die Rechtssicherheit von Gemeindebeständen (z. B. Wald- und Wasserrechte) wieder her und legte den Grundstein für die moderne Heimatgeschichtsforschung der Region. Eine breite Palette an Primär- und Sekundärquellen (Staatsarchivakten, Zeitungsartikel der 1950er-Jahre, Fachliteratur und Zeitzeugenangaben) fundieren den Beitrag über die Tätigkeit Max Gorges’.
Publikation: Max Gorges als Bezirksgemeindearchivpfleger. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 48 (2015), S. 231–245.
Polizeiliche Berichte über besondere Vorkommnisse (1955–1968)
Der Aufsatz erschließt eine Akte des Staatsarchivs Darmstadt, um die Diskrepanz zwischen zentralen ministerialen Vorgaben (Erlass vom 28. April 1961) und der tatsächlichen lokalen Polizeipraxis aufzuzeigen. Kriminalität, Unfälle und soziale Konflikte widersprechen dem Klischee der friedlichen westdeutschen Provinzjahre während des Wirtschaftswunders.
Publikation: Polizeiliche Berichte über besondere Vorkommnisse im Kreis Bergstraße von 1955 bis 1968. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Band 49 (2016), S. 164–178.
Lokal- und Seuchengeschichte von Flörsheim am Main
Das Kriegstagebuch des Bürgermeisters Jakob Lauck (1914–1919)
Jakob Lauck (1868–1935) amtierte von 1902 bis 1933 als Bürgermeister der Gemeinde Flörsheim mit knapp 5.000 Einwohnern. Sein Kriegstagebuch dokumentiert die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die kommunale Verwaltung und den Alltag an der „Heimatfront“. Patriotische Euphorie („August-Erlebnis“) war begleitet von Skepsis, banger Erwartung und Panikkäufen. Bald schon griff Ermattung um sich, die sich angesichts hoher Verlustzahlen und drastischer Entbehrungen steigerte zu Verbitterung und Niedergeschlagenheit. Jakob Laucks staatstreue, katholisch-konservative Position und seine Rolle als Ortsobrigkeit werden kritisch reflektiert.
Publikation: „Ersehnter Friede“. Die Kriegs-Chronik des Bürgermeisters von Flörsheim, Jakob Lauck, vom 25. Juli 1914 bis zum 3. Juli 1919. In: Nassauische Annalen, Band 135 (2024), S. 443–461.
Die Pest im Jahr 1666 und der „Verlobte Tag“
Die Primärquellen zur Pest in Flörsheim am Main in der Mitte des 17. Jahrhunderts sind spärlich und bestehen nur in Kirchenbucheinträgen der Pfarrer Münch und Dr. Lamberti. Für die Studie wurden deshalb die lokalen Geschehnisse in Flörsheim in den überregionalen und sprichwörtlich existenziellen Kontext historischer Epidemien eingebettet. Daniel Defoes Klassiker „Die Pest zu London“ lieferte die Vorlage für das Phasenmodell eines Epidemieverlaufs (Ignoranz, Ausbruch, Höhepunkt/Gelöbnis, Abflauen), der auf die Verhältnisse in Flörsheim mit gebotener Vorsicht transferiert wurde.
Im zweiten Teil der Arbeit wurde die Tradition und Transformation des lokalen Brauchtums des Prozessionsgelöbnisses vom 28. Juli 1666 zur Abwendung der Pest im Laufe der Jahrhunderte dargestellt, insbesondere hinsichtlich des Nassauischen Konfessionskonfliktes im 19. Jahrhundert, der Einschränkungen im Nationalsozialismus und der modernen ökumenischen Festkultur der Gegenwart.
Publikation: Verlobter Tag. Ein jahrhundertealtes religiöses Gelöbnis in Flörsheim am Main. In: Nassauische Annalen, Band 137 (2026), S. 165–185.
Schlussbemerkung
Eine Beobachtung aus dem Geschichtsunterricht mag noch angefügt werden: Mit einem Oberstufenkurs lasen wir am Smartboard gemeinsam den Aufsatz über Jakob Laucks Kriegstagebuch. Die Schülerinnen und Schüler waren ganz Ohr: Den Ersten Weltkrieg auf die lokale Ebene, alltägliche Belange und einzelne Menschenschicksale heruntergebrochen zu sehen, machte Geschichte für die Lerngruppe neu erlebbar. Das Potenzial der Lokalgeschichte, die mit den großen historischen Narrativen verbunden ist, erschloss sich ihnen.

