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Demographie, Mentalitätswandel und „natürliche Fruchtbarkeit“ im Hunsrück in der frühen Neuzeit

von Timothy G. Saunders

Die Kurzschlussgefahr – die Versuchung, aus einer ungenügenden Beweislage Schlussfolgerungen zu ziehen, die eine vorgefasste These bestätigen – lauert in der Arbeit des Historikers allgemein und selbstverständlich auch in der des Historiker-Demographen. Er arbeitet mit jahrhundertealten, unvollständigen und einseitigen Quellen, die für eine statistische Analyse bei der Erstellung nicht vorgesehen waren. Er "vergewaltigt" sie mit einer Methodik, die nur eine grobe Ähnlichkeit mit der Vorgehensweise eines Statistikers vorweist. Seine Ergebnisse sind stark interpretationsbedürftig, so dass die Suche nach Lösungen immer weiter weg von den ursprünglichen Interessensbereichen des Fachgebiets führt, bis hin zu einer Situation, in der die vermeintlichen bevölkerungsgeschichtlichen "Fakten" nur als Randerscheinung in umfassenderen sozialgeschichtlichen Untersuchungen eingebettet werden. Besonders schwierig wird es, wenn man von dem Historiker-Demographen erwartet, Mentalitätsgeschichte statistisch fassbar zu machen. Denn der Historiker will nicht so sehr etwas über Brauch und Sitte in einem bestimmten Ort erfahren, als vielmehr eine Kausalität von Verhaltensmustern erfassen, die eine geistesgeschichtliche Entwicklung mit einem Wandel des Bewusstseins und daher des Verhaltens verknüpft. Um die Frage "warum" gebührend beantworten zu können, muss die Frage "was" in den Hintergrund treten. Wenn die Beschreibung der Lage aber unzulänglich gelungen ist, ist ihre Interpretation überflüssig.

Typisch für die historische Demographie in Deutschland ist der Versuch, aus Mikrostudien allgemein gültige Thesen zu entwickeln. An der Schnittstelle zwischen dem Lokalen und dem Allgemeingültigen entstehen viele Missverständnisse, die zu einem verzerrten Bild der Bevölkerungsweise in historischer Zeit führen können. Man muss sich im klaren sein, welche Schlussfolgerungen zulässig sind. Aus einer Mehrzahl von Untersuchungen zu verschiedenen Orten kann man allgemein gültige Verhaltensmuster etwa für eine Region postulieren. Es ist durchaus berechtigt, auch unterschiedliche Ergebnisse – entsprechend gewichtet – zusammenzurechnen, um Durchschnittswerte – etwa für das weibliche Heiratsalter, für die Lebenserwartung oder die Höhe der Illegitimität – zu ermitteln. Aus einer Studie zu einem Ort könnte man – mit gebotener Vorsicht – schließen, dass bestimmte Phänomene vorgekommen sind, zum Beispiel Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Konfessionsgruppen oder sozialen Schichten. Man kann auch die Interaktion verschiedener Teile des demographischen Systems beobachten, aber die Erklärungsmodelle bleiben provisorisch und müssen in jedem Fall einer Prüfung durch weitere Mikrostudien unterzogen werden. Selbst wenn eine Mehrzahl von Mikrostudien vorliegt, ist es gewagt zu behaupten, dass ein bestimmtes Phänomen nie vorkam, oder dass ein bestimmter kausaler Zusammenhang etwa zwischen Mentalität und Verhalten immer bestand oder typisch für eine Zeit war. Bei aller Begeisterung für die Früchte des Forschens dürfen die Tücken der Methodik und die Beschaffenheit der Quellen nie aus dem Auge verlorengehen, wenn wir die für eine sozialgeschichtliche Interpretation wirklich geeigneten Ergebnisse herausfiltern wollen. [Anm. 1]

Die folgenden Ausführungen mögen demonstrieren, dass manche Fragen doch noch mit empirischen Mitteln erläutert werden können und müssen, und als Anregung dienen, diese Seite der historischen Demographie nicht zu vernachlässigen und nicht zu nur einem Werkzeug unter vielen bei breit angelegten wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlichen Werken zu degradieren. Eine Untersuchung der Kleinstädte im Hunsrück wurde mit den klassischen Methoden der historischen Demographie durchgeführt. [Anm. 2] Es handelt sich um eine große Mikrostudie, wobei die Datenmengen – es wurden beispielsweise 1321 Familien rekonstituiert und insgesamt über 20.000 Geburtseintragungen aufgenommen – für die Repräsentativität der Ergebnisse zumindest für dieses Gebiet im Zeitraum dieser Untersuchung sprechen sollten.

Kirchberg, Kastellaun und Gemünden waren zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Niedergang des Ancien régime kleine Acker-Bürger-Städte, jeweils Sitz einer herrschaftlichen Verwaltung, jeweils teilten sich – seit der Gegenreformation – zwei Konfessionsgruppen die Stadtkirche. In Kastellaun waren die Bewohner der Stadt Lutheraner und Katholiken, in Kirchberg und Gemünden waren eine reformierte und eine katholische Gemeinde vor Ort. Die reformierten und katholischen Gemeinden umfassten jeweils nicht nur die Stadt, sondern auch einige Dörfer im Umland. Die drei Städte liegen eng bei einander, befanden sich aber in drei verschiedenen Herrschaftsgebieten: das Amt Kastellaun war (bis 1776) ein badisch-pfälzisches Kondominium, das Amt Kirchberg war ab 1708 rein badisch, Gemünden war eine reichsritterschaftliche Herrschaft der Familie von Schmidburg. Der Hunsrück ist ein abgelegener Landstrich, umgeben von Waldgebieten und tiefen Tälern, abseits der Großstädte und der Hauptverkehrswege. Aus diesem Grund und wegen der Fülle von überlieferten (proto-) statistischen Quellen eignet er sich für Untersuchungen zum alten demographischen System.

Einige Autoren haben sich mit konfessionsspezifischem Verhalten auf lokaler Ebene beschäftigt und die Ergebnisse der Kirchenbuchauswertung verwendet, um die Auswirkung theologisch geprägter Denkmuster auf das Alltagsleben des Einzelnen zu belegen. Als ein „typisch katholisches“ Verhalten wird zum Beispiel die Tatsache bezeichnet, dass katholische Eltern ihre Kinder sehr schnell nach der Geburt zur Taufe brachten. [Anm. 3] Die Sorge um das Seelenheil des Kindes ging sogar soweit, dass die Hebammen mit der Befugnis ausgestattet wurden, den schwächsten Kindern noch im Mutterleib eine Nottaufe zu spenden. Martina Rommel hat bei Untersuchungen der Zeitspanne zwischen Geburt und Taufe in der Stadt Worms im 19. Jahrhundert die frühe Taufe als die traditionelle Verhaltensweise charakterisiert. [Anm. 4] Die Frage stellt sich jedoch, ab wann es in der protestantischen und der katholischen Handhabe einen Unterschied gab. Denn wir können nicht annehmen, dass die Bevölkerung die liebgewonnene Praxis vergangener Zeiten plötzlich und auf einmal verließ – etwa mit der Einführung der lutherischen Kirchenordnung in der Pfalz Mitte des 16. Jahrhunderts oder mit der Wiederzulassung des katholischen Kultus in den 1680er Jahren. Aufschluss bieten die in Figur 1 zusammengefassten Daten aus den Hunsrücker Gemeinden.

Der durchschnittliche Abstand zwischen Geburt und Taufe in Kirchberg, Kastellaun und Gemünden 1690-1798

Die Graphik scheint auf den ersten Blick den Gegensatz protestantisch/katholisch zu bestätigen. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts war die durchschnittliche Zeitspanne zwischen Geburt und Taufe in allen drei katholischen Gemeinden deutlich kleiner als unter den Protestanten. In einer der katholischen Gemeinden (Kastellaun) reichen die Daten bis in das 17. Jahrhundert zurück. Hier scheint die Praxis der schnellen Taufe tatsächlich sehr alt zu sein. Die Graphik belegt anschaulich einen stetigen Wandel unter den reformierten Familien zu Kirchberg und Gemünden hin zu kürzeren Zeitabständen zwischen Geburt und Taufe im Laufe des 18. Jahrhunderts, ein deutlicher Unterschied zu der Praxis der katholischen Gemeinden bleibt aber bestehen.

In den katholischen Kirchenbüchern wurde häufig nur das Taufdatum notiert, deshalb können die kürzeren Abstände in den früheren Jahrzehnten nur in einer Gemeinde nachgewiesen werden. Es gibt aber eine andere Möglichkeit, der früheren Praxis der katholischen Eltern auf die Spur zu kommen. Man ermittelt zu jedem bekannten Taufdatum den Wochentag, an dem die Taufe zelebriert wurde; (vgl. Tabelle 1 in der pdf-Datei).

In allen untersuchten Gemeinden fand die Taufe vorzugsweise am Sonntag – wohl im Rahmen eines Gottesdienstes – statt. Dies ist nicht überraschend. Wenn aber nur wenige Tage nach der Geburt getauft werden sollte, war es nicht immer möglich, bis zum nächsten Sonntag zu warten. Entsprechend der Bereitschaft, etwas länger zu warten, ist der Prozentsatz der Taufen auf einem Sonntag in den protestantischen Gemeinden höher als bei den Katholiken. Dies gilt allerdings nicht zu allen Zeiten. Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Relation protestantisch/katholisch in Kirchberg, Kastellaun und Gemünden wie erwartet. Aber wenn man das weiter zurückverfolgt, bleibt der Unterschied zwischen den Konfessionen nur in Kastellaun bestehen. In Kirchberg und (ansatzweise) in Gemünden findet man im 17. Jahrhundert genau dieselbe Anhäufung der Sonntagstaufen wie derzeit in den reformierten Gemeinden, das heißt die Zeitspanne zwischen Geburt und Taufe war vermutlich in beiden Konfessionsgemeinschaften gleich lang – durchschnittlich etwa fünf Tage. Handelt es sich dann doch nicht um ein "typisch katholisches" Verhalten, oder ist das typisch katholische in diesem Punkt erst ein Produkt der Herausbildung einer bewusst anderen konfessionellen Identität in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts?

Eine weitere Frage, die bei diesem Forschungsprojekt mehrmals in das Blickfeld geriet, befasst sich mit dem Gegensatz Stadt-Land. Kirchberg, Kastellaun und Gemünden im 18. Jahrhundert kann man als typische Acker-Bürger-Städte beschreiben. Die große Mehrheit der Einwohner war in der Landwirtschaft tätig, das Handwerk spielte eine untergeordnete Rolle. Für solche Orte müsste man vermuten, dass die demographischen Strukturen, die ja stark von der Tradition geprägt sind, in der Kleinstadt wie in deren Umland ähnliche Züge annehmen würden. Solches kann man allerdings für den Hunsrück in dieser Periode nicht ohne weiteres behaupten, denn Unterschiede gab es im durchschnittlichen weiblichen Heiratsalter, bei der innerehelichen Fruchtbarkeit, bei der Migration, der Illegitimität und anderem mehr. Man soll aber auch hier nach dem Zeitraum der Herausbildung von ländlichen und kleinstädtischen Strukturen suchen, denn auch hier ist kein plötzlicher Umschwung zu einer neuen Verhaltensweise – etwa bei der Verleihung des Stadtrechts – zu erwarten.

Eine Möglichkeit, ein "städtisches Bewusstsein" ausfindig zu machen, bietet eine statistische Auswertung der Taufnamen. Die Wahl der Taufnamen war in den Hunsrücker Gemeinden äußerst konservativ. Eltern vergaben bei 70% bis 80% der Mädchennamen nur fünf verschiedene, nämlich Maria, Anna, Katharina, Elisabeth und Margareth. Bemerkenswerterweise genoss der Name Maria in den protestantischen Gemeinden eine höhere Beliebtheit als bei den Katholiken. Das Gegenteil – was eher den heutigen Erwartungen entspricht – hat man anderenorts beobachtet und mit der Marienverehrung in katholischen Kreisen in Verbindung gesetzt. Doch die belegten Fälle sind lange nicht so häufig, dass sich hieraus auf eine Gesetzmäßigkeit schließen ließe. Es sind raffinierte Methoden entwickelt worden, um die Häufigkeit und Vielfalt der vergebenen Vornamen zu analysieren. [Anm. 5] Fast ergiebiger ist aber die hier vorgezogene einfache Zählung der Namen, getrennt nach städtischen und dörflichen Familien, und die Feststellung des Anteils der weiblichen Taufnamen, der auf die fünf eben erwähnten beliebtesten Vornamen fiel; (vgl. Figur 2 in der pdf-Datei).

Die Konzentration der weiblichen Vornamen in den ländlichen und städtischen Teilen

Im 17. Jahrhundert war die Praxis der Stadtbevölkerung nicht anders als in den umliegenden Dörfern. Im Laufe des 18. Jahrhunderts aber lässt sich eine klare Trennung im Verhalten erkennen, die Stadtbewohner benutzten immer mehr andere, neue, ausgefallenere Vornamen, während die Dorfbevölkerung auf dem alten Stand blieb – es ist sogar eine Steigerung im Anteil der fünf beliebtesten Vornamen zu verzeichnen.

Allerdings was die Zeitspanne zwischen Geburt und Taufe angeht, die – wie oben gezeigt – spätestens bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von der konfessionellen Zugehörigkeit der Eltern beeinflusst wurde, scheint die Denkweise der Stadtbevölkerung sich von derjenigen der Landbevölkerung nicht zu unterscheiden; (vgl. Figur 3 in der pdf-Datei).

Die Verteilung des Abstandes zwischen Geburt und Taufe in den ländlichen und städtischen Teilen der reformierten Gemeinde

Die Graphik zeigt die Verteilung der Taufen nach der Geburt in der katholischen und in der reformierten Bevölkerung, jeweils geteilt nach Stadt- und Dorfbewohnern. Die Kurven verlaufen konfessionsspezifisch grundverschieden, aber von einem Stadt-Land-Gegensatz finden wir keine Spur.

Ein Begriff, der trotz langjähriger Forschung noch klärungsbedürftig ist, ist der der "Geburtenkontrolle" oder des "kontrazeptiven Verhaltens" oder – um die Abwesenheit dieser Phänomene zu bezeichnen – derjenigen der "natürlichen Fruchtbarkeit" der Eheleute. Der Konsens der Forschung zur menschlichen Fekundität in früheren Zeiten ist mittlerweile, dass man nicht mehr bei lokalen und zeitlich begrenzten Schwankungen in der innerehelichen Fruchtbarkeit der Frauen eine befristete Einführung kontrazeptiver Methoden vermutet. Äußere Faktoren wie Ernährung und Gesundheit oder innere Mechanismen des demographischen Systems wie Heiratsalter oder Kindersterblichkeit führen zu Unterschieden in der Gesamthöhe der Fruchtbarkeit, die nicht notwendigerweise aus einem bewussten Eingreifen der Eheleute stammen müssen. [Anm. 6]

Die altersspezifische eheliche Fruchtbarkeit der Frauen

Figur 4 belegt für die Hunsrücker Gemeinden das typische Muster einer Bevölkerung ohne Geburtenkontrolle. Die Kurven der Fruchtbarkeitsziffer sind mit zunehmendem Alter der Frauen nach außen gewölbt, das heißt man hat nicht versucht, angesichts der Anzahl vorhandener Kinder die Geburtentätigkeit vorzeitig einzustellen. Das Alter der Mütter bei der letzten Geburt war im Durchschnitt 39 Jahre. Daraus folgt, dass es  die Wechseljahre waren, die der Fortpflanzung ein Ende setzten. Unterschiede zwischen den Konfessionsgruppen sollen auch hier nicht per se als Nachweis der Geburtenkontrolle gedeutet werden. Da frisch vermählte Paare in der Regel sexuell aktiver sind als in den späteren Jahren der Ehe, ist es nicht überraschend, dass die Fertilität der älteren lutherischen Frauen etwas höher liegt. Denn sie gingen mit durchschnittlich 27 Jahren etwa drei Jahre später in die Ehe als die Reformierten und Katholiken.

Erstaunlich ist allerdings, dass bei den reformierten Frauen die Fekundität nicht nachließ, ob sie schon fünf, zehn oder 15 Jahre verheiratet waren; (vgl. Figur 5).

Die altersspezifische eheliche Fruchtbarkeit der Frauen

Gleichwohl gehört das Stillen der Säuglinge und damit verbunden die Laktations­amenorrhöe zu den Grundelementen des alten demographischen Systems. Die konzeptionsverzögernde Wirkung des Stillens kann man anhand der Geburtenabstände nachweisen, sie hat vor 1800 (neben anderen Faktoren wie der hohen Kindersterblichkeit und Schwankungen im Heiratsalter der Frauen) eine Bevölkerungsexplosion verhindert. (siehe Tabelle 2 in der pdf-Datei) Wenn man nämlich in Verbindung mit den Säuglingstoden die intergenetischen Intervalle misst, stellt man fest, dass, wenn das Kind am Intervallanfang im ersten Lebensjahr starb, das nächste Kind deutlich schneller zur Welt kam: in der reformierten Bevölkerung zu Kirchberg im Durchschnitt neun Monate früher, unter den lutherischen Familien zu Kastellaun sogar fast zwölf Monate. Daraus könnte man auf Stillzeiten von weit über einem Jahr schließen. Denn auch zu der Zeit stillte nicht jede Mutter, nicht jede Frau erfährt eine Laktationsamenorrhöe und die Todesfälle der Säuglinge, die zum Abbruch des Stillens führten, fanden durchschnittlich nicht am ersten Lebenstag, sondern erst nach einigen Monaten statt. Allerdings ist der Unterschied zwischen den Konfessionsgruppen verdächtig, denn man müsste daraus lesen, dass die reformierten Frauen eine kürzere Zeit stillten als bei den Lutheranerinnen üblich. Dies kann aber durch andere Daten nicht bestätigt werden, denn die paritätisch klassifizierten Geburtenabstände liegen generell in den beiden Gruppen recht nah beieinander. [Anm. 7] Kann man dann wirklich davon ausgehen, dass die Eltern nicht mit Absicht versuchten, ihre verstorbenen Sprößlinge zu ersetzen?

Wir haben also mit einer Bevölkerung zu tun, die keine Geburtenkontrolle im herkömmlichen Sinne praktizierte, sondern eine natürliche Einstellung zur Fortpflanzung an den Tag legte. Stillen gehörte gleichwohl als natürlicher Vorgang zum demographischen System und setzte als zeitlich befristete natürliche Verhütung der Vermehrung Grenzen. Dennoch kann demonstriert werden, dass eine „natürliche Einstellung“ zur Kinderzeugung – sprich die Nicht-Anwendung von kontrazeptiven Mitteln oder Methoden – nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit völliger Passivität gegenüber der scheinbaren Lotterie der Geburtenfolge.

Für die Werte in Tabelle 3 sind die durchschnittlichen intergenetischen Intervalle ermittelt worden, paritätsspezifisch und getrennt nach Familien, in denen schon ein Sohn zur Welt gekommen war und überlebt hatte, und Familien, bei welchen noch kein Sohn geboren wurde bzw. überlebt hatte. Unter den Ehepaaren, die nur Mädchen zu ihren lebenden Kindern zählen konnten, stellt man durchweg kürzere intergenetische Intervalle fest. Bei den Protestanten sind die Abstände zur nächsten Geburt etwa fünf Monate kürzer als in Familien mit männlichem Nachwuchs. In den katholischen Familien beträgt der Unterschied durchschnittlich drei Monate. Auch wenn die Datenmengen bei höherer Parität naturgemäß relativ klein sind, sind die Ergebnisse viel zu konsistent, um durch statistische Zufälle entstanden zu sein. (siehe Tabelle 3 in der pdf-Datei)

Aus dieser Sachlage kann man wohl konstatieren, dass die Eltern (bewusst oder unbewusst) versuchten, die Zeugung zu steuern. Es war ihnen vermutlich wichtig, wenigstens einen Sohn und Erben großziehen zu können. War die Geburt eines Sohnes gelungen, ließ der Zeugungseifer nach. Ein wirtschaftlicher Anreiz, einen Sohn zu bekommen, war durchaus gegeben. Im Hunsrück herrschte die Realteilung, und diese führte gerade bei kinderreichen Familien zu einer zunehmenden Parzellierung der Grundstücke und dem Verlust der Rentabilität der Höfe. Im Normalfall jedoch erbte der älteste Sohn das Bauernhaus, die Nebengebäude und im Falle eines Handwerkers die Werkstatt. Er musste für den Unterhalt der Eltern sorgen, wenn sie älter wurden und nicht mehr arbeitsfähig waren. Psychologische Momente können aber auch entscheidend mitgewirkt haben. In der stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft zur Zeit der Aufklärung war wohl der Fortpflanzungstrieb der Eheleute an der männlichen Linie orientiert, der weibliche Nachwuchs wurde dagegen als eine Belastung für Familie und Sippe empfunden.

Es stellt sich auch die Frage, welche Form dieses Eingreifen der Eltern in ihre Fekundität angenommen haben kann. Es ist nicht anzunehmen, dass die Mädchen für eine kürzere Zeit gestillt wurden als die Jungen, denn dies müsste auf die geschlechtsspezifische Säuglingssterblichkeit Auswirkungen zeigen. Unter den Mädchen im Hunsrück war die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr mit 17% – wie man auch sonst erwartet – etwas niedriger als bei den männlichen Geborenen (21%). [Anm. 8] Wahrscheinlicher ist wohl ein größerer Eifer bei der Erfüllung der ehelichen Pflichten, sprich eine größere Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs – vielleicht sogar eine Verlegung des prokreativen Akts auf die günstigsten Tage – seitens der Paare, bei denen noch kein männlicher Nachwuchs in Sicht war.

Die Feststellung einer Manipulation ihrer Fekundität durch die Eheleute stellt die sonst als erwiesen geltenden Ergebnisse zur Laktationsamenorrhöe in Frage bzw. bietet eine Lösung zu der Frage, wie hier Unterschiede zwischen den Konfessionsgruppen zustande kamen. Denn wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass in einer nicht kontrazeptiven Bevölkerung das intergenetische Intervall sogar um fünf Monate von sexuell aktiven Paaren gesteuert werden kann, dann sind die verkürzten Geburtenabstände nach dem Tode eines Säuglings vielleicht nicht allein dem Abbruch des Stillens zuzuschreiben. Die Hälfte des Unterschieds könnte aus dem psychologischen Bedürfnis der Eltern stammen, das tote Kind zu ersetzen.

Selbstverständlich wäre es notwendig, die Ergebnisse aus dieser Mikrostudie durch vergleichbare Untersuchungen zu anderen Ortschaften und eventuell auch zu anderen Zeitabschnitten zu bestätigen oder zu relativieren. Denn erst dann wird man dieses Phänomen in ein Bild des demographischen Systems in Deutschland in der frühen Neuzeit einordnen können. Dass hier vor vorschnellen Schlussfolgerungen bei der Interpretation der Quellenauswertung gewarnt wurde, soll keineswegs als Schlag gegen die historisch-demographische Forschung verstanden werden. Im Gegenteil: es sollte hier gezeigt werden (die anderen Beiträge in diesem Band bestätigen auch diese Ansicht), dass viele Aspekte der Bevölkerungsgeschichte der frühen Neuzeit in Deutschland noch unvollständig erforscht worden sind. Fragen von zentraler Bedeutung, die man vor zehn Jahren dachte beantwortet zu haben, stehen wieder offen. Zu manchen sind fruchtbare Recherchen nur möglich, wenn wir – bei aller Offenheit für Anregungen aus anderen Fachrichtungen – historische Demographie wieder als eigenständige Disziplin betreiben und Bevölkerung ihre eigene Geschichte gönnen.

Anmerkungen:

  1. Es reicht zum Beispiel als Nachweis der Geburtenkontrolle allein nicht aus, festzustellen, dass Unterschiede im Fertilitätsniveau zwischen sozialen Schichten, Konfessionsgruppen oder Heiratskohorten bestanden, trotzdem wird gelegentlich große Mühe in Erklärungsversuche investiert, die diesen Kurzschluss als Ausgangsbasis annehmen. Zurück
  2. Timothy G. Saunders: Familie, Fortpflanzung und Bevölkerungsentwicklung im Hunsrück. Eine historisch-demographische Untersuchung der Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Strukturen in Kirchberg, Kastellaun und Gemünden 1650-1800 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 674), Phil. Diss. Mainz 1993, Frankfurt am Main 1995. Zurück
  3. Peter Zschunke: Konfession und Alltag in Oppenheim. Beiträge zur Geschichte von Bevölkerung und Gesellschaft einer gemischtkonfessionellen Kleinstadt in der frühen Neuzeit. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte 115), Diss. Phil. Mainz 1983, Wiesbaden 1984, S. 154. Zurück
  4. Martina Rommel: Die Wormser und ihre Stadt 1750-1875, Demographische, soziale und konfessionelle Aspekte des Wandels von der Ackerbürger- zur Fabrikarbeiterstadt (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 107), Darmstadt und Marburg 1996, S. 172. Zurück
  5. Vgl. Norbert Ohler: Quantitative Methoden für Historiker. Eine Einführung. Mit einer Einführung in die EDV von Hermann Schäfer, München 1980, 83ff. Zurück
  6. Die wohl falschen Schlussfolgerungen früherer Forschungsarbeit in Deutschland auf diesem Gebiet werden nicht überall als überwunden angesehen, so dass der Mythos der Anwendung kontrazeptiver Methoden in der deutschen Kleinstadt lange vor dem demographischen Wandel in Werken mit Handbuchcharakter weiterhin anzutreffen ist; vgl. Christian Pfister: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1500-1800, München 1994, S. 34. Zurück
  7. Vgl. Saunders, Familie (wie Anm. 2), S. 342, Tab. 36. Zurück
  8. Saunders, Familie (wie Anm. 2), S. 376. Zurück