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Belagerungsturm

Angriffswaffe bei Belagerungen

Die gewaltigste und für die Burgbewohner gefährlichste Angriffswaffe war der Belagerungsturm (machina, castellum ), in deutschen Quellen auch Ebenhoch oder Wandelturm genannt. Er wurde schon im Altertum bekannt und wurde auch im Frühmittelalter eingesetzt. Bei der Belagerung Verduns im Jahr 984 ließ der französische König Lothar (954-986) einen 40 Fuß hohen Belagerungsturm errichten und an die Mauer schieben. Während der Kreuzzüge wurden Belagerungstürme von Christen und Moslems gleichermaßen benutzt und hatten gelegentlich sogar kriegsentscheidende Bedeutung. Nachweislich wurden Belagerungstürme bei den Kämpfen vor Antiochia (1097/98), Marra (1098), Jerusalem (1099), Tripolis (1109), Aleppo (1127/28), Damaskus (1139), Edessa (1144), Damaskus (1154), Akkon (1191), Konstantinopel (1204) und Damiette (1219, 1225) eingesetzt.

 

Welche erbitterten Kämpfe sich im Umfeld eines Belagerungsturms zutrugen, zeigte sich, als Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) im Jahr 1159 die italienische Stadt Crema angriff und einen mächtigen Belagerungsturm von 500 Mann an die Stadtmauer schieben ließ. "Die Cremasken (die Bewohner von Crema) erkannten natürlich die auf sie zukommende Gefahr und versuchten mit Feuer, Steinen und Pfeilen das Näherrücken des Turmes an ihre Mauer zu verhindern. Da ließ der Kaiser an der Vorderfront und an den Seiten des Turmes Körbe anbringen, in die Geiseln und Gefangene gestellt wurden. So sollten die Belagerten davon abgehalten werden, gegen den Turm etwas zu unternehmen, denn mit jedem Steinwurf und mit jedem Pfeilschuß brachten sie ihre eigenen Leute in Gefahr. Nachts mußten die Männer in den Körben brennende Kerzen und Fackeln halten, damit sie von den Schützen auf den Stadtmauern erkannt werden konnten. Aber die Cremasken schätzten das Risiko der Vernichtung ihrer Stadt höher ein als den Verlust einzelner ihrer Angehörigen. Sie schossen deshalb so lange auf den Turm, bis er unbrauchbar war. Nun übten die Cremasken für ihre auf dem Turm getöteten Angehörigen Vergeltung und ließen eine Reihe gefangener Deutscher, Cremonesen (Bewohner von Cremona) und Lodesanen (Bewohner von Lodi, beide Städte waren Verbündete Friedrich Barbarossas) auf dem Wall der Stadt hinrichten. Die gegenseitige Rachgier steigerte sich immer mehr, und als unter den Augen der Städter zwei gefangene Cremasken zum Tode verurteilt wurden, drohten die Belagerten mit Vergeltung, falls das Urteil vollstreckt würde. Da sich der Kaiser nicht beirren ließ, hingen bald unten vor der Stadt wie auch oben auf der Mauer je zwei Männer an den Galgen. Darüber ergrimmte wiederum Barbarossa, ließ alle noch in der Nähe befindlichen Geiseln und Gefangenen zusammenholen und eine lange Reihe von Galgen aufstellen. Nur dem Einspruch der Bischöfe war es zu verdanken, daß dieses grauenvolle Vorhaben nicht ausgeführt wurde. Aber neun Männer mußten doch an die aufgestellten Galgen. Rahewin (ein Biograph Friedrich Barbarossas) berichtet, daß den Toten sogar die Köpfe abgeschlagen wurden und die Belagerer damit Ball spielten. Die Cremasken brachten zur Rache einige gefangene Deutsche auf die Mauer und zerstückelten sie Glied für Glied." (Aus: Helmut Hiller, Friedrich Barbarossa, München 1979, S. 128/129)

 

Der Bau eines hohen und großen Belagerungsturmes erforderte Zeit und den Einsatz besonders geschulter Zimmerleute und war somit äußerst kostspielig. Zudem bedurfte es einer großen Anzahl von Menschen und Tieren, um ihn an die Mauer der belagerten Burg heranzubringen. Bei Hang- und Höhenburgen konnte er aufgrund des unwegsamen Geländes selten eingesetzt werden. Belagerungstürme wurden in Deutschland wohl nur bei groß angelegten Stadtbelagerungen in der Ebene verwendet.

 

In ihrem um 1409 geschriebenen Livre des faits d'armes et de chevalerie gibt Christine de Pisan (1365-1430?) eine anschauliche Beschreibung eines Belagerungsturms:

"Es ist ein aus starken Brettern und Balken errichtetes Gebäude von mehreren Stockwerken und damit solches Bauwerk gegen Feuer gut geschützt ist, muß es mit Eisenplatten oder wenigstens ungegerbten frischen Fellen bedeckt sein. Einige dieser Maschinen sind 30, 40 auch 50 Fuß hoch, ja manche so hoch, daß sie die höchsten Türme überragen. Die Maschine wird auf Rädern so nahe als möglich an die Mauer gebracht. Es gibt daran Zugbrücken, die man auf die Mauer werfen kann. Sie enthält in allen Stockwerken Haufen von Kriegern, von denen die obersten die auf der Mauer befindlichen bekämpfen, die in den anderen Stockwerken durchbrechen die Mauer. Und so ist die Festung derart angegriffen, daß sie leicht genommen wird."

Bevor man den Turm an die Mauer schieben konnte, mussten Gräben mit Erde, Steinen, Faschinen (Reisiggeflecht) und Holzscheiten zugeschüttet und Wälle u.ä. abgetragen werden. Dies war eine langwierige Arbeit: Bei der Belagerung von Jerusalem im Jahr 1099 brauchten die Kreuzfahrer zwei Tage, um den Graben vor der Stadt aufzufüllen. Erst am dritten Tag konnten sie den Belagerungsturm an die Mauer schieben. Bis zu 500 Mann waren notwendig, um den schweren Koloß an Seilen über eine Bohlenrampe vorwärts zu ziehen bzw. mit Hilfe von Umlenkrollen direkt an die Mauern zu schieben. Pferde und Ochsen waren zwar stärker, doch Menschen waren beweglicher und besser zu schützen als die schwerfälligen Tiere.

Über die Zugbrücke stürzten die im Innern des Turms wartenden Sturmtruppen auf die Mauerkrone. Konnte dort ein Brückenkopf gebildet werden, folgten weitere Krieger über die Leiter an der Rückseite des Turms nach

Um den Türmen eine größere Standfestigkeit zu geben, waren sie in Stockwerke unterteilt. Schon bei der Annäherung beschoss man von der obersten Plattform aus den Wehrgang. Dort stand manchmal sogar eine kleine Wurfmaschine. Berichte, dass sich mehrere hundert Personen im Turm verschanzten, sind wohl übertrieben. In England sollen im Jahr 1266 einmal 200 Bogenschützen und 11 Katapulte von einem Turm aus gekämpft haben. Elf Katapulte auf einem Turm sind schwer vorstellbar; die große Anzahl von Menschen hat den Turm wohl erst nach dem Heranrollen an die Mauer erklommen.

Näheres zu diesem Begriff finden Sie unter dem Stichwort Belagerungsmaschinen.

(Text: Stefan Grathoff)

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