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Hoftag

In der Goldenen Bulle ist nie von einem "Reichstag", sondern lediglich von einer curia, ggf. solemnis curia u.ä. die Rede. Das Wort curia bedeutet 'Hof' und wird nicht präzis verwendet. Es kann also den mit dem König umherreisenden, täglichen Hof ebenso bezeichnen wie eine feierliche, in der Regel zu den hohen kirchlichen Festtagen stattfindenden Versammlung der Großen des Reiches. Unter gar keinen Umständen darf curia als "Reichstag" übersetzt oder verstanden werden, auch wenn dies überall in den Handbüchern und in der Literatur steht. Eine curia ist bis Ende des Mittelalters ein Herrschaftsinstrument, also ein Werkzeug des Königs, nicht jedoch eine Versammlung der Reichsstände und schon gar kein Parlament im modernen Sinne des Wortes. Wie Peter Moraw gezeigt hat, ist der Begriff "Reichstag" erst im Jahre 1495 quellenmäßig belegt. Dies hat einen einleuchtenden Sinn, bedenkt man, dass die Vorstellung, das "Reich" (als Gesamtheit der Reichsstände aufgefasst) etwas anderes sei als der König, erst im Laufe des 15. Jahrhunderts entstanden ist. Erst nachdem diese ebenso mentalitätsgeschichtlich wie verfassungsrechtlich aufzufassende Grundvoraussetzung geschaffen war, konnte sich das "Reich" aus eigenem Antrieb versammeln. Bis dahin rief der König zu Hof, wohin man sich in Erfüllung der Vasallenpflicht ('Rat und Tat') begab, um die Huld des Reichsoberhaupts nicht zu verscherzen.

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