Holzappel im Rhein-Lahn-Kreis

Jüdische Geschichte Holzappel

Die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Holzappel geht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1843 lebten 28 Jüdinnen und Juden in der Ortschaft. Sie bildeten gemeinsam mit den in Isselbach, Eppenrod, Langenscheid und Dörnberg lebenden jüdischen Personen eine Kultusgemeinde. Zu den Einrichtungen dieser Gemeinde zählten eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Die Gemeinde beschäftigte einen Religionslehrer, der gleichzeitig als Vorsänger und in vielen Fällen zusätzlich als Schächter tätig war.[Anm. 1]

Zeitgenössische Zeitungsartikel und Berichte belegen die Integration der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner in das politische und gesellschaftliche Leben der Ortschaft. "Der Israelit" berichtete am 10. April 1861: "Diez, 4. April. Auch im Nassauischen haben wir einen Bürgermeister, welcher sich zur israelitischen Religion bekennt. Es ist dies Herr Simon Rosenthal II., Rotgerbermeister zu Holzappel, welcher für das Jahr 1861 zum stellvertretenden oder zweiten Bürgermeister von Holzappel bestimmt ist. Wiewohl die Stadt wesentlich eine protestantische ist, so hat doch dieselbe schon seit Jahren einen ersten Bürgermeister, der sich zur katholischen Glaubenslehre bekennt, und man hat nie vernommen, dass dieser Umstand auch nur den leisesten Grund zu Unfrieden abgegeben hätte.“[Anm. 2] Die beiden ebenfalls im „Israelit“ erschienenen Nachrufe auf Samuel Rosenthal und seine Frau weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese sich Armen „ohne Unterschied der Konfession“ gegenüber als „Wohltäter“ erwiesen hätten.[Anm. 3]  Weitere Quellen zeigen das Engagement jüdischer Holzappeler für das Vereinsleben der Ortschaft. Beispielsweise war Sigmund Löwenthal Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Mitglied in mehreren Vereinen.[Anm. 4]

In den Jahren 1871 und 1885 erreichte die Zahl der jüdische Einwohner Holzappels ihren Höchststand. In diesen Jahren wurden 42 Personen jüdischen Glaubens gezählt. Ihre Anzahl sank anschließend auf 30 im Jahr 1895 und 26 im Jahr 1900. Zwischen 1905 und 1925 wurden 21 bzw. 22 Jüdinnen und Juden registriert. Bis 1932 stieg ihre Zahl auf 24 Personen, die sieben Familien angehörten.[Anm. 5]

Aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Unterdrückung von Jüdinnen und Juden ab 1933, verließen bis zum Jahr 1935 fast alle jüdischen Familien Holzappel. Es blieben lediglich zwei Geschwister Levita sowie eine Familie Schütz in der Ortschaft. Am 10. November 1938 wurde die Synagoge Holzappels von Mitgliedern der SA geschändet und die in Holzappel verblieben Jüdinnen und Juden misshandelt. [Anm. 6]

9 Personen, die in Holzappel geboren wurden und/oder längere Zeit in der Ortschaft lebten, wurden im Holocaust ermordet.[Anm. 7] Um an die vertrieben und ermordeten Jüdinnen und Juden der Ortschaft zu erinnern, wurde 1985 nördlich der evangelischen Kirche auf dem Friedhof eine Gedenkplatte mit der Inschrift: "Zum Gedenken an das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger. 1933-1945. Ortsgemeinde Holzappel 1985" in den Boden eingelassen.

Synagoge

Die Synagoge der Kultusgemeinde Holzappel befand sich in einem Privathaus in der Hauptstraße 63. Dieses Gebäude wurde im 18. Jahrhundert errichtet, es ist jedoch nicht bekannt, ab wann hier Gottesdienste gefeiert wurden.

Noch vor der Schändung der Synagoge am 10. November 1938 wurden „aus dem Gefühl der im November herrschenden Situation heraus“ zwei Thorarollen, vier Schofarhörner und Gebetsmäntel in Sicherheit gebracht. Die Mitglieder der SA, die am 10. November 1938 in die Synagoge eindrangen, demolierten die Einrichtung und warfen die nicht in Sicherheit gebrachten Ritualien aus den Fenstern, bevor sie schließlich die Aushängekästen des „Bunds deutscher Mädchen“ an den Außenwänden des Gebäudes anschlugen. Der Bürgermeister von Holzappel händigte dem Vorstand der jüdischen Gemeinde nach Abzug der SA Männer den Schlüssel zur Synagoge aus, so dass die aus dem Fenster geworfenen Ritualien eingesammelt werden konnten. Ein Teil der Ritualien, nämlich zwei Thorarollen, die Megillot, ein silberner Leuchter und vier Schofarot wurden ins Ausland gebracht.

Das Gebäude, in dem sich die Synagoge befand, dient heute als Geschäftshaus. Eine dort angebrachte Gedenktafel erinnert an die ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinde Holzappel.[Anm. 8]

Friedhof

Der jüdische Friedhof Holzappels befindet sich südöstlich des Ortes in der Flur „Im Loch am Schießhaus“, die an der Straße nach Charlottenberg liegt.

Eingerichtet wurde der Friedhof gegen Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Zuvor beerdigten die jüdischen Einwohner Holzappels ihre Toten in Cramberg. Der jüngste der insgesamt 20 Grabsteinen stammt aus dem Jahr 1936.

1980 renovierten 25 Jugendliche im Rahmen eines ,,Work-Camps" des evangelischen Pfarramts die Begräbnisstätte. 1990 schändeten Unbekannte den Friedhof.

Die mit einem Davidstern geschmückte Gedenktafel auf dem Friedhof trägt dich Inschrift: „Lehre uns bedenken, auf daß wir klug werden. Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Holzappel. Friede den Lebenden und den Toten."[Anm. 9]

Nachweise

Verfasserin: Lisa Groh-Trautmann

Quellen und Literatur:

  • Arnsberg, Paul: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. Darmstadt 1971. Bd. 1 S. 384.
  • Bundesarchiv (Hg.): Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. Koblenz 2006. Online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de. [Aufgerufen am: 01.02.20].
  • Der Israelit. Centralorgan für das orthodoxe Judentum. Online verfügbar unter: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2446999. [Aufgerufen am: 01.02.20].
  • Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 189.
  • Morlang, Adolf (Bearbeiter): Gedenkstätten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus im Rhein-Lahn-Kreis. Projekt Spurensuche in der Heimat, Leistungskurs Erdkunde/Geschichte, Jahrgangsstufe 12/1992, Gymnasium Diez. In: Sachor – Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. 5 (1995) 1, Heft 9, S. 33.

Erstellt am: 25.11.2021

Anmerkungen:

  1. Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. Darmstadt 1971. Bd. 1 S. 384. Zurück
  2. Der Israelit. Centralorgan für das orthodoxe Judentum. (10. April 1861). Online verfügbar unter: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2446999. [Aufgerufen am: 01.02.20]. Zurück
  3. Der Israelit. Centralorgan für das orthodoxe Judentum. (25. November 1886). Online verfügbar unter http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2449677. [Aufgerufen am: 01.02.20] und Der Israelit. Centralorgan für das orthodoxe Judentum. (10. Februar 1887). Online verfügbar unter http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2449710. [Aufgerufen am: 01.02.20]. Zurück
  4. Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. Darmstadt 1971. Bd. 1 S. 384. Zurück
  5. Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 189. Zurück
  6. Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. Darmstadt 1971. Bd. 1 S. 384 – 385. Zurück
  7. Bundesarchiv (Hg.): Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. Koblenz 2006. Online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de. [Aufgerufen am: 01.02.20]. Zurück
  8. Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 189. Zurück
  9. Adolf Morlang (Bearbeiter): Gedenkstätten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus im Rhein-Lahn-Kreis. Projekt Spurensuche in der Heimat, Leistungskurs Erdkunde/Geschichte, Jahrgangsstufe 12/1992, Gymnasium Diez. In: Sachor – Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. 5 (1995) 1, Heft 9, S. 33. Zurück