Rheingauer Heimatforschung

Bücher aus vergangenen Jahren

Eltville - Eine Stadt am Rhein und ihre Geschichte

Helga Simon: Eltville - Eine Stadt am Rhein und ihre Geschichte(n). Selbstverlag: Eltville 2011. 190 S. m. zahlr. Fotos, Grafiken und Zeichnungen. ISBN 978-3-00-036341-2.18,90 Euro.

 


Mit viel Sachkenntnis und Herzblut hat Helga Simon, Rheingauer Heimatfor­scherin, Eltviller Stadtarchivarin, Gästeführerin und Autorin, aus vielfälti­gen schriftlichen Quellen und persönlichen Gesprä­chen mit alten Eltvillern Informationen zusammen­getragen und ein reichhal­tiges Geschichts- und Ge­schichtenbuch ihrer Heimatstadt geschrieben. 32 Kapitel hat sie übersichtlich in fünf Themenfelder eingeteilt:

- Geschichte

- Rosen, Sekt, Wein und Gutenberg

- Leben am Rhein

- Leben in der Altstadt

- Errungenschaften der neuen Zeit

Im ersten Themenfeld führt Helga Simon ihre Leserschaft durch die große Geschichte der kleinen Stadt, deren Sied­lungsspuren in die Jungsteinzeit zurückreichen. Durch Türme, Tore, Mauern und Gräben schützten die Erzbi­schöfe und Kurfürsten die Stadt, die 1349 für einen kurzen historischen Moment sogar Schauplatz des Kampfes um die deutsche Königskrone war. Zu jener Zeit war Eltville eine der ersten Prägestätten für Goldmünzen in Deutschland. Mit dem Kapitel „Eine wieder aufgedeckte mittelalterliche Malerei und der Versuch einer Deutung" hat Helga Simon Pionierarbeit geleistet. Dank ihrer profunden Geschichtskenntnisse und mithilfe verschiedener Nachschlagewerke zur christlichen Symbolik hat sie die Malerei „Das Jüngste Gericht" entschlüsselt. Jahrhunderte lang war die Wand­malerei in der Turmhalle der Kirche St. Peter und Paul hinter einem Mauerstück verborgen. „Solche überlebens­große Darstellungen müssen die Menschen im Mittelalter, die aus ihren armseligen, kleinen Häusern in die großen, gewaltigen Gotteshäuser kamen, sehr beeindruckt haben", schreibt sie und spart auch in den weiteren Kapiteln die düsteren Zeiten des 16. und 17. Jhs. nicht aus, die geprägt waren von der Niederschlagung des Bauernaufstands, von Truppendurchzügen, Besetzungen, Plünderungen und der großen Pestepidemie von 1666, die sie im Kapitel „St. Sebastian, der Eltviller Stadtpatron" behandelt.

Umso glänzender leuchten die Erfolgsgeschichten aus dem 19. Jh., die sie im zweiten Themenfeld, „Rosen, Sekt, Wein und Gutenberg", zusammengefasst hat. Eltville erlebte einen beachtlichen Aufschwung, als Matheus Müller seine Sektkellerei gründete. „Die einmalig schöne Uferlandschaft lockte reiche Industrielle nach Eltville. Sie errichteten prächtige Villen, die mit großen Parkanlagen umgeben waren. Dort angestellte und mehrere selbstän­dige Gärtner befassten sich teilweise sehr intensiv mit der Rosenzucht", schreibt Helga Simon. In dem Kapitel „Elt­ville und die Rosen" berichtet sie detailliert Über die Ent­wicklung zur Rosenstadt. Eltviller Rosen waren in ganz Europa gefragt. Das Kapitel „Gutenberg und Eltville" umfasst die Zeit vom 15. Jh. bis heute. Dank der vermuteten Mithilfe Johannes Gutenbergs zählt die Stadt zu den ersten Druckstätten der Welt.

In „Leben am Rhein" berichtet die Autorin von Treid­lern und Leinenreitern und vom Schiffsverkehr auf dem Rhein im Lauf der Jahrhunderte. Schon im 16. Jh. ver­kehrten Marktschiffe, die auch Reisende beförderten. 1856 wurde in Eltville eine Landebrücke für die Schiffe der Köln-Düsseldorfer errichtet. Damit wurde die Stadt zur Drehscheibe für Kaufleute, Marktbesucher, interna­tionale Schiffsreisende, Romantiker und für Gäste, die nach Schlangenbad und Bad Schwalbach zur Kur wollten. „Eltville war nämlich der Knotenpunkt für beide Kurorte und die Hunderte und Tausende, welche diese Bäder besu­chen wollten, mussten bei uns absteigen, um zu Fuß oder zu Wagen dorthin zu gelangen. 30 bis 40 Fiaker hielten täglich mit ihren Chaisen am Rhein oder an der Bahn, um die Fremden zu befördern ...", zitiert Helga Simon aus den Erinnerungen eines Eltvillers. Das nachfolgende Ka­pitel über Badefreuden und Badesitten am Rhein ist mit heiteren Geschichtchen und Anekdoten gespickt. Auch die Geschichte der Königsklinger-Aue gehört zu diesem Themenfeld.

Im Themenfeld „Leben in der Altstadt" führt die Autorin ihre Leser zu historischen Plätzen, Gebäuden und zu den Brunnen, die heute nur noch eine gestalterische Funktion zur Belebung des Stadtbildes haben. „Im Leben unserer Vorfahren spielten Brunnen eine wichtige Rolle. Sie lieferten das lebensnotwendige Wasser für Mensch und Tier, waren Treffpunkt und Kommunikationszentrum für Jung und Alt", schreibt sie. „Das gemeine Backhaus und die sogenannte Backgerechtigkeit" ist ein Kapitel, das sowohl dem historischen, heute noch bestehenden Gebäude als auch den mittelalterlichen Bräuchen und Vorschriften rund ums Backen gewidmet ist. Im Mittelalter traf man sich -mangels eigener Badestuben - in der gemeinen Badestube, die nach Helga Simons Recherchen mit 17 Bütten ausge­stattet war. Ein jüdisches Tauchbad, das als vorbildlich bezeichnet wurde, war im Haus des Israel Mayer im sog. mittleren Petersweg eingerichtet. Er war es auch, der 1830 der jüdischen Gemeinde ein Haus in der Schwalbacher Straße schenkte, in dem eine Synagoge eingerichtet wurde, deren Inneneinrichtung in der sog. Reichskristallnacht von SA-Leuten zerstört wurde. Eltviller Juden, die zuvor als Kaufleute und Wohltäter geschätzt waren, wanderten aus, wurden deportiert und ermordet. Das letzte Themenfeld hat sie „Errungenschaften der neuen Zeit" genannt. Sie erzählt von Schwierigkeiten und Widerständen beim Bau der Eisenbahn und vom „feurigen Elias", der kleinen Dampfeisenbahn, die knapp vier Jahrzehnte lang Eltville mit Schlangenbad verband. Anschaulich beschreibt Helga Simon, wie Mitte des 19. Jhs. Leuchtgas-Laternen Licht in die Eltviller Gassen brachten, bis bald danach die Elektri­zität Einzug hielt: „Schon im Frühjahr 1899 begann man mit dem Ausbau von Fernleitungen und Ortsnetzen, und am 19. August 1899 erstrahlte Eltville als erster Ort des Rheingaus im Lichterglanz."

Auch dem Besuch von Reichspräsident von Hindenburg im Juli 1930 widmet die Autorin ein Kapitel. Diese hohe Ehre seines Besuches habe Eltville den guten persönlichen Beziehungen Hindenburgs zu Ernst Freiherr Langwerth von Simmern und dessen Verdiensten als Reichskom­missar bei der Beendigung der Rheinlandbesetzung zu verdanken. In den festlich geschmückten Straßen wurde Hindenburg von jubelnden Menschenmengen empfan­gen und am nächsten Morgen an der rosengeschmückten Landebrücke verabschiedet.

Sorgfältig recherchierte, historische Daten und Fakten, immer wieder gespickt mit Geschichten von „kleinen" Leuten, mit Zitaten und Anekdoten, machen das Buch zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis. Helga Simon schreibt in einem flüssigen und fesselnden Stil. Ein Hei­matforscher hätte sich möglicherweise die eine oder andere präzisere Formulierung und genauere Quellenangaben ge­wünscht. Ihr gelingt es aber, das Bewusstsein für die Ge­schichte der Stadt zu stärken in einer Weise, die sich für alteingesessene Eltviller genauso eignet wie für Neubürger und für alle an lebendiger Stadt- und Zeitgeschichte inter­essierte Menschen.

Christa Kaddar, Eltville-Martinsthal

Helau! - Ein Rheingauer Fastnachtsbuch

 

 

Walter Hell: Helau! - Ein Rheingauer Fastnachtsbuch. Erfurt: Sutton Verlag 2011. 127 S. m. ca. 170 Fotos. ISBN 978-3-86680-2.18,95 Euro.




Walter Hell hat mit sei­nem Buch über die Rheingauer Fassenacht, das am 11.11.11 bei der Kampag­nen-Eröffnung des Win­keler Karneval Vereins vorgestellt wurde, seinen Büchern über unseren Landstrich eine weitere und ausnahmsweise hei­tere Facette hinzugefügt. Das Ergebnis seiner lang­jährigen Recherchen ist ein reich bebildertes Buch, das auch Nicht-Rheingauern und Fastnachtsmuffeln zeigt, welche Bedeutung dieses Volksfest bei uns im 19. und 20. Jh. hatte und glücklicherweise immer noch hat. Im Vorwort geht der Autor auf die Schwierigkeiten ein, die er bei der Beschaffung des Bildmaterials hatte. Die Fast­nachtsvereine zeigten sich meist sehr zugeknöpft, während Privatpersonen in der Regel eher bereit gewesen sind, ihre „Fastnachtskist" zu öffnen. So ist ein Bildmaterial zusam­mengekommen, bei dessen Anblick der Funke, die Lebens­freude, die aus den Aufnahmen spricht, auch auf einen eher reservierten Betrachter überspringt. Bevor man als eifriger Bildbetrachter Bekannte auf den Abbildungen suchen darf, wird man in einem kleinen acht­seitigen Essay über die Geschichte unserer „gud, goldisch Fassenacht" informiert. Hell beginnt mit der Erklärung des Namens „Fassenacht" und manchen Vorbehalten der katholischen Kirche diesem oft ausgelassenen Maskentrei­ben gegenüber. Auch die politische Obrigkeit, besonders die evangelische, wie der Herzog von Nassau, äußerte ihr Missfallen. Auf für uns heute amüsante Weise zeigt z.B. die Pfarrchronik von Hallgarten im Jahr 1931 das Entset­zen des Pfarrers über das unmoralische Auftreten seiner Schäflein im Fastnachtszug: Die Jungfrauen beteiligten sich daran in Hosen!

Nach der Schilderung der Akzeptanz des Fastnachtstrei­bens im 19. Jh. geht der Essay auf die Geschichte der Fassenacht vom Mittelalter bis heute ein und betrachtet die Bräuche in Hattenheim und Johannisberg genauer. In Oestrich hielten 1939 zwei Lehrer (Köhler und Michel) das heimatliche Fastnachtsbrauchtum schriftlich fest und erläuterten auch das Schnorren, das schon damals in Kiedrich mit „besonderer Inbrunst" (S. 15) betrieben wurde. Der Brauch der Beerdigung der Fastnacht hat sich ebenfalls bis heute erhalten. Die Fastnacht in Mainz und im Rheingau unterscheidet sich von allen anderen Karnevalshochburgen durch die politisch-satirischen Büttenreden, eine Beson­derheit, die nicht vielen Rednern wirklich gelingt. Der zweite Teil des Buches umfasst die vielen alten Bilder von der Fastnacht des 19. und 20. Jhs. im Rheingau. Die Bilder sind nach ihrem Sujet geordnet nach

- Fassenachtsvereinen, ihren Kappensitzungen und Bällen

- Büttenrednern, Gesangs- und Tanzgruppen

- Staatsakten und Prinzenpaaren

- Fassenachtsumzügen

- Närrischen Treiben - Jung und Alt im Narrenkleid

Das vorliegende Buch kann als „Bilderbuch" bezeichnet werden. Es enthält, wie schon erwähnt, nur einen Essay von acht Seiten Länge und dreizehn kurze Texte zu einzel­nen Rheingauer Fastnachtsvereinen. Gerne hätte man sich noch etwas mehr Information gewünscht. Schade auch, dass die Liste der Rheingauer Karnevalsvereine nicht voll­ständig ist. Man vermisst leider z.B. Aufnahmen und Texte von den Fastnachtsvereinen in Eltville und Erbach sowie Bilder von Kiedrich. Die Aufnahmen sind aufschlussreich, zeigen sie doch nicht nur die „alten Narren", sondern geben zugleich Einblicke in ihre Zeit, sind also Zeitgeschichte. Alles in allem: Wer etwas über die „goldisch Fassenacht" des 19. und 20. Jhs. im Rheingau erfahren möchte, keine aus­führlichere Darstellung ihrer Geschichte und ihres Brauch­tums erwartet, dafür aber die fröhlichen Bilder schätzt, der greift sicher gerne zu diesem Buch von Walter Hell.

Elke Detmann, Walluf

Geisenheim - Bachelinhaus und Altstadtsanierung

 

Peter Foißner, Klaus Großmann u.a.: Geisenheim -Bachelin-Haus und Altstadtsanierung. Geisenheim 2012,144 S. m. zahlr. meist färb. Abb. (Beiträge zur Kultur und Geschichte der Stadt Geisenheim, Bd. 10). ISBN 978-3-00-036939-1.10,00 Euro.

 

Blättert man den 2012 erschienenen Band auf, so ist man von der Fülle der Farbaufnahmen über­rascht und angetan.
Aber erst der Reihe nach: Es handelt sich um eine interdisziplinäre Arbeit mit Beiträgen von Histo­rikern, Denkmalpflegern, Architekten und Verwaltungsleuten, die alle an dem großen Projekt der Altstadtsanierung von Geisenheim beteiligt waren oder es begleitet haben. Sie wurde 1975 begonnen und konnte 2011 abgeschlossen werden. „Sanie­rung" ist bekanntlich eine zweischneidige Angelegenheit. Geht sie in die Fläche und reißt ganze Häuserblöcke ab, so lässt sich kaum von einer „Gesundung" sprechen. Wahrt man aber die stadtbildprägende Bausubstanz, vor allem die wichtigen Eck- und Randbauten, und legt nur zweit- oder drittrangige Altbauten nieder, deren Flächen anschließend neu genutzt oder wieder bebaut werden, so lassen sich die Wohn- und Lebensverhältnisse verbessern. Auskunft über diese in Geisenheim durchgeführten Maßnahmen gibt ein aufschlussreicher Beitrag, den die Stadtverwaltung und die Nassauische Heimstätte beigesteuert haben. Informativ sind vor allem die dieser Abhandlung beigegebenen Dia­gramme.

Höhe- und Endpunkt der städtischen Gesundung stellt das sog. Bachelin-Haus dar, dessen Namen auf die Familie hin­weist, die seit 1807 mit ihm verbunden ist und deren Nach­fahren es bis in die neunziger Jahre des 20. Jhs. bewohnt haben. Nach dendrochronologischen Untersuchungen ist das Haus allerdings bereits um 1695/1700 errichtet worden. Diese frühe Zeit erhellen leider keine schriftlichen und bild­lichen historischen Quellen. Dafür sprudeln sie umso kräf­tiger in den zirka zweihundert Jahren als Bachelin-Besitz, wie man dem nicht nur familiengeschichtlich, sondern auch lokalgeschichtlich bemerkenswerten Aufsatz von Herwig Bachelin entnehmen kann. Dieser familiären Zugehörigkeit verdankt das Gebäude auch seinen hohen architekturhis­torischen Wert; denn es wurde in der Zeit um 1825/1830 auf den neuesten Stand gebracht und erhielt offenbar eine zeitgemäße Ausstattung. Von ihr ist die originale Tapete im Wohnzimmer des ersten Stocks erhalten, die von dem erlesenen Geschmack der damaligen Auftraggeber Zeugnis ablegt. Vom kulturgeschichtlichen Wert dieses überregio­nal bedeutenden innenarchitektonischen Wanddekors war in Geisenheim in den letzten Jahrzehnten, wie Manfred Laufs dargelegt hat, nichts bekannt. Der Grund hierfür war vermutlich die Tatsache, dass das Bachelin-Haus in eine Art Dornröschenschlaf gefallen war. Es wurde baulich nur mehr notdürftig in Schuss gehalten, sein Gartengelände war bereits teilweise verkauft worden, und das ganze Anwesen kümmerte vor sich hin. Zu ihm gehörte auch ein Kelterhaus, das man schon 1940 veräußert hatte und das später in die städtische „Kulturscheune" umgewandelt werden sollte. Übrig blieb das Hauptgebäude, dessen Abbruch - Stich­wort Flächensanierung - sogar 1974 noch von der Verwal­tung erwogen wurde. Glücklicherweise entdeckte 1998 die Denkmalbehörde die Bedeutung der Innendekoration und machte diesen Fund auch publik. Das war der erste Schritt, das Interesse der Öffentlichkeit am Erhalt des Bachelin-Hauses zu wecken. Den hohen künstlerischen Rang des Tapetenzimmers hatte ein Gutachten des Deutschen Tape­tenmuseums in Kassel bestätigt.

Der zweite Themenbereich: 2004 erwarb die Stadt Geisen­heim das Bachelin-Haus und sah sich mit einer großen He­rausforderung konfrontiert. Es galt zunächst, den maroden  Bau, zum Beispiel das Dachwerk, sach- und fachgerecht zu sichern und zu erneuern. Welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden waren, gibt detailreich der Bericht des ver­antwortlichen Architekten Manfred Kempenich wieder. Es folgte als subtile Arbeit die Konservierung der stuckierten Decken und Wanddekorationen (Beitrag Andrea Frenzel). Die nächste Steigerung war die Restaurierung der Tapeten (Beitrag Nicola Waltz / Andrea Fiedler). Hierbei stellte sich als besonderes Problem deren alte Fixierung auf dem aus Fachwerk bestehenden Untergrund heraus. Er hatte sich im Laufe von knapp zwei Jahrhunderten leicht verschoben und die Tapeten beschädigt, die zudem unter eingedrungenem Wasser, vor allem unter den Fenstern, gelitten hatten. Um weitere Beeinträchtigungen zu vermeiden, entschloss man sich - eine Sisyphusarbeit - alle Tapetenbahnen abzulösen und sie nach der Restaurierung - dafür wurden drei Jahre benötigt - nicht mehr unmittelbar, wie sonst üblich, auf die Wände zu kleben. Vielmehr übertrug man sie auf Waben­kartons, die von Spannrahmen stabilisiert werden. Bei der Endmontage wurde Wert auf eine nahtlose Platzierung der Bahnen gelegt. Ihr papierener Charakter ist völlig erhalten. Den dritten Themenschwerpunkt mit zwei Texten von Hil­degard Hutzenlaub bildet die kunsthistorische Würdigung der Tapetengestaltung und des Tapetenensembles im Zu­sammenhang mit der Raumarchitektur, die von dem Wech­sel von Fenstern und gleich breiten Wandflächen bestimmt wird. Es handelt sich um handgemalte Tapeten, deren Hauptmotive, auf hohen Ständern postierte Vasen und Körbe mit Blumenbuketts und Arrangements aus Früchten und Zweigen, sich dem Betrachter in Augenhöhe präsen­tieren. Es entfaltet sich eine farbenprächtige, heitere som­merlich-herbstliche Welt, die klassizistisch-biedermeier­lich gestimmt ist. Farblich dezent sind die Brüstungsfelder unter den Fenstern und die Supraporten geschmückt. Sie zeigen einerseits Lorbeerlaub, das an Rocailles erinnert, und andererseits von Weinranken umwundene Thyrsosstäbe, deren Mitte Gefäße der Gastlichkeit - ein Pokal und eine Karaffe - oder des Theaters und der Komödie - eine Maske mit Triangel - einnehmen. Zu Recht unterstreicht die Autorin die hohe Qualität der Kompositionen, die durch einen leichten Schattenwurf, vor allem der Blumen, einen besonderen Reiz erhalten. Sie werden im Einzelnen botanisch sowie in ihrem volkstümlich-symbolischen Kon­text vorgestellt, wie zum Beispiel die Schlüsselblume: Gib mir den Schlüssel zu Deinem Herzen.

Instruktiv ist auch das Kapitel über die Technik des Ta­petenmalens. Mit Schablonen wurden die Muster auf der Wand vorgezeichnet und anschließend ausgemalt. Man kann insofern von individuellen Schöpfungen ausgehen, die nicht mit Vordrucken zu verwechseln sind.

Es stellt sich die Frage nach der Provenienz der Tapeten. Die Autorin weist auf Tapetenmaler und Tapezierwerkstätten hin, wie sie für Mainz und Frankfurt am Main in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. nachgewiesen sind. Die Vorla­gen für die in Geisenheim zu sehenden Motive könnten aus einem Journal stammen, von dessen Musterentwürfen an Möbeln und sonstigen Interieurs sich nicht nur das Kunst­handwerk, sondern auch eine gehobene Klientel inspirie­ren ließ. Hutzenlaub erwähnt das Journal des Luxus und der Mode (Weimar 1786 bis 1827). Ein anderes Journal Die Sam[m]lung von Zeichnungen der neuesten Lond[o] ner und Pariser Meubles als Muster für Tischler (Leipzig um 1800) macht schon in seinem Titel auf die damalige Übernationalität im Kunstgewerbe aufmerksam.

Im Anhang der Geisenheim-Publikation werden u.a. Gut­achten und die ersten Stellungnahmen wiedergegeben, die in den Jahren 1998 bis 2010 die Öffentlichkeit von dem spektakulären Tapetenfund informierten und sie für deren Erhalt sensibilisierten - ein mühsamer Prozess.

Bringt man das Ganze auf einen Nenner, so bestätigen die Beiträge wie das Gesamtbild den beim ersten Durchblät­tern der Publikation gewonnenen guten Eindruck.

Klaus Freckmann, Berlin

Hallgarten - Eine Zeitreise in Bildern

 

 

Hallgarten - Eine Zeitreise in Bildern. Hrsg. vom Verein "Weindorf Hallgarten e.V.". Hallgarten 2011. 192 S. mit ca. 360 Abb., 13,50 Euro.


 

Nach der Eingemeindung des Weindorfes Hallgarten in die Stadt Oestrich-Winkel konstituierte sich dort 1976 der Verein „Wein­dorf Hallgarten e.V.", der seit dieser Zeit mit vielfäl­tigen Aktivitäten zur Ge­schichte und Kultur an die Öffentlichkeit getreten ist. Unter anderem ist es dem Verein und seinem Vorsit­zenden Dr. Josef Rosskopf gelungen, die reiche Geschichte des Weindorfes in 17 „Hallgartener Geschichtsheften" auf­zuarbeiten. Eine vorläufige Krönung dieser Bemühungen dürfte der zum 900-jährigen Ortsjubiläum in diesem Jahr erschienene Bildband zu Hallgarten sein.

Über zwei Jahre wurden Fotos zu Hallgarten, insbesondere von Stefan Weser, gesammelt und die nötigen Informati­onen zu diesen eingeholt, bis das Buch Ende November vergangenen Jahres der Öffentlichkeit unter großer Be­teiligung der Bürger vorgestellt werden konnte. Im Laufe der Zeit waren so viele Fotos zusammengekommen, die über den Zeitraum vom späten 19. bis zum Beginn des 20. Jhs. reichen, dass sogar eine Auswahl getroffen werden musste - eine schwierige Aufgabe. Lobenswert ist, dass bei dieser Auswahl die Menschen und ihr Alltagsleben im Mittelpunkt standen, und nicht beachtenswerte Gebäude, die an anderem Ort bereits ausführlich beschrieben worden sind. Wertvoll und im Sinne der Sicherung von Primär­quellen zu begrüßen ist, dass auch Fotos aufgenommen wurden, deren Qualität zwar zu wünschen übrig lässt, die aber einen wichtigen Sachverhalt dokumentieren (z.B. S. 20 oben, S. 40 unten). Schwerpunkte des Bandes sind das kirchliche Leben und der Weinbau. Beide haben das Dorf über Jahrhunderte maßgeblich geprägt. Andere Kapitel beschäftigen sich mit markanten Persönlichkeiten, dem Wald, der Schule, der Fastnacht und den Vereinen. Auch die Hallgarter Zange wird nicht vergessen. Von besonde­rem Interesse sind Fotos, die dörfliche Arbeiten, wie z.B. eine Hausschlachtung (S. 41) dokumentieren, die es heute so nicht mehr gibt. Hier ist auch die traditionelle Land­wirtschaft mit ihren Pferde- und Ochsengespannen (z.B. S. 14 unten und S. 17 oben) und der Weinbau zu nennen (S. 104-111). Ein besonderer Reiz des Buches besteht in der Gegenüberstellung von historischen Fotos mit solchen aus den letzten Jahren. So lassen sich erst Entwicklungen augenfällig machen. Die Bildunterschriften sind prägnant, aber manchmal doch etwas zu knapp gehalten. Den Ein­band des Buches ziert eine Urkunde aus dem Jahre 1112, in der das Dorf zum ersten Mal Erwähnung findet. Eine Tran­skription dieser wichtigen Urkunde wäre für den Leser si­cher hilfreich gewesen.

Einige kritische Anmerkungen seien zur Gestaltung des Buches gemacht, die jedoch die verdienstvolle Arbeit des Redaktionsteams, der Layouterin und der Drucker nicht schmälern sollen. Der Buchtitel hätte auf dem Einband­rücken unbedingt noch einmal erscheinen sollen. Und im Inhaltsverzeichnis hätte zu den jeweiligen Kapiteln die Seitenzahl aufgeführt werden müssen. Kapitelanfänge sollten immer auf einer ungeraden, rechten Seite beginnen. Unschön ist auch, wenn Abbildungen so in die Breite gezo­gen werden, dass dadurch ein verzerrter optischer Eindruck entsteht (z.B. S. 140 unten und S. 159 oben).

Mit dem vorliegenden Band hat der Verein „Weindorf Hallgarten e.V." dem Dorf und sich ein Denkmal gesetzt, das noch lange Bestand haben wird. Zu dieser Leistung kann man nur gratulieren! Vor allem aber wird das Buch dazu beitragen, die Identität in dem Dorf zu stärken, das lange intensiv, wenn auch vergeblich, um seine kommu­nale Selbständigkeit gekämpft hat.

Walter K. Hell, Oestrich-Winkel

Oberes Mittelrheintal - Welterbe

 

Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld: Oberes Mit­telrheintal - Welterbe (monumente edition - Deutsche Stiftung Denkmalschutz) Bonn, 2. Aufl. 2007 (1. Aufl. 2006), 145 S., ca. 250 Abb., 19,80 Euro. ISBN 978-3-936942-76-7

 

Die Autorin Dr. Angela Pfotenhauer, Kunsthisto­rikerin, Journalistin und Mitglied der Chefredak­tion der Zeitschrift „Mo­numente" der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hat mit dem Graphiker und Fotografen Elmar Lixenfeld diesen siebten Band der Reihe „Monu­mente Edition" herausge­bracht, der nun schon in der zweiten Auflage vorliegt, eine nähere Betrachtung also längst überfällig gewesen wäre. Das Obere Mittelrheintal gehört zu dem glücklichen Ab­schnitt des Mittelrheins, der es 2002 geschafft hat, als UNESCO-Welterbe anerkannt zu werden, hier vorgestellt in einem Band, der Reiseführer, Bildband und Kulturge­schichte in einem ist, wobei der besondere Reiz und der intellektuelle Genuss nicht zuletzt in der 50 Seiten umfas­senden kulturgeschichtlichen Einführung liegen dürfte. Die Fülle der Fragestellungen und angesprochenen As­pekte, die Art der präzisen Formulierungen und die Ver­knüpfung an sich bekannter Einzelfakten führen immer wieder zu neuen überraschenden Einsichten. Hintergründe und Zusammenhänge herauszuarbeiten, ist offensichtlich das durchgängige Ziel der Verfasserin.

Ausgangspunkt der Betrachtungen ist „der Rhein im engen Tal", mit wilder Natur, mit Steilhängen, die bis an den Fluss reichen, im Grunde eine siedlungsfeindliche Land­schaft, aber mit einer der wichtigsten europäischen Haupt­verkehrsadern für Krieger und Kaufleute. Dieses Nadelöhr zu kontrollieren, war eine Notwendigkeit für jeden Mächti­gen und außerdem gewinnbringend, Gründe genug also für die Errichtung von mehr als 30 Burgen auf einer Strecke von 65 km. Wann wurden die Burgen gebaut, wer erbaute sie, wozu dienten sie jeweils und wie sahen sie ursprüng­lich aus, fragt die Verf. und lenkt damit den Blick auf die Hintergrundstrukturen, die materiellen, insbesondere die wechselnden politischen Zwecke und Ziele der Burgen­bauer: Waren die Burgen des 12713. Jhs. Verwaltungszen­tren des herrschenden Adels (z.B. für die Zollerhebung) sowie abschreckende Stützpunkte zur Behauptung eines Herrschaftsgebietes und als solche authentische bauliche Zeugnisse des Hochmittelalters, so wirken die Einzelbe­schreibungen der Autorin erst einmal ernüchternd, dass die meisten Burgen am Rhein keineswegs mittelalterlich, sondern jünger als 200 Jahre alt seien; denn so wie sie sich heute präsentieren, seien es meist Wiederaufbauten oder Neubauten des 19. Jhs. (z.B. Rheinstein) und frühen 20. Jhs. (z.B. Stahleck)). Und was die Romantiker um 1800 bei der literarisch-künstlerischen Entdeckung des Rheintals vorfanden, waren von Efeu überwucherte Ruinen, die bis dahin niemanden mehr interessierten. Aber sie erkannten in ihnen die originalen Überreste und Beweise für die wirkli­che Existenz der vergangenen, vermeintlich besseren und daher wieder anzustrebenden Ordnung des Mittelafters. In­sofern beinhaltet auch die auf den ersten Bück freundlich­harmlose romantische Sicht eine im Kern harte politische Komponente. Als Preußen im Zuge der Neuordnung von 1815 die Rheinprovinz bekam, machten die preußischen Könige und Prinzen die Burgen ihren politischen Zwecken dienstbar, indem sie Burgruinen erwarben, aus- oder wie­der aufbauten, um an die mittelalterliche Reichstradition anzuknüpfen und so die konservative (demokratiekritische) Tradition anschaulich zu dokumentieren.

So arbeitet die Verf. durchgängig die politischen Hinter­gründe heraus, die den jeweiligen Erscheinungsbildern zu Grunde liegen, und dämpft damit erst einmal den verzuckt-ästhetisierenden Bück auf die Burgenromantik im Sinne korrekter historischer Wahrhaftigkeit.

Die Frage nach dem ursprünglichen Aussehen der Burgen beantwortet die Verf. dahingehend, dass sie normalerweise verputzt und farbig getüncht gewesen seien (z. B. Burg Lie­benstein und die Marksburg). Die berühmte „Steinsichtigkeit" der Burgen (z.B. Sooneck und Rheinstein), die den meisten Menschen als typischer Ausdruck des Mittelalters gilt, sei in Wirklichkeit nichts anderes als eine Folge mo­derner, aus dem 19. Jh. stammender Vorstellungen von einer rustikalen mittelalterlichen Burg.

Immer wieder geht die Verf. den Voraussetzungen nach, die die sichtbaren Phänomene hervorgebracht haben, bei­spielsweise auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet. Schon seit jeher „lebten viele Menschen im engen Rheintal unter heute kaum vorstellbaren Bedingungen". Wie anders ist es sonst zu erklären, dass sie sich den Tort antaten, die Steilhänge für den Weinbau nutzbar zu machen. „Ohne den Terrassenweinbau wäre das Obere Mittelrheintal wohl nie als Welterbe anerkannt worden," Mythen stellen einen lebendigen Zweig der Rheinromantik dar, eindrucksvoll thematisiert am Beispiel der Loreley, der Geburt eines Mythos aus dem Nichts oder der reinen Phan­tasie bei Clemens Brentano und Heinrich Heine, der ihn zu einem „Märchen aus uralten Zeiten" weiterentwickelte. Die auch heute immer noch blühende Mythenbildung zeigt sich an der Aufstellung des Günderrode-Filmhauses ober­halb von Oberwesel.

Nach dieser ausführlichen Einführung folgt eine Auswahl von sechzehn Burgen und zwölf Ortschaften am Fluss ent­lang in Einzelbeschreibungen. Sie beginnt im Süden dem Verlauf des Stromes folgend zunächst mit den links-, dann mit den rechtsrheinischen Burgen. Eine Karte mit allen Burgen und Orten sorgt für die topographische Orientie­rung. Das Ganze wird abgerundet durch eine reiche Ausstattung mit ansprechenden, aussagekräftigen, teilweise ganzseitigen Fotos von Elmar Lixenfeld. mitunter aus Per­spektiven, die auch für den Ortskenner ungewöhnlich sind. Fazit: Der Band ist eine wertvolle Bereicherung der Reise­führerliteratur, insofern zum einen die gewöhnlich an einen Reiseführer gestellten Erwartungen in Gestalt von zuverläs­sigen Einzelbeschreibungen erfüllt werden. Darüber hinaus aber lehrt die Verfasserin hinter die Kulissen zu schauen. Sie lenkt den Blick weg von der Oberfläche in die Voraus­setzungen für die Ausformung einer Kulturlandschaft, die im tausendjährigen Zusammenspiel von Mensch und Natur den heutigen Zustand ergeben hat. D.h. der Rheinreisende bekommt zum einen die Perspektive des erwartungsfrohen Burgenfreundes geboten, der sich einfach gefühlvoll und vielleicht schwärmerisch der traditionellen Rheinromantik hingeben will. Auf der anderen Seite wird ihm die naive Sicht eingeschränkt, indem vor allem der Intellekt angespro­chen wird, mit dem Ziel eines gleichsam aufgeklärten, Zu­sammenhänge aufdeckenden Blicks auf die Gegebenheiten. So kann der Leser dieses Buches das Rheintal unter wech­selnder Perspektive genießen, und er sollte das bei seinem nächsten Besuch am Rhein mutig und mit Gewinn erproben.

Manfred Laufs, Mainz

Jahrbuch 2012

 

Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2012 / 63. Jahrgang - Themen-Schwerpunkt: Macht und Ohn­macht der Bürger. Herausgegeben vom Kreisausschuss des Rheingau-Taunus-Kreises. Bad Schwalbach 2011, 320S.,7,50Euro.

 

Das Jahrbuch des Rhein­gau-Taunus-Kreises 2012, das im November 2011 in der 63. Auflage erschien, präsentiert sich als lesens­wertes und unterhaltsames Nachschlagewerk für die ganze Familie. Auf 320 Seiten umfasst es 98 Bei­träge, die in zehn The­menkreise unterteilt sind. Das Schwerpunktthema: „Macht und Ohnmacht der Bürger" behandelt in 22 Ar­tikeln die regionale Geschichte vom Beginn des 19. Jhs. bis zur Gegenwart. Der Themenkreis ist breit gefächert. Es geht dabei in der Hauptsache um den Kampf der Bürger für den politischen Wandel, u.a. um die Jakobiner im Rhein­gau, die Widerstände gegen die nassauische Landesregie­rung, das preußische Dreiklassen-Wahlrecht, die Willkür im sog. Dritten Reich und um Parteigründungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die derzeitige politische Diskus­sion in Deutschland, die Politik Verdrossenheit, sinkende Wahlbeteiligung und steigende Zahl der Demonstrationen werden thematisiert.

Unter der Überschrift „Unsere Zeit" werden aktuelle Pro­bleme, wie z.B. der Bahnlärm am Rhein behandelt. Bücke in die Vergangenheit vermittelt der nächste Themenkreis. Hier werden u.a. die Rheinregulierung in der zweiten Hälfte des 19. Jhs., Grenzsteine als Meilensteine der Ge­schichte und ein archäologischer Fund bei Beuerbach be­handelt, der auf eine dichte Besiedlung des Gebietes schon vor 6000 Jahren hinweist.

Das religiöse Leben im Wandel, Pflanzen und Tiere des Jahres 2011 und die Chronik der Kreisentwicklung werden jeweils in mehreren Beiträgen dargestellt. Auch das kommunale Geschehen in den 17 Gemeinden des Kreises vom September 2010 bis August 2011 wird aufgezeigt. Und im Rahmen von fünf Beiträgen kommen schließlich Unterhal­tung, Rätsel und ein Fotowettbewerb nicht zu kurz. Sehr zu begrüßen ist die Auflistung der im Berichtsjahr erschienen Bücher und Artikel über den Rheingau-Taunus-Kreis. Das Jahrbuch 2012 des Rheingau-Taunus-Kreises kostet 7.50 Euro. Es ist ihm eine zahlreiche Leserschaft zu wün­schen.

Helga Simon, Eltville

Rheingau

 

 

 

Eva Demski: Rheingau. Hamburg 2011,125 S. ISBN 978-3-455-50229-9. - 15,00 Euro.

 

 

„Der goldene Rheingau" oder „Germania mit Dis­kus". Eva Demskis Streifzug durch den Rheingau: Bis etwa 1970 gab es das Fach „Heimatkunde" in der Schule. Danach ver­schwand es aus dem Un­terricht und wurde durch das Fach „Sachkunde" ersetzt. Im Fach „Heimat­kunde" ging es um den Nahraum des Kindes, also um Land und Leute vor der eigenen Haustür. Es ging auch um Natur, Kultur und Gesellschaft und - man mag es ja kaum aussprechen - um eine gewisse Liebe zur Heimat.

Der in Hamburg ansässige, traditionsreiche Verlag Hoff­mann und Campe hat 2007 eine neue Reihe über deutsche Städte und Regionen aufgelegt und sie mit „Heimat­kunde" betitelt. Dabei geht es keineswegs um Reiseführer im landläufigen Sinne, es geht vielmehr laut Verlag um „augenzwinkernde Geschichten über Deutschlands regi­onale Besonderheiten." Etliche dieser augenzwinkernden Geschichten sind schon veröffentlicht, so z.B. über Baden. Bayern, Dresden, Frankfurt, Ostfriesland, Schwaben usw.  2011 ist das Bändchen „Rheingau" in dieser Reihe er­schienen. Autorin ist die 1944 in Regensburg geborene Eva Demski. Sie lebt in Frankfurt als freie Schriftstellerin und hat vorher als Dramaturgin, Übersetzerin, Lektorin und Rundfunkautorin gearbeitet. 2008 wurde ihr der Preis der Frankfurter Anthologie verliehen. Anlässlich der Preis­verleihung sagte Marcel Reich-Ranicki über Eva Demski: „Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist."

Das hat sie anscheinend von ihrer Großmutter von der an­deren Rheinseite geerbt. Die „sprach von ihrem Zuhause am Rhein wie von einem gelobten Land, gegen das alle anderen grob und finster erschienen. Als hätte der Wein mit seinen goldenen Fluten dort alles Böse weggespült, den Krieg und den Tod. Das Leben: endlich wieder ein Winzerfest."

Eva Demski hat nicht nur ein untrügliches Gespür für Land und Leute, sie verfügt auch über die göttliche Gabe, die treffenden Worte dafür zu finden. Dass der Wein dabei selbstredend eine Schlüsselrolle spielt, liegt auf der Hand. Der Rheingauer unterschreibt ihr, dass „Woi", „der Wein, das Lebensmittel, das Gottesgeschenk" sei. Und so stellt sie zu Recht fest: „Man fühlt sich wie ein Atheist im Vati­kan, wenn man im Rheingau ist und keinen Riesling mag." Der Eltviller wird es gerne lesen, dass sie von der Sektstadt fasziniert ist: „Man hat dort einfach kein schlechtes Gewis­sen. Und natürlich muss Thomas Manns Felix Krull dazu als Zeuge gehört werden: Die gepressten Korken waren mit Silberdraht und vergoldetem Bindfaden befestig! und mit purpurrotem Lack übersiegelt... die Hälse waren reichlich mit glänzendem Stanniol umkleidet und auf den Bäuchen prangte ein golden umschnörkeltes Etikett. Der Leser ver­neigt sich bei diesen Sätzen und genießt die Himmelsgabe aus der Stadt des Sektes und der Rosen.

Dass der Rheingau eng ist, aber hier alles noch enger, erfährt Demski in der Rüdesheimer Drosselgasse. „Eine Gasse voll Vergnügungen, voll Gemeinsamkeit, in der jeder so falsch singen darf, wie er will." „Aufdringlichkeit ist der Gasse sozu­sagen immanent." Man sollte also auch diesen Rheingau be­sucht haben, wenn man ihn ganz erleben und verstehen will. Der Rheingauer an sich zeichnet sich durch Misstrauen gegen alle Alten von Autorität aus. „Das ist Bauernart, und die Winzer hielten sich seit jeher für die edleren unter den Bauern: Man lässt sich ungern von irgendwoher oben sagen, was man zu tun hat. Das weiß man selber schon am besten." Sie ist zu Gast beim Rheingau Musik Festival in Kloster Eberbach und „...fühlt sich so vernunftlos, so nachgiebig, als wäre man unversehens eines Zipfels der Seligkeit teilhaf­tig geworden, die man gar nicht verdient hat."

Es geht im Rheingau nicht nur weinselig und rosig zu. Die Geschichte bezeugt das: Bei einem Besuch der „Anstalt Eichberg'", dem heutigen „Vitos Klinikum Rheingau" in Kiedrich, steht Eva Demski vor der „Kindertotengedenk-stätte" in Gestalt eines sarggroßen Steines. Für das Böse, den Rassenwahn, der auch hier gewütet hat, ist diese Form des Erinnerns und Gedenkens für sie nicht mehr als eine Verlegenheitslösung.Einer Frau, die so trefflich wie die Demski schreibt, darf zugestanden werden, dass sie der Germania, und damit dem Nationalstolz nahe tritt. Die Germania „scheint ihre Krone nicht stolz hochzuhalten, sondern erleichtert wegzu­werfen, fast wie einen Diskus." Für Eva Demski gehören Germania und Loreley im Übrigen zusammen „als Ver­körperungen von nicht leicht fassbaren großen Gefühlen." Diese Begegnung mit dem „Rheingau" ist nicht für durch­reisende Touristen oder Datensammler geeignet. Es ist eine einladende und lesenswerte Liebeserklärung an den Rheingau. Und gerade, weil sie nicht verschweigt, was sich hinter den mit dem Dreikönigssegen geschmückten Türen verbirgt, ist es eine echte Liebeserklärung.

Auf dem Rückendeckel preist der Verlag das Büchlein als „literarischen Genuss". Wohl wahr!


Thomas Weinen, Eltville-Rauenthal

Das Mittelrheintal - Leben am Mittelrhein von 1880 bis 1970

 

 

Dirk Eberz: Das Mittelrheintal - Leben am Mittelrhein von 1880 bis 1970. Erfurt 2011. ISBN 978-3-86680-910-9.18,95 Euro.

 

 

Letztes Jahr hat der lang­jährige Redakteur der Rhein-Hunsrück-Zeitung bzw. der in Koblenz er­scheinenden Rhein-Zei­tung, Dirk Eberz, einen Bild-Text-Band über das 2002 durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erho­bene Mittelrheintal vor­gelegt.

In diesem Buch geht es jedoch nicht um die bekannten Burgen und Schlösser in diesem Abschnitt des Rheintales, sondern um das Alltags­leben der Menschen in vergangenen Zeiten (ein „Leben jenseits der Rheinromantik"). In sieben Kapiteln wird deren Leben in 160 historischen Pholographien gezeigt. Diese sind den Beständen des Kulturhauses Oberwesel, das auch ein bemerkenswertes Museum beherbergt, des Kreismediendienstes und aus eingesandten Bildern der Leser der Rhein-Hunsrück-Zeitung entnommen. Die Kapi­telüberschriften lauten: „Leben am Fluss", „Im Steilhang und unter Tage", „ Mit Rohrstock und Schiefertafel", „Von Flößern und Schiffern", „Die Bahn macht mobil", „Mittel­rhein im Zeitraffer" und „Freizeit und Sport“.

Den jeweiligen Bildserien werden instruktive Informatio­nen zu den einzelnen Kapiteln vorangestellt. Einen The­menschwerpunkt stellt der weithin unbekannte Bergbau im Mittelrheintal dar. Unterbrochen werden die Bildseiten von Ausführungen, die in der Rhein-Hunsrück-Zeitung zwar schon einmal erschienen sind, aber sicher nicht mehr jedem Leser präsent oder zugänglich sein dürften, über: „Lachse im Rhein", „Bergleute gruben Tunnel 180 Meter unter dem Rhein", „Den Rheinflößern ging das Bier nie aus", „Gemüsebeete in der Klosterkirche". Nebenbei be­merkt: Lachse, heute eine Delikatesse, galten damals als eine Speise der Armen, und Floßschiffer erhielten laut Ta­rifvertrag am Tag vier Liter Bier.

Angesichts der heutigen Diskussion um den Bahnlärm im Mittelrheintal wären sicher einige kritische Anmerkun­gen zu dem Kapitel „Die Bahn macht mobil" angebracht gewesen. Was damals ein ungeheurer Fortschritt für die Menschen am Mittelrhein war, entpuppt sich zunehmend als deren Geißel und schadet dem Tourismus, der eine wichtige Einnahmequelle für die Region darstellt. Als Rheingauer Leser hätte man sich gewünscht, dass auch der Rheingau bis Rüdesheim Beachtung gefunden hätte, der ja schließlich gleichfalls zum Weltkulturerbe gehört. Von diesen Kritikpunkten abgesehen, ist dem Autor ein lesens- und betrachtenswertes Buch gelungen, das teilweise auch wenig bekannte Facetten des Lebens am Mittelrhein in ge­konnter Aufmachung widerspiegelt.

Walter K. Hell, Oestrich-Winkel

Lorchhausen

Lorchhausen.

Geschichte und Geschichten eines Weindorfes. Hrsg. vom Heimatverein Lorchhausen. Memmingen 2011.  665 Seiten m. zahlr. Abbildungen. 25 Euro. Erhältlich über: Martina(at)heisiph.de  /  fam-breitbach(at)web.de sowie über die Buchhandlung Simon in Lorch.

Nach über zehnjähri­ger Vorarbeit hat der 1998 gegründete Hei­matverein Lorchhau­sen ein umfangreiches Werk über Lorchhau­sen aus der Feder von fünf Autoren heraus­gebracht. Damit wird eine Lücke geschlos­sen, denn mittlerweile liegen zu der Geschichte fast aller Rheingauorte Monographien und Aufsatzsammlungen in sehr unterschiedlicher Qualität vor. Mit der vorlie­genden Publikation tritt auch die am Rande des Rheingaus gelegene Gemeinde verstärkt in das allgemeine Geschichtsbewusstsein der Region ein. Anlass für die Publikation ist die Ersterwähnung Lorchhausens vor 800 Jahren.

Das vorliegende Buch stellt die Geschichte Lorch­hausens nicht streng chronologisch, sondern nach Themengebieten vor. Die größeren Abschnitte sind überschrieben mit: „Lorchhausen am Rhein. Gemeinde zwischen Fluss und Rebhang" (S. 33-147), womit die geographische Lage des Ortes als Voraussetzung seiner Geschichte beschrie­ben wird, „Kirchliches und kulturelles Leben" (S. 149-276), „Im Strudel geschichtlicher Wir­ren" (S. 279-348), „Das Weindorf Lorchhausen" (S. 349-350), „Das sonstige Wirtschaftsleben" (S. 451-542), eine etwas nebulöse Überschrift, sowie „Gemeinde durch solidarisches Handeln" (S. 543-615) und „Epilog" (S. 617-647) mit Erin­nerungen von Emma Gerecht. Den Abschluss bil­den „Gedanken eines Lesers" von Werner Pendel. Dem Weinbau verdankt das Dorf seine Erster­wähnung im Jahr 1211. Im Eberbacher „Oculus memoriae" heißt es, dass Franco von Lorch bei seinem Eintritt in das Kloster zwei Drittel sei­ner beiden in Lorch und Lorchhausen gelegenen Weinberge in den Klosterbesitz eingebracht habe. Schon hier zeigt sich die enge Verbindung zwi­schen den beiden Orten, die 1971 durch den frei­willigen Zusammenschluss von Lorchhausen und Lorch im Rahmen der hessischen Verwaltungs­- und Gebietsreform auch amtlich besiegelt wurde. Instruktiv sind die Unterkapitel über das Klima sowie die Tier- und Pflanzenwelt Lorchhausens und seiner Umgebung, die man aber besser, so zu sagen als naturräumliche und biologische Voraussetzun­gen der Ortsgeschichte, an den Anfang des Bandes gestellt hätte. Bemerkenswert sind auch die Unter­kapitel „Lorchhausen und der Rhein" mit seinen Ausführungen über die Lorchhäuser Schifferfami­lien, die Integration der Flüchtlinge und Heimatver­triebenen nach 1945 sowie der ausländischen Mit­bürger, die Geschichte der genossenschaftlichen Rebenveredlung und die verschiedenen Handwerke und Gewerbe sowie die Gastronomie, die heute so nicht mehr existieren. Auch das bis heute rege Ver­einsleben wird ausführlich dokumentiert.

Wenn das Werk auch keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, ist es doch zu großen Teilen aus Quellen geschöpft, wie z.B. aus der Gemeinde-, Kirchen- und Schulchronik, die vor allem in der Wissenschaft immer noch zu wenig Beachtung finden, aber oft die einzigen Quellen sind, die über die Geschichte eines Dorfes Auskunft geben kön­nen. Auch die Benutzung von Familienchroniken und -archiven ist zu begrüßen. Quellen aus dem Hauptsstaatsarchiv wurden ebenfalls für die Dar­stellung herangezogen, hätten aber immer genau mit ihrer Registriernummer genannt werden sol­len. Die Quellenangabe „Verschiedene Einzelur­kunden" genügt hier nicht! Überhaupt müsste streng zwischen den eigentlichen Quellen und der Sekundärliteratur, die oft auch nicht vollständig zitiert wird, unterschieden werden. Ein Bildnach­weis fehlt ganz.

Geschickt ist die Gegenüberstellung einer An­sicht des Ortes von 1827 auf den ersten beiden und einer Photographie aus den letzten Jahren auf den letzten beiden Seiten des Buches. Überhaupt wird dem Leser ein umfangreiches Bildmaterial von unterschiedlicher Qualität und Aussagekraft geboten. Am eindruckvollsten sind naturgemäß die Abbildungen, die unmittelbar das Leben in Lorchhausen zeigen. Weniger von Interesse sind für den historisch Bewanderten die gelegentlich zu umfangreichen Ausführungen zur allgemeinen Geschichte. Nützlich ist dagegen für den Leser zur Orientierung die auf den Seiten 22-28 abge­druckte Zeittafel.

Sicher ist die vorliegende Publikation für eine Ge­meinde wie Lorchhausen, die im Laufe der letzten Jahre viele staatliche und kirchliche Institutionen, die über Jahrhunderte das örtliche Leben präg­ten, eingebüßt hat und in den letzten Jahrzehnten einem einschneidenden gesellschaftlichen Wandel unterworfen war, identitätsstiftend. Die Gemeinde behält so ihr eigenes, unverwechselbares Gesicht. Außerdem dürfte die Schrift Leser im Rheingau und darüber hinaus anregen, sich einmal mit der Geschichte dieses Ortes näher zu beschäftigen. Mit der Schrift kann sich Lorchhausen im Rah­men des UNESCO-Kulturerbes „Oberes Mittel­rheintal" würdig präsentieren. Anerkennung ver­dient auch der ASS-Verlag, der sich in den letzten Jahren um die Herausgabe einiger ortsgeschichtli­cher und heimatkundlicher Publikationen verdient gemacht hat. Leider fehlt dem Buch eine ISBN, sodass es nur über die oben angegebenen Adressen zu erwerben ist.

Walter K. Hell

Der Rheingau

Angela Pfotenhauer u. Elmar Lixenfeld: Der Rheingau. Bonn: Deutsche Stiftung Denkmal­schutz, Monumente - Publikationen, 2011. (Monumente Editionen, Bd. 10). 144 S. m. über 250 z. Tl. großform. Abb. ISBN 78-3-86795-036-7. Brosch.Euro 14,80.

Der Rheingau

„Über den Rheingau erscheinen nahezu jedes Jahr schöne, bildreiche (...) Kunst-und Bildbände (...)." (S. 142) Diese Bemer­kung stellt die Autorin, Angela Pfotenhauer, ihrer „Lesestoff be­titelten Auswahlbib­liographie über den Rheingau voran (S. 142). Leicht ist man deshalb geneigt zu fragen: Warum dann noch ein weiteres Rheingau-Buch? Doch dieses Buch hat neben den vielen anderen Rheingau-Büchern durchaus seine Berechtigung, versucht es doch gemäß dem Leit­motiv der monumente edition „zwischen denkmalpflegerischen Expertenwissen und einem aufge­schlossenen Reisepublikum zu vermitteln." (S. 4) Nicht die Sehenswürdigkeiten einer Region sollen abgearbeitet, sondern ihre jeweilige Struktur, ihr Wesen ergründet werden. Erste Adressatengruppe der Publikation sind die Besucher des Rheingaus aus dem Rhein-Main-Gebiet mit den Städten Wiesbaden, Mainz, Darm­stadt und Frankfurt. Konsequenterweise beginnt die Darstellung deshalb mit den Orten Massen­heim, Wicker, Flörsheim und Hochheim unter Einschluß der Landeshauptstadt Wiesbaden, die jedoch nicht zum historischen Rheingau gehören, diesem aber eng verbunden waren bzw. noch sind.

Geschickt wird die naturräumliche und verkehrs­geographische Gliederung des Rheingaus in dem Band genutzt, um den Besucher entlang der wich­tigsten Verkehrswege auf der B 42 und der Eisen­bahnstrecke entlang des Rheins durch die Uferorte zu führen. Von dort werden dann Abstecher in die von kleinen Nebenflüssen und Bächen gebildeten Seitentäler unternommen. Leider hat man nicht daran gedacht, dass ein Besucher sich auch per Passgierschiff dem Rheingau nähern und diesen erkunden kann.

Besonders eindringlich weist das Buch daraufhin, dass der Rheingau von vielen Besuchern fälsch­licherweise schon zum Oberen Mittelrheintal ge­rechnet wird. Dabei ist „das Mittelrheintal (...) schmal", der Rheingau „hingegen (...) weit und mild (...)."(S. 4). Ein Verdienst der Publikation besteht darin, dass sie den Rheingau nicht nur als traditionsreiche Weinbauregion mit ihren edlen Rieslingweinen vorstellt, sondern auch den Wald­reichtum der Landschaft betont. Fast zwei Drittel der Fläche des Rheingaus ist nämlich von Wäldern bestanden. Der Walderhaltung wurde in zahlrei­chen Forstverordnungen seit dem 16. Jahrhundert in unserer Region besonderes Augenmerk zu teil. Man kann hier schon recht früh von einer nach­haltigen Forstwirtschaft sprechen. So wird in dem Werk auch das so genannte Rheingauer Gebück, eine natürliche Grenze, die den reichen Rheingau bis in das 17. Jahrhundert vor äußeren Feinden schützte, ausführlich behandelt (S. 36-39). In diesem Zusammenhang sind die zum großen Teil wunderbaren Photographien von Elmar Lixenfeld zu nennen, der nicht nur die bekannten Rheingauer Motive, sondern gerade auch herrliche Bilder der Rheingauer Natur dem Betrachter anbietet. Leider sind einige Fotographien sehr klein, was aber wohl der graphischen Konzeption des Buches geschul­det ist.

Nützliche Informationen kann selbst der „gebo­rene Rheingauer" dem Buch entnehmen. Wussten Sie schon, dass die bekannte Geisenheimer Win­zer- und Küferfamilie Burgeff seit 1837 in Hoch­heim eine Großkellerei für Weine betrieb, aus der ein berühmtes Sekthaus hervorging oder dass die Rheinauen vor Niederwalluf zu den wenigen noch erhaltenen einer einst reichen Auenlandschaft am Rhein gehören? Diese letzte Erkenntnis verdankt die Autorin wie viele andere Einsichten, der noch unveröffentlichten Rheingauer Denkmaltopogra­phie von Dagmar Söder, deren Typokript sie einsehen konnte.

Die vorliegende Publikation kann somit nicht nur dem Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet, son­dern auch den Alteingessenen, nützlich sein, wes­halb sie durchaus dem Publikum empfohlen sei. Außerdem gereicht es dem Rheingau zur Ehre, dass er als zehnte Region in die monumente edition der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aufge­nommen wurde.

Walter K. Hell, Oestrich-Winkel


Rauenthaler Geschichte(n)

Hans Wagner: Der Rauenthaler Schultheiß Johann Georg Hofmann - Aloys Henninger: Aloysia, Historische Erzählung (Rauenthaler Geschichte(n), Bd. 1). Hrsg. von der katholi­schen Pfarrgemeinde St. Antonius Eremitus. Berlin 2010, 107 S. ISBN 978-3-86931-653-6. 14,90 Euro.

Man ist doch immer wieder angenehm überrascht, wenn eine neue lokalgeschicht­liche Publikation aus der Taufe gehoben wird. So auch bei dem vorliegenden Band l der „Rauenthaler Geschichte(n)". Die Schrift mit ihren 107 Seiten gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil stellt der verdienstvolle Hei­matforscher Hans Wagner, der sich auch schon mit der Geschichte der Pfarrgemeinde St. Anto­nius befasst hat, das Leben Johann Georg Hof­manns (1652-1725) dar, der vom Schulmeister zum Schultheißen und vermögenden Grundbe­sitzer in Rauenthal aufgestiegen ist. Dabei geht es dem Autor weniger um die Präsentation eines Helden als um die Darstellung eines Menschen in seiner Zeit. Deshalb ist in dem Bändchen sehr viel über die Rauenthaler und Rheingauer Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts zu erfahren. Bemer­kenswert sind insbesondere die klaren Ausfüh­rungen zur Rheingauer Verfassungsgeschichte. Höhepunkt im Leben Hofmanns war die Zurückschlagung des legendären französischen Überfalls auf Schlangenbad am 17. Juli 1709. Wagner stützt sich bei seinen Ausführungen auf das heute noch erhaltene „Haus-Protokoll", eine Art Haus- bzw. Tagebuch Hofmanns, das eine Vielzahl von Infor­mationen nicht nur privater Natur bietet. Ergänzt werden Hofmanns Ausführungen aus anderen Quellen diverser Archive. Hier ist eine Darstel­lung aus den Quellen geschöpft und nicht einfach anderswo Publiziertes zusammengetragen wor­den. Das ist aber die Kärrnerarbeit des Historikers! Im zweiten Teil der Schrift ist die Erzählung „Aloysia" des bekannten nassauischen Schulman­nes und Republikaners Aloys Henninger (1814-1862) aus dem Jahre 1858, deren Hintergrund der Überfall auf Schlangenbad ist, abgedruckt. Die er­zählte Geschichte beruht jedoch weitgehend nicht auf historischen Tatsachen, sondern ist fiktiv. Der wohlhabende holländische Kaufmann Hendrik van Alphen begegnet auf der Bubenhäuser Höhe der Rauenthaler Winzertochter Aloysia Berger. Das weitere Schicksal der beiden entscheidet sich durch diese Begegnung und den besagten Über­fall . Für unseren heutigen Geschmack ist die Er­zählung wohl etwas zu sentimental-verklärend.

Von einigen kleineren sprachlichen Fehlern abge­sehen, scheint mir das Titelbild, das die vor 1820 abgebrochene Kapelle auf der Bubenhäuser Höhe zeigen soll, etwas missraten. Die Abbildung ist wenig aussagekräftig, da sie kaum den geographi­schen Zusammenhang, in dem die Kapelle steht, erkennen lässt. Kiedrich und der Johannisberg im Hintergrund sind nur auf den zweiten Blick sche­menhaft zu erkennen.

Thomas Weinert, Pfarrreferent in Rauenthal, schreibt im Vorwort: „Kurzweil und Unterhaltung seien dem Leser dieses Buches gegönnt und ge­wünscht, aber auch eine förderliche Begegnung mit der Geschichte und den Menschen, die in Rau­enthal einst gelebt haben." Diesem Wunsch kann sich der Rezensent nur anschließen.

Walter K. Hell, Oestrich-Winkel

Der Rheingau und seine historischen Häuser.

 

Klaus Freckmann, Burghart Schmidt (Hrsg.) Der Rheingau und seine historischen Häuser. Jonas Verlag, Marburg 2010, 184 S. zahlr. Abb. (Schriftenreihe zur Dendrochronologie und Bauforschung, Bd. 8) ISBN 978-3-89445-433-3 - 25,00 Euro.

Auf 184 Seiten mit überwiegend farbigen Abbildungen sind neue Erkenntnisse zum histo­rischen Baubestand des Rheingaus anschaulich dargestellt. Kern der Veröffentlichung sind in den Jahren 2004-2007 vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln an rund 100 ausgewählten Gebäuden durchgeführte Untersu­chungen. Dabei kamen Erkenntnisse der Dendrochronologie zur Anwendung, einer Wissenschaft, die Altersbestimmungen verschiedener Holzarten mit Hilfe des Bildes ihrer Jahresringe vornimmt. Die Jahresringe jeder Holzart sind je nach Wachs­tumsperiode - gutes oder schlechtes Jahr - unterschiedlich breit ausgebildet. Verbunden mit Informationen zum Klimaverlauf konnten somit Jahresringtabellen erarbeitet werden, die z. B. für die mitteleuropäische Eiche lückenlos bis 10.000 Jahre zurückreichen. Im Vergleich mit diesen Ta­bellen lässt sich das Alter von Fundstücken be­stimmter Holzarten heute jahresgenau bestimmen.

Die ausgewählten Gebäude sind in über­sichtlichen Tabellen ortsbezogen aufgerührt, mit Adresse, Bezeichnung der untersuchten Holzart und der Zahl entnommener Proben. Weitere Ta­bellen enthalten genauere Angaben zur Einbau­stelle und zur statischen Funktion der Hölzer, zur Anzahl der vorgefundenen Jahresringe und daraus abgeleitetem Fällungsjahr. Dabei wird nicht ver­säumt, darauf hinzuweisen, dass zwischen Fällung und Einbaujahr relativ kleine, aber nicht erfassbare Zeitdifferenzen liegen können. Sie sind auf Zwi­schenlagerung und Transport zurückzuführen. Ein gesondertes Kapitel Zur Flößerei auf Rhein und Main befasst sich ausführlich mit dieser Trans­portart. Es wird auch dargestellt, welche Spuren zum Binden der Flöße noch am eingebauten Holz erkennbar sind.

Im Kapitel Die Geschichte der bauhistorischen Erforschung des Rheingaus ordnen die Verfasser ihre Publikation wie folgt ein: Es handelt sich bei ihr nicht um eine Gesamtdarstellung des histo­rischen profanen Geschehens im Rheingau, also keineswegs um einen Katalog des überkommenen Baubestandes, sondern um Exempla oder Einzel­fälle und eventuell um neue Datierungen ausge­suchter Bauten. Es liege in der Natur der Sache, dass bisherige Verzeichnisse, wie auch die zuletzt 1965 mit Unterstützung des Hess. Landesamtes für Denkmalpflege herausgegebene umfassende Bestandsaufnahme die kirchliche und anspruchs­volle Baukunst des Adels in den Vordergrund rü­cken, während die so genannte bürgerliche oder gar die bäuerlich-ländliche hintanstehen.

In dem vorangehenden Kapitel Die Kul­turlandschaft Rheingau werden die bereits von Goethe besungenen landschaftlichen Reize des Rheingaus sowie dessen wirtschaftliche Vor­zugsstellung hervorgehoben. Hier wohnten keine Leibeigenen, sondern freie Bürger oder urbane Bauern, die ihrem eigenen Vermögen gemäß frei bauen durften. Zu beachten waren lediglich Gemeinde-Feuerverordnungen, die später durch das eine Bauamtsordnung enthaltende „Mainzer Landesrecht" abgelöst wurden. Zeitweise durfte in den Wäldern knapp gewordenes Eichenholz nur noch für konstruktiv wichtige Bauteile geschlagen werden. Ansonsten war schneller nachwachsendes Weichholz zu verwenden.

Im Kapitel Die bauhistorische Entwicklung wird den detaillierten Untersuchungsergebnis­sen ein weiterer zusammenfassender Überblick über die Bautätigkeit im Rheingau vorangestellt. Dort konnte sich kein einheitlicher Fachwerkstil entwickeln. Es dominierten Gestaltungsvorstel­lungen und Vorlieben privater Bauherren. Ältere Gebäude wurden vielfach erweitert, umgebaut und renoviert. Manchmal lassen sich wiederverwen­dete Holzteile nachweisen. Bei Steinbauten lassen sich auch Kurmainzer Einflüsse erkennen.

So wird der älteste Immunitätsbau des Rhein­gaus, das stilistisch dem Jahr 1160 zugeordnete Graue Haus in Winkel, auf Grund entnomme­ner Holzproben auf das Jahr 1075 zurückdatiert. Die Konstruktion des gotischen Dachstuhls des auf dem Titelblatt abgebildeten Brömserhofs in Rüdesheim wird exakt auf die Jahre 1292/93 datiert. Ein mit 1650 datierter Wappenstein nennt das genaue Datum einer späteren baulichen Erwei­terung.

Die Schilderung einer über 850 Jahre reichen­den Bauepoche im Rheingau endet mit der auf der Buchrückseite abgebildeten Villa Gutenberg in Winkel. Der Bauplan wurde 1900 auf der Weltausstellung in Paris prämiiert, 11 Jahre nach Errichtung des Eiffelturms. Der Gesamthabitus der Villa stellt durchaus eine harmonische Ver­bindung von Historismus und Jugendstil dar, der sich besonders in manchen Details manifestiert, beispielsweise in den floral geschnitzten Wangen der Haupttreppe oder in der dekorativ ähnlich ausgemalten Decke des Haupteingangs. Im Ver­zeichnis von 1965 ist die Villa noch nicht erwähnt.

Die Texte sind mit zahlreichen Querverwei­sen und Quellenangaben versehen, detaillierte Angaben werden durch Abbildungen und tabel­larische Darstellungen ergänzt. Ein ausführliches Literaturverzeichnis ist angefügt. Alles in allem, für bauhistorisch Interessierte ein Buch voller An­regungen.

Karl Heinz Walter, Dipl. Ing. Architekt, Bad Schwalbach


500 Jahre Laiengestühl 1510-2010 in der St. Valentinuskirche Kiedrich im Rheingau

Werner Kremer: 500 Jahre Laiengestühl 1510-2010 in der St. Valentinuskirche Kiedrich im Rheingau, geschaffen von Erhart Falckener, mit Beiträgen von Barbara Denker, Bruno Kriesel, Robert Nandkisore, Winfried Wilhelmy. Hrsg. v. Förderkreis Kiedricher Geschichts- u. Kulturzeugen e.V.. Kiedrich 2010, 185 S., 310 Abb., l ausklappb. Plan. ISBN 978-3-00030677-8,14,80 Euro

Zum 500. Jubiläum der Fertigstellung des spätgotischen Laiengestühls in der Kath. Pfarrkir­che St. Valentinus in Kiedrich widmeten Werner Kremer und der herausgebende Verein dem ein­zigartigen Werk des bayerischen Flachschnitt­künstlers Erhart Falckener eine 185 Seiten starke, bebilderte Publikation. Die Schrift ist sinnreich zugleich dem Andenken des verdienten, leider 2009 verstorbenen Heimatforschers und Grün­dungsmitglieds des Kiedricher Geschichtsvereins, Dr. h. c. Josef Staab, zugeeignet, der bereits 1998 die inhaltsreichste sog. „Gerechtigkeitsspirale" in einer eigenen kleinen Abhandlung untersucht hatte. Das Buch versammelt die Beiträge von fünf Autoren.

Größten Raum nimmt dabei die Dokumenta­tion Werner Kremers ein (S. 9-114), die sich in Wort und Bild einer Gesamtschau des historischen Laiengestühls von 1510 widmet. Dabei legt der Autor seinen selbst gezeichneten Bankplan zu­grunde; zugleich kann er sich in der Auswertung auf die Dissertation von Hildegard Sobel (1980) und die wissenschaftliche Inschriften-Edition von 1997 stützen. Aber Werner Kremer beschritt auch durchaus eigene Wege: Alle Gestühlwangen und Brüstungsfelder werden der Bankplan-Ordnung folgend abgebildet, ein grundsätzlich lobens­wertes Unterfangen, da der Betrachter jetzt alle Bestandteile des Gestühls anschaulich nachvoll­ziehen kann. Doch offenbart diese Vorgehens­weise leider auch vermeidbare Transkriptions-. Lese- oder Übertragungsfehler, die der Endkor­rektur entgangen sind.

Im zweiten Teil der Publikation untersucht der Mainzer Kunsthistoriker Winfried Wilhelmy das Laiengestühl als multifunktionales Möbel im Kirchenraum und geht zugleich der interessanten Frage nach, inwieweit es ein Zeichen für die vor-reformatorische Daseinsfürsorge und Mittel zur Sozialdisziplinierung gewesen ist (S. 115-128). Wilhelmys zweiter Beitrag befasst sich erhellend mit Falckeners anhand seiner Künstlersignaturen in Weinheim, Bechtolsheim und Kiedrich nachzu­zeichnenden Lebenswirklichkeit als hochspeziali­siertem Handwerker und geschäftstüchtigen Un­ternehmer (S. 12-137). Nachfolgend sind die the­ologischen Betrachtungen des Eltviller und Kied­richer Pfarrers Robert Nandkisore (S. 139-143), die botanischen Überlegungen der Lehrerin und Biologin Barbara Denker zu den im Gestühl dargestellten Pflanzen (S. 144-167), Bruno Kriesels Zusammenfassung der nach ihren Patronatsfesten geordneten Heiligennamen (S. 168 f.) und Werner Kremers bebilderte chronologische Übersicht zu Falckeners Oeuvre (S. 170-180) zusammenge­fügt. 11 Literaturtitel zum Thema (S. 181 f.), ein bebildertes Autorenverzeichnis und eine Faltkarte beschließen das Werk.

Die Absicht des Herausgebers, das in seiner Geschlossenheit im deutschen Sprachraum einzig­artige Falckener-Gestühl durch eine Dokumenta­tion zu würdigen und einer breiteren Leserschaft zu erschließen, ist grundsätzlich lobenswert. Des­halb ist es trotz der angedeuteten Schwächen dem Bemühen aller beteiligten Autoren zu verdanken, dass das vorliegende Buch einer interessierten Öf­fentlichkeit Einblicke in ein dem modernen Men­schen kaum geläufiges Sujet zu bieten vermag, das als Relikt längst vergangener Tage anschaulich vor Augen geführt wird.                                                         

Yvonne Monsees, Mainz


Rhoigauer Annekdoote - Ein Leben vor und nach zwei Weltkriegen.

 

Karla Wiesinger: Rhoigauer Annekdoote -Ein Leben vor und nach zwei Weltkriegen. Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt, 1. Aufl. 2010, ISBN 9783839182468 -19,80 Euro.

Karla Wiesinger, eine gründliche Kennerin der Rheingauer Geschichte und Mentalität, hat einen neuen Band „Rhoigauer Annekdoote" herausgebracht. Der Untertitel „Ein Leben vor und nach zwei Weltkriegen" weist darauf hin, dass hier keine Mundartgedichte oder -geschichten aus dem alten „Rhoigau" zu erwarten sind. Vielmehr geht es vor allem darum, wie die Autorin, aber auch die anderen Menschen im Rheingau, die Schrecken des Dritten Reiches erlebt haben.

Das Buch beginnt - etwas unerwartet - mit der Entwicklung der Mode von 1910 bis 1939. Schnell wird aber klar, dass Mode für die Auto­rin eine große, um nicht zu sagen, zentrale Rolle in ihrem Leben gespielt hat; denn ihre Mutter ist Putzmachermeisterin gewesen. Sie hat mit dieser kreativen, künstlerischen Arbeit die Familie ernäh­ren müssen, als ihr Mann 1927 an den gesundheit­lichen Schäden, die er im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, gestorben war. Die Großmutter ist deshalb für das Kind Karla und für seine verwaiste Cou­sine Rita zur wichtigen Bezugsperson geworden. Die Lebenserfahrungen der Großmutter und deren politische Weltsicht prägten Karla Wiesinger von Kindheit an, so dass sie das politische Geschehen in Deutschland und der Welt schon als sehr jun­ger Mensch mit wachen Augen und ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn verfolgte. Zum besseren Ver­ständnis für Leser, die die Zeit des Dritten Reiches nicht so aufmerksam oder gar nicht mehr erlebt haben, bettet sie ihre persönlichen Erfahrungen in eine knappe Darstellung des allgemeinen po­litischen Geschehens in Deutschland und Europa ein, wobei ihr der Übergang nicht immer nahtlos gelingt. Aber es wird doch deutlich, wie groß der Einfluss von großer Politik und Kriegsverlauf auch auf das Leben der Menschen „in der Pro­vinz" gewesen ist. Diese Auswirkungen werden teilweise in erschütternder Weise dargestellt, zum Beispiel durch die Todesanzeigen von Hattenheimer Nachbarsbuben, zwei Brüdern, die 1942/43 in Russland gefallen sind.

Der Leser nimmt gewissermaßen teil an den persönlichen Erlebnissen der Autorin. Besonders eindrucksvoll sind daher ihre Tagebuchaufzeich­nungen über die „Reichskristallnacht", die sie in Frankfurt a. M. erlebte, oder die Bombenabwürfe im Rheingau (in Rüdesheim, auf Schloss Johannisberg und Oestrich), Auch ihre Schilderung des Absturzes „feindlicher Piloten" in der Hattenheimer Gemarkung und die Lynchjustiz der dorti­gen Winzer gehen unter die Haut. So ist ein Ge­schichtsbuch entstanden, in dem die schreckliche Zeit des letzten Krieges lebendig dargestellt und durch die persönliche Sicht der unmittelbar Be­troffenen auch für junge Menschen begreif- und erfassbar gemacht worden ist.

Das letzte Kapitel des Buches beschäftigt sich nicht mehr direkt mit dem Krieg, wohl aber mit dem Sterben und den Begräbnissitten, die noch bis etwa zur Hälfte des letzten Jahrhunderts im Rheingau üblich gewesen sind, eine Darstellung, die besonders im Hinblick auf die Zunahme an­onymer Bestattungen in unseren Tagen interes­sant ist.

Auch für dieses Buch hat Frau Wiesinger aus dem Schatz ihres reichhaltigen Archivs viel Material eingefügt, z.B. zeitgenössische Zei­tungsausschnitte, die die jeweilige politische Situa­tion betreffen, sowie die dazu passenden Bilder. In dem Bestreben, möglichst viel authentisches Bild- und Dokumentenmaterial unterzubringen und sich im Text einer „expressiven" Ausdrucksweise zu bedienen, kommt es mitunter zu einem unruhigen Schriftbild, und das übersichtliche Layout gerät ein wenig aus den Fugen. Optisch besonders ein­drucksvoll ist indessen das Bild von der Festtafel in Frankfurt nach dem Sieg über Frankreich 1871. Clara Mumm von Schwarzenstein sitzt neben Reichskanzler Fürst v. Bismarck. Der üppige „Speisenzettel" dieses Friedensmahls vom 10. Mai 1871, bei dem den erlesenen Gästen u. a. „Ochsen­gaumen mit Trüffeln" gereicht wurden, zeigt, dass man das bedeutende Ereignis zu würdigen wusste.

Die kurze Darstellung der Entwicklung der Mode am Anfang des Buches hat schon auf die Bedeutung dieses Sujets für die Autorin hinge­wiesen. Immer wieder kommt sie darauf zurück, besonders auf die Hutmode, verständlicherweise, hat sie doch bei ihrer Mutter das Handwerk der Putzmacherei erlernt, obwohl sie vorher als La­borantin im Institut für Wein- und Biochemie der Forschungsanstalt in Geisenheim gearbeitet hatte.

Die von ihr selbst gemalten Modelle der Hut­mode im Dritten Reich zeugen von der künstle­rischen Begabung der Autorin. Interessant sind auch die handschriftlich angefertigten Arbeitsberichte des Lehrmädchens ihrer Mutter, Katharina Becker. Und die vielen privaten Fotos geben dem Leser eine anschauliche Vorstellung von den da­maligen Verhältnissen.

Das Buch ist hervorragend geeignet, Schü­lern und anderen jungen Menschen ein lebendi­ges Bild unserer Geschichte „vor und nach zwei Weltkriegen" zu geben. Die Absicht Frau Wiesingers, mit diesem Buch gegen das Vergessen anzuschreiben, wird besonders deutlich an der Widmung, die sie bei der Vorstellung ihres Bu­ches im Geisenheimer Kulturtreff „Die Scheune" auf die erste Seite geschrieben hat: So solls nicht wieder sein!

Elke Detmann, Walluf

Rhoigauer Annekdoode

Karla Wiesinger:

Rhoigauer Annekdoote.
Wiesbaden-Erbenheim:
Marianne Breuer Verlag 2009. 131 S.,
ISBN 978-3-8370-9418-3,
EUR 16,96.

 

Karla Wiesinger, die große alte Dame der Rheingauer Heimatforschung, ist durch ihre vielfältigen Veröffentlichungen, z.B. in den Rheingauer Heimatbriefen und zuletzt durch die 2000 erschienene umfassende Monographie über die Johannisberger Maschinen-fabrik, einem breiten Publikum in unserer Region bekannt. Nun hat sie eine Sammlung mit Anekdoten herausgebracht, die dem Leser die Lebens- und Wesensart der Rheingauer im 19. und 20. Jh. auf vergnügliche Weise nahebringt. Doch man erfährt auch ernst­hafte Dinge, wie die nicht immer leichte Lehrzeit von Frau Wiesingers Mutter Caroline Struppmann geb. Schönleber.

Die Grundlagen des Buches stammen von der Großmutter Margarete Schönleber und der Mutter der Autorin. Ihnen wurden die Geschichten zugetragen. Die Tochter und Enkelin hat sie ge­sammelt und bearbeitet. Es versteht sich somit von selbst, dass sich alles, was sie beschreibt, tatsäch­lich ereignet hat. Geschehnisse aus der alten Zeit und Rheingauer Originale werden so wieder lebendig. Da ist z.B. der „Afferon" aus Erbach. Der hatte so empfindliche Füße, dass es schwierig war, für ihn das geeignete Schuhwerk zu finden. Ein neu erworbenes Paar pflegte er deshalb vom Nach­barn Peter einlaufen zu lassen. Nachdem dieser die Schuhe im Stall wochenlang zum Misten getragen hatte, warn se so zart wie Kuchedaasch, (un) de Afferon kam se hole. Von nun an konnte er bequem laufen, aber de Afferon kunnt mer am Geruch von weitem kumme hörn. Eindrucksvoll im wahrsten Sinn des Wortes ist auch das Gedicht Vumm Affe­ron seim Nannche, das auf der Mariannenaue als Zugehfrau arbeitete. Eines Morgens in der Früh­stückspause verschluckte es sich so heftig, dass es zu ersticken drohte. Kollegin Marie erkannte, nur ein heftiger Schrecken konnte den Brocken aus Nannchens Hals wieder herausbringen, und so stieß sie unvermutet das arme Mädchen fest auf die roh gezimmerte Ofenbank voller Splitter. Da es Sommer war und die Nann deshalb keine Unter­hose trug, steckten in ihrem verlängerten Rücken Schlibber newer Schlibber und Marie stellte gna­denlos fest: Nann, dein Bobbes is en Ichel!

Lehrreich und dennoch unterhaltsam sind die Texte in Hochdeutsch über die Lehrzeit von Caroline Struppmann, die in Wiesbaden das Putzma­cherhandwerk bei einer gestrengen Meisterin er­lernte, und über den ersten Wingertspflug , den ihr Großvater Nikolaus Schönleber konstruiert hatte und der von den Winzern des Ortes strikt ab­gelehnt wurde, weil er angeblich die Tauwurzeln der Reben schädigte. Andere Prosatexte betrachten den Marktort Oestrich, das schreckliche Un­wetter am Pfingstsamstag 1911, die Kriegsweih­nacht 1944 und andere Ereignisse im Rheingau. So bietet das Buch eine breite Palette Rheingauer Gedankenguts, angefangen von Wetterregeln und Lebensweisheit in Sprüchen von Caroline Strupp­mann, sozusagen zum Eingewöhnen in den Hat-tenheimer und Oestricher Dialekt; denn selbst in dem überschaubaren Rheingau sind die Dialekte von Ort zu Ort verschieden.

Das Bändchen ist nicht nach Lyrik- und Pro­satexten geordnet, sondern thematisch gegliedert und zeigt, wie vielfältig das ist, was die Autorin zu berichten weiß. Alles ist treffend illustriert, teils mit Zeichnungen des verstorbenen Wallufer Malers Karlheinz Roth, teils mit Zeichnungen der Auto­rin, die offensichtlich die künstlerischen Fähigkei­ten ihrer Mutter geerbt hat. Mit zeitgenössischen, zwischen die Texte gestreuten Werbeanzeigen aus ihrem reichhaltigen Archiv lässt Karla Wiesinger ganz nebenbei den Zeitgeist lebendig werden.

Man nimmt das Büchlein gerne zur Hand, auch wenn das Lesen der Mundartgedichte nicht ganz so flott vonstatten geht wie das der hochdeutschen Prosatexte, aber aus jeder Seite, besonders aus den Gedichten, funkelt der liebenswerte Humor der Autorin und der Menschen, die sie in ihren far­bigen Episoden porträtiert und zu Wort kommen lässt. Es ist gewissermaßen eine Pflichtlektüre für Rheingauer und solche, die es werden wollen.

Elke Detmann, Walluf   (RHEINGAU FORUM 2/2009)

Freistaat Flaschenhals

Stephanie Zibell und Peter Josef Bahles:
Der Freistaat Flaschenhals
Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923.
Frankfurt: Societäts-Verlag 2009. ISBN 978-3-7973-1144-3,
144 S.  EURO 9,90.

 

Nicht zuletzt das gestiegene Interesse am Welt­kulturerbe Mittelrheintal mag den „Freistaat Fla­schenhals" ins Rampenlicht gerückt haben. Aber die wenigsten wissen, was es mit diesem seltsa­men Gebilde auf sich hat. Das vorliegende Büch­lein hilft diesem „Bildungsdefizit" ab. Autorin des ersten Teils ist Stephanie Zibell, Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität in Mainz. Sachlich und profund stellt sie die Lage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Entstehung und Geschichte des Phänomens „Flaschenhals" dar. Besonders anschaulich schil­dert sie die Schöpfung einer eigenen Währung, des „Flaschenhals-Geldes". Die Abbildungen der Not­geldscheine von Lorch und Kaub machen deutlich, wie kreativ und rebellisch die Bewohner dieses unbesetzten Gebietes beim Gestalten ihres Not­geldes gewesen sind. Dieser erste, rein geschichtliche Teil erleichtert das Verständnis der politischen und wirt­schaftlichen Situa­tion der Jahre 1918 bis 1923 und ist eine willkommene Ergän­zung zu dem Beitrag von Ulrich Klöppel im vorliegenden Heft (S. 29-34).

Im zweiten Teil erzählt Peter Josef Bahles „Histörchen" aus dem Freistaat. Bahles, der aus einer alten Kauber Winzerfamilie stammt, teilt persönliche Erfahrungen und Erlebnisse seiner Familie mit und füllt so die nüchternen geschichtlichen Fakten mit Leben. Mit einem Schuss Humor schildert er das praktische Leben der Flaschenhals-Bewohner und ihren Kampf ums Überleben in dem kleinen, von der französischen Besatzung eingeschnürten territorialen Gebilde. Die Franzosen wollten die Bevölkerung anscheinend aushungern und ließen deshalb nicht zu, dass Züge in Kaub, Lorchhausen oder Lorch anhielten. Die einzige Möglichkeit, an Lebensmittel zu kommen, hatten die Kauber Lot­sen, die es immer wieder schafften, Mehl, Salz, Zucker, Kohle und Koks von den Schiffen an Land zu bringen und dafür die Schiffer mit Wein und Schnaps zu versorgen.

Ein wahres Husarenstück schildert der damalige Bürgermeister E. A. Pnischeck in seinen Erinnerun­gen, die den dritten Teil des Bändchens bilden: In den ersten Wochen des passiven Widerstands 1923 stand ein Zug mit 23 Waggons Ruhrkohle, die als Reparation für Italien bestimmt war, auf dem Rüdesheimer Bahnhof. Der gesamte Zug wurde in den „Freistaat" entführt - die letzten 6 km sogar „per Hand" gedrückt - und seine Ladung auf alle Ge­meinden im Flaschenhals verteilt. Die „mildtätigen Eisenbahner" konnten glücklicherweise fliehen und so der Verhaftung entgehen.

Ein lesenswertes Büchlein, das nicht nur zu­verlässig die politische Situation Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, besonders in unserem heimatlichen Umfeld, darstellt, sondern mit den „Histörchen" im zweiten und den Erinnerungen eines führenden Zeitgenossen im dritten Teil die Geschichte lebendig macht und erkennen lässt, mit welchem Lebenswillen und Humor und wel­cher „Schlitzohrigkeit" die Menschen das Beste aus den gegebenen Verhältnissen zu machen ver­standen. So dürften die Texte auch jüngere Leser ansprechen und einige nützliche „(Über)-Lebensweisheiten" vermitteln.

 

Elke Detmann, Walluf   (RHEINGAU FORUM 2/2009)