Rheingauer Heimatforschung

Der Oestricher Kran

 
 
Der Oestricher Kran

(aus den Rheingauischen Heimatblättern 2-1977
von Rudolf Rosensprung)

 

Wer die Rheinuferstraße vor Oestrich passiert oder mit dem Schiff hier vorbeifährt, den grüßt von weitem der Kran: Ein schlichter, quadratischer Bau, beschlagen mit dunklen Brettern, mit schiefer­gedecktem Doppeldach, auf dem drehbaren Oberteil der weit­ausladende Kranenschnabel mit daranhängender Kette. Ein Bau, der trotz seiner Schlichtheit heute ein Wahrzeichen von Oestrich ist und als historische Sehenswürdigkeit weithin Beachtung findet. Nicht recht zu verstehen aber ist, daß die historischen Angaben über ihn so stark differieren. Obwohl unter anderem B. Witte in seiner Abhandlung „Herrschaft und Land im Rheingau" genaue Daten und Belege anführt, versetzen andere den Ursprung des Kranes in die Jahre 1617, 1652 oder 1743, und sogar in einem anerkannten Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler findet man folgende Zeilen: „Ein Kran des 16. Jahrhunderts, 1652 erneuert und 1744 restauriert." Doch weder stammt der heutige Kran aus dem 16. Jahrhundert, noch wurde er 1744 restauriert. Es soll da­her hier versucht werden, die noch greifbaren historischen Unter­lagen über den Kran zusammenzutragen, um seine Geschichte aufzuhellen.

Bedeutung und Anfänge

Vor Jahrhunderten hatten Krananlagen eine gewaltige Bedeutung, besonders für den Weinhandel und den Weintransport hier am Rhein. Die Hauptabnehmer des Rheingauer Weines saßen in Hafenstädten wie Köln, Bremen, Frankfurt, Amsterdam usw., so daß der Weintransport zeilweise fast ausschließlich auf dem Was­serwege vonstatten ging. 1780 wurden (nach Struck) allein in Oestrich über 400 Stück Wein eingekrant, und zwar in Fässern. Die Kräne waren Einrichtungen des Landesherrn, des Kurfürsten von Mainz, der sie an die Bürger der Standortgemeinden ver­pachtete.

Ursprünglich gab es im Rheingau vier Kräne, zwei davon in Lorch (1398 bestätigte Erzbischof Johann von Mainz zwei Kran­führer für die „zween Kräne zu Loriche"), einer in Rüdesheim (zum erstenmal 1390 erwähnt) und einer in Eltville (erwähnt 1431). Ihre Ladebezirke waren genau festgelegt und die Grenzen zwischen den drei Ladebezirken waren Oestrich und Assmannshausen.

Als letzte Gemeinde erhielt über 100 Jahre später Oestrich seinen Kran. Wann dies geschah, ist urkundlich nicht mehr genau zu belegen. Vermutungen gehen in die Jahre der Bauernkriege um 1525. Der erste unumstößliche Beweis für seine Existenz findet sich aber erst in der Landschreiberrechnung von 1549. Danach lieferte in diesem Jahre der Kranenmeister von Oestrich an den Landschreiber eine Gebühr in Höhe von 224 Gulden ab, was auf eine beachtliche Ladetätigkeit schließen läßt. Rüdesheim brachte es in jenem Jahr nur auf 87 Gulden. Natürlich war zugleich mit der Einrichtung des Oestricher Kranen auch eine Neueinteilung der Ladebezirke vorgenommen worden. Dem Bezirk Oestrich wurden die Gemeinden des Mittelamtes Hallgarten, Oestrich, Mittel­heim, Winkel und Johannisberg zugeteilt.

60 Jahre später erwähnt die Mittelheimer Chronik den Kran. Da­nach versammelten sich im August des Jahres 1607 die Schult­heißen des Mittelamtes im Rathaus zu Mittelheim. Der Oestricher Schultheiß legte dar, daß zum Schütze des „Kranortes" etwas getan werden müsse (um „ein Ort zu bauen zur Erhaltung des Kranen") und verlangte von seinen Amtskollegen Bauholz aus ihren Waldungen. Diese jedoch waren keineswegs bereit und lehnten ab, und der Winkeler Schultheiß antwortete sogar mit einer Gegenforderung: Wenn die Oestricher ihren Kran nicht selbst erhalten könnten, dann sollten „ihr Schultheiß und ihr Haingericht den Kran den Winkelern zukommen lassen, diese würden ihn erhalten ohne die Hilfe der anderen Gemeinden". Darauf wiederum konnten die Oestricher nicht eingehen, denn die Trennung von ihrem Kran hätte für sie ja zugleich auch den Verzicht auf wirtschaftliche und finanzielle Vorteile bedeutet.

Die ersten Kräne waren Schwimmkräne

Diese Forderung der Winkeler (die Oestricher sollten ihnen den Kran überlassen) gibt uns einen Hinweis auf die Art des Kranes: Wenn Winkel ihn übernehmen wollte, dann kann er nicht orts­fest, dann muß er transportabel gewesen sein. Und dies war der Fall. Denn wie aus einer späteren Eintragung in der Mittelheimer Chronik von 1680 hervorgeht, war es ein Schiffskran, wie sie in den Hafenanlagen der damaligen Zeit Verwendung fanden. Alle Kräne des Rheingaues waren damals Schiffskräne. Die Karte von 1575 enthält die Abbildung von Schiffskränen in Eltville, Frei­weinheim, Gaulsheim und Bingen. Der Grund dafür, daß damals fast nur Schwimm- und kleine Landkräne eingesetzt wurden, ist klar: Der Rhein hat hier kein natürliches Steilufer, und eine ent­sprechend hohe Kaimauer, die den zu beladenden Schiffen bei dem unterschiedlichen Wasserstand ein unmittelbares Anlegen gestattet hätte, war noch nirgends errichtet. Außerdem hatte ein Schiffskran eine größere Reichweite als ein Landkran. Die Ausmaße der Oestricher Kräne sind uns bekannt: 1697 erhielt der Zimmermann Stornier den Auftrag zum Bau eines Kranes, der 28 Schuh lang, 24 Schuh breit und 10 Schuh hoch sein sollte (8,40m x 7,20m x 3,00m), die Länge des Kranenschnabels sollte 30 Schuh (9,00m) betragen. Das 1712 erbaute Kranschiff war 63 Schuh lang, 23 Schuh breit und 4 Schuh 3 Zoll hoch (18,90 m x 6,90m x 1,30m).

Im übrigen erbrachten auch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg den Beweis, daß es ein Schiffskran war, der tatsächlich transportiert werden konnte: Als sie nämlich nach dreijähriger Besetzung den Rheingau räumen mußten, haben sie laut Land­schreiberrechnung von 1635 den Oestricher und Rüdesheimer Kran „mit sich hinweggenommen", vermutlich, um ihn in anderen Städten am Rheinufer zur Verladung von schwerem Kriegsmate­rial oder Beutegut zu benutzen. 17 Jahre lang blieb Oestrich ohne Kran. In dieser Zeit mußte der Wein von den Schrötern auf das Schiff „geleitert11 werden, wie man in der Mittelheimer Schröterordnung von 1644 lesen kann.

Kein Kran wurde alt

Vier Jahre nach Kriegsende notiert der Mittelheimer Chronist: „1652 ist ein neuer Cranen zu Oestrich gemacht worden." Diese Eintragung ist wohl die Ursache für die falsche Aussage, der heutige Kran stamme aus dem Jahre 1652. Von dem damals er­bauten ist heute nämlich kein Splitterchen mehr erhalten. Denn schon 27 Jahre später, 1678, war er „ganz verfault" und es mußte ein neuer gebaut werden.

Aus den im Hessischen Hauptstaatsarchiv vorliegenden Oestricher Kranenakten ersehen wir, daß kein Kran alt wurde. Sommer und Winter waren sie dem Wetter so stark ausgesetzt, daß keiner von ihnen ein Alter von 30 Jahren erreichte. Der 1678 erbaute Kran mußte 1696/97 erneuert werden und 10 Jahre später war das neue Schiff schon „wieder ganz faul". Zum Schütze gegen den damals recht häufigen Eisgang wurden Eisbrecher errichtet, die wiederum eine Unmenge besten Bauholzes verschlangen. Zum Schütze des „Kranortes", wie der Liegeplatz des Kranschiffes genannt wurde, mußten zum Beispiel im Jahre 1711 neben 929 Gulden 203 gesunde Eichenstämme aus den Mittelamtswaldun­gen für die Erneuerung der Eisböcke aufgewendet werden, und 1730 klagte der Schultheiß: „Unsere Waldungen werden durch die dauernden Reparationes also öd und baumlos, daß darin das zu ferner Zeit nötige Holz ohnmöglich zu haben sei." Auch die finan­ziellen Aufwendungen stiegen immer mehr und brachten an­dauernden Ärger. 1730 teilt der Landschreiber Heitzmann mit, daß in den letzten Jahren 2000 Gulden an Reparaturkosten ver­braucht wurden und stellt der Hofkammer anheim, zu überlegen, „ob es für die Gnädige Herrschaft nicht besser wäre, einen Land­kran erbauen zu lassen". Doch da die Kassen leer waren, zeigte die „Gnädige Herrschaft" taube Ohren.

Kranenmeister Zimmer und Landschreiber Heitzmann aber geben nicht aui. Zu Anfang der 40er Jahre ist es wieder so weit, der Kran ist wieder baufällig. In einem Schreiben klagen die beiden: Kran und Schiff seien baufällig, täglich müsse das Wasser aus­gepumpt werden und am anderen Tage stünde es wiederum bis zu den Rädern, der Oberbau sei ruinös, wenn er nicht mit Sprie­ßen unterstützt würde, könne man kein Stückfaß einheben, alle 12 bis 15 Jahre sei ein neuer Schiffskran erforderlich, kurz, es bliebe nichts anderes übrig als der Bau eines Landkranes.

Der Landkran entsteht

Da wird 1743 Joh. Friedr. Karl von Ostein zum Kurfürsten ge­wählt. Seine Verwandten sitzen in Geisenheim und er scheint des­wegen den Interessen des Rheingaues positiv gegenüberzuste­hen. Am 14. April 1744 bringt Heitzmann das entscheidende Ge­such bei der Hofkammer ein. Er erinnert an den „diesjährigen harten Eisgang, an das Hochwasser und an den schweren Sturm, an den schlechten Zustand des Kranschiffes und des Kranen-ortes, daß man ein Unglück befürchten müsse, und bittet um die Errichtung eines Landkranes in Oestrich. Diesmal wird das Ge­such genehmigt und schon Ende April 1744 beginnt man mit dem Bau.

Hofsteinmetzmeister Schrantz erhält den Auftrag, 1000 Kubikschuh Quadersteine, die vom Schloßbau übriggeblieben sind und schon über 50 Jahre im Schloßgarten lagern, umgehend nach Oestrich zu schaffen und weitere 5250 Kubikschuh ca 140 m3 Steine zu hauen und sie zum Bau der Kaimauer so fristgerecht nach Oestrich zu liefern, daß zu Michaelis (Ende September) die „Kranenwerft und der Kranen selbst in kompletten Stand und nötigen Gebrauch sein können". Der Maurermeister Schneller hat sofort die 1,50m tie­fen Fundamente zu graben, die Maurerarbeiten durchzuführen und die aufgefüllte Erde zu stampfen. Die Zimmerarbeiten wer­den dem Oestricher Bürger Josef Möhler übertragen. Er hat so­fort im Walde das Holz auszusuchen, zu schneiden und das Krangehäuß zu fertigen. Alle Arbeiten gehen flott voran und Ende Februar 1745 beginnt der Dachdeckermeister Weiß den Kranenschnabel mit Blei und Blech zu beschlagen. Am 9. Mai versteigert man das alte Kranschiff für 50 Gulden an den Schmiedemeister Jakob Klein. Die Gesamtkosten des neuen Bauwerks beliefen sich auf 4393 Gulden.

Am 4. August 1745 wird der neue Kran abgenommen. Man ist mit allen Arbeiten zufrieden, wenn auch festgestellt wird, daß der starke Eisgang im vergangenen Winter etliche Quader in der neuen Kranenwerft zwei Zoll hineingestoßen hatte. Ganz beson­ders hervorgehoben wird das kurfürstliche Wappen wegen seiner „schönen Proportion", das man an der Wasserseite der Kaimauer hatte anbringen lassen. Es trägt außer dem Mainzer Doppelrad das Bild von zwei springenden Hunden.

Der Oestricher Kran stammt also aus den Jahren 1744/45. Er hat gute und schlechte Zeiten gesehen. Als geschichtliches Denkmal verdient er die besondere Fürsorge der Stadt, denn vor 230 Jah­ren ist er erbaut worden nicht allein für Oestrich, sondern für das ganze Mittelamt, dessen Gemeinden heute vereinigt sind zur Stadt Oestrich-Winkel.

 


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