Rheingauer Heimatforschung

Von der ehemaligen Abtei Eberbach

Von der ehemaligen Abtei Eberbach

von Albert Hümmerich


Bernardus valles, Benedictus montes amabat, oppida Franciscus, celebres Ignatius urbes - lautet ein Sprüchlein, um die Vorliebe der Ordensstifter bei der Wahl ihrer Niederlassungen tref­fend zu kennzeichnen.

Bernhard von Clairvaux, die große Gestalt in den Gründerjahren des Ordens, wiewohl nicht ihr eigentlicher Gründer, als dafür ist Robert von Citeaux = deutsch Cisterz anzusehen, gründete im Tal der Aube, im gleich­namigen Departement Aube, 1115 das Kloster Clara vallis = Clairvaux. Im Tal der Salm, einem Bache in der Eifel, der sich bei Clüsserath in die Mosel ergießt, und in dem bei Erbach in den Rhein einfließenden Taunusbächlein legten die Gefolgsleute des 1174 in die Schar der Heiligen aufgenommen Bernhard von Clairvaux in dem Jahr­zehnt zwischen 1130/40 ihre ersten Klöster in Deutschland. Benedictus, ein Italiener aus dem 6. Jahrhundert, legte halbwegs zwischen Rom und Neapel das Kloster Monte Cassino an. Mit dem Gründungsjahr 526 ist es das älteste Kloster der abendländischen Welt überhaupt. In der vorchristlichen Welt stand an der Stelle dem Apollo ein Tempel.

Franz von Assisi stiftete den nach ihm benannten Orden der Franziskaner. Es lag im Sinne des Ordensstifters dem Gelübde der Armut nach zu leben und sich in tätiger Nächstenliebe, be­sonders gegenüber den Armen und Schwachen, zu bewähren.

Ignatius von Loyola, ein Spanier des XVI. Jahrhunderts, stiftete den Orden der Societas Jesu = die Gesellschaft Jesu oder gewöhnlich Jesuiten. Gleich zu Beginn ihres Auftretens bauten die Jesuiten ihre Häuser und prächtigen Kirchen in die Universitätsstädte und an die Fürstensitze. In den Zentren der Geisteskultur und der politischen Machtausübung erlangten die Jesuiten oft erheblichen Einfluß. Dem ureigen­sten Auftrag ihres Stifters, Festigung der allein seligmachenden römisch katholischen Kirche, Eindämmung reformatorischer Bestrebungen, Be­hinderung in der Ausbreitung des evangelischen Glaubens konnten die Jesuiten oft im geheimen Bündnis mit den Mächtigen solcherart am besten frönen. In Ländern mit interkonfessio­neller Bevölkerung ist daher von den liberalen Kräften dem Wirken der Jesuiten scharf entgegengewirkt wor­den, oftmals bis zur Vertreibung und Verbot. Die Literatur, vor allem die Kirchengeschichte, weist dickleibige Bücher über die wichtigsten 4 geist­lichen Orden, ihre zahlreichen Veräste­lungen und ihre mehrhundertjährige Geschichte auf. Diese mehr als knap­pen Betrachtungen erfüllen nur den Zweck, die anfangs zitierte lateinische Sentenz an Beispielen zu justifizieren. Vagabundierende Anachoreten konn­ten in den Jahrhunderten der Kloster­gründungen noch ohne sonderliche Nöte für sich und ihre Gefolgsleute stille Wiesentäler mit kristallklaren Bächen für ihre monastischen Nieder­lassungen finden. Die Welt von heute kennt diese, auch im Volkslied besun­genen lieblichen Wiesentäler kaum noch. Wer um seine Gesundheit besorgt ist, wagt selbst bei peinigen­dem Durst keinen Schluck Wassers aus einem Bache zu trinken. Dafür sehen und riechen wir Heutige an den Wasserläufen die Kläranlagen. Ein dichtmaschiges Netz für ein auf Kraft­rädern und Autos schwärmendes Publikum zieht sich durch Ebenen, durch Täler und über Berge, hoch in den Lüften, dem Naturreich der Vögel, rasen und donnern die Flugzeuge. Der Lärm ist allgegenwärtig und überall, was der Geschäftsgeist dagegen erfin­det und produziert letztlich nur ein arm­seliges Palliativ. Die unabdingbare Stille zur Andacht und Besinnung, jene quietas in welcher der Patriarch des Mönchswesens seine regula Benedicti ersann und schrieb und in welcher ein anderer Mönch seines Ordens das nach der Bibel am meist gelesenste Buch der Christenheit schrieb, die imi-tatio Christi, sie ist verjagt, vertrieben aus unserer Welt.


...etwa ein Stündgen oberhalb dem Flecken Erbach liegt die reiche Cister-cienser Mönchsabtei Erbach oder besser Eberbach, lat. - Apribacum ... sagt gar zierlich Dielheim im Rheinischen Antiquarius von 1739 Apribacum, unter dieser Bezeichnung mag sich Kloster Eberbach vielleicht noch im Mönchs­latein älterer Urkunden finden, einem Rheingauer von heute wird der Name völlig fremd sein. Eine Verdeutschung des Eigennamens ergäbe etwa sonni­ger Platz, an der Sonne gelegen. Was sich in Kürze an bemerkenswertem über Kloster Eberbach sagen läßt, steht und ist nachzulesen in allen Handbüchern für den Rheinreisenden. Demnach ließ es der Erzbischof von Mainz, Albert L, ein Graf von Saarbrük-ken, ehedem Kanzler unter Kaiser Heinrich V. und im Investurstreit wegen Illoyalität vom Kaiser 4 Jahre auf Burg Trifels in schmählicher Gefangenschaft gehalten, um 1116 erbauen und über­gab es zunächst den Augustiner Chor­herren. Die fleißigen Cistercienser Mönche zogen 1135 in die Gebäude, rodeten die Wälder, pflanzten Frucht­bäume und Reben und taten sich besonders in der Weinbaukultur her­vor. Die Befehle der Saecularisation vom Jahre 1803 setzten der Arbeit der Eberbacher Cistercienser Mönche ein Ende, die eigentliche Blüte hatte die Abtei zu diesem Zeitpunkt allerdings lange hinter sich. Ewig schade ist es um die dabei untergegangene Bibliothek. Wertvollste Bücherbestände wurden als Maculatur, der Zentner für 30 bis 40 Kreuzer, losgeschlagen. Gewerbetrei­bende der verschiedensten Professio­nen versorgten sich mit Pergament und Papier. Ein Miniaturcodex soll sich 1853 bei einem Pianofortefabrikanten befunden haben und konnte erhalten bleiben.

Angesichts der unbestreitbaren Be­deutung, die der Arbeit der Cistercien­ser Mönche einmal für die älteste Kul­tur, den Landbau, und zweitens für eine höher entwickelte Kultur, die Gelehr­samkeit, zukommt, ließ sich der Verein für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung angelegen sein in zweien seiner periodischen Publika­tionen, Denkmäler aus Nassau, über Kloster Eberbach zu berichten. Dr. Karl Rössel, ein überaus tätiger Mann in der Nassauischen Geschichtsforschung füngierte als Herausgeber, als in Heft II, Wiesbaden 1857, ausschließlich über das Refectorium der Abtei Eberbach gehandelt wurde. In dem 5 Jahre später erschienenen Heft III, Wiesbaden 1862, sind die Untersuchungen über die Kirche niedergelegt. Bei den Arbeiten gingen tiefschürende Nachforschun­gen voraus, und was die Publikationen doppelt schätzbar und wertvoll macht, jedes der Hefte bringt 7 bzw. 6 ganzsei­tige Steindrucktafeln nach sorgfältig­sten Zeichnungen am Ort vom dama­ligen Zustand der Baureste. Über Dr. Karl Rössel, Herausgeber beider Hefte und Erklärer der Abbildungen, ist anzumerken, daß wir seiner schon ein­mal in einem der früheren Hefte der Rheingauer Heimatforschung rühm­lichst gedachten. Er war es, der auf dem Friedhof von Sauerthal dem dort unter dürftigsten Umständen begrabe­nen Franz von Sickingen den Grabstein mit Inschrift setzen ließ: Franz von Sickingen. Reichsgraf, seines Stam­mes der Letzte. Er starb im Elend. Von einem Freund der vaterländischen Geschichte.

Zwei der ganzseitigen Lithographien, jeweils das Schlußblatt in den beiden Heften, geben wir als Bildbeigaben in verkleinerter Form zu diesem Aufsatz. Das Refectorium (früher sogenannte alte Kirche) ist Tafel VII zu einem Textteil von 15 S. im Heft II, erste Lieferung. Die Kirche gehört als Tafel VI in das Heft III, zweite Lieferung. Der Textteil in diesem Heft umfaßt 31 S. und sind in diesen noch 11 Figuren im Holzschnitt ein­gedruckt.