Rheingauer Heimatforschung

Mittelheim

             Mittelheim im Dreißigjährigen Krieg

          Eine Untersuchung anhand zeitgenössischer
                    Unterlagen aus dem Ortsarchiv

                          Von Rudolf Rosensprung                      
                                          Teil 1


                            Verhängnisvolle Verallgemeinerung

Schreckensbilder tauchen in unserer Erinnerung auf, wenn wir uns des letzten Krieges erinnern: Zerbombte Städte, brennende Dörfer, verwüstete Landstriche, Millionen Ge­mordete, Vertriebene und Entwurzelte. Und dennoch: Wie eine Insel blieb dieses oder jenes Bauwerk, diese oder jene Stadt erhalten, manch eine Familie brauchte keinen Toten zu beklagen, ja manch einer hat sogar im Krieg und durch ihn sein Glück gemacht. Man kann daher nicht sagen, ganz Europa, ganz Deutschland sei 1945 ein einziger Trümmerhaufen gewesen.

Diesen Fehler der Verallgemeinerung aber machen - bewußt oder unbewußt - viele von uns bei der Betrachtung des Dreißigjährigen Krieges. Wer denkt wohl nicht sofort, wenn dieser erwähnt wird, an die Schwedenzeit und an den Schwedentrunk, an niedergebrannte Orte und an verwüstetes Land, an furchtbare Hungersnöte und Greuel. Das alles ist wohl geschehen und kann durch zeitgenössische Zeugnisse belegt werden. Falsch aber ist es, einfach zu verallgemeinern und zu sagen, alle deutschen Landschaften wären in demselben Maße dem Grauen des Dreißigjährigen Krieges ausgesetzt gewesen. Und dennoch geschieht dies: dafür einige Beispiele:

Rektor Bertram in „Rheingauer Heimatblätter" Nr. 10, Seite 3: „Ueber das gräßliche Elend, das damals in unserer Gegend (1) herrschte, berichtet eine Chronik: Die unbarmherzigen Kriegsleute nahmen den armen Einwohnern unter dem Vorwand der schuldigen Kriegsabgaben alle Nahrung und Lebensmittel, besonders die übriggebliebenen Früchte des lieben Weinstockes ohne alles menschliche Erbarmen hinweg. Der arme Landmann mußte sich ernähren von Gras, Kraut, Wurzeln, ohne Brot, Salz und Schmalz. Und das war noch erträglich. Sie mußten sich ernähren von Häuten und Fellen der Tiere, nachdem ihnen die Haare abgesengt waren. Hunde, Katzen und Ratten und andere Tiere wurden gegessen."

Bertram gibt die Quelle nicht an; doch am Schluß des Berichtes wird der Name der Stadt Worms erwähnt und wir können vermuten, daß es sich hierbei um eine dortige Chronik, nicht jedoch um eine aus „unserer Gegend" handelt.

Oder ebenda Seite 7:

„Im Rheingau sah es traurig aus. Die meisten Orte waren nur noch Trümmerhaufen."
Wie wir aber weiter unten sehen werden, trifft diese Aussäge auf keinen Fall auf Mittelheim und wahrscheinlich auch nicht auf den Rheingau zu.

Auch Kratz führt in seiner Abhandlung ,,Eltville" Bd. II, Seile 197, F. Lütge au. (,,Das Bauernvolk, wie überhaupt das gesamte Volk, waren zu einem erheblichen Teile verlottert, moralisch herabgekommen, ungebildet, nur noch primitiver Wirtschaftsmethoden kundig und der Arbeit entwöhnt... ") und bemerkt dazu:

Diese allgemeine Charakteristik wird cum grano salis auch für den Rheingau zutreffen."

Man sollte aber nicht ohne genügend Unterlagen von den Verhältnissen in einem Land auf analoge Zustände im anderen Land schließen. Der Verlauf des Krieges in den beiden benachbarten Gebieten der Pfalz und dem Rhein­gau z. B. war grund-verschieden. Dazu eine besonders krasse Gegenüberstellung: In seiner Untersuchung „Dör­feruntergang und -Wiederaufbau im Oberamt Lautern während des 17. Jahrhunderts stellt Ernst Christmann Seite 7 fest:

„Den Raum um die Barbarossastadt machte der Krieg zur Wüste, in der nur noch an einigen wenigen Plätzen schwaches menschliches Leben pulste.... Manches Dorf lag nach einem halben Jahrhundert und noch länger immer noch tot und verödet."

Den dortigen Bevölkerungsverlust schätzt Christmann auf 87% und teilt mit, daß von 62 Dörfern während des großen Krieges 30 untergegangen seien, von denen 1684/85 zehn immer noch nicht bewohnt waren.

Demgegenüber steht doch für den Rheingau fest, daß hier kein einziges Dorf untergegangen ist. Und Oestrich, das durch den Brand wohl am meisten gelitten haben dürfte, hat nach eben diesem Brand immerhin noch fast 40% seines Hausbesitzes erhalten!

Besonders für die Heimatforschung im engeren Sinne sind solche Verallgemeinerungen oft verhängnisvoll und verleiten zu einer oft völlig falschen Geschichtsdarstellung. Daß aber auch das allgemeine Geschichts­bild über die Verluste durch den Dreißigjährigen Krieg teilweise korrigiert werden muß, stellt Prof. Dr. Franz Günther („Der Dreißigjährige Krieg und das deutsche Volk") schon in der Einleitung fest:

,,Die Darstellung von Grimmeishausens Simplicius Simplicissimus oder von Moscheroschs Philander von Sittewald, die Klagen einzelner Pfarrer oder inte­ressierter Stände, die Zeichnungen Callots galten als gültige Quellen, die unzulässig verallgemeinert wur­den. Gustav Freytags Bilder aus der deutschen Ver­gangenheit sind ein Beispiel jener älteren Schilderungsart." Und ebenda S. 5:

„Deutlich geht aus allen Quellen hervor, daß unmittelbare Kriegsverluste verhältnismäßig gering gewesen sind. Trotz aller Grausamkeit sind es immer nur einzelne, die von Soldaten erschlagen wurden. Zu einer nennenswerten Bevölkerungseinbuße haben alle diese Greueltaten, so schaurig sie im Einzelfall gewesen sein mögen, nicht geführt. Auch der Hunger hat sicher nur eine begrenzte Zahl von Opfern gefordert, von den einzelnen Fällen von Menschenfresserei, soweit sie überhaupt nachweisbar sind, nicht zu reden. Aber: Kriegselend und Hunger haben den Volkskörper geschwächt und wie die Grippeepidemie hat im Dreißigjährigen Krieg dis Pest die meisten Opfer gefordert."

Wenn nun sogar das allgemeine Urteil über die Auswirkungen des großen Krieges revidiert werden muß, dann erscheint es um so mehr angebracht, die Geschichte der einzelnen Landschaften und der einzelnen Orte in dieser Hinsicht zu überprüfen und zu diesem Zwecke alle Unterlagen, die erhalten geblieben sind, für eine Revision des Geschichtsbildes heranzuziehen. Gerade im Rheingau, der infolge seiner klaren und festen Parteinahme für den Mainzer Kurfürsten, seiner natürlichen Reichtümer und seines in der damaligen Zeit schon außerordentlich entwickelten Gemeinwesens eine gewisse Sonderstellung einnahm, war auch der Kriegs verlauf noch wesentlich anders als z. B. in seinem Nachbarland, der Pfalz, und muß heute auch mit anderen Augen gesehen werden, als dies im allgemeinen üblich ist. Auch Richter weist in seiner „Geschichte des Rheingaues" darauf hin, daß noch gewisse Vorgänge einer Klärung bedürfen. „Da bedarf es noch eingehender Forschung, die alle erreichbaren Nachrichten, sei es für die 'einzelnen Orte, sei es für das ganze Land, gewissenhaft sammelte." Diesem Zwecke sollen die folgenden Ausführungen für die Gemeinde Mit­telheim dienen.

                                  Was die Urkunden sagen

Gerade in Mittelheim liegen die Verhältnisse dafür günstig. In Seinem Archiv besitzt es an Urkunden aus der Zeit von 1618 bis 1648 

43 Originalhandschriften in Form von Einzelblättern, mehrere Bedebücher, ein Hengeratsbuch, welches 1610 begonnen wurde und aus dem genannten Zeitraum 26 Protokolle über Hengeratsgänge enthält, des weiteren eine Schröterordnung von 1644, zwei Güterbeschrei­bungen (Grundbücher) aus den Jahren 1613 und 1659, vor allem aber die alte Ortschronik, die in weit über hundert Eintragungen aus diesen Jahren — allerdings oft nur in Form kurzer Notizen - viele Einblicke gewährt in das Leben jener Zeit. Im katholischen Pfarramt ist erhallen die Taufmatrik von 1644 bis 1648. Im Staatsarchiv in Wiesbaden aber befindet sich noch das alte „Haingerichtsbuch" von 1617 (Abt. 360, Nr. 8), das u. a. sämtliche Abrechnungen der Mittelheimer Bürgermeister von 1628 bis lange nach dem Krieg enthalt.

Auf Grund dieses Materiales ist es wohl möglich, sich ein einigermaßen zutreffendes Bild zu machen vom Verlauf und den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges in Mittelheim, und in gewisser Hinsicht lassen sich daraus auch Schlüsse ziehen für den gesamten Rheingau. Gelegentlich wird zur Feststellung der Verluste des Rheingaues durch den Dreißigjährigen Krieg die Anzahl der Herdstellen im Jahre 1525 und die Häuserzahl von 1687als Vergleich herangezogen. Der Rückgang der Häuser bzw. der Herdstellen im Verlaufe dieser 162 Jahre wird sodann als Gebäude- und damit auch als Bevölkerungsverlust, verursacht durch den großen Krieg und die Pest, angesehen. Lehmann z. B. beziffert in „Die Siedlungen der Landschaft Rheingau" auf Karte VI/25 die Verluste Miltelheims von 1525 bis 1687 mit 53,3<Yo (von 62 auf 29 Häuser) und vermutet, daß die Auswirkungen durch den Dreißigjährigen Krieg noch schlimmer gewesen seien. Auch Kratz übernimmt in ,,Oestrich und Mittelheim" (Seile 68) dieselben Zahlen. Diese Ueberlegungen müssen sowohl für den Rheingau als auch für die einzelnen Rheingauorte aus verschiedenen Gründen zu einer falschen Beurteilung führen. Vor allem bleibt nämlich ein ganzes Jahrhundert unberücksichtigt, was aus folgen der Aufstellung über die Herdsteilen von 1525 bis 1625 hervorgeht: (die Zahlen sind entnommen der Mitielheimer Chronik und Richter ,,Der Rheingau"

Jahr Rheingau Mittelheim
-------------- ------------------------- -----------------------------------------
1525 3018 62
1575 2614 50
1603 2713 58
1623 2575 58

Als einzig mögliche Ausgangszahl für diese Beurteilung käme also höchstens die von 1603 in Frage, auf keinen Fall aber die von 1525!

Doch abgesehen davon: Die Zahlen selbst sind recht problematisch; denn da sie als Grundlage für die Ver­teilung der Schätzungen auf die Rheingaugemeinden auf­gestellt wurden, waren die Schultheißen der einzelnen Orte gewiß versucht, sie möglichst niedrig zu halten. (siehe Richter!) Außerdem wurden bei dieser Zählung die nicht bedepflichtigen Gebäude wie Pfarrhaus, Rathaus, Schule, Schrothaus, das "Haus armer Leute" (das Armen­haus) und wahrscheinlich auch die Güter mit Adelsfreiheit nicht berücksichtig.

Ein genaues Bild über die tatsächlich vorhandenen Ge­bäude und Gebäudeverluste aber läßt sich für den Flecken Mittelheim gewinnen durch einen Vergleich der beiden Güterbeschreibungen, also der örtlichen Grundbücher, die im Archiv der Gemeinde vorliegen. Die erste ist ein

,,Marekenn   Buch  dem   Flecken   Mittelheim   zugehörig. Anno   1613  vff  genemhalten  vnndt   güttlachten  E.   Erbaren  Raths  Mittelheim  von   Paul   Klunckhardt   derozeit    Rathschreiber   geschrieben    vnndl    vffgericht."

Die   zweite  ist   eine

„Beschreibung aller bürgerlichen Güter in vndt Außerhalb des Fleckens Mittelheim im Reingauw .... sambt deren Geldt vndt Wein Zinßen Auch wohin Solche jährlich zahlendt seindt in Anno 1659."

Auf je 200 Blatt enthalten die beiden Bücher etwa gleich­artige Angaben über die den einzelnen Bürgern gehören­den Grundslücke wie Häuser, Weinberge, Aecker und Wiesen sowie die darauf ruhenden Lasten und die Besitzer der Nachbargrundstücke. Als Beispiel diene das in un­serem Bildplan eingezeichnete Haus mit der Nr. 42 des Caspar Fritz aus fol. 13 im Markenbuch von 1613:

„Caspar Fritz, erstlich eine Behausung sampt Hoiff vnndt Baumgartten, oben die Kirchgaß vnden Theiß Klotter, belegt mit 5 beet Pfennig. Item noch eine Behausung daran, oben ihme selbst vnden weiland Henrich Friels relicta (= Witwe) belegt mit 3 beet Pfennig."

Und fol. 85:

„Theiß Klotter, erstlich ein Haus vnd Gartten, vff der Straß gelegen, oben Caspar Fritzen Gartten, vnden gemein Küntzengaß, gibt Gulldt 2 beet Pfen­nig."

Daraus geht hervor, daß Caspar Fritz zwei Häuser be­saß; das eine lag an der Ecke Kirchgassen-Hauptstraße, das zweite unterhalb davon ebenfalls in der Kirchgasse. Sein Nachbar auf der Hauptstraße war Theiß Klotter, der an der Ecke Küntzgasse-Hauptstraße wohnte. Da­zwischen hatte Fritz einen großen Baumgarten, der bis nach dem ersten Weltkrieg als Garten erhalten blieb.

In diesen Büchern bedeutet das Wort „oben" in Straßen mit Ost-West-Richtung soviel wie „ösllich" (= rhein-aufwärts) und in Gassen mit Nord-Süd-Richtung soviel wie „nördlich" (= dem Gebirge zu). Das Wort „unten" bedeutet demnach „südlich" bzw. "westlich''.

Nach diesen Angaben ist es nun möglich, den Ortsplan des Fleckens Mittelheim sowohl vor als auch nach dem Dreißigjährigen Krieg mit sämtlichen Häusern zu rekon­struieren (siehe Bildplan.) Der Plan kann natürlich im allgemeinen nur die Hofreite (so werden die Hausgrund­stücke genannt) verzeichnen, da nur einige Häuser die Stürme der Zeit bis heute überdauert haben. Die Grundstücksgrenzen im Ort jedoch scheinen bis heute zum großen Teil unverändert geblieben zu sein. Die in dem Plan der Verständigung wegen eingetragenen Hausnum­mern sind willkürlich angenommen.

In diesen beiden Büchern sind nicht genannt das Rat­haus, Pfarrhaus, die Schule und das Armenhaus, die aber, wie aus anderen Quellen hervorgeht, schon be­standen (die Schule allerdings erst seit 1654). Hausnum­mern gab es noch nicht, sie wurden erst im vorigen Jahr­hundert eingeführt. Bis auf die Roppels- und Kirchgasse wurden alle Namen der Straßen offiziell abgeändert.

Allgemein im Gebrauch sind bis heule noch die Namen ,,Obergasse" und „Backhausgasse", und es ist schwer ver­ständlich, daß man - erst in den letzten Jahren - diese alten Namen In „Weinheimer-" und „Rheinstraße" umgeändert hat. Schon mindestens 600 Jahre lang dürfte die heutige ,,Rheinstraße" den Namen „Backhausstraße" getragen haben, denn es dürfte sicher sein, daß das schon 1355 erwähnte Backhaus von Mittelheim an der oberen Westecke der Straße gestanden hat. An die Namen „Küntz-“ und „Klostergasse" erinnern sich heute noch die Alten. Unterhalb der Häuser am Rhein entlang führte die ,,Rheinstraße". Hier hatten u. a. begüterte Familien aus Mainz und Frankfurt sowie später der Junker Greiffenclau ihren Sommersitz.

Da in den Güterbeschreibungen auch die Besitztümer der einzelnen Bürger in der Gemarkung angegeben sind, lassen sich leicht folgende Feststellungen treffen: Die Winzer wohnten vor allem in den Häusern „auf der Straß", in der Kirch-, Backhaus- und an der Ostseite der Obergasse. Ohne nennenswerten Grundbesitz aber waren die Bewohner der Küntzgasse und die meisten der Obergasse: Sie waren Fischer, Tagelöhner oder Hand­werker. Einige von Ihnen sind genannt: In Nr. 49 Meister Hertzig, der Schreiner, in Nr. 46 Barthel Remppf, der Wagner, und in Nr. 43 (nach Theiß Klolter) Wilhelm Lippert, der Krämer usw.

Nicht nur während, sondern auch schon vor dem Kriege wechselten verhältnismäßig viele Häuser ihre Besitzer. Wurde nun ein Haus verkauft, so strich der Ratsschreiber kurzerhand den Namen des alten Besitzers im „Marken­buch" durch und schrieb unter „modo" (= nunmehr) den Namen des neuen darüber. Diesem Umstände ist es zu verdanken, daß wir nicht nur die einzelnen Hausbesitzer, sondern auch deren Reihenfolge feststellen können, wenn ein Haus - wie es zumeist der Fall war - durch mehrere Hände ging. Natürlich verlor die Güterbeschrei­bung durch diese dauernden Aenderungen sehr schnell die Uebersichtlichkeit. Deshalb fertigte nach Kriegsende der damalige Ratsschreiber Valentin Schmidt auf Befehl des Kurfürsten an den Vicedom im Jahre 1659 die neue Be­schreibung aller bürgerlichen Güter an.

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