Westerwald

Zur Geschichte des Westerwaldes

1.Frühe Geschichte

Topographische Ansicht des Westerwaldes

Wenn man ursprünglich vom »Westerwald« sprach, meinte man einen Walddestrikt des Königshofes Herborn, der von dem Ort im Dilltal aus gesehen im Westen lag. Mit »Westerwald« wurde ein Gebiet bezeichnet, das die alten Kirchspiele und Zentbezirke Marienberg, Emmerichenhain und Stein-Neukirch auf dem Hohen Westerwald umfasste. In der Neuzeit wurde der Geltungsbereich des Begriffes »Westerwald« allmählich erweitert und seit dem 19. Jahrhundert versteht man das gesamte Gebiet zwischen den Tälern von Rhein, Lahn, Dill und Sieg als der »Westerwald«.[Anm. 1]

Der Westerwald selbst gliedert sich heute in verschiedene Landschaften. Der Hohe Westerwald bildet mit Bad Marienberg das Kernland. Ihm fast halbmondförmig von Westen bis Osten vorgelagert ist der Oberwesterwald mit Hachenburg, Westerburg und Haiger. Die nächst tiefere Höhenstufe des Niederwesterwaldes mit Dierdorf, Höhr-Grenzhausen und Montabaur nimmt den größten Flächenanteil ein bis zur Abbruchkante zu den randlichen Tallandschaften.

1.1.Bodenfunde

In der schriftlosen Zeit sind es die Bodenfunde, die Aufschluss über die Besiedelung des Landes geben. Während am Mittelrhein, im Neuwieder Becken und an der Lahn vor allem im Limburger Becken zahlreiche Funde vorgeschichtlicher Perioden vorliegen, ist das für das Binnenland des Westerwaldes nicht der Fall. Abgesehen von früheren Einzelfunden etwa aus Molsberg und aus Herdorf, sind erst in der jüngeren Steinzeit (Neolithikum) und dann im Spätneolithikum, also in der Zeit zwischen ca. 5500 - 2200 v. Chr.[Anm. 2] Funde gemacht worden, die eine dauerhafte Inbesitznahme der Landschaft durch den Menschen belegen. Funde aus dieser Zeit wurden z. B. an Stellen des Kreises Altenkirchen, in Oellingen, Grenzhausen, Bad Marienberg, Vielbach, Nomborn, in der Umgebung von Montabaur und in Herschbach gemacht.[Anm. 3]

In den verschiedenen »Metallzeiten« (Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit), in etwa die Zeit bis ins 5. Jahrhundert nach Christus, nimmt die Zahl der Fundstellen zu. Hier sind Funde etwa bei Höhr-Grenzhausen, Nauort, Hillscheid, Herschbach, Mudersbach, Wissen-Köttingen, Weroth-Wallmerod, Ruppach-Goldhausen, Nomborn, Dielkopf bei Welschneudorf und Altburg-Steinwingert bekannt geworden.[Anm. 4] Kennzeichen einer zunehmenden Besiedelung des Landes ist auch die planmäßige Ausbeutung von Eisenvorkommen. Kerngebiet dieser gewerblichen Tätigkeit ist der Westen des Kreises Siegen und der Nordostteil des Kreises Altenkirchen. Spuren dieser ersten Eisenhüttenleute lassen sich nach Südwesten bis in den Raum Freusburg, Betzdorf und Daaden finden.[Anm. 5]

1.2.Die Römische Zeit (ca. 53 v.Chr - 4. Jahrhundert n.Chr.)

Nachbildung eines Limesturms in Hillscheid[Bild: Martin Kraft]

Schon mit den Feldzügen des Gaius Julius Caesar (lebte 100-44 v. Chr.) im Gallischen Krieg (58-51/50 v. Chr.) rückten die Landschaften im rechtsrheinischen Raum in den Blick römischer Machtpolitik. Mit den vermutlich im Neuwieder Becken erfolgten Brückenschlägen der römische Truppen über den Rhein in den Jahren 55 und 53 v.Chr. fanden erste Vorstöße in die Wälder des Westerwaldes statt.

Als Caesar den Rhein überquerte und auch in den Westerwald vorrückte, traf er hier auf verschiedene germanische Völker, so etwa die Ubier, Chatten, Usipeter und Tenkterer. Die Römer beschränkten sich nicht auf die Sicherung des Rheinufers. Die Kriege des Heerführers Drusus (lebte 38-9 v. Chr.) und des Feldherrn Germanicus (lebte 15 v.Chr.-19 n. Chr.) gegen die Tenkterer und Chatten ließen die Germanen zurückweichen. Mit der Zwangsumsiedlung der Ubier im 3. und 2. Jahrzehnt v.Chr. in die ehemaligen Stammesgebiete der linksrheinischen Eburonen, rückten andere Bevölkerungsgruppen, wahrscheinlich aus dem östlichen Teilen des Westerwaldes und aus angrenzenden Gebiete in das alte Siedlungsgebiet nach.

Zunächst bildete der Rhein die Grenze des römischen Einflussbereiches. Es fanden einige wenige Strafaktionen der Römer in das Innere des Westerwaldes statt. Der Bau des Limes erfolgte vornehmlich aus bevölkerungs- und wirtschaftspolitischen Erwägungen. Doch die Wehrtürmen und Kastelle erlaubten es auch, auf kriegerische Handlungen und Beutezüge germanischer Gruppen rasch und effektiv zu reagieren. Seit den 80-er Jahren des ersten Jahrhunderts schuf Rom in mehrerer Baustufen den Limes als Grenzenwall zu den freien Germanen. Das Kohortenkastel Heddesdorf wurde bald nach 89 angelegt. Weitere Kastellgründungen etwa in Hessedorf, Bendorf, Niederberg, Bad Ems, Marienfels, Holzhausen erfolgten in dieser Zeit. Ausgebaut und verstärkt wurde der Limes unter Kaiser Hadrian (reg. 117-138). Während seiner Regierungszeit entstanden die Kleinkastelle Hillscheid und Fehrbach bei Höhr-Grenzhausen. In den Jahren 162 und 170 n. Chr. erfolgten durch die Chatten erneute Angriffe auf römisches Gebiet. Diese Angriffe wurden zwar weitgehend abgewendet, doch es kam zu Zerstörungen im engeren Grenzbereich. So wurden die Kastelle Heddesdorf und Bendorf am Rhein am Ende des 2. Jahrhunderts wieder aufgegeben, als man um 185 das näher am Limes gelegene Kastell bei Niederbieber errichtete.

Der Westerwälder Limes begann gegenüber der Stelle, wo auf dem linken Rheinufer der Vinxtbach an der Grenze von Ober- und Niedergermanien in den Rhein mündete. Er steigt von dort aus das Balsbachtal aufwärts, zieht über Arienheller zum Kastell am Forsthofweg, hinunter ins Rodenbachtal, folgt den Randhöhen und überschreitet nördlich Niederbieber die Wied. Von dort führte der Limes über die Höhe nordwestlich Oberbieber hinunter ins Aubachtal, hinauf zum Kastell Anhausen. Er durchquert auf der Höhe den Heimbacher Wald, führt hinab ins Sayntal, überstieg den schmalen Höhenrücken der Kehr zum Brexbach, um am Pulverberg erneut in die Höhe zum Kastell Fehrbach südwestlich Höhr-Grenzhausen zu führen. Von dort verlief er fast geradlinig bis zum Kastell Hillscheid. Im schnellen Wechsel über Berg und Tal verlief er hinunter zum Plätzerbach, hinauf zum Turm in den Haferrödern, hinab ins Emsbachtal zum Kastell Arzbach-Augst, erreichte über den Turm am Weißenstein die Lahn beim Kastell Ems und überschritt dort die Lahn, die auch auf dem Südufer durch ein Kastell gesichert war.Gensicke, Landesgeschichte S. 7.

Dieser Bereich des Limesgebietes wies nur eine dünne Besiedlung auf. Nur beim Kastell Niederbieber ist eine größere zivile Niederlassung nachgewiesen, während die Siedlungen beim Kastell Niederberg und bei Ems bescheiden waren. Einzelne römische Gehöfte befanden sich bei Weitersburg, Vallendar, Simmern, Arenberg und am Kratzkopfer Hof. Um Niederlahnstein, Horchheim und Arzheim häuften sie sich etwas, doch sind sie beim Fall des Limes um 260 aufgegeben und danach nicht mehr besiedelt worden. Die Funde des Kastells Niederbieber weisen auf die letzten Kämpfe hin, in deren Verlauf das Kastell völlig zerstört wurde. So war unter Kaiser Gallienus (reg. 153-260 als Mitregent, 260-268 als alleiniger Kaiser) der Rhein wieder Grenze des freien Germaniens geworden.

Bildnis Kaiser Valentinians I. auf einem römischen Solidus[Bild: Siren]

Mit dem Beginn des 3. Jahrhunderts häuften sich die Überfälle der rechtsrheinischen Bevölkerungsgruppen auf den Limes. Damals vergrabene Münzschätze, wie etwa der in Obererbach, der in einer einheimischen Siedlung gefunden wurde, sind möglicherweise Beute germanischer Scharen gewesen. Die Raubzüge rechtsrheinischer militanter Gruppen auf wohlhabende Regionen des römischen Mittelrheingebietes setzen sich fort. Die Katastrophe erfolgte im Herbst 259/260 n.Chr., als der Limes in breiter Front überrannt wurde. Germanische Scharen drangen weit nach Gallien ein. Mit der damit verbundenen Zerstörung nahezu sämtlicher militärischen Anlagen im rechtsrheinischen Raum wurde ab 260 n.Chr. die römische Reichsgrenze im Mittelrheingebiet an den Rhein zurückverlegt. Während die Anlagen im Westerwald endgültig aufgegeben wurden, blieben die Handelsbeziehungen über den Rhein weiterhin bestehen.

Kaiser Valentinian I. (364-375) ließ erneut auf dem rechten Rheinufer Befestigungen anlegen, die man in in den spätrömischen Burgi, dem »alten Kloster« südlich Rheinbrohl, dem »Heidenmäuerchen« bei Engers und dem Burgus bei Niederlahnstein wiedergefunden hat.

Wie die Funde von Gladbach und Heddesdorf erkennen lassen, hielt sich innerhalb des Limesbereichs ein Teil der germanischen Bevölkerung. Auch in einem Keller des Kastells Niederbieber fanden sich römische und germanische Scherben nebeneinander. Die sonst übliche Fundleere im Raum vor dem Limes wird mehrfach durchbrochen. So sind im 2. Jahrhundert in Nassau hart vor dem Limes Germanen nachzuweisen. Ein Zentrum der germanischen Besiedelung der frühen und späten Kaiserzeit lag im Nordwesten im Raum der Siegmündung um Siegburg. Trotz der völligen Fundleere des Westerwaldgebietes kann man doch mit einer dünnen Besiedlung rechnen. Im Westen des Gebietes handelt es sich wohl nur um Usipeter und Tenkterer, in der Spätzeit um Usiper und Tubanten, die schon früh im Frankenbund aufgingen, ohne dass sie in diesem noch eine besondere Rolle spielten. Im Osten und Südosten des Gebietes muss aber auch mit Ausstrahlungen des chattischen Siedlungszentrums um Gießen, Butzbach und Marburg gerechnet werden.

Der Westerwald gehörte um 378 wohl zum Gebiet des Frankenkönigs Mallobaudes. Völlig eindeutig wird das Flussgebiet der Lahn nach Aussage des Geographen von Ravenna Mitte des 5. Jahrhunderts zum Land der Franken gerechnet.[Anm. 6]

1.3.Gaueinteilung im Westerwald

Als das fränkische Reich seit dem 5. Jahrhundert entstand, wurden unter Karl dem Großen (768-814) zur Festigung der Königsmacht Grenzmarken und zur administrativen Organisation des Königsgutes in vielen Teilen des Reiches sog. Gaue eingerichtet.[Anm. 7] An der Spitze dieser Gaue stand jeweils ein vom König eingesetzter Gaugraf, dessen Aufgabe es vornehmlich war, die dem König zustehenden Einkünfte einzusammeln, im Notfall die waffenfähigen Leute aufzubieten und richterliche Kompetenzen im Namen des Königs wahrzunehmen. Als Gegenleistung für seine Dienste erhielt der Gaugraf ein Lehen. Diese Überlassung von Reichsgut, die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und die damit einhergehenden rechtlichen und gerichtlichen Kompetenzen dienten als Keimzellen der später im Westerwald wirkenden Kräfte, die zumeist von außerhalb oder aus den Altsiedelländern heraus auf den Westerwald einwirkten. Auf dem Gebiet des Westerwaldes hat es vier Gaue gegeben: Engersgau, Auelgau, Niederlahngau und Oberlahngau.

1.3.1.Der Auelgau

Siegburg - Zentrum des Auelgaus

Der Auelgau, der als solcher erstmals im Jahr 722/723 und erneut im Jahr 832 in den Quellen erscheint[Anm. 8], gehörte zu Rheinfranken (Ripuarisches Franzien) und zur Diözese des Erzstiftes Köln. Das Kerngebiet des Auelgaus bildete damals die Landschaft um die Siegmündung. Das Dekanat Siegburg deckte sich teilweise mit dem Auelgau. Mittelpunkt des Auelgaus war die Grafenburg auf dem Siegburger Basaltkegel, an deren Stelle Erzbischof Anno II. von Köln (1056-1075) im Jahr 1064 die Benediktinerabtei gründete. Eine genauere Beschreibung der Grenzen des Auelgaus ist ebenso wenig möglich, wie eine solche des Dekanats Siegburg, da die Quellen hierzu nicht präzise genug sind. Im Westen grenzte der Auelgau an den Bonngau, im Norden bildete die Sieg die Grenze des Westerwälder Anteils am Auelgau. Im Osten verlief die Gaugrenze schon im 10. Jahrhundert auf der Wasserscheide zwischen Wisser und Asdorf und mit Ausnahme des Nisterunterlaufs am Westufer der Nister. Die Nister bildete gleichzeitig auch die Trennungslinie zwischen den Erzbistümern Köln und Trier.

Als Gaugraf im Auelgau ist zunächst das fränkische Hochadelsgeschlecht der Konradiner bezeugt, zu denen im 9. oder 10. Jahrhundert ein Graf Helmrich[Anm. 9] und der um 948 genannte Graf Herimanni vom Auelgau gehört haben dürfte.[Anm. 10] Den Konradinern folgten[Anm. 11] auf dem Wege einer Heirat die Familie der Ezzonen (Ezzo ist 1015 belegt) nach, das älteste Geschlecht der rheinischen Pfalzgrafen, die ihren Lebensmittelpunkt damals noch um Aachen hatten. In der Auseinandersetzung mit den Kölner Erzbischöfen, die ihren weltlichen Herrschaftsbereich sichern wollten, wurden die Pfalzgrafen nach Süden abgedrängt.[Anm. 12] Gleichzeitig verloren sie ihre Rechte im Auelgau an die Grafen von Sayn.[Anm. 13] Wenn man die Lehnsansprüche bedenkt, die die Pfalzgrafen später an die Grafschaft stellen sollten, haben sie vielleicht die Gaugrafschaft den Saynern nur als Untergrafen abgetreten.[Anm. 14]

Als die Brüder Heinrich I. und Eberhard I. von Sayn erstmals 1139 in zwei Urkunden des Kölner Erzbischofs Arnold mit ihrem Grafentitel auftauchten,[Anm. 15] leiteten sie diesen mit Sicherheit von ihren Grafenrechten im Auelgau her.[Anm. 16] Allerdings treten sie erst 1182 ausdrücklich als Grafen im Auelgau in Erscheinung.[Anm. 17]

Der Ort der Gaugerichtsstätte ist nicht sicher überliefert. Eine Malstätte des Gaues dürfte zwischen Siegburg und Bonn im Kerngebiet des Auelgaus gelegen haben.[Anm. 18]

1.3.2.Niederlahngau

St. Lubentius über Dietkirchen[Bild: Mylius]

Der Niederlahngau erscheint erstmals im Jahr 832 in den schriftlichen Quellen. Auch für den Lahngau ist eine Beschreibung der Grenzen nur annähernd möglich, da die Quellenlage eine genauere Eingrenzung nicht zulässt.[Anm. 19]

Dem Lahngau zuzurechnen sind die Orte Habuch[Anm. 20], Hadamar, Niederzeuzheim, Frickhofen, Brechelbach, Seck und Westernohe, Herschbach und Hellenhahn, die alle im Bereich des Elbbaches und seiner Nebenbäche liegen. Auch die Güter, die Graf Gebhard vom Niederlahngau 879 dem von ihm gegründeten Stift Gemünden zu Winnen, Hergenroth, Hilsse, Wengenroth, Kalsberg, Willmenrod, Dernbach (Langendernbach) und Holzhausen (Heckholzhausen) schenkte, überschritten nach Westen und Norden nicht diesen Bereich. In der Frühzeit muss man deshalb wohl mit breiten Grenzwaldungen an der Nister im Norden und am Gelbach im Westen des Gaues rechnen. Bestätigt wird diese Annahme wohl auch dadurch, dass man im Südwesten des Gaues südlich der Lahn ebenfalls keine klare Wasserscheidengrenze oder eindeutig nasse Grenze gegen den Einrichgau findet, sondern das noch heute zwischen Aar und Dörsbach zum Teil erhaltene Waldgebiet eher einen Grenzwald vermuten lässt. Da die 931/49 beschriebene Grenze des Zehntbereichs der Urpfarrei Humbach-Montabaur sich weitgehend mit der Westgrenze der Grafschaft Diez des Jahres 1525 deckt und auch 931/49 angrenzende Güter des Grafen Konrad an der Montabaurer Ostgrenze genannt werden, war die Westgrenze des Gaus damals bereits der Gelbach und die Ahr. Trotz ihrer Lage westlich der Elb- und Gelbachwasserscheide sind das Kirchspiel Meudt und Westteile des Kirchspiels Nentershausen auch aus räumlichen Erwägungen weit eher dem Niederlahngau, dessen Kerngebiet im Limburger Becken lag, als dem Engersgau im Neuwieder Becken zuzurechnen. Die Nordgrenze der Grafschaft Diez war 1525 der Lochumer Bach, die Hornister und Nister. Da diese ebenso, wie die gesamte Westgrenze dieser Grafschaft mit den Grenzen des Dekanats Dietkirchen zusammenfällt, darf man den gleichen Grenzverlauf auch für die späte Gauzeit vermuten. Diese Annahme wird dadurch erhärtet, dass die Nister 879 als Nordgrenze der Gemündener Urpfarrei bezeugt ist. Wenn auch zeitgenössische Belege für den Grenzverlauf zwischen Ober- und Niederlahngau fehlen, darf die Ostgrenze des Dekanats Dietkirchen und der alten Grafschaft Diez auf den Wasserscheiden des Elb- und Kerkerbachflussgebietes als alte Grenze gegen den Oberlahngau angesehen werden.

Im Herzen des Gaues, hart neben Dietkirchen, der ältesten Kirche der mittleren Lahn, lag die Gaugerichtsstätte im Reckenforst, wo 1217 zuerst das Grafengericht der Grafschaft Diez bezeugt ist, das sich bis zum 16. Jahrhundert dort erhielt.[Anm. 21]

Der erste sicher bezeugte Graf des Niederlahngaus war Graf Gebhard, der seit 832 begegnet. Der Konradiner Gebhard hatte im Lahngau ein königliches Lehen, ist in der Hadamarer Mark begütert gewesen, setzte sich für das Kloster Kettenbach an der Aar und das Stift Gemünden ein und spielte in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Er könnte auch Rechte im Oberlahngau, im Hessengau und in anderen Gauen gehabt haben.

Seit 910 ist im Niederlahngau Konrad als Graf bezeugt, der 910 ausdrücklich Eberhards Sohn genannt wird, sodass wohl sein Vater Eberhard, der Nachfolger Udos in dieser Grafschaft gewesen ist. Graf Eberhard begegnet nur 889 als Zeuge neben seinen Brüdern und fiel 902 vor Bamberg. Sein älterer Bruder Konrad der Ältere (886-906) war nicht nur 886 im Oberlahngau Nachfolger Graf Gebhards im Grafenamt, sondern 897 auch im Hessengau Gerhards Sohn Berengar gefolgt. Diese Vererbung dreier Grafschaften von Gebhard und seinen Söhnen auf die konradinischen Brüder schaltet wohl den letzten Zweifel an deren Abstammung von Gerhard aus. [...] Außer Eberhard und dem älteren Konrad sind als weitere Brüder Gebhard (888-910) Graf im Rheingau, in der Wetterau und Herzog von Lothringen sowie Rudolf, der 892 bis 908 Bischof von Würzburg war, bekannt. Die Bedeutung der Konradiner wird von der Tatsache unterstrichen, dass der Sohn Konrads des älteren im Jahr 911 als Konrad I. deutscher König (911-918) wurde. Er starb am 23. Dezember 918.

König Ludwig IV. das Kind (900-911) schenkte 910 dem Grafen Konrad zu seiner Kirchenstiftung in Limburg den Fronhof Brechen, der in Konrads Grafschaft lag. Dieser Stiftung schenkte auch Otto I. (936-973) am 20. April 940 ein in Konrads Grafschaft gelegenes Gut in Niederzeuzheim. Konrad stand mit seinem Vetter Gaugraf Udo aus der Wetterau Otto I. in seinem Kampf gegen Eberhard von Franken und Giselbert von Lothringen zur Seite. Er half, diese gegenüber Andernach auf dem Westerwaldufer zu vernichten. Dabei wurde Eberhard erschlagen, während Giselbert den Tod in den Wellen des Rheins fand. So darf man diese Schenkung, die aus Eberhards Gütern bestritten wurde, wohl als Dank auffassen. Eberhard hat auch am 2. Juni 942 Konrads Limburger Kirche in seinen Schutz genommen. Mit Einwilligung Konrads hatte seine Mutter Wiltrud dem Kloster Seligenstadt die Salzehnten in der Elzer und Braubacher Mark und in Lahnstein geschenkt. Darüber hinaus werden in der Beschreibung des Zehntbezirkes für die Kirche zu Humbach-Montabaur um 931-948 angrenzende Güter des Grafen Konrad erwähnt, die wir wohl in der Grundherrschaft Meudt wiederfinden.

Nach Konrads Tod am 30. Juni 948 wird im Niederlahngau 958 ein Graf Eberhard genannt, in dessen Grafschaft Oberneisen lag. Wenn es sich auch nicht erweisen lässt, dass er Konrads Bruder war, so gehörte er doch ohne Zweifel zur konradinischen Familie und Konrads nächsten Verwandten. Nach Eberhard, der am 10.5.966 starb, begegnet kein Konradiner mehr im Niederlahngau.

Erst 1053 wird der Ort Villmar im Niederlahngau in der Grafschaft des Grafen Godebold genannt, während im Norden des Niederlahngaus ein Graf Embricho begegnet, in dessen Grafschaft 1059 Limburg, Brechelbach, Seck und Westernohe, 1062 Hellenhahn und Herschbach lagen. Den Grafen Godebold darf man wohl mit Graf Embrichos 1063/1073 ohne Vornamen genannten Bruder von Diez gleichsetzen. Doch haben Embrichos Nachkommen, die Grafen von Diez, nach dieser vorübergehenden Teilung in der Mitte des 11. Jahrhunderts die Grafschaften Embrichos und Godebalds später erneut in ihrer Hand vereinigt.[Anm. 22]

1.3.3.Oberlahngau

Wetzlar lag einst im Oberlahngau[Bild: Stadt Wetzlar]

Der Ostteil des Westerwaldes gehörte zum Oberlahngau, dessen Grafschaft um Wetzlar den Dillunterlauf und die Lahn bis westlich Weilburg umfasste. Im Jahr 993 ist Nenderoth im Lahngau (in pago Loginahe) bezeugt, dazu im Nordosten in den Jahren 778 und 781 Haiger. Man darf den Haigergau durchaus als Untergau des Oberlahngaus ansehen. Die Lage des Mittelpunktes Haiger an der oberen Dill ordnet diesen Untergau eher dem Oberlahngau und der Grafschaft um Wetzlar, als dem Niederlahngau zu. Für die Frühzeit ist die Abgrenzung zum Auelgau im Nordwesten nicht völlig gesichert. Falls die Auelgaugrenze ursprünglich auf den Wasserscheiden des Siegflussgebietes verlaufen ist, muss von Haiger aus schon vor 914 die Grenze ins Hellertal bis an Nister, Elb und Sieg vorgeschoben worden sein. Die 1048 an der Grenze des Haigerer Sprengels bezeugten Bifänge Kirburg, Wissen und Freusburg sowie die hart an der Grenze erwachsene Grundherrschaft Gebhardshain, lassen in der Frühzeit einen breiten Waldgrenzstreifen im Nordwesten erkennen. Auch der jenseits der Wasserscheiden gelegene hohe Westerwald war damals ein nahezu unbesiedeltes Gebiet, das aber nach Ausweis seines Namens einem ostwärts gelegen Fiskus, wohl dem Herborner, zugehörte.

Westgrenze gegen den Niederlahngau sind die Nister und die Wasserscheide östlich von Elb- und Kerkerbach. Im weiteren Verlauf nach Süden ist sie erst im Lahntal westlich von Limburg durch urkundliche Belege gesichert.[Anm. 23]

Die ersten bekannten Grafen der ihm Oberlahngau gelegenen Grafschaft der mittleren Lahn sind Graf Konrad, möglicherweise ein Ahnherr der Konradiner, in dessen Grafschaft 772/73 Bonbaden, südostwärts Braunfels lag und der Rupertiner Graf Heimo, der 779 als Graf in Laufdorf bezeugt ist. Da 832 der Niederlahngaugraf Gebhard (832-879) in Hörnsheim begütert ist und sein Enkel Graf Konrad 886 Güter zu Nauborn, Winterburg und Steindorf in der Wanendorfer Mark an das Kloster Lorsch gegen dessen Besitz zu Hausen bei Garbenteich (Garwardeshusen) vertauschen konnte, haben beide wohl auch das Grafenamt hier bekleidet. Gleichwohl sind sie nicht ausdrücklich als Grafen über jenen Besitz bezeugt. Konrad wurde aber 906 in Weilburg beigesetzt, das ebenfalls in dieser Grafschaft lag.

In der Grafschaft Konrads des älteren folgte sein Sohn Otto als Graf. Zwei Urkunden seines Bruders König Konrad I. nennen Möttau, Altenkirchen, Leun, Neukirchen, Merzhausen und Rechtenbach 912 in seiner Grafschaft. Da Otto anscheinend früh starb, fiel die Grafschaft an der mittleren Lahn seinem Bruder Eberhard zu. Dieser bekleidete 913 das Grafenamt im nördlich angrenzenden Perfgau. In seiner Grafschaft lag 929 die marcha et villa Klea im Lahngau. Als Eberhard von Franken im Kampf gegen König Otto I. bei Andernach 939 gefallen war, zog der König die Güter des Empörers wohl ein. Dem Vetter Eberhards, Graf Udo von der Wetterau, hat Otto für seine Hilfe im Kampf gegen Eberhard dessen Eigengut in dieser Grafschaft verliehen. Die Herzöge Hermann und Udo von Lothringen, hat man mit dem Schwabenherzog Hermann (926-949) und seinem Bruder Graf Udo von der Wetterau gleichgesetzt, doch zwingt die Nachricht keineswegs zu der Annahme, dass die Brüder außer dem konradinischen Allod auch die Grafschaft um Wetzlar innegehabt haben. Wahrscheinlich ist das Grafenamt nach dem Sturz Eberhards von Franken nicht mehr den Konradinern verliehen worden. Jedenfalls war die Grafschaft 975 in anderen Händen, als Reiskirchen in der Grafschaft eines Grafen Hildelin genannt wird. Später begegnen hier die Grafen Gerlach (993-1017) und Werner (1062-1065), der vielleicht in der Grafschaft der mittleren Lahn, wie im Hessengau seinem Vater Werner II. (1027/29-1040) gefolgt war. Als Werner 1066 erschlagen wurde, waren Haigergau, Herborner Mark und Kalenberger Zent bereits aus dem Grafschaftsverband gelöst. Auch in Weilburg hat Worms spätestens bei Werners Tod die Immunität durchgesetzt, so dass sein Nachfolger Hermann von Gleiberg 1075 auf den nordöstlichen Teil der alten Grafschaft außerhalb unseres Raumes beschränkt war.[Anm. 24]

1.3.4.Engersgau

Engers und das Neuwieder Becken waren früher der Mittelpunkt des Engersgaus[Bild: Brego]

Das Zentrum des Engersgaus lag im Neuwieder Becken. Der Gau ist vielfach belegt, erstmals im Jahr 773.[Anm. 25] belegt.

Die hart am Rhein und auf den Uferhöhen gelegenen Orte Arenberg, Immendorf, Mallendar, Bendorf, Heddesdorf, Irlich, Rodenbach, Leutesdorf und Hönningen lassen den Rhein als Westgrenze des Gaus von der Lahnmündung bis Hönningen erkennen. Da Kasbach und Unkel hart nördlich der Grenze des Dekanats Engers im Odangau und Bonngau bezeugt sind, kann der Gau hier nicht über die spätere Dekanatsgrenze hinausgereicht haben. In Unkel und Kasbach hat der Dekanat Siegburg über die Südgrenze des Auelgaus hinaus sich später bis an den Kasbach vorgeschoben. Vielleicht sind deshalb im Nordwesten die südlich der Wasserscheide zwischen Wied, Pleis und Hanfbach gelegenen Kirchspiele Asbach und Windhagen, die ebenfalls später zum Dekanat Siegburg gehörten, ursprünglich dem Engersgau zuzurechnen. Für diese Annahme spricht wohl auch, dass diese Wasserscheide 948 als Südgrenze des Kirchensprengels Oberpleis im Auelgau bezeugt ist und diese Kirchspiele politisch von jeher nach Süden zum Wiedtal orientiert waren. Diese unsichere Gauzugehörigkeit lässt für die Frühzeit einen unbesiedelten Grenzstreifen südwestlich des heutigen Leuscheidwaldes vermuten.

Auch auf beiden Seiten der mittleren und oberen Wied ist ursprünglich ein breiter Grenzwald anzunehmen. Die Dekanatsgrenze, die von der Mehrbachmündung der Wied bis zur Quelle folgt, ist auch in diesem Verlauf wohl erst das Ergebnis späteren Ausgleichs. Sie zerschnitt bei Burglahr eine Isenburger Grundherrschaft. Hombach 927 und Krümmel 1022 liegen noch weit südlich der Wied, dem Auelgau weist nur ein Beleg des 9. Jahrhunderts vielleicht Flammersfeld zu. Da die Dekanatsgrenze im Westen Asbach und Windhagen von dem Mittelpunkt des Bilsteiner Besitzes Altenwied abtrennte und hart südlich der Wied die Grundherrschaften Horhausen, Schöneberg und Wahlrod im Besitz der Erben der Grafen von Bilstein zu finden sind, sind hier noch deutlich die Ausläufer einer von Süden ausgehenden Besiedlung des Grenzgebietes zu bemerken, auf die vom Siegtal im Norden eine wahrscheinlich von den Auelgaugrafen vorgetragene Siedlungswelle aufprallte, die, leicht an den Kirchen- und Patronatsrechten des Bonner Kassiusstiftes kenntlich, südlich Altenkirchen in Almersbach auf das Südufer der Wied übergriff. Bei einem Ausgleich, den man vielleicht erst im 11. Jahrhundert ansetzen darf, ist an Stelle des breiten Grenzsaumes die Wied die Grenze der Grafschaften und Dekanate geworden. Südlich der Wiedquelle ist Krümmel im Engersgau vom nächsten Gaubeleg im Niederlahngau Herschbach fast 20 km entfernt, sodass auch hier die Grenze der Dekanate, die sich bis ostwärts Helferskirchen mit der Grafschaftsgrenze zwischen Wied und Diez deckt, in ihrem Verlauf zumindest für die Spätzeit als Gaugrenze anzunehmen ist. Das Übergreifen des Niederlahngaus über die flache Wasserscheide vom Elbbachgebiet ins Sayn und Gelbachtal ist durch die stärkere Stoßkraft ders niederlahngauischen Grenzgrundherrschaften bedingt. Für die Südostgrenze des Gaues weist die Ostgrenze der Urpfarrei Humbach-Montabaur 931/48 den gleichen Verlauf wie die Westgrenze der Grafschaft Diez 1525 auf. Doch ist diese Grenze, die in der Grundherrschaft Isselbach (931/47) Adellonis praedium aufs Westufer des Gelbachs zurückspringt, in ihrem stark differenzierten Verlauf, wohl schon das Ergebnis des Ausbaus eines breiten Grenzstreifens, wobei die Esterau trotz ihrer Zugehörigkeit zur Urpfarrei Montabaur 931/47 aus geographischen Erwägungen in der Frühzeit eher dem Niederlahngau angehört haben könnte.

Als Südgrenze ist die Lahn mit Sicherheit dadurch ersichtlich, dass am Südufer Oberlahnstein und die Burg Nassau 1158 dem Einrichgau, über dem Nordufer Arenberg 868 und Denzerhaid 1084/1101 dem Engersgau zugehörten. Darüber hinaus lag Nassau 915 in zwei Grafschaften »Sconenberg«, das man ohne Zweifel mit dem 1048 bezeugten »Sconevelt««, dem Sitz des Grafengerichts des Engersgaus gleichsetzen darf und »Maruels«, das man in der Gaugerichtsstätte des Einrichsgaus Marienfels wiedererkennen kann. [...]

Die Grafengerichtsstätte »Sconenberg« ist 1048 und 1071 als »Sconevelt« bezeugt. Vor dem Grafengericht Graf Lothars von Wied Grafengericht »Schouelt« wurde noch 1218 der Hof Merkelbach im Kirchspiel Breitenau dem Kloster Rommersdorf geschenkt. Den Grafen Friedrich von Wied belehnte Kaiser Friedrich 1475, wie seine Vorfahren, mit dem Gericht »bey dem yetzgemelten dorf Heymbach auf einem platz genannt das Schonenfeld, das das oberst gericht uber alle gerichte der grafschaft Wede sey«. Auch 1516, 1521, 1544, 1559 und zuletzt 1568 empfingen die Grafen von Wied vom Reich das gleiche Lehen. Erst 1570 wurde die Oberhofstellung des Gerichts auf dem Schönfeld, die bis dahin für alle wiedischen Gerichte bestand, aufgehoben, als Wied seine Heimbacher Rechte dem Erzstift Trier verkaufte.

Der 1590 bezeugte Flurnamen »undich dem Koenigsgerecht im Schoenfeld« lässt vermuten, dass Wied auch das Isenburger Reichslehen des ehemaligen Freiheimgerichts Heimbach zuletzt an dieses Gerichtsstätte gezogen hatte.[Anm. 26]

Von der alten Burg Humbach sind keine sichtbaren Reste mehr vorhanden[Bild: gemeinfrei]

Als Grafen im Engersgau ist zuerst ein Ruodgar belegt, der 857 in Urkunden genannt wird. Rudogar dem älteren folgte ein Ruodker, der 880 erwähnt wird. Erst nach einer großen Lücke begegnet im Jahr 958 der erste völlig sichere Graf des Engersgaus Waltbraht. Diese Lücke hat man bisher stets mit dem Schwabenherzog Hermann, einem Sohn des Konradiners Gebhard (888-910), ausgefüllt. Herzog Hermann, der am 10. Dezember 949 starb, war im Engersgau reich begütert. Er besaß die Burg Humbach-Montabaur mit einer bedeutenden Grundherrschaft. Ob das Reich erst nach Hermanns Tod diesen Besitz eingezogen oder ob erst sein Schwiegersohn Liudolf bei seinem Sturz 954 ihn verloren hat, ist unbekannt. Teile blieben jedenfalls seinem Haus erhalten. Nach Liudolfs Tod am 6. September 957 schenkte Kaiser Otto I. (936-973) Herzog Hermanns Witwe Reginlind 958 im Bereich der Montabaurer Grundherrschaft den Hof Wirges, den sie später dem Florinsstift in Koblenz überließ, dem Herzog Hermann die Kirche von Humbach-Montabaur zugewandt hatte. Hermanns Enkelin, Liudolfs Tochter Mathilde, Äbtissin von Essen, besaß hier den Hof Eschelbach, den sie dem Erzbischof Ludolf von Trier (994-1008) überließ, und die Grundherrschaft Schöneberg im nördlichen Grenzsaum des Engersgaus, die vielleicht ihr Großvater Hermann oder einer seiner Vorgänger im Grafenamt dort angerodet hatte. Denn daran, dass Hermann auch Graf im Engersgau war, besteht kaum ein Zweifel, da später seines Bruders Udo Enkel als Grafen hier bezeugt sind.

Graf Waltbraht, in dessen Grafschaft Wirges lag, begegnet auch 959 in der Zeugenreihe der Zehntbeschreibung von Humbach-Montabaur und findet sich zuletzt in einer undatierten Urkunde des Koblenzer Florinsstiftes aus der Zeit von 957 bis 973 als Zeuge.

Als nächste Graf im Engersgau ist ein Konradiner bezeugt, Graf Otto, in dessen Grafschaft 1019 Hönningen genannt wird. Anzunehmen ist, dass bereits sein Vater Heribert Gaugrafenrechte ausgeübt hat. Als Vertreter der konradinischen Familie bezeugte Heribert wohl 959 die Bestätigung des Montabaurer Besitzes des Koblenzer Florinsstiftes. Er vererbte die Grafschaft an seinen Sohn Otto. Otto, der 1002 zuerst begegnet, ist vor allem durch seine Ehe mit seiner Verwandten Irmingard bekannt geworden. Obwohl er sie 1018 durch Spruch der Fürstenversammlung verlor, trotzte er dem Kaiser, der gegen den Gebannten ein Heer ausrüstete. Kaiser Heinrich II. (1002-1024) belagerte seit September 1020 Otto in seiner Burg Hammerstein, bis dieser am 26. Dezember 1020 dem Kaiser die Burg übergab. Otto verlor damals nicht nur (zeitweise) den Hammerstein, sondern auch sie (dauerhaft) die Grafschaft im Engersgau.

Als Ottos Nachfolger wird Graf Ello (Hello) genannt, in dessen Grafschaft 1021 Oberbieber und 1022 Irlich und Krümmel lagen. Im Engersgau folgten als Gaugrafen Wigger von Nassau, 1034-1044 Graf im Engersgau und sein Sohn Arnold von Nassau. Erst nach einer erneuten Lücke wird ein Graf Meffried im Engersgau genannt, in dessen Grafschaft 1084/1101 Denzerhaid und 1105 Bendorf lagen und der wahrscheinlich ein Nachkomme Graf Wiggers war. Graf Meffried baute dann 1129 die Burg Altwied, nach der sich er und seine Nachkommen, die Grafen von Wied, die seitdem die Reste der alten Gaugrafschaft behaupteten, ihren Namen führten.[Anm. 27]

1.4.Ortsnamen

Neben den Bodenfunden lassen sich zur Aufhellung der geschichtlichen Besiedlung die Ortsnamen heranziehen. Deutlich lassen sich mehrere Entstehungsschichten gegeneinander abgrenzen, wobei man mit Verallgemeinerungen vorsichtig umgehen muss und Einzelfälle durchaus zu überprüfen sind.[Anm. 28]

Frühe Entstehung

Die Nister enstpringt an der Fuchskaute und mündet bei Wissen in die Sieg[Bild: Stephanie Huhn]

Eine älteste Schicht von Siedlungen ist wohl bis zum Ende der Völkerwanderungszeit entstanden. Deutliche Schwerpunkte sind im Neuwieder Becken und an den Randhöhen des Westerwaldes im Westen und das Limburger Becken im Süden, während das Wied- und Nistertal und der Nordwesterwald nahezu völlig frei bleiben. Viele dieser Orte sind vordeutscher Herkunft. Zu dieser Schicht gehören die Namen der Gewässer Rhein, Lahn, Sieg, Nister, Dill und Sayn. An Ortsnamen sind zu nennen: Erpel, Unkel, Linz, Rheinbrohl, Wirges, Ems, Weiher, Beselich, Besselich, die -centum Orte wie etwa Steinefrenz und Wenigenfrenz, die -mar, -lar und -tar Orte, wie Hadamar, Lahr, Ellar und Holler, sowie (mit etlichen Ausnahmen) Ortsnamen auf -aha und -affa. Deutlich als -aha Orte erkennbar sind Westernohe und Seck (Seckaha). Bei vielen Ortsnamen dieser Gruppe bietet meist nur die Endung a oder e einen letzten Rest des alten -aha. Im Limburger Becken und unteren Westerwald sind hier Salz, Meudt, Eisen, Boden, Leyme, Dehrn (?), weiter nach Nordosten Höhn, Unnau, Mörlen, Mauden, Daaden und Derschen zu nennen. Verstreut liegen Krümmel, Deesen und Kaan im vorderen Westerwald, Mehren und Wissen nach Sieg zu. Gewässernamen sind im Südwesten Dies und Aust und wohl auch Nassau, Dausenau und Selters. Im Neuwieder Becken gehören Weis, Engers, Reil, Bieber und Wied dazu. Alte Bachnamen sind auch in den Ortsnamen mit -andra und -andria enthalten: Mallendar und Vallendar. Ähren (Agerin) gehört wohl auch zu dieser Schicht. Anara, der alte Namen des Gelbaches lebt noch in einigen Ortsnamen fort.[Anm. 29] Germanisch sind die Namen der Elb und des Elbbaches, die ebenfalls Teil mancher Ortsnamen sind.

1.4.2.Bis zum 6. Jahrhundert

Im Umkreis von Limburg sind viele -heim-Orte zu finden[Bild: Boris Stroujko]

Eine zweite Schicht umfasst Siedlungen, die bis zum 6. Jahrhundert neu entstanden sind. Dieser Schicht sind sicherlich die Ortsnamen auf - heim zuzuweisen. Die Lage der beiden -heim-Nester um das alte Reichsgut von Limburg-Hadamar[Anm. 30] und Koblenz[Anm. 31] sprechen für die Annahme, dass hier fränkische Siedlungen vorliegen. Auch Bladernheim und Moschheim sind dem Reichsgut um Montabaur zuzurechnen. Fränkische Funde runden das Bild dieser Periode ab. Fränkische Funde liegen aus Arzheim, Horchheim, Ems, Vallendar, Rheinbrohl, Linz, und Unkel vor. Fränkische Siedlungen sind im Anschluss an den spätrömischen Burgus zu Engers, zu Heimbach, Gladbach, Langendorf und Heddesdorf nachgewiesen. Bis zum Ende der zweiten Schicht treten weitere Fundorte hinzu: Rheinbreitbach, Dattenberg, Bruchhausen, Hönningen, Leutesdorf, Gönnersdorf, Wollendorf, Irlich, Nieder- und Oberbieber, Rommersdorf, Weis im Rheintal und im Neuwieder Becken. Dazu an den Randhöhen Rengsdorf, Anhausen, Niederhonnefeld, Niederbreitbach im Wiedtal. Rheinaufwärts liefern Niederwerth, Ehrenbreitstein, Niederberg, Arenberg fränkische Funde. Auch der spätrömische Burgus zu Niederlahnstein wurde in fränkischer Zeit weiterbenutzt. An der Lahn sind Reihengräberfriedhöfe in Nieder- und Oberlahnstein, in Ems und Diez, im Limburger Becken in Niederbrechen, Ahlbach, Dehrn, Steeden, Runkel, Löhnberg un von der Dornburg, Einzelfunde aus fränkischer Zeit aus Nassau, Limburg und Dietkirchen bekannt geworden.

Mit einigem Recht wird man die -dorf-Orte des Neuwieder und Limburger Beckens dieser Schicht zurechnen dürfen. Auch im vorderen Westerwald liegen in den -dorf-Orten Diedorf, Rachdorf, Hundsdorf und Elgendorf frühe und bedeutende Siedlungen vor. Doch ist dieser Typus auch noch in späteren Siedlungsperioden lebendig geblieben.[Anm. 32] Von den -ingen-Orten gehören mindestens Hönningen und Kölbingen in diese Schicht. Auch die Stellenbezeichnungen, vor allem die -bach-Namen sind besonders dort, wo sie vereinzelt auftreten, zum Teil schon in dieser Epoche vorhanden gewesen. Außer Gladbach, Heimbach, Niederbreitbach und Rodenbach gehören im Westen die meisten alten Pfarrdörfer Birnbach, Kroppach, Asbach, Waldbreitbach, Urbach, Raubach, Puderbach, Alsbach, Ransbach, Humbach (Montabaur), und Arzbach. Doch treten -bach-Ortsnamen zu allen Zeiten auf. Deshalb können daraus keine sichern siedlungsgeschichtliche Schlüsse gezogen werden. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Siedlungen der 2. Schicht noch durchweg selbständige Orts-, keine Hofsiedlungen sind. In guter geographischer Verkehrslage vermeiden sie größere Höhenlagen und die breiten Grenzwaldungen.

1.4.3.6. bis 11. Jahrhundert

Haiger. Stich von Matthäus Merian (1593-1650)[Bild: gemeinfrei]

Eine dritte Schichte etwa vom 6. bis zum 11. Jahrhundert brachte einen verstärkten Ausbau des alten Siedlungsraumes. Im Nordosten sind jetzt wohl die -dorf-Orte im Heller-, Daade- und Elbbachtal entstanden, die mit dem Block von -dorf-Orten im Südosten oder Osten des Siegerlandes und der Gruppe im Dillgebiet, die bis Driedorf und Hafsdorf in den Osten des Westerwaldes hineingreift, deutlich eine planmäßige Anlage erkennen lassen. Mittelpunkt dieses Siedlungskomplexes war wohl der Königshof Haiger, über dessen Bereich diese Orte im Westen kaum hinausreichen. Spätestens in den Anfängen dieser Periode sind wohl auch die -ingen-Orte im mittleren und hohen Westerwald, die zunächst fast durchweg als Einzelhöfe und Weiler begegnen, anzusetzen, obwohl wohl keiner der zahlreichen -ingen-Orte vor 1200 erwähnt wird. Etwas jünger sind auch die Mischformen -inghausen,[Anm. 33] -inghofen und -ingerode[Anm. 34]. Die sehr vereinzelten -inghausen-Orte sind hier wohl kaum wie im Siegerland als Spuren einer nach Süden greifenden sächsischen Welle anzusprechen.

Am Rande der alten Siedlungskammern sind seit Beginn dieser Periode die -hausen-Siedlungen entstanden, die sich an den Randhöhen des Neuwieder und Limburger Beckens, im mittleren Westerwald und im Nordosten kranzartig um die alt vermuteten Orte der 1. Schicht legen. Die ältesten Orte dieser Gattung wurden ihrerseits wieder, wie Anhausen und Nentershausen, Mittelpunkte späteren Ausbaus. Auf planmäßige Kolonisation deutet der große Block von -hausen-Orten im Nordwesten des Westerwaldes, der sich weitgehend mit dem Bereich der grundherrlichen Rechte des Bonner Cassiusstiftes deckt und wahrscheinlich von den Konradinern und ezzonischen Pfalzgrafen, den Gaugrafen des Auelgaus, ausgebaut worden sind. [...] Die jüngsten Siedlungen dieser Gruppe dürften die mit christlichem Vornamen gebildeten -hausen-Orte und die einfachen Hausen sein.

Etwa gleichzeitig sind wohl die -hofen-Orte entstanden, die ebenso wie die -felden-Orte, von denen Weitefeld, Scheuerfeld, Flammersfeld und Honnefeld vor 1100 bezeugt sind, in ihrer Vereinzelung eher der Initiative eines örtlichen Grundherrn, als volksmäßige Siedlung ihr Dasein verdanken.

Auch die Siedlungen dieser Schicht beschränken sich fast durchweg noch auf die Besetzung waldfreier Plätze, doch handelt es sich schon jetzt durchweg um Einzelhof und Weilersiedlungen, die zum Teil erst spät sich zu kleinen Dörfern auswuchsen und so dem alten Siedlungsbild anglichen. Die hohe Zahl von Wüstungen gerade aus dieser Ortsnamengruppen, besonders in den altbesiedelten Gebieten, erklärt sich daraus, dass man sich bei diesem Ausbau nicht scheute, auch schlechte Böden in ungünstigen Lagen zu besetzen, die sich besonders anfällig für klimatische Störungen zeigten und auf die Dauer nicht behaupten ließen.

1.4.4.9./10. bis 14. Jahrhundert

Waldrodung um 1700

Eine 4. Schicht, die den Ackerbau in den Wald vortrug, kam, nach Vorläufern im 9. Jahrhundert, vom 10. Jahrhundert an voll zur Entfaltung und dauerte bis zum 14. Jahrhundert fort. In der Nachbarschaft der alten Siedlungskammern setzten schon in karolingischer Zeit die Rodungen ein. Seit dem 9. Jahrhundert sind -rod-Orte bezeugt, die im Waldrand des Westerwaldes einen hohen Anteil an der Gesamtbesiedlung gewannen. Von einer Gruppe älterer -rod-Ortsnamen, die vielfach mit dem gleichen Personennamen wie die -hausen-Orte gebildet sind[Anm. 35], lassen sich jüngere mit später gebräuchlichen deutschen und christlichen Vornamen abtrennen.

Etwas jünger sind die zahlreichen -scheid-Orte. Keineswegs wird man Brencede 959 (Steinfrenz) hierher ziehen dürfen. Hillscheid am Randes des Montabaurer Waldes wurde zwischen 959 und 974/1008 angebaut. In weitem Abstand folgen Maischeid 1148, Breitscheid 1158 und Bannberscheid 1211/14. In dieser Zeit sind wohl die meisten der -scheid-Orte entstanden, die in dichten Schwärmen sich im Nordwesten des Westerwaldes im Bereich des Einzelhofgebietes häufen und über den mittleren Westerwald vereinzelt bis an dessen Osthang ausstrahlen.

Als erste Vertreter der -hain-Orte, die kaum vor Beginn des 11. Jahrhunderts hinaufreichen mögen, begegnen 1062 Hellenhahn und 1139 Adenhain (Ober-, Niederraden). In den spätbesiedelten Strichen haben diese Orte vielfach, wie Weidenhahn, Emmerichenhain, Gebhardshain, Rotenhain, Siershahn und Windhagen, als Mittelpunkte von Grundherrschaften und Pfarreien des Ausbaulandes eine gewisse Bedeutung gewonnen.

Zu den Waldrodungssiedlungen sind auch die zahlreichen Ortsnamen, die mit den endungen -busch, -holz, -hecke, -hardt und -struth[Anm. 36], den Baumnamen Birke, Erle, Eiche, Buche, Hasel, Heister und Linde gebildet sind, zu rechnen.[Anm. 37]

Spät entstanden meist erst im Anschluss an Burgen und feste Herrensitze Orte, die deren Namen mit endungen -stein, -berg, -burg, fels und eck annahmen. Auf Wasserburgen gehen die meisten Ortsnamen auf -au zurück[Anm. 38].

Der 4. Schicht gehören zum Großteil die Ortsnamen der kleinen Gruppen an, die nur vereinzelt auftreten, von den die -kirchen[Anm. 39], -sassen, -gesäße und -stadt-Orte, sowie die ursprünglichen Flurnamen und Stellenbezeichnungen -born, -furt und -werth ihrerseits durchweg älter sein mögen, als die -acker-, -bitze-, -bühl-, -bruch-, und -garten-, die -halde-, -heide-, -morgen-, -reed-, -seifen-, -tal, -wiesen- und -winkel-Orte, sowie die fast ausschließlich auf den Nordteil des Westerwaldes beschränkten -höhe-, -kamp und -schladen Siedlungen, die oberbergische und westfälische Einflüsse erkennen lassen.

Fast alle diese zuletzt genannten Ortsnamen waren ursprünglich Stellenbezeichnungen. Besonders zahlreich unter diesen nach Stellenbezeichnungen benannten Orte finden wir -bach-Orte. Diese späten -bach-Orte, die meiste der 4. Schicht zuzurechnen sind, begegnen vielfach zunächst als Einzel- oder Hofsiedlungen. Häufig werden sie in der urkundlichen Überlieferung oder mundartlich mit dem Artikel bezeichnet und dadurch von den -bach-Orten der 2. Schicht abgehoben.

Nur vereinzelt sind Flurnamen zu Siedlungsnamen geworden, die Bezeichnungen der Bodenart, Geländeform und Bodennutzung bieten. Recht umstritten waren lange Zeit die Windenorte, in denen die ältere Forschung Slawensiedlungen der karolingischen Zeit sehen wollte. Mit weit mehr Recht wird man sie zu "Wind" stellen müssen und sie als windige, den Winden ausgesetzte Orte deuten.

Zur 4. Schicht sind auch die Ortsnamen, die einen Personennamen im Genetiv darstellen, zu rechnen[Anm. 40]. Dabei hat man nur späte Einzelsiedlungen vor sich, die zeitweise auch mit den Grundworten -hahn, -hofen und -scheid verbunden vorkommen, Schon durch ihr Grundwort -haus, -hof und -hube deutet eine ganze Reihe später Ortsnamen auf Einzelsiedlungen. In vollem Licht der urkundlichen Überlieferung kann die Entstehung des Nestes von -höfen-Orten im unteren Westerwald auf Einzelhöfen im 16. Jahrhundert beobachtet werden.

Während man bei den Groß-Orten gegenüber den Klein-Orten die älteren und wichtigeren Siedlungen vor sich hat, ist diese Frage bei den Ober- und Nieder-Orten keineswegs eindeutig klar. [...] Ein eindeutiger siedlungsgeschichtlicher Wert im Westerwald muss diesen Bestimmungswörter abgesprochen werden.

Als letzte Gruppe der Ausbau. und Rodungssiedlungsschicht sind die Siedlungen anzusprechen, für deren Entstehung rein wirtschaftliche Gründe maßgebend waren. Während Wassermühlen schon bald nach der Karolingerzeit aufkamen, begegnen Eisenhütten hier nicht vor dem 15. Jahrhundert. Auch der große Handelsverkehr der Fernstraßen fand seinen Niederschlag in den -straßen und -fahr-Orten, während der kleine Ortsverkehr sich in -brück, -weg und steg-Ortsnamen widerspiegelt.[Anm. 41]

1.4.5.Wüstungen

Die außerordentliche Fülle von Siedlungsnamen der 4. Besiedlungsschicht lässt deutlich erkennen, wie die erste Rodungstätigkeit das heutige Siedlungsbild der alten Wald- und Gebirgslandschaft geprägt hat. Gerade unter den jüngeren Siedlungen finden sich nun auffallend wenig Wüstungen. Man darf wohl annehmen, dass man sich vor der schwierigen Arbeit des Rodens den Siedlungsplatz wählerischer betrachtete, als bei der Anlage der Ausbausiedlungen der 3. Schicht und beim späteren verstärkten Ausbau über größere Erfahrungen verfügte und so manchen Fehler in der Wahl des Siedlungsplatzes vermeiden konnte.

In den meisten Strichen des Westerwaldes war am Ende des 14. Jahrhunderts die größte Dichtigkeit des Siedlungsbildes erreicht. In dieser Zeit setzte nunmehr verstärkt ein Wüstwerden zahlreicher Wohnplätze ein. Dieser Vorgang ergriff vor allem Einzelhöfe und kleinere Siedlungen. Über die Ursachen und den Vorgang der Wüstlegung sind fast durchweg keine Nachrichten erhalten, doch lässt die Lage der Wüstungen deutlich mehrere Gründe erkennt. Altbekannt ist die wüstungsfördernde Rolle der Städte, die auch hier um Montabaur, Herschbach, Hadamar, Westerburg und Driedorf ins Auge fällt. Daneben hat auch grundherrliche Bodenpolitik eine ganze Anzahl von Siedlungen wüstgelegt.[Anm. 42] Der größte Teil der Wüstungen kommt aber auf Kosten der großen Straßen, in deren Nähe sich in unruhigen und fehdereichen Zeiten schutzlose Einzelhöfe und Kleinsiedlungen nicht halten konnten.[Anm. 43] Nicht zu unterschätzen ist wohl auch die Tatsache, dass beim Siedlungsausbau teilweise ungeeignete Böden besetzt worden waren, die auf Dauer keine Siedlung tragen konnten. Vielfach zogen die Bewohner in benachbarte Dörfer und bestellten von dort aus ihre alten Felder.[Anm. 44]

Der Wüstwerdungsprozess hielt im 16. Jahrhundert unvermindert an.[Anm. 45] Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) brachten weiterhin einen starken Bevölkerungsrückgang. Doch blieben nach dem Krieg nur wenige der leeren Dörfer dauernd wüst[Anm. 46], landesherrliche Bodenpolitik hat andererseits einige Dörfer in den Grafschaften Nassau-Hadamar[Anm. 47] und Sayn-Altenkirchen[Anm. 48] ausgekauft und in herrschaftliche Höfe verwandelt. Im Gebiet der Einzelhöfe im Nordwesten und Norden des Gebirges, in dem eine rege Siedlungstätigkeit bis zur Neuzeit lebendig bleib, fehlen Wüstungen fast völlig.[Anm. 49]

Zu Neusiedlungen kam es sonst nur noch vereinzelt. In der Herrschaft Arenfels entstanden im 16. Jahrhundert die Höfe hinter Hönningen. Einer großzügigen Planung am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) verdankt die größte Stadt des Westerwald Neuwied ihr Dasein. Verstärkter Ausbau ließ so auch in der Herrschaft Westerburg Ende des 17. Jahrhunderts einige Höfe entstehen.[Anm. 50] Dagegen brachte der Anfang des 19. Jahrhunderts erneut einen starken Wüstungsschub, als zahlreiche der vordem herrschaftlichen und geistlichen Höfe versteigert, von den Einwohner benachbarter Dörfer angekauft und zerteilt wurden.[Anm. 51] Vielfach hatten schon vorher adlige und geistliche Grundbesitzer längst sich der lästigen Unterhaltspflicht ihrer Hofgebäude dadurch entledigt, dass sie ihre Gebäude verfallen ließen und ihren Grundbesitz einzeln verpachteten. Während bis zur Neuzeit erneut wieder zahlreiche Einzelhöfe entstanden, hat der Wüstungsvorgang im 19. Jahrhundert mit der zwangsweisen Wüstlegung des Dorfes Sespenroth 1853 einen vorläufigen Abschluss gefunden.[Anm. 52]

2.Gestaltende Kräfte im Mittelalter und in der Neuzeit

Die mittelalterliche Burg Sayn[Bild: ]

Die kirchliche und politische Erfassung der einzelnen Gebiete des Westerwaldes wurde zunächst von den drei Erzbistümern Köln, Trier und Mainz vorgetragen. Das Erzstift Köln war von Westen her, dem Lauf der Sieg aufwärts folgend, in den Westerwald bis in die Gegend von Wissen vorgedrungen. Über Altenkirchen hatte es sich, der Köln-Leipziger Straße folgend, tief im Westerwald festgesetzt. Das Erzstift Trier hatte von der Lahn aus (Limburg, Dietkirchen) einem schmalen Korridor zur Sieg bei Kirchen/Betzdorf geschaffen. Das Mainzer Erzstift hatte sich von Norden kommend (Amöneburg) punktuell im Siegerland festgesetzt.[Anm. 53]

Aufbauend auf der alten Gauverfassung und begünstigt durch die Verfügungsgewalt über Westerwälder Reichsgut, gestützt auf alten Familienbesitz in den Altsiedellandschaften an Rhein und Lahn, gelang es einigen Familien, Grund- und Gebietsherrschaften aufzubauen. Bei den weltlichen Herren waren es die Grafen von Sayn, die Grafen von Diez, die Grafen von Laurenburg, die sich später Grafen von Nassau nannten und die Grafen von Wied, die sich auf aus Reichsgut stammende Grundherrschaften und weitere gerichtsherrliche Rechte stützen konnten, um ihren territorialen Ambitionen nachzugehen. Von Bedeutung für den Westerwald waren auch im Osten die Landgrafen von Hessen, die sich gegen das Erzstift Mainz durchsetzten, die Grafen von Solms und das Herzogtum Berg. Als kleinere, aber ebenso wichtige Territorial- und Grundherren taten sich im Westerwald die Herren von Runkel und Westerburg, die Herren von Isenburg, die Herren von Nister und die von Holzappel hervor.

3.Der Westerwald und Napoleon

3.1.Die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen

Kaiser Napoleon beeinflusste zwischen 1792 und 1814 die das Geschehen am Rhein[Bild: ]

Im Ersten Koalitionskrieg (1792-1797) versuchten Preußen, Österreich und andere deutsche Staaten, die Monarchie gegen das revolutionäre Frankreich zu verteidigen. Am 24. Oktober 1794 wurde Koblenz von französischen Truppen besetzt.[Anm. 54] Kurfürst Clemens Wenzeslaus (1768-1801) hatte Koblenz schon am 5. Oktober 1794 verlassen.

Der Erste Koalitionskrieg endete mit einem Sieg der Franzosen (Frieden von Campo Formio). Frankreich annektierte das linke Rheinufer. Während das Fürstentum Nassau-Diez seine Besitzungen in Belgien und in den Niederlanden verlor, mussten die beiden anderen nassauischen Fürstentümer Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg ihre linksrheinischen Ländereien Frankreich überlassen.

Die Herrschaften, die Verluste auf der linken Rheinseite hinnehmen mussten, sollten auf der rechten Rheinseite mit Gebieten der kirchlichen Territorien entschädigt werden. Diesbezügliche Verhandlungen u.a. auf dem Rastatter Kongress (1797-1799) mussten nach dem Ausbruch des Zweiten Koalitionskrieges (1798/99-1801/02) abgebrochen werden. Diesmal wendete sich eine Koalition aus Russland, Österreich und Großbritannien gegen die Franzosen. Wieder behielten die Franzosen die Oberhand (Frieden von Lunéville 1801 mit Österreich und dem Heiligen Römischen Reich, Frieden von Amiens 1802 mit England). Die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen wurde festgeschrieben.

3.2.Der Frieden von Luneville 1801

Der Frieden von Lunéville (1801) regelte die rechtliche Eingliederung der seit 1794 besetzten linksrheinischen Gebiete in das französische Staatsgebiet. Um die ehemaligen Gegner der französischen Sache gewogen zu machen, wurde den Fürstentümern des Heiligen Römischen Reiches versprochen, sie für ihre Gebietsverluste zu entschädigen. Dazu sollten u.a. die geistlichen Fürstentümer säkularisiert und ihre Besitzungen aufgeteilt werden.

Im September und Oktober 1802 besetzten die Fürsten von Nassau- Usingen und Nassau-Weilburg die ihnen zufallenden kurkölnischen und kurmainzischen Gebiete. Im November und Dezember folgte auch die zivile Inbesitznahme. Verwaltungsbeamte wurden eingesetzt, die Beamtenschaft neu vereidigt, die Einwohner auf die neuen Herren eingeschworen. Zwischen Dezember 1802 und September 1803 wurden die wohlhabenden Klöster und Stifte in den neuen Landschaften aufgelöst.[Anm. 55]. Von Oktober 1803 bis Februar 1804 folgte die militärische Besetzung und die Mediatisierung zahlreicher reichsritterschaftlicher und reichsunmittelbarer Territorien.

3.3.Reichsdeputationshauptschluss 1803

Mit dem grundlegenden Beschluss der 1801/1802 eingesetzten Reichsdeputation (Reichsdeputationshauptschluss) wurde im Jahr 1803 die Entschädigung der weltlichen Fürsten auf der rechten Rheinseite festgeschrieben. Die Kurfürstentümer Mainz und Trier wurden aufgelöst. Nassau-Usingen erhielt, was den Westerwald betraf, vor allem von Preussen Lahnstein und die Gebiete der ehemaligen Grafschaften Sayn-Altenkirchen und Sayn-Hachenburg und mehrere kurmainzische Klöster, Nassau-Weilburg zahlreiche ehemals kurtrierische Besitzungen, darunter Ehrenbreitstein, Vallendar, Sayn, Montabaur und Limburg.

4.Das Fürstentum Nassau (1806-1866)

Burg Nassau ist die Stammburg der weitverzweigten Familie Nassau[Bild: Fritz Geller-Grimm]

Auf Initiative Kaiser Napoleons wurde 1806 der Rheinbund geschlossen, eine Konföderation deutscher Staaten, die mit dem Beitritt zum Bund aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation austraten. Der Rheinbund, mehr eine Militärallianz zwischen den Mitgliedsstaaten, hatte für den Westerwald direkt keine große Bedeutung. Jedoch traten am 17. Juli 1806 die beiden Fürstentümer Nassau-Usingen und Nassau Weilburg nicht nur dem Rheinbund bei, sondern die beiden Fürsten Friedrich August von Nassau-Usingen und Friedrich Wilhelm von Nassau Weilburg entschlossen sich auch, ihre beiden Fürstentümer zu einem Herzogtum zu vereinigen.

Diese Vereinigung wurde am 30. August 1806 vollzogen. Die Entscheidung wurde wohl auch dadurch begünstigt, dass Friedrich August keine männlichen Nachkommen hatte und der wesentlich jüngere Friedrich Wilhelm ohnehin sein Erbe geworden wäre. Die Regierungssitze der beiden Fürstentümer in Wiesbaden und Weilburg wurden vorerst beibehalten. Eine dritte Regierung bestand in Ehrenbreitstein für die Gebiete der Grafschaften Sayn-Hachenburg und Sayn-Altenkirchen. Bis 1816 wurden dann Wiesbaden Sitz der Landesregierung. Aus mehr als 20 vorher selbstständigen Landesteilen und Territorien, säkularisierten und ehemals dem Reich unterstellten Gebieten mit unterschiedlichen Bekenntnissen und Interessen wurde das neue Land geformt.

Eine 1812 drohende Zerschlagung des Herzogtums nach der Niederlage Napoleons konnte abgewendet werden. 1815 kam es sogar noch einmal zu einem Gebietszuwachs. Als die nassau-oranische Linie am 31. Mai 1815 die niederländische Königskrone erhielt, musste sie ihre Stammlande an Preußen abtreten, das am Folgetag einen Teil davon an das Herzogtum Nassau weitergab.

Im Herzogtum Nassau vollzogen sich einige Reformen, die auch für den Westerwald Bedeutung hatten. Dazu zählten etwas die Aufhebung der Leibeigenschaft (1806), die Einführung von Reise- und Niederlassungsfreiheit (1810), eine grundlegende Steuerreform (1812), die Aufhebung von entehrenden Körperstrafen und Reformen im landwirtschaftlichen Bereich.

Am 1. August 1809 wurde das Herzogtum in die drei Regierungsbezirke Wiesbaden, Weilburg und Ehrenbreitstein aufgeteilt. Die Zahl der Ämter wurde von 62 im Jahr 1806 auf 48 im Jahr 1812 verringert. Am 2. September 1814 wurde eine Nassauische Verfassung erlassen. Die Verfassung garantierte die Freiheit des Eigentums, religiöse Toleranz und die Freiheit der Presse. Letztere wurde allerdings bald wieder eingeschränkt.

Mit dem Schuledikt vom 24. März 1817 wurde die Simultanschule für die verschiedenen christlichen Glaubensbekenntnisse eingeführt. Im Jahr 1818 erließ man ein Medizinaledikt, das eine einheitliche Versorgung mit hochwertigen Medikamenten sicherstellen sollte. Deshalb sollten in jedem der 28 Ämter Amtsapotheken eingerichtet werden.

Die Ereignisse im Zuge des Hambacher Festes 1832 und der Revolution des Jahres 1848/49 führten auch im Westerwald dazu, dass politische Vereine, Turngemeinschaften und Lesegesellschaften gegründet wurden. Zu erbitterten parlamentarischen Auseinandersetzungen kam es noch einmal 1864, als die nassauische Regierung in Wiesbaden beabsichtigte, die Abtei Marienstatt bei Hachenburg zu verkaufen.

Die Vereinigung der beiden Fürstentümer im Jahr 1806 sowie die Übernahme der säkularisierten und mediatisierten Gebiete brachten eine recht heterogene Kirchenaufteilung hervor. Im Jahr 1820 waren 53 Prozent der Bevölkerung evangelisch-uniert, 45 Prozent katholisch, 1,7 Prozent jüdisch und einige wenige Bewohner mennonitisch. Die Kirche stand unter staatliche Verwaltung. Die evangelisch-lutherische und die evangelisch-reformierte Kirchen schlossen sich 1817 in Idstein zur unierten Evangelischen Landeskirche in Nassau zusammen (Nassauische Union). Die Versuche, ein katholisches Landesbistum für Nassau zu schaffen, zeigten erst 1821 Erfolg, als sich das Herzogtum und Rom im Jahr 1827 auf die Gründung des Bistums Limburg verständigten. Das Bistum Limburg wurde 1827 als Suffraganbistum der Oberrheinischen Kirchenprovinz mit Metropolitansitz in Freiburg im Breisgau zugeordnet und 1929 der Kirchenprovinz Köln zugeteilt. Die 1845 in Dernbach im Westerwald gegründete Gemeinschaft der »Arme Dienstmägde Jesu Christi« erhielt nach anfänglichen Schwierigkeiten aufgrund ihrer allgemein anerkannten Verdienste in der Krankenpflege die Duldung des Staates. Auf Initiative der »Armen Dienstmägde« entstanden vielerorts »Krankenhäuser« - so etwa in Hachenburg - oder ambulante Pflegestationen, die Vorläufer der heutigen Sozialstationen und im Falle Hachenburgs des dortigen Krankenhauses wurde.

Während des 19. Jahrhunderts verließen aufgrund von Armut und Hunger auch etliche Westerwälder Familien die Heimat [Auswanderung aus Regionen des heutigen Rheinland-Pfalz und Archivseite], um in Amerika oder anderen Ländern ein neues Leben zu beginnen.

5.Die Provinz Hessen-Nassau (1868-1944)

In Königgrätz standen sich etwa 180.000 Österreicher und 200.000 Preußen gegenüber. Mit dem Sieg der preußischen Armee öffnete sich der Weg zur Reichsgründung unter preußischer Führung.

Im »Deutschen Krieg« zwischen dem Deutschen Bund unter Führung Österreichs einerseits und Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits, stand das Herzogtum Nassau an der Seite Österreichs. Der nach der Entscheidungsschlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 verlorene Krieg hatte am 1. Oktober 1866 die Annexion des Herzogtums Nassau durch Preußen zur Folge. Seit diesem Tag galt die preußische Verfassung auch im ehemaligen Herzogtum Nassau.

Die neuen preußischen Gebiete wurden zunächst in den Regierungsbezirken Regierungsbezirk Kassel (für die kurhessischen) und Regierungsbezirk Wiesbaden (für die ehemals nassauischen Gebiete) unter einem vorläufigen preußischen Oberpräsidium in Kassel vereinigt. Am 7. Dezember 1868 entstand aus den annektierten Ländern Kurhessen und Nassau, dem ehemaligen Hessen-Homburg sowie den Kreisen Biedenkopf und Vöhl des Großherzogtums Hessen, der freien Stadt Frankfurt und den bayrischen Bezirken Gersfeld und Orb die preußische Provinz Hessen-Nassau. Sie umfasste den nördlichen und mittleren Teil des heutigen Landes Hessen sowie Teile der heutigen Länder Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Thüringen. Das Gebiet gliederte sich - wie in Preußen üblich - in Kreise. Zu diesen Kreisen gehörten auch der Oberwesterwaldkreis (Sitz Marienberg) und der Unterwesterwaldkreis (Sitz Montabaur). Die Provinz Hessen-Nassau bestand bis zum Jahr 1944.

6.Der Westerwald zwischen 1914 und 1930

Wie weite Teile des Kaiserreiches auch, war der Westerwald von direkten Kriegshandlungen während des 1. Weltkrieges (1914-1918) kaum betroffen. Doch die Begleiterscheinungen eines Krieges, psychische Belastung, Krankheit, Versorgungsschwierigkeiten und wirtschaftliche Verwerfungen, haben auch die Bewohner und die Gemeinden des Westerwaldes, in unterschiedlicher Intensität, kennengelernt. Der 1. Weltkrieg erforderte viele Menschenleben, er hinterließ eine unabsehbare Zahl von Kriegsversehrten. Die heute noch vielerorts anzutreffenden »Kriegerdenkmäler« bezeugen, wie unmittelbar zahlreiche Westerwälder Familien von Kriegsverlusten betroffen gewesen sind.

Am 13. Dezember 1918 marschierten amerikanische Truppen im Westerwald ein. Im sog. »Brückenkopf Koblenz« waren bis zu 60.000 Mann in über 150 Orten des Westerwaldes als Besatzungsmacht stationiert. Nach dem Versailler Vertrag besetzten französische Truppen weite Teile des Westerwaldes. Lediglich die östlichen Teile des Westerwaldes waren davon nicht betroffen.

Auf der Internetseite Erster Weltkrieg und Besatzung 1918-1930 in Rheinland Pfalz sind viele Einzelheiten zur Geschichte der Amerikaner in Rheinland-Pfalz gesammelt worden. Auch die Ereignisse in einzelnen Städten und Dörfern im Westerwald, etwa die in Montabaur werden beschrieben. Es finden sich auch Hinweise zu Erinnerungsorten und weiterführender Literatur.

7.Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg

Reichstagswahlen und die Folgen
Bei den Wahlen zum Reichstag am 5. März 1933 stimmten im Unterwesterwald 30,1 % für die NSDAP und 48,9 % für das Zentrum, während im Oberwesterwald 46,4 % für die NSDAP und 33,7 % für das Zentrum votierten.[Anm. 56]. Acht Monate später war die Stimmverteilung dann deutlich. Am 12. November1933 stimmten im Oberwesterwaldkreis 97% und im Unterwesterwaldkreis 93% der Westerwälder für die nationale Regierung mit Reichskanzler Hitler und Vizekanzler Franz von Papen.[Anm. 57].

Rasch organisierten sich im Westerwald NSDAP-Gruppierungen. Bereits im Jahr 1929 war eine solche in Mündersbach entstanden, bis 1930 wurden Ortsgruppen in Wahlrod, Hachenburg, Kroppach und Marienberg gegründet. Es folgten weitere in Westerburg, Kaden und Gemünden. Im Unterwesterwald entstanden Ortsgruppen in Hilgert, Montabaur, Nentershausen, Hundsangen, Maxsain, Mogendorf, Höhr und Selters. Mit den Parteibüros formierten sich vielerorts auch Sturmabteilungen (SA), Schutzstaffeln (SS), Hitlerjugend (HJ) und Bund deutscher Mädel (BDM).

Die römisch-katholische Amtskirche des Westerwaldes stand den »Nationalsozialisten« eher wohlwollend gegenüber. Mit dem sog. »Reichskonkordats« vom Juli 1933 hatten der Vatikan und das Deutsche Reich unter Hitler einen Freundschaftsvertrag geschlossen, der die wechselseitigen Rechte und Pflichten regelte. Man wollte »mitbauen [...] am Reich einer wahren und umfassenden Volksgemeinschaft«[Anm. 58] Auch die evangelische Kirche stellte sich vielfach hinter Adolf Hitler. Am 20. April 1933 verkündete der evangelische Kreisleiter Karl Scheyer in Marienberg: »An seinem Geburtstag jubelt das deutsche Volk als dem von Gott gesandten und begnadeten Führer des neuen Deutschland zu und wir geloben an dieser Stelle unverbrüchliche Treue.«[Anm. 59]

Juden und Fremdarbeiter
Das Vorgehen des Hitler-Regimes schlug sich auch im Westerwald nieder. Jüdische Kinder wurden aus den Schulen gedrängt, Westerwälder jüdischen Glaubens aus den Ämtern und Beschäftigungsverhältnissen entfernt, es gab Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte. Menschen wurden aus ihren Häusern »geholt«, an die Sammelstellen verbracht und von dort in die Vernichtungslager deportiert. In Hadamar gab es eine Tötungsanstalt, in der Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen ermordet wurden.
Die Westerwälder Synagogen und Beträume, die sich 1933 noch im Gebiet des Westerwaldes befanden, wurden im Jahr 1938 fast alle zerstört, zumindest aber angegriffen, verwüstet und(oder) ihrer Funktion beraubt. Dazu gehörten die Gotteshäuser in Altenkirchen, Betzdorf, Dierdorf, Ellar, Freilingen, Gemünden, Grenzhausen, Hachenburg, Hadamar, Haiger, Hamm (Sieg), Herborn, Maxsain, Meudt, Mogendorf, Montabaur, Puderbach, Schupach, Selters, Urbach, Waldbreitbach und Westerburg.
Natürlich gab es auch Westerwälder, die sich an solchen Aktionen nicht beteiligten. »Die Tatsache, dass im August 1938 noch "deutsche" Frauen in Montabaur im "Judengeschäft" kauften, dass im September 1938 ein "deutscher" Uhrmacher in Hachenburg einem "Juden" Geld zur Auswanderung lieh und im November 1938 ein "Äppelbauer" in Hachenburg Äpfel an eine "Jüdin" verkaufte, belegt, dass es spätestens bis zu diesem Zeitpunkt Personen im Westerwald gab, die vom Antisemitismus abwichen. Das Publikmachen in der Lokalzeitung unter Namensnennung, Diffamierung und Bedrohung bezeugt auch, dass es seit dieser Zeit sehr gefährlich wurde, Juden offensichtlich zu unterstützen«.[Anm. 60]

Auch im Westerwald gab es Städte und Gemeinden sowie kirchliche Einrichtungen, den denen fremde Arbeiter und Arbeiterinnen zwangsweise arbeiten mussten [Zwangsarbeit in Rheinland-Pfalz]. Die ersten kamen mit Beginn des Krieges 1939. Die Zwangsarbeiter lebten in den Anwesen, in den sie arbeiteten oder wurden in Lagern (beispielsweise in Montabaur und Siershahn) unterbracht.Literatur[Anm. 61]

Der Krieg im Westerwald
Den Kriegsschauplatz Westerwald selbst hat Oliver Greifendorf minutiös erforscht, zum einen in seinem Buch »Kriegschauplatz Westerwald« und zum anderen auf einer Webseite, die sich besonders mit dem Raum Westerwald beschäftigt.

Seit Sommer 1937 - so führt Oliver Greifendorf aus - waren vor allem im Raum Montabaur und Altenkirchen Kriegsvorbereitungen unübersehbar. Als der Krieg dann am 1. September 1939 ausbrach, wurden an zahlreichen Orten Soldaten und Material zusammengezogen. Radar- bzw. Funkmessstationen wurden in Zuge der Luftverteidigung eingerichtet. Die alliierten Bomberangriffe mehrten sich zusehends. Zwischen 1940 und Ende 1943 wurden beispielsweise Härtlingen, Hellenhahn-Schellenberg, Niederahr, Niedersayn, Ewighausen, Irmtraut, Mündersbach, Girkenroth, Höhn, Niederroßbach, Stein-Wingert, Berod, Hüblingen, Heimborn, Irmtraut, Hachenburg, Alpenrod, Arnshöfen, Kuhnhöfen und Weidenhahn angegriffen. In den Jahren 1944 und 1945 sind in vielen Teilen des Westerwaldes Bomben niedergegangen. Es mehrten sich auch Luftkämpfe über dem Westerwald und Abstürze von Flugzeugen. Flughäfen gab es etwa in Ailertchen, Lippe bei Emmerzhausen, Breitscheid westlich Herborn und Eudenbach bei Asbach.

Seit Anfang Ende 1944 zogen sich deutsche Truppen aus Frankreich zurück, überquerten den Rhein und strömten auch in den Westerwald.

Von Stellungen im Westerwald aus wurden gegen Ende des Krieges sog. Vergeltungswaffen (V1, V2, V3) in Richtung England und in die Niederlande verschossen. Abschussrampen hat es in Roßbach, Kirburg, Helferskirchen, Hillscheid und Gehlert gegeben.[Anm. 62]

Die Amerikaner überschritten am 7. März 1945 bei Remagen den Rhein und stießen in den Westerwald vor. Nach und nach wurden von Westen aus die einzelnen Landschaften des Westerwaldes von amerikanischen Soldaten eingenommen. Am 26. März erreichten sie Montabaur. Schließlich war das gesamte Gebiet von amerikanischen Truppen besetzt.[Anm. 63]

8.Der Westerwald nach 1945

Das Wappen von Rheinland-Pfalz zeigt das Trier Kreuz, das Mainzer Rad und den Pfälzer Löwen[Bild: gemeinfrei]

Der von den Amerikanern neu eingerichtete Regierungsbezirk Wiesbaden deckte sich mit dem Gebiet der ehmaligen Provinz Hessen-Nassau. Als Regierungspräsident wurde Hans Bredow ernannt.

Am 10. Juli 1945 ging die Besatzungshoheit von den US-Amerikanern auf die Franzosen über. Der Regierungsbezirk Wiesbaden  wurde durch die nun dauerhaft festgelegte Zonengrenze zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich geteilt. Dadurch wurden die westlichen Landkreise Oberwesterwald, St. Goarshausen, Unterlahn und Unterwesterwald vom Regierungsbezirk Wiesbaden abgetrennt. Der zur amerikanischen Besatzungszone gehörende Teil des Regierungsbezirks wurde am 19. September 1945 zusammen mit dem ehemals preußischen Kurhessen und den hessischen Provinzen Oberhessen und Starkenburg zum neuen Land Groß-Hessen (heute Hessen) zusammengefügt. Die in der französischen Besatzungszone liegenden Landkreise Oberwesterwald, St. Goarshausen, Unterlahn und Unterwesterwald wurden mit der südlichen Rheinprovinz, (Regierungsbezirke Koblenz und Trier), der bayerischen Rheinpfalz und der bisher hessischen Provinz Rheinhessen zum neuen Land Rheinland-Pfalz geformt.
Das Land Rheinland-Pfalz wurde offiziell am 30. August 1946 gebildet, der heutige Namen Rheinland-Pfalz wurde erst mit der Verfassung vom 18. Mai 1947 festgelegt.

Kreise in Rheinland Pfalz

Heute ist der Westerwald auf drei Bundesländer aufgeteilt: Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Kern-Landkreise sind Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis. Teile des Rhein-Lahn-Kreises, des Landkreises Mayen-Koblenz, des Landkreises Neuwied und des Rhein-Sieg-Kreises (Nordrhein-Westfalen) liegen geographisch gesehen ebenfalls noch im Westerwald.


9.Alte und neue Verwaltungseinheiten des Westerwaldes

9.1.Regierungsbezirk Koblenz

Im Jahr 1816 teilte das Königreich Preußen nach dem Wiener Kongress seine Provinzen in Regierungsbezirke auf. So entstand auch der Regierungsbezirk Koblenz, der von 1816 bis 1999 bestanhd. Sitz der Behörde war die Stadt Koblenz (Coblenz). Im Westerwald umfasste der Regierungsbezirk Koblenz die Landkreise Altenkirchen und später den Westerwaldkreis.

Nach dem 2. Weltkrieg (1939-1945) wurde der Regierungsbezirk Koblenz im Jahr 1946 Bestandteil des Landes Rheinland-Pfalz. Hier war er einer von zunächst fünf Regierungsbezirken, darunter der Regierungsbezirk Montabaur, der aus einem Teil der vorherigen preußischen Provinz Hessen-Nassau neu gebildet wurde. Der Regierungsbezirk Montabaur wurde 1968 aufgelöst, sein Gebiet dem Regierungsbezirk Koblenz zugeordnet. Die Bezirksregierung in Koblenz war somit auch für die Westerwälder Landkreise Oberwesterwald (Sitz Westerburg) und Unterwesterwaldkreis (Sitz Montabaur) zuständig.

9.2.Landkreis Altenkirchen

Nach der Auflösung der geistlichen Kurstaaten und im Gefolge des Wiener Kongresses wurde das Land im Jahr 1815 an das Königreich Preußen übergeben. Preußen gliederte seine Provinzen in Regierungsbezirke und Kreise. So entstand 1816 auch der Kreis Altenkirchen im Regierungsbezirk Koblenz.
Der Kreis gliederte sich in die Bürgermeistereien Altenkirchen, Daaden, Flammersfeld, Friesenhagen, Gebhardshain, Hamm, Kirchen, Weyerbusch und Wissen. Die früheren Herrschaften Wildenburg und Schönstein wurden 1821 zu Standesherrschaften erhoben, aber bereits 1839 wieder dem Landrat von Altenkirchen unterstellt. Die Bürgermeistereien wurden 1927 in Ämter umbenannt und bestanden bis 1968. Die Bezeichnung »Kreis Altenkirchen« wurde 1938 in »Landkreis Altenkirchen« geändert.
Das Kreisgebiet wurde nach dem 2. Weltkrieg von Amerikanern besetzt. Seit 1946 gehört der Landkreis Altenkirchen zu Rheinland-Pfalz. Am 7. November 1970 wurde die Gemeinde Berod bei Hachenburg aus dem Oberwesterwaldkreis in den Landkreis integriert. Am selben Tag wurde der Ortsteil Heckenhahn der Gemeinde Rott in den Landkreis Neuwied überführt.

9.3.Kreis Westerburg

Der Kreis Westerburg war von 1886 bis 1932 ein Landkreis in der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Der Kreissitz war in Westerburg. Das Gebiet des Kreises Westerburg gehörte ursprünglich zum Herzogtum Nassau. Nach dem verlorenen Krieg von 1866 entstand die preußische Provinz Hessen-Nassau. Das Gebiet gehörte zum Regierungsbezirk Wiesbaden. 1886 wurde aus den ehemaligen Ämtern Rennerod und Wallmerod der Kreis Westerburg gebildet.

Bei der preußischen Gebietsreform vom 1. Oktober 1932 wurden die drei bestehenden Westerwaldkreise (Oberwesterwaldkreis, Unterwesterwaldkreis, Landkreis Westerburg) zu zwei Kreisen zusammengefasst. Der Landkreis Westerburg wurde aufgelöst. Die Gemeinden Girod, Goldhausen, Görgeshausen, Großholbach, Heilberscheid, Hundsangen, Kleinholbach, Nentershausen, Niedererbach, Nomborn, Obererbach, Oberhausen, Pütschbach, Ruppach, Steinefrenz und Weroth wurden dem Unterwesterwaldkreis zugeschlagen. Das restliche Kreisgebiet wurde mit dem Oberwesterwaldkreis zu einem neuen Kreis zusammengeschlossen, der zunächst Landkreis Westerburg und seit 1933 Oberwesterwaldkreis hieß.

Der Landkreis Westerburg umfasste zur Zeit seines Bestehens die Ortschaften: Arnshöfen, Berod, Berzhahn, Bilkheim, Brandscheid, Dahlen, Düringen, Ehringhausen, Eisen, Elbingen, Elsoff, Emmerichenhain, Ettinghausen, Ewighausen, Gemünden, Gershasen, Girkenroth, Girod, Goldhausen, Görgeshausen, Großholbach, Guckheim, Hahn am See, Halbs, Härtlingen, Heilberscheid, Hellenhahn-Schellenberg, Hergenroth, Herschbach, Homberg, Hüblingen, Hundsangen, Irmtraut, Kaden, Kleinholbach, Kölbingen, Kuhnhöfen, Mähren, Meudt, Mittelhofen, Molsberg, Nentershausen, Neunkirchen, Neustadt/Westerwald, Niederahr, Niedererbach, Niederroßbach, Niedersayn, Nister-Möhrendorf, Nomborn, Oberahr, Obererbach, Oberhausen, Oberrod, Oberroßbach, Obersayn, Pottum, Pütschbach, Rehe, Rennerod, Rothenbach, Ruppach, Sainerholz, Sainscheid, Salz, Salzburg, Seck, Stahlhofen am Wiesensee, Steinefrenz, Waigandshain, Waldmühlen, Wallmerod, Weidenhahn, Weltersburg, Wengenroth, Weroth, Westerburg (Stadt), Westernohe, Willmenrod, Winnen, Zehnhausen bei Rennerod sowie Zehnhausen bei Wallmerod.

9.4.Oberwesterwaldkreis

Der Oberwesterwaldkreis entstand 1867 nach der militärischen Niederlage des Herzogtums Nassau im »Deutschen Krieg« und der darauffolgenden Annexion des Herzogtums durch das Königreich Preußen.

Die preußische Provinz Hessen-Nassau wurde in die Regierungsbezirke, diese in Landkreise unterteilt. Einer dieser Kreise im Regierungsbezirk Wiesbaden war der Oberwesterwaldkreis. Er hatte seinen Sitz in (Bad) Marienberg. Im Zuge einer Verwaltungsreform am 31. März 1886 schied das ehemalige nassauische Amt Rennerod aus dem Oberwesterwaldkreis aus und wurde Teil des neu geschaffenen Kreises Westerburg.

Bei der preußischen Gebietsreform vom 1. Oktober 1932 wurden die drei bestehenden Westerwaldkreise zu zwei Kreisen zusammengefasst. Der Nordteil des aufgelösten Kreises Westerburg wurde mit dem Oberwesterwaldkreis zu einem neuen Kreis zusammengeschlossen, der zunächst Landkreis Westerburg und seit 1933 Oberwesterwaldkreis hieß. Westerburg wurde Kreisstadt.

Zum 1. Juli 1944 wurde die Provinz Hessen-Nassau in die neuen Provinzen Kurhessen und Nassau geteilt. Der Oberwesterwaldkreis wurde in die Provinz Nassau eingegliedert. Nach dem Krieg ist der westliche Teil des Regierungsbezirkes Wiesbaden Teil der französischen Besatzungszone geworden. Dies betraf den Oberwesterwaldkreis, den Unterwesterwaldkreis und den Landkreis St. Goar. Die französische Besatzungsmacht vereinigte den nördlichen Teil ihres Gebietes, darunter auch die drei genannten Kreise zum Land Rheinland-Pfalz. Demnach gehörte der Oberwesterwaldkreis zu Rheinland-Pfalz. Der zuständige Regierungsbezirk war Montabaur, seit 1968 dann der Regierungsbezirk Koblenz. Mit der beginnenden Gebietsreform 1969 wurden etliche Gemeinden anderen Landkreisen zugeordnet. Insgesamt verringerte sich die Zahl der Gemeinden bis 1974 von ursprünglich 151 auf 115 Gemeinden. Der Oberwesterwaldkreis wurde am 16. März 1974 mit dem Unterwesterwaldkreis zum Landkreis Westerwald zusammengelegt. Dieser wurde am 1. August 1974 in Westerwaldkreis umbenannt.

Der Landkreis Westerwald umfasste zuletzt die Ortschaften: Ailertchen, Alpenrod, Arnshöfen, Astert, Atzelgift, Bad Marienberg (Stadt), Bellingen, Berod bei Wallmerod, Berzhahn, Bilkheim, Bölsberg, Borod, Brandscheid, Bretthausen, Dreifelden, Dreisbach, Elbingen-Mähren, Elsoff, Enspel, Ettinghausen, Ewighausen, Fehl-Ritzhausen, Gehlert, Gemünden, Giesenhausen, Girkenroth, Großseifen, Guckheim, Hachenburg (Stadt), Härtlingen, Hahn bei Marienberg, Hahn bei Wallmerod, Halbs, Hardt, Hattert, Heimborn, Hellenhahn-Schellenberg, Hergenroth, Herschbach (Oberwesterwald); Heuzert, Höchstenbach, Höhn, Hof, Homberg, Hüblingen, Irmtraut, Kaden, Kirburg, Kölbingen, Kroppach, Kuhnhöfen, Kundert, Langenbach bei Kirburg, Langenhahn, Lautzenbrücken, Liebenscheid, Limbach, Linden, Lochum, Luckenbach, Marzhausen, Merkelbach, Meudt. Mörlen, Mörsbach, Molsberg, Mudenbach, Mündersbach, Müschenbach, Neunkhausen, Neunkirche, Neustadt (Westerwald), Niederahr, Niederroßbach, Nister, Nister-Möhrendorf, Nisterau, Nistertal, Norken, Oberahr, Oberrod, Oberroßbach, Pottum, Rehe, Rennerod, Roßbach, Rotenhain, Rothenbach, Salz, Salzburg, Seck, Stahlhofen, Steinebach an der Wied, Stein-Neukirch, Stein-Wingert, Stockhausen-Illfurth, Stockum-Püschen, Streithausen, Unnau, Wahlrod, Waigandshain, Waldmühlen, Wallmerod, Weidenhahn, Welkenbach, Weltersburg, Westerburg (Stadt), Westernohe, Wied, Willingen, Willmenrod, Winkelbach, Winnen, Zehnhuasen (bei Rennerod) sowie Zehnhausen (bei Wallmerod).

9.5.Unterwesterwaldkreis

Der Unterwesterwaldkreis entstand durch die preußische Verordnung vom 22. Februar 1867 nach der Annexion des Herzogtums Nassau durch Preußen. Er setzte sich aus dem nassauischen Montabaur und dem größten Teil des nassauischen Amtes Selters zusammen. Die Provinz Hessen-Nassau wurde in die Regierungsbezirke (für Kurhessen) und Wiesbaden (für das ehemalige Herzogtum Nassau) aufgeteilt. Die Regierungsbezirke wurden in Landkreise unterteilt.

Im Jahr 1886 schied das ehemalige nassauische Amt Wallmerod aus dem Unterwesterwaldkreis aus und wurde Teil des neuen Kreises Westerburg. Am 1. Oktober 1932 wurde im Rahmen einer preußischen Gebietsreform der Kreis Westerburg aufgelöst. Seine südlichen Gemeinden kehrten in den Unterwesterwaldkreis zurück.

Zum 1. Juli 1944 wurde die Provinz Hessen-Nassau in die neuen Provinzen Kurhessen und Nassau geteilt. Der Unterwesterwaldkreis wurde in die Provinz Nassau eingegliedert. Nach dem 2. Weltkrieg fiel der westliche Teil des Regierungsbezirks Wiesbaden an die französische Besatzungsmacht. Dies betraf den Unterwesterwaldkreis, den Oberwesterwaldkreis und den Landkreis St. Goar. Die französische Besatzungsmacht vereinigte den nördlichen Teil ihres Gebiets, darunter auch die genannten frei nassauischen Landkreise zum Land Rheinland-Pfalz. Der zuständige Regierungsbezirk war zunächst Montabaur, seit 1968 der Regierungsbezirk Koblenz.

Am 7. November 1970 wechselte die Gemeinde Marienhausen in den Landkreis Neuwied. Gleichzeitig wechselte die Gemeinde Düringen aus dem Oberwesterwaldkreis in den Unterwesterwaldkreis und wurde nach Wölferlingen eingemeindet. Am 29. Januar 1971 wechselten auch die Gemeinden Niedersayn und Sainerholz aus dem Oberwesterwaldkreis in den Unterwesterwaldkreis. Insgesamt verringerte sich die durch die 1969 beginnenden Gebietsreformen die Zahl der Gemeinden des Kreises bis 1974 von 90 auf 78.

Der Unterwesterwaldkreis wurde am 16. März 1974 aufgelöst. Abgesehen von Arzbach und Stromberg bildeten die übrigen Gemeinden zusammen mit dem ebenfalls aufgelösten Oberwesterwaldkreis den neuen Landkreis Westerwald, der wenig später (1.8.1974) in Westerwaldkreis umbenannt wurde.

Folgende Gemeinden gehörten zwischen 1886 und 1974 dem Unterwesterwaldkreis an: Alsbach, Arzbach, Bannberscheid, Baumbach, Bladernheim, Boden, Breitenau, Caan, Daubach, Deesen, Dernbach, Dreikirchen, Ebernhahn, Eitelborn, Elgendorf, Ellenhausen, Eschelbach, Ettersdorf, Freilingen, Freirachdorf, Gackenbach, Girod, Goddert, Goldhausen, Görgeshausen, Grenzau, Grenzhausen, Großholbach, Hartenfels, Heilberscheid, Heiligenroth, Helferskirchen, Herschbach, Hilgert, Hillscheid, Höhr, Höhr-Grenzhausen (Stadt), Holler, Horbach, Horressen, Hübingen, Hundsangen, Hundsdorf, Kadenbach, Kammerforst, Kleinholbach, Krümmel, Leuterod, Marienhausen, Marienrachdorf, Maroth, Maxsain, Mogendorf, Montabaur (Stadt), Moschheim, Nauort, Nentershausen, Neuhäusel, Niederelbert, Niedererbach, Niedersayn (ab 1971), Nomborn, Nordhofen, Oberelbert, Obererbach, Oberhaid, Oberhausen, Ötzingen, Pütschbach, Quirnbach, Ransbach, Ransbach-Baumbach (Stadt), Reckenthal, Rückeroth, Ruppach, Ruppach-Goldhausen, Sainerholz (ab 1971), Schenkelberg, Selters, Sessenbach, Siershahn, Simmern, Stahlhofen, Staudt, Steinfrenz, Steinen, Stromberg, Untershausen, Vilebach, Welschneudorf, Weroth, Wirges, Wirscheid, Wirzenborn, Wittgert, Wölferlingen und Zürbach.

9.6.Westerwaldkreis

Der Westerwaldkreis entstand im Jahr 1974 im Rahmen der rheinland-pfälzischen Gebiets- und Verwaltungsreform aus den gleichzeitig aufgelösten Landkreisen Unterwesterwaldkreis (mit Sitz in Montabaur) und Oberwesterwaldkreis (mit Sitz in Westerburg). Beide Kreise wurden zum 16. März 1974 zum Landkreis Westerwald geformt, der am 1. August 1974 in Westerwaldkreis umbenannt wurde. Die Kreisverwaltung hat ihren Sitz im Kreishaus in Montabaur.

Nachweise

Zusammengestellt von: Stefan Grathoff

Verwendete Literatur:

Erstellt am: 15.06.2020

Anmerkungen:

  1. Ament, Westerwald S.7; Gensicke, Landesherrschaft S.162. Zurück
  2. Die Datierung frühgeschichtlicher Epochen ist in den verschiedenen Fachrichtungen der Forschung unterschiedlich und auch regionalen Unterschieden unterworfen. Zurück
  3. Bantelmann S.22-37. Gensicke, Landesgeschichte weist S. 3 ff. vor allem auf Fundorte am Mittelrhein, im Neuwieder und Limburger Becken hin. Zurück
  4. Berg und Wegener S.38-64. Gensicke, Landesgeschichte S. 5-6 weist auf Funde in Westerburg, Sessenbach, Wirges, Horhausen bei Holzappel, Sayn, Arzheim, Alpenrod, Stein-Wingert, Gusternhain, Diedorf, Breitscheid, Rabenscheid und Langenaubach. Gensicke nennt auch die Ringwälle auf dem Almerskopf bei Barig-Selbenhausen und auf der Dornburg bei Frickhofen, auf dem Malberg bei Leuterod, Funde bei Stein-Wingert, auf dem Heidenhäuschen bei Hangenmeilingen, die alte Burg bei Heimbach und den Ringwall auf dem Hummelsberg bei Linz hin. Zurück
  5. Gensicke, Landesgeschichte S. 6. Zurück
  6. Gensicke, Landesgeschichte S. 6-8; Berg und Wegner, Kaiserzeit S. 65-72. Zurück
  7. Kroeschell, Rechtsgeschichte I, S. 97. Zurück
  8. Die einzelnen Gaubelege bei Gensicke, Landesgeschichte S. 33. Bereits in den Jahren 722/23 und 794/95 wird der Auelgau im Traditionskodex des St. Kassius. und Florentiusstiftes genannt. Zurück
  9. Gensicke, Landesgeschichte S. 50. Zurück
  10. Wisplinghoff S. 1 Nr. 1 zum Jahr 948. Zurück
  11. In einer Urkunde vom 8.8.1065 wird nochmals Gaugraf Hermann (in comitatu autem Herimanni comitis) genannt (Wisplinghoff S. 3 Nr. 2). Zurück
  12. Vgl. dazu Gensicke, Landesgeschichte S. 51 und 125 ff. Zurück
  13. Gensicke, Landesgeschichte S. 32 und 50 ff.; Corsten, Adelsherrschaft, S. 84, bes. 126 ff.; Rötich, Geschichte o.S.; Becker, Geschichte Pfarrei. Zurück
  14. Nach älterer Ansicht ging die Grafschaft über den ganzen Gau im Jahr 1061 an das Kölner Erzstift mit über (Vogel, Topographie S. 130). Zurück
  15. Knipping, Regesten. II Nr. 375 und 376. Zurück
  16. Gensicke, Landesgeschichte . S. 149 ff. Die Grafenrechte der Sayner im Auelgau stammen nicht, wie früher vermutet, aus der Saffenberger Erbschaft der Grafen von Sayn. So etwa Crollius, Erläuterte Reihe I. 41 Nr.56 und Kremer, Beiträge II. 226 und 242. Vgl. Vogel, Beschreibung S. 217 und Luthmer, Bau- und Kunstdenkmaler IV, S. 100. Zurück
  17. Knipping, Regesten II Nr. 1195. Zurück
  18. Gensicke, Landesgeschichte S. 35. Zurück
  19. Die Gaubelege bei Gensicke, Landesgeschichte S. 27. Zurück
  20. Vielleicht am Horbecher Floß in der Gegend der Pletschmühle nordwestlich von Hadamar. Siehe Gensicke, Landesgeschichte S. 27. Zurück
  21. Der vorstehende Abschnitt deckt sich im Wesentlichen mit den Ausführungen bei Gensicke, Landesgeschichte S. 27-28. Zurück
  22. Der vorstehende Abschnitt folgt weitgehend den Ausführungen von Gensicke, Landesgeschichte S. 43-46. Zurück
  23. Der vorstehende Abschnitt folgt weitgehend den Ausführung von Gensicke, Landesgeschichte S. 28-29 Zurück
  24. Der vorstehende Abschnitt folgt weitgehend den Ausführungen von Gensicke, Landesgeschichte S. 46-47. Zurück
  25. Die Gaubelege bei Gensicke, Landesgeschichte S. 29f. Zurück
  26. Der vorstehende Abschnitt folgt weitgehend den Ausführungen von Gensicke, Landesgeschichte S. 29-32. Zurück
  27. Der vorstehende Abschnitt folgt weitgehend den Ausführungen von Gensicke, Landesgeschichte S. 48-50. Zurück
  28. Die folgenden Ausführungen folgen überwiegend dem Text Hellmuth Gensickes in seiner Landesgeschichte des Westerwaldes S. 8-17. Dort sind auch die zugehörigen Belegstellen aufzufinden. Zurück
  29. Mittel-, Nieder-, Ober-ahr, Kirch-, Wein-ähr. Zurück
  30. Offheim, Zeuzheim, Heuchelheim, Thalheim, Bilkheim, Dorchheim, Gadelheim, Streitheim, Guckheim, Lochum, Stockum, Pottum und Kölbingen (Kolpinheim). Davon gehören Thalheim, Lochum und Stockum bereits zu einer jüngeren Schicht der -heim-Orte gegenüber den mit Personennahmen gebildeten. Zurück
  31. Horchheim, Arzheim Zurück
  32. Pfaffendorf ist nach der Christianisierung anzusetzen; an der Stelle von Ettersdorf ist 959 noch ein »Adellonis predium« bezeugt. Sicher jung sind die zahlreichen Nieder-, Ober- und Neudorf, zu denen die stark verderbten Möhrendorf und Mogendorf gehören. Vor allem aber sind die -dorf-Siedlungen im Nordosten des Westerwaldes wohl der 3. Schicht zuzuweisen. Zurück
  33. Ehringhausen, Ettinghausen, Neunkhausen. Zurück
  34. Wendigerode 879 = Wengenroth Zurück
  35. Anhausen, Hahnroth; Hattenhausen, Hattert; Beringerhusen, Berod; Ellenhausen, Elkenroth; Geilhausen, Gehlert, Gieleroth; Haderschen, Hardert; Görgeshausen, Girkenroth; Helmenzen, Helmeroth; Hilkhausen, Hilgert, Hilgenroth; Kotzhausen, Kotzenroth; Neiterschen, Neizert; Nentershausen, Nenderoth; Reiferscheidt(-hausen), Reifenrath, Reifert; Rückershausen, Rückeroth; Sessenhausen, Sassenroth; Volkerzen, Fuckenrod; Waldhausen, Wahlrod. Zurück
  36. Sowie die selteneren Bildungen mit -baum, -holz, -loh, -loch und -wald. Zurück
  37. Seltener begegnen Esche, Weide, Dorn, Tanne und Birnbaum in Westerwälder Ortsnamen. Rodungsbezeichnungen begegnen auch in den mit -sengen, Stöcken, Strunk und Ast gebildeten Ortsnamen. Zurück
  38. Unnau, Nassau und Dausenau sind ursprünglich Gewässernamen auf -aha. Grenzau ist später eingedeutscht aus dem französischen "Gransioie". Zurück
  39. Dietkirchen 9. Jh., Helferskirchen nach 959 Zurück
  40. Elles, Halbs, Rahms, Rembs, Uhrigs, Wirges, Frohnen, Götzen, Gomperten, Güdeln, Rüddel, Roddern, Rempel, Voelzen (?). Zurück
  41. Gensicke, Landesgeschichte S. 8-15. Zurück
  42. Denzerhaid und Roth bei Dierdorf wurden im 13. Jh. in Einzelhöfe verwandelt. Zurück
  43. Vgl. Wenigenfrenz, die zahlreichen Wüstungen bei Hartenfels. Bei Neuwied verschwanden so 1789 die Höfe Rheinau und Geuchdorf´. Zurück
  44. Hülßer Erben zu Westerburg; Kolersdorfer Feld bei Meudt; Öttinger Eerben und Kindenhauser Erben in den Nachbardörfern; Höfe bei Seyen und Niederwambach. Zurück
  45. Königshuben, Kolersdorf, Hülß, Hausen, Öttingen, Emterod Zurück
  46. Schorrenberg, Hottenseifen, Langendorf, Stöcken. Zurück
  47. Niederahlbach (= Urselthal), Stöcken, Dapperich, Hölzenhausen. Zurück
  48. Bergenhausen, Helmenzen, Honneroth. Zurück
  49. So ist von den zahlreichen -scheidt-Orten nur Danscheid wüst geworden. Zurück
  50. Fritzenhahn, Georghahn, Margarethenhof, Wilhelminenhof. Zurück
  51. Eichart, Deusternau, Saynhof, Niederhaid, Merkelbach, Neuhof bei Montabaur, Steinbach, Vallerau, Mangeroth, Obersalterberg. Zurück
  52. Gensicke, Landesgeschichte S. 16-17. Zurück
  53. Vgl. Büttner, Politische und kirchliche Erfassung S. 31ff. und 38. Zurück
  54. Die Festung Ehrenbreitstein, auf die sich kaiserliche Truppen zurückgezogen hatten, wurde erst am 27. Januar 1799 den Franzosen ausgeliefert. Zurück
  55. Die Auflösung der betroffenen Klöster zog sich teilweise über Jahre hin, da der Staat die Versorgung und Pensionsansprüche der Mönche und Konversen zu regeln hatte. Zurück
  56. Jungbluth, Adolf S. 10. Zurück
  57. Jungbluth, Adolf S. 10. Zurück
  58. Aufruf an die »katholische Mannes-Jugend Montabaurs« in der Westerwälder Volks-Zeitung vom 22.3.1933. Jungbluth, Adolf S. 10f. Zurück
  59. Jungbluth, Adolf S. 18. Zurück
  60. Jungbluth, Adolf S. 20f. Vgl. die Arbeiten von Uli Jungbluth, Joachim Jösch, Werner Güth, und Günter HeuzerothZurück
  61. Jungbluth, Adolf S. 25-28. Zurück
  62. Jungbluth, Geheimwaffen. Zurück
  63. Grundlegend zum Kriegsgeschehen im Westerwald Greifendorf, Kriegsschauplatz. Zurück