Boppard am Mittelrhein

St. Severus

Die ehemalige Stiftskirche St. Severus ist seit 1804 katholische Pfarrkirche. Ursprünglich (bis 1225) war die Kirche den beiden Heiligen St. Peter und St. Johannes geweiht. Eine erste, wahrscheinlich im 5. Jahrhundert in die Ruine des römischen Kastellbades gebaute frühchristliche Kirche wurde in karolingischer Zeit durch Brand zerstört und Ende des 10. Jahrhunderts durch einen Rechteckbau auf neuen Fundamenten ersetzt. Dieser Bau wird erstmals im Jahr 874 urkundlich genannt. 991 schenkte Kaiser Otto III. die Kirche dem Wormser St. Martinsstift, bei dem sie bis 1521 verblieb.
Reste der frühchristlichen Kirche wurden 1963-66 unter dem Langhaus und zwischen den Türmen der heutigen Kirche ergraben.
An die Rheinmauer des Römerkastells lehnte sich ein Kastellbad an (352/355 erwähnt), das Anfang des 5. Jahrhunderts niedergebrannt und wenig später, wohl noch im 5. Jahrhundert in einen Kultbau umgewandelt wurde; die Exedra des Caldariums wurde Apsis, das Caldarium selbst und die Palaestra Langhaus, vier an die Südseite angebaute Umkleideräume dienten als Nebenräume meist unbekannter Bestimmung (der östliche als Sakristei). Apsis und Ostende des Langhauses waren als Chor abgeschrankt, ein Gang mit kreisförmig erweitertem Ende, wohl ein Ambo, führte 7 Meter tief in das Langhaus (durch Steinsetzungen im Fußboden markiert). Das Westende des Langhauses, durch eine dünne, wohl hölzerne Wand abgeteilt, diente als Baptisterium; in der Mitte ein rundes, knietiefes Taufbecken mit sieben kurzen, radial angeordneten Armen, über denen hölzerne (?) Stützen einen Baldachin trugen (konserviert und heute über eine Treppe unter dem Fußboden zugänglich). Ambo und Taufbecken kennzeichnen den Bau als Pfarrkirche.
Ein wohl nach dem Normanneneinfall Ende des 9. Jahrhunderts errichteter Bau wurde wahrscheinlich Anfang des 12. Jahrhunderts ersetzt; im Sepulcrum des Kreuzaltares fand man das Siegel des Trierer Erzbischofs Bruno (1102-1124).
Der heutige Bau (bis auf die Türme) stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Größere Restaurierungen erfolgten 1888-95 und 1963-67.
Die Ausstattung und Wandmalereien sind bemerkenswert.

Die frühchristliche Kirche

Die römischen Thermen brannten Anfang des 5. Jahrhunderts nieder. Wenig später, wohl noch im 5. Jahrhundert, wurden die Überreste in einen Kultbau umgewandelt; die Exedra des Caldariums wurde Apsis, das Caldarium selbst und die Palaestra Langhaus, vier an die Südseite angebaute Umkleideräume dienten als Nebenräume meist unbekannter Bestimmung (der östliche als Sakristei). Apsis und Ostende des Langhauses waren als Chor abgeschrankt, ein Gang mit kreisförmig erweitertem Ende, wohl ein Ambo, führte 7 Meter tief in das Langhaus (durch Steinsetzungen im Fußboden markiert). Das Westende des Langhauses, durch eine dünne, wohl hölzerne Wand abgeteilt, diente als Baptisterium; in der Mitte ein rundes, knietiefes Taufbecken mit sieben kurzen, radial angeordneten Armen, über denen hölzerne (?) Stützen einen Baldachin trugen (konserviert und heute über eine Treppe unter dem Fußboden zugänglich). Ambo und Taufbecken (Baptisterium) kennzeichnen den Bau als Pfarrkirche.Ein wohl nach dem Normanneneinfall Ende des 9. Jahrhunderts errichteter Bau wurde wahrscheinlich Anfang des 12. Jahrhunderts ersetzt; im Sepulcrum des Kreuzaltares fand man das Siegel des Trierer Erzbischofs Bruno (1102-1124).

Kunsthistorische Beschreibung

Die bestehende Kirche ist eine dreischiffige, im gebundenen System gewölbte Emporenbasilika mit dreiseitig geschlossenem Chor und zwei mächtigen, das Vorjoch des Chores flankierenden Türmen. Die Türme im Mauerwerk stammen vielleicht noch aus der Zeit des Erzbischofs Bruno (1102-1124). Das Langhaus wurde im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts (wahrscheinlich 1225) geweiht; in diesem Jahr wird zum erstenmal der hl. Severus als Patron genannt, was eine Translation oder eine Weihe voraussetzt. Der Chor wurde bald nach 1225 begonnen, eine zweite Weihe fand vermutlich 1234 statt, als der Konsekrator, Erzbischof Theoderich II. zum letztenmal in Boppard weilte. 1236 ist das getreue Bild der Kirche auf dem Stadtsiegel dargestellt.

Ältester Bauteil sind die beiden Osttürme. Außengliederung in fünf Geschossen mit allseits je zwei gekuppelten Schallarkaden. Abschluss durch Giebel, ursprünglich mit Rautendächern, heute Spitzhelme. An der Ostseite des Südturms spätromanisches, rundbogiges Stufenportal mit eingestelltem Säulenpaar, die Außenkante zu miteinander verknoteten Wülsten umgeformt. Nach innen zeigen beide Türme geschlossene, bis auf je einen Mauerbogen völlig ungegliederte Wände. Im ersten Obergeschoß des Nordturms befindet sich ein Kapellenraum mit Altarnische.

Das Langhaus besteht aus drei Doppeljochen. Die Außenwände der Seitenschiffe und Emporen durch Lisenen und Rundbogenfriese zusammengefasst; die Strebepfeiler am nördlichen Seitenschiff 1893 hinzugefügt. Am etwas jüngeren Obergaden zeigen sich Kleeblattbogenfriese, darunter Gruppen aus je drei rundbogigen bzw. getreppten Blenden, welche die fächerförmigen Hochfenster umgreifen. Querschnittfassade; in ihrer Mitte und in der dritten Achse des südlichen Seitenschiffs (von Westen) je ein rundbogiges Stufenportal mit gequaderter, vor die Wand tretender und waagerecht abgedeckter Rahmung, mit Blattfriesen, Fratzen und Tierfiguren geschmückt.

Der innere Aufbau ist viergeschossig. Rundbogige Erdgeschoßarkaden mit Vierkantpfeilern, gekuppelte Emporenöffnungen mit um einen Pfeilerkern gruppierten Schiefersäulchen und rundem Überfangbogen; darüber unregelmäßig verteilte triforienartige Doppelarkadenöffnungen zum Dachstuhl der Seitenschiffe. Das schmale und hohe, eng wirkende Mittelschiff ursprünglich wohl mit Flachdecke geplant, die Säulenvorlagen an jedem zweiten Pfeiler wären dann nur Wandgliederungen gewesen. Die höchst eigenwilligen Gewölbe im Langhaus und Vorchorjoch vielleicht erst nach dem Bau des Chores, sicherlich vor 1234 eingezogen: ein spitzbogiges Tonnengewölbe durch rundprofilierte Gurte in drei kuppelartige Abschnitte geteilt, deren jeder mit sechzehn vom Mittelpunkt ausstrahlenden Rundstabrippen besetzt ist; eine struktive Funktion haben sie nicht, sie sollen wohl den Schein von Kuppelgewölben hervorrufen (in der Matthiaskapelle zu Kobern ähnliche Bestrebungen); mit viel eigentümlichem Reiz gibt diese Gewölbeform zusammen mit den Fächerfenstern den schweren Bauformen des engen und steil proportionierten Raumes einen heiteren Abschluss. Seitenschiffe (bis auf das Ostjoch des nördlichen) und Emporen gratig gewölbt, in ihren Außenmauern je ein Treppenaufgang. Die beiden Ostjoche der südlichen Abseite gehören einer früheren Planung an: wulstige (statt rechteckige) Gurtbögen, die Emporenöffnungen aus drei gestaffelten Bögen.

Der Chor als jüngster Bauteil schließt an das Vorbild von St. Peter zu Sinzig an. Quadratisches Doppeljoch mit dreiseitigem Schluss. Außen dreigeschossige Gliederung. Über hohem abgetrepptem Sockel das Erdgeschoß mit gekanteten Lisenen, Spitzbogenfriesen und Kreisfenstern. Das Obergeschoss mit einer Arkatur aus schlanken gewirtelten Säulchen vergittert, die mit Kugeln besetzte, abwechselnd runde und spitze Bögen tragen und an den Ecken dreifach gebündelt sind; Vorstufen dieser Gliederung an der Westfront in Sinzig und am Vorchor in Münstermaifeld. In der Zwerggallerie, wiederum ähnlich wie in Sinzig, je vier Säulenarkaden durch einen Eckpfeiler getrennt; über jeder dieser Arkadengruppen ursprünglich ein Dreieckgiebel. Innen zwei einander gleichwertige Geschosse, beide mit Spitzbogennischen, eingestellten Säulen und Wülsten reich gegliedert, der obere Nischenkranz mit sehr schmalem Laufgang; in den Ecken je ein durchlaufender Dienst. Gewölbe im Chorquadrat mit acht, im Chorschluss mit vier Rundstabrippen. - Im Winkel zwischen Chor- und Nordturm Sakristei von 1893.

Wandmalereien

Die reiche architektonische Gestaltung des Innenraumes wird betont durch eine in ihrer Farbenfreude und in der Mannigfaltigkeit der Muster alles Vergleichbare am Mittelrhein übertreffende dekorative Ausmalung; sie wurde 1890 freigelegt und 1967 von den Übermalungen und Ergänzungen der ersten Restaurierung befreit. Pfeiler und Dienste mit Fugenmalerei, Arkadenbögen mit begleitenden Ornamentfriesen, Bogenwülsten, Gurt- und Gewölberippen mit Band-, Bohnen- und Samenmustern. Hauptfarben sind hellgrau, englischrot und ocker, dazu schwarz (für die Schiefersäulen) und weiß (für die Wände; sie wurden 1890 neu verputzt, waren aber ursprünglich ebenfalls mit Fugenmalerei gegliedert). Am letzten Joch der Nordseite über der Empore in zwei Streifen die Legende des hl. Severus (mit Hilfe von Pausen 1890 neu gemalt). Im südlichen Seitenschiff im zweiten Joch von Westen Deesisgruppe, im vierten Heiligenlegenden (ebenfalls 1890 neu gemalt.

Ausstattung

  • Über dem Hochaltar (seit 1968, vorher über dem Triumphbogen) Kruzifixus, wahrscheinlich um 1225-30, eines der bedeundsten Werke der staufischen Holzplastik am Mittelrhein. Der wohlgeformte, stark in die Länge gezogene Körper mit parallelen Beinen an das Kreuz genagelt, aufrecht und voller Ruhe, das gekrönte Haupt geneigt, doch ohne Zeichen von Schmerz, wie schlafend. Nächstverwandt der etwas jüngere Kruzifixus in Ohlenberg bei Neuwied. Das Kreuz mit quadratisch erweitertem Ende original, Evangelistensymbole und 1967 freigelegte Fassung um 1300.
  • Thronende Muttergottes mit Kind, erste Hälfte des 14. Jahrhunderts.
  • Epitaphien mit figurenreichen Reliefbildern (1614 und 1621) und Reliquienschrank in neuromanischen Formen (1879).
  • Im Obergeschoss des Nordturms Alabasterrelief, erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Im Südturm Taufstein, 1745.
  • Auf den Emporen der Rest der barocken Kirchenbänke (1692 und 1738.
  • Im Pfarrhaus thronende Muttergottes mit Kind, anmutiges, wahrscheinlich aus einer Koblenzer Werkstatt stammendes Werk, Ende 13. Jahrhundert.
  • Vom ehemals reichen Kirchenschatz sind noch vorhanden: zylindrische Turmmonstranz, in der Formtradition des frühen 15.Jh. stehend, aus derselben Kölner Werkstatt wie die Monstranzen in Kempten (datiert 1457), Bonn, Hochelten und Kues; verwandt auch die aus Boppard stammen Scheibenmonstranz im nahegelegenen Halsenbach. Prächtige Kölner Monstranz, Anfang 18.Jh. von Meister HI. Zwei Kelche, 15. und Anfang 16. Jahrhundert.
  • Außen am Südturm steinerne Kreuzigungsgruppe aus dem früheren, südlich an die Kirche angrenzenden Friedhof, bez. 1516.

Quelle: Dehio; Schüler-Beigang; Imhof, Kirchen; Hinweistafel am Gebäude; Cüppers, Römer S.251f. (Bilder); redakt. Bearb. S.G.