Hahnstätten im Rhein-Lahn-Kreis

Jüdische Gemeinde Hahnstätten

Schutzbriefe für drei bis vier Jüdische Familien aus dem Jahr 1695 gelten als die ältesten Zeugnisse der jüdischen Geschichte Hahnstättens. Detaillierte Informationen über die Hahnstätter Jüdinnen und Juden finden sich in einer Liste aus dem Jahr 1714, in der die in der Grafschaft Diez wohnenden Juden und ihre Verhältnisse beschrieben werden. Aus dieser Liste geht hervor, dass in Hahnstätten die meisten Juden der Grafschaft Diez, nämlich zehn Familien mit 51 Angehörigen, ansässig waren. Über die wirtschaftliche Lage der Familien berichtet die Liste, dass vier „arm“ seinen. Weitere vier in ,,notdürftig[en]", eine in „schlecht[en]“ und eine in ,,mittelmäßig[en]" Verhältnissen leben würden. Erwerbsgrundlage aller Familien war der Viehhandel. Die Vermerke in der Liste ,,haben vor 7 oder 8 Monaten erst eine Synagoge aufgerichtet" und ,,haben einen Schulmeister" weisen auf ein reges religiös-kulturelles Leben hin.[Anm. 1] Im Laufe des 18. Jahrhunderts sank die Zahl der jüdischen Einwohner auf drei Familien im Jahr 1770 und zwei Familien und eine Einzelperson im Jahr 1784. Einem Aufschwung der Einwohnerzahl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis auf acht Familien im Jahr 1865 folgte aufgrund der zunehmenden Migration der Landbevölkerung in die Städte ein erneuter Rückgang der jüdischen Einwohner Hahnstättens. 1874 lebten noch fünf jüdischen Familien in der Ortschaft, 1895 wurden sieben, im Jahr 1900 fünf, 1905 vier und 1910 nur noch drei jüdische Einwohner gezählt. Bis zum Jahr 1925 stieg die Zahl der jüdischen Hahnstätter jedoch wieder auf 14.[Anm. 2] Zur Zeit des Nationalsozialismus lebten die jüdischen Familien Oppenheimer und Strauß in Hahnstätten. Wohl auch aufgrund der geringen Zahl der jüdischen Einwohner wurde die Synagoge 1936 aufgegeben. Familie Oppenheimer verließ spätestens 1937 Hahnstätten, zog zunächst nach Wiesbaden und emigrierte anschließend in die USA. Louis Strauß führte bis 1938 gemeinsam mit seiner Ehefrau Clothilde und ihrer gemeinsamen Tochter Gerta in der damaligen Hindenburgstraße, heute Netzbacherstraße 6, einen Krämerladen. Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten und plünderten SA und SS Männer aus Hahnstätten und den umliegenden Ortschaften den Laden. Louis Strauß wurde in Schutzhaft genommen und während dieser Haft schwer misshandelt. Vier Monate später, am 1. März 1939, starb er an den Folgen dieser Misshandlungen.[Anm. 3] Clothilde und Gerta verließen Hahnstätten im Sommer 1939 und zogen nach Frankfurt.[Anm. 4] Vermutlich wurden sie von dort in das Ghetto Minsk deportiert und ermordet. Außer der Familie Strauß wurden laut dem „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ die aus Hahnstätten stammenden Juden Moritz Adler und Hermann Max, sowie die längere Zeit in Hahnstätten wohnhafte Hedwig Levita im Holocaust ermordet.[Anm. 5]

Autorin: Lisa Groh-Trautmann

red. Bearb. Konstantin Arnold

Verwendete Literatur:

Uli Jungbluth: Jüdisches Leben in unserer Region - Jüdisches Leben in Hahnstätten. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Bad Kreuznach. 7. Jahrgang, Ausgabe 1/1997 Heft Nr. 13 Online verfügbar unter: http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20400/Hahnstaetten%20Sachor%201-97.pdf. [Zuletzt aufgerufen am: 20.10.2019].

Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005.

Bundesarchiv (Hg.): Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. Koblenz 2006. Online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de. [Aufgerufen am: 19.07.19].

Erstellt am 14.11.2019

Anmerkungen:

  1. Uli Jungbluth: Jüdisches Leben in unserer Region - Jüdisches Leben in Hahnstätten. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Bad Kreuznach. 7. Jahrgang, Ausgabe 1/1997 Heft Nr. 13 S. 5. Online verfügbar unter: http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20400/Hahnstaetten%20Sachor%201-97.pdf. [Zuletzt aufgerufen am: 20.10.2019]. Zurück
  2. Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 178. Zurück
  3. Bundesarchiv (Hg.): Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. Koblenz 2006. Online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de. [Aufgerufen am: 19.07.19]. Zurück
  4. Uli Jungbluth: Jüdisches Leben in unserer Region - Jüdisches Leben in Hahnstätten. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Bad Kreuznach. 7. Jahrgang, Ausgabe 1/1997 Heft Nr. 13, S. 8. Online verfügbar unter: http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20400/Hahnstaetten%20Sachor%201-97.pdf. [Zuletzt aufgerufen am: 20.10.2019]. Zurück
  5. Bundesarchiv (Hg.): Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945. Koblenz 2006. Online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de. [Aufgerufen am: 19.07.19]. Zurück