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Wieso-weshalb-warum?

Push- und Pull-Faktoren der rheinland-pfälzischen Auswanderung im 19. Jahrhundert im exemplarischen Vergleich mit Faktoren der neueren Migrationsforschung

- Ein deduktiver statistischer Ansatz im Abgleich mit ausgewählten rheinland-pfälzischen Auswandererbriefen aus Brasilien und Nordamerika -

1. Einleitung

„Wieso-weshalb-warum?“ kam es im 19. Jahrhundert zu Auswanderungsentscheidungen nach Brasilien und Nordamerika?[Anm. 1] Welche Push-Faktoren (Druck-Faktoren) des Herkunftslandes und welche Pull-Faktoren (Sog-Faktoren) [Anm. 2]  des Aufnahmelandes bewegten die Auswanderer aus den Gebieten des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz[Anm. 3]? Im Beitrag werden Forschungs- und Quellenperspektiven hierzu untersucht und ein neuer Ansatz zu deren statistischer Auswertung bezogen auf die Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung vorgestellt. Zunächst wird zu möglichen Migrationsursachen eine soziologische Forscherperspektive[Anm. 4] sowie Einsichten aus der neueren Migrationsforschung[Anm. 5] beschrieben. Danach werden vertiefende Erkenntnisse aus der Landesforschung zur pfälzischen Auswanderung[Anm. 6]  und zur Ursachenanalyse für die Auswanderung aus einem spezifischen regionalen Gebiet, dem Ort Kastellaun im Hunsrück[Anm. 7] vorgestellt und mit der Migrationsforschung verglichen. Die ausgewählten Forscherbeiträge stellen dabei exemplarisch unterschiedliche Sichten und Zugänge auf das Thema der Auswanderungs- bzw. der Migrationsursachen dar.[Anm. 8] Es wird gefragt, inwieweit die unterschiedlichen Forschungssichten zu ähnlichen oder unterschiedlichen Ergebnissen bei der Analyse von Push- und Pull-Faktoren kommen. Als Ergebnis der Übereinstimmungen wird daraus eine neue Übersicht der meistgenannten Push- und Pull-Faktoren generiert.[Anm. 9] Diese Übersicht dient als Analyseinstrument für die Fragestellung, ob sich die darin genannten Faktoren auch in rheinland-pfälzischen Auswandererbriefen aus Brasilien und Nordamerika – den beiden Schwerpunktgebieten bezogen auf die rheinland-pfälzische Auswanderung des 19. Jahrhunderts[Anm. 10] – widerspiegeln. Hierbei wird ein Quellenkonvolut an Briefen von sechs rheinland-pfälzischen Auswanderern[Anm. 11] im Zeitraum zwischen 1830 und 1888 inklusive einer kurzen Quellenanalyse betrachtet[Anm. 12] und der Push- und Pull-Faktoren-Übersicht gegenübergestellt. Der Fokus liegt dabei auf der statistischen Auswertung der Briefzitate der Quellenauswahl. Als Ergebnis der neuartigen exemplarischen Untersuchung liegt im Anschluss vor, wie viele Push- und Pull-Faktoren wie häufig in den Briefen genannt wurden.[Anm. 13] Das abschließende Fazit zum Vergleich der Forschungs- und der Quellenperspektiven bezogen auf die Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung zeigt neben den daraus gewonnen Einsichten auch zukünftige Untersuchungsmöglichkeiten auf, die weiteren Erkenntnisgewinn versprechen.

Anmerkungen:

  1. Mit den verkürzten Begriffen „Nordamerika“ und „Amerika“ sind im Folgenden die Territorien auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika (englisch United States of America; abgekürzt USA) gemeint.  Zurück
  2. Petrus Han: Begriff der Migration und Grundbegriffe der Migrationssoziologie. In: Petrus Han: Soziologie der Migration: Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven. Konstanz/München 22004, S. 15. Han verwendet zum Verständnis der Begriffe Push- und Pull-Faktoren die Erläuterung „Druck-Faktoren“ und „Sog-Faktoren“. Im Folgenden wird einheitlich der Begriff „Push- und Pull-Faktoren“ benutzt. Zurück
  3. Die Auswandererbriefe stammen aus der Gegend des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz (als Bundesland 1946 gegründet). Sie kommen sowohl aus der Pfalz (die seit 1816 bis 1945 zum Königreich Bayern gehörte, bzw. bayerisch war), als aus dem Hunsrück (der seit 1816 bis 1945 zum Königreich Preußen gehörte). Für Informationen, die sich auf beide Gebiete beziehen, wird im Text der Einfachheit halber von „rheinland-pfälzisch“ gesprochen.  Zurück
  4. Petrus Han: Prof. em. für Soziologie, Forschungsschwerpunkte: Minderheiten und Migration. Zurück
  5. Jochen Oltmer: Migration: Hintergründe, Bedingungen und Formen. Eine Skizze. In: M. S. Baader et. al. (Hg.), Flucht – Bildung – Integration?. Wiesbaden 2019, S. 23-41. Vgl. ebd., S. 41: Vita von Jochen Oltmer, Professor für Migrationsgeschichte. Zurück
  6. Roland Paul: ehem. Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Paul forscht auf Ebene des Landes Rheinland-Pfalz und auf Ebene des Gebietes der Pfalz: https://www.pfalzgeschichte.de/roland-paul-nach-38-jahren-in-den-ruhestand-verabschiedet/, (letzter Abruf: 20.02.2020).  Zurück
  7. Eric Beres: Umfassende Auswanderungsforschung zur jetzigen Hunsrücker Kleinstadt Kastellaun (1815-1871: ehemalige Bürgermeisterei Kastellaun). Anm: die bis 1935 übliche Schreibweise des Ortes „Castellaun“ wird im Folgenden – ebenso wie Beres es in seiner Forschungsarbeit tut – in der heutigen Schreibweise „Kastellaun“ dargestellt. Kastellaun hatte zwischen 1817 und 1871 zwischen 6.000 und 9.000 Einwohnern. Zurück
  8. Die vier unterschiedlichen Forschungszugänge sind: Petrus Han (soziologische Perspektive), Jochen Oltmer (Perspektive der Migrationsforschung), Roland Paul (Perspektive der pfälzischen Auswanderungsforschung) sowie Eric Beres (Perspektive regionaler Auswanderungsforschung am Beispiel von Kastellaun/Hunsrück). Zurück
  9. Siehe Kapitel 2.4, Tab. 1: „Übersicht Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung“ Zurück
  10. Roland Paul/Karl Scherer (Hg.): Pfälzer in Amerika = Palatines in America. Kaiserslautern 1995, S. 64. Zurück
  11. Mit dem Begriff „Auswanderer…“ sind im Folgenden immer männliche Auswanderer und weibliche Auswanderinnen gemeint, vgl. Duden: jemand, der auswandert oder ausgewandert ist: https://www.duden.de/rechtschreibung/Auswanderer, (letzter Abruf: 01.03.2020). Zurück
  12. Übersicht: Siehe Kapitel 3.1, Tab. 2 „Übersicht Auswandererbriefe“. Zurück
  13. Siehe Kapitel 3.4, Tab. 3 „Übersicht Anzahl Zitate Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung“. Zurück