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Hildegard von Bingen

Geb. 1098 in Bermersheim bei Alzey, gest. 1179 auf dem Rupertsberg in Bingen.

Hildegard von Bingen wurde als zehntes Kind eines vornehmen Geschlechts geboren, ihr Vater war der Edelfreie Hildebert von Bermersheim. Schon früh gelangte sie zur geistlichen Erziehung in die Obhut der Reklusin Jutta von Spanheim; nach dem Tod ihrer Erzieherin übernahm Hildegard von Bingen 1136 über eine Wahl vom Frauenkonvent das Amt der „magistra“. Im Zeitraum von 1147 bis 1152 gründete sie ein Kloster auf dem Rupertsberg, das bekannt für seine großzügige bauliche und hygienische Konzeption war. 1158 sicherte sich Hildegard von Bingen die rechtlichen Grundlagen ihres Klosters durch  Erzbischof Arnold von Mainz. Letztlich wurde dieses Kloster 1632 von den Schweden zerstört. Ihre urkundliche Bestätigung als „abbatissa“ erhielt sie eventuell am 16.04.1163 mit Hilfe eines Schutzbriefs von Kaiser Friedrich Barbarossa auf dem Hoftag zu Mainz. 1165 gründete Hildegard auf dem gegenüberliegenden Rheinufer, oberhalb von Rüdesheim, ein Filialkloster, das heute Sitz der Sankt Hildegardis-Abtei zu Eibingen ist. Bereits um 1141 hielt sie ihre Vorstellungen von der Schöpfung und der Erlösung der Welt -Sci vias- in einer Schrift fest. Hildegards Gabe zur visionären Schau existierte wohl bereits seit ihrer Kindheit, die dann 1147/48 von Papst Eugen III. auf der Trierer Synode anerkannt wurde. Ebenfalls auf dieser Synode ließ Papst Eugen III. die 1141 entstandene Schrift prüfen. Bereits ihre frühen Niederschriften zeigten ein geschlossenes Welt- und Menschenbild sowie auch politische Gedanken verbunden mit einer damaligen Zeitkritik. Hier stellte sie ihre strenge Haltung gegenüber sich selbst sowie ihr entschiedenes Vorgehen gegen jegliches „Kompromisslertum“ dar. Eng mit der niedergeschriebenen Kritik waren die vier Predigtreisen verbunden, die sie im Zeitraum von 1160 bis 1170 unternahm. Die Inhalte dieser Reisen waren: Kritik an zwiespältiger Diplomatie, Fehlverhalten des Klerus, vor allem der Verweltlichung sowie der Forderung nach einem Vorgehen gegen die Häresie der Katharer. Hildegard von Bingen prangerte die Missstände in ihrer Zeit an, gerade auch an diesem Verhalten war zu erkennen, wie bewegt diese Epoche von kirchenpolitischen und sozialen Spannungen war.

Folgende Missionsreisen in Form von Volkspredigten fanden statt:
1. um 1160 nach Mainz, Würzburg, Kitzingen, Ebrach und Bamberg
2. nach Trier, Metz und Lothringen
3. Rheinfahrt über Boppard und Andernach nach Köln und Werden an der Ruhr
4. um 1170 Maulbronn, Hirsau, Kirchheim unter Teck und Zwiefalten
Kurz vor ihrem Tod kämpfte sie 1179 trotz des fortgeschrittenen Alters gegen das von Mainzer Prälaten erlassene Interdikt an und erreichte für ihr Kloster eine Ehrenrettung. Zu Beginn des 15.Jahrhunderts wurde Hildegard von Bingen als Heilige in kirchlichen Kalendarien und Martyrologien aufgenommen.

Hildegard und ihre Schriften

Hildegard von Bingen galt aufgrund ihrer Schriften und öffentliches Wirkens ab der Jahrhundertmitte als „prophetissa teutonica“. Mit ihrem umfassenden und breit angelegten Werk verschaffte sie einen vielseitigen Einblick in die Bereiche des religiösen, politischen, wissenschaftlichen, ärztlichen und gesellschaftlichen Denkens der damaligen Zeit. „De operatione Dei“ -Das Buch der Gotteswerke- gilt als ihre zentrale schöpferische Leistung. Hildegards Weltanschauung war geprägt durch den neuplatonisch-arabistischen Aristotelismus sowie vom Geist der Regel Benedikts: Demut, Gehorsam und die typisch benediktinische discretio. Vor allem vertrat sie ein symbolisch-allegorisches Weltbild mit der Vorstellung, dass das Wesen der Dinge sich auf etwas Höheres, Metaphysisches beziehe und nur durch eine geistig-geistliche Intelligenz erschlossen werden könne, bei dem dieses Wesen wiederum durch eine ineinander verwobene Einheit umschlossen und auch gelenkt werde. Jedoch stand vor allem im Mittelpunkt ihrer Werke die visionäre Trilogie; diese Werke blieben aber lange Zeit ohne weitreichende Wirkung.

Chronologie ihrer Hauptwerke, die sicher datiert werden können:
1141-1151 Scivias
1158-1163 Liber vitae meritorum
1163-1173/74 Liber divinorum operum

Die Lieder, Briefe und kleineren theologischen und hagiographischen Schriften waren seit dem Verfassen des Werkes „Scivias“ bis zu ihrem Tod entstanden. Im Zeitraum zwischen 1151 bis 1158 lassen sich Hildegards natur- und heilkundliche Schriften einordnen. Somit bediente sie mit ihren Werken viele unterschiedliche Genres mit der gemeinsamen Eigenschaft der Visionsschrift. Letztlich sah sich Hildegard in einer Tradition mit den biblischen Propheten, wobei sie weniger auf Zukunftswissen einging und eher bewahrend als fortschrittlich wirken wollte. In Form von Belehrung, Ermahnung und Erinnerung an die Heilsbestimmung des Menschen zeigte sich diese Intention, jedoch mit unterschiedlich starker Gewichtung und Funktion. Die Schriften dienten verschiedenen Zwecken und waren auf bestimmte Situationen oder allgemeingültig auf die Heilslehre bezogen. Erst zwei Jahrhunderte nach ihrem eigentlichen Schaffen haben die geistlichen Lieder und Traktate wegen ihrer spekulativer Gotteserkenntnis die deutsche Mystik eröffnet, wobei leider von manchen ihrer Werke bis heute historisch-kritische Ausgaben fehlen für die Wiedergabe des eigentlichen Textkerns.

Nachweise

Verfasser: Nathalie Rau

Datum: 03.07.2013

Literatur:

  • Schipperges, Heinrich: Hildegard von Bingen. In: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S.131-133 [Onlinefassung]. URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118550993.html, letzter Aufruf: 03.07.2013.
  • Mathy, Helmut: Hildegard von Bingen, die „deutsche Prophetin“. In: Böcher, Otto; Dumont, Franz und Rettinger, Elmar (Hrsg.): Stadt – Land – Universitä. Aus den Werken des Mainze Historikers Helmut Mathy. Stuttgart 2012, S.319-321 (=Beiträge zur Geschichte der Universität Mainz – Neue Folge 11).
  • von der Schüren, Gert: Hildegard von Bingen. In Ruh, Kurt (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalter: Verfasserlexikon. Berlin 2010, Sp.1257-1280.