Neunkirchen im Saarland

0.Der Erste Weltkrieg in Neunkirchen

0.1.Beobachtungen zur Mobilmachung

Neunkirchen besitzt seit 1921 das Stadtrecht ist heute mit rund 48.000 Einwohnern nach Saarbrücken die zweitgrößte Stadt im Saarland. Ungeachtet der späten Stadtrechtsverleihung hatte sich Neunkirchen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts „vom Bauerndorf zum Industrieort“[Anm. 1] gewandelt und durch die Eisen- und Hüttenwerke am Vorabend des Ersten Weltkriegs eine Bevölkerungszahl von ca. 34.000 erreicht.[Anm. 2]

Postkarte: Die Bahnhofstraße in Neunkirchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Viele Neunkircher versammelten sich im Juli des Jahres 1914 vor den Druckereien der Zeitungen und vor dem Postgebäude in der Bahnhofsstraße, um die sich überschlagenden Ereignisse im Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich auf der einen und Serbien, Russland und Frankreich auf der anderen Seite, zu verfolgen. „Die Vorgeschichte des Weltkriegs hielt auch die Gemüter der Bevölkerung Neunkirchens in großer, sich stets steigernder Spannung,“[Anm. 3] notierte der Oberlehrer der evangelischen Volksschule rückblickend in der Schulchronik. Nachdem Serbien das von Österreich-Ungarn gestellte Ultimatum bezüglich des Attentats von Sarajewo nicht vollständig angenommen und Deutschland seinem Bündnispartner die militärische Unterstützung zugesichert hatte ("Blankoscheck"), erfolgte am Abend des 1. August 1914 die Bekanntgabe der Mobilmachung. In Neunkirchen – und in vielen anderen Städten und Dörfern an der Saar – waren die Reaktionen auf diese folgenschwere Entscheidung vielfältig. Während in der Bahnhofsstraße dem evangelischen Schulchronisten zufolge „heilige Begeisterung“[Anm. 4] herrschte, war man sich „in allen Volksschichten doch der Gefahren bewußt, welche die Nähe der Westgrenze mit sich bringt.“[Anm. 5] Dennoch war er der Meinung „daß alle Volksschichten, auch die untersten, die Notwendigkeit dieses Krieges einsahen.“[Anm. 6] Hierin zeigt sich die in der sogenannten Julikrise verbreitete und von der zeitgenössischen bürgerlichen Presse forcierte Überzeugung, einen unvermeidbaren Verteidigungskrieg führen zu müssen. Dieser Überzeugung folgten angeblich „viele Jünglinge von 17 bis 26 Jahren, etwa 100 aus Neunkirchen, und zwar nicht nur Studenten und Gymnasiasten, sondern auch frühere Volksschüler.“[Anm. 7]

0.2.Entwicklungen in der Industrie

Die Grube König in Neunkirchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Neben den Freiwilligen wurden auch arbeitende Männer zum Kriegsdienst eingezogen. In den umliegenden ländlichen Regionen kam es daher zu Problemen beim Einholen der Ernte, sodass die Lehrer die Einwohner der Stadt zur Erntehilfe aufriefen. Das Fehlen der Arbeiterschaft, die in Neunkirchen den Großteil der Bevölkerung ausmachte, zog darüber hinaus eine vorrübergehende Stilllegung der Bergwerke nach sich.[Anm. 8]

Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg (1836-1901).

Insgesamt zählten fünf Eisenhütten mit 21 Hochöfen zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu den kriegswichtigen Produktionsstätten auf dem Gebiet des heutigen Saarlandes. Eines von ihnen war das Neunkircher Eisenwerk, in dem im August 1914 von insgesamt ca. 6.000 Personen nur noch 2.500 Arbeiter anwesend waren.[Anm. 9]

Das Werk war seit 1806 im Besitz der Familie Stumm und hatte sich unter der Führung von Carl Ferdinand von Stumm-Halberg im Laufe des 19. Jahrhunderts zum größten Arbeitgeber der Stadt und neben der Völklinger Hütte zu einem Markführer in der regionalen Montanindustrie entwickelt.[Anm. 10] Weitere größere Anlagen existierten in Wellesweiler, Friedrichsthal und im Kohlwald. Außerdem waren der Dechen-Schacht und die Gruben Heinitz, König, Itzenplitz und Reden in und um Neunkirchen angesiedelt.[Anm. 11]

Die Schächte der Grube Itzenplitz (um 1920).

Da die Eisen-, Stahl-, Kohle- und Koks-Verarbeitung die Grundlage der deutschen Rüstungsproduktion bildete, war es notwendig, die fehlenden Arbeitskräfte umgehend durch ungelernte Arbeiter, Berginvalide, Pensionäre und vereinzelt auch durch Frauen zu ersetzen. 1918 gehörten 3.000 Jugendliche und 1.095 Frauen zu den Beschäftigten bei den preußischen Bergwerkdirektionen. Hinzu kamen fast 6.500 Kriegsgefangene. Diese Maßnahmen schienen umso dringlicher, da der deutsche Vormarsch im Westen bereits Mitte des ersten Kriegsjahres in einem Stellungskrieg verebbt war, und die darauffolgenden Materialschlachten enorme Mengen von Kriegsmaschinerie und Munition verschlangen.[Anm. 12]

Um das Produktionsvolumen zu erhöhen, wurden beim Saarbrücker Generalkommando des XXI. und XVI. Armeekorps Kriegsamtsstellen eingerichtet, die für die direkte Kommunikation zwischen Industrie und Militär zuständig waren. Theodor Müller, Generaldirektor des Neunkircher Eisenwerks und stellvertretender Vorsitzender des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Saarindustrie, regelte hier beispielsweise den Bedarf an Waffen und Munition, Eisen, Stahl, Metallen und die Kommunikation mit metallverarbeitenden Betrieben.[Anm. 13]


Souvenir des französischen Kriegsgefangenen Auguste Elisée Renneville aus Neunkirchen. [Bild: Archives départementales des Ardennes/europeana.eu [CC-BY-SA]]

Zusätzlich kam es zu Betriebserweiterungen. 1914 wurde im Neunkircher Eisenwerk ein Elektroofen in Betrieb genommen, der in Völklingen und Burbach bereits verwendet wurde. Er diente vor allem der Herstellung von Granaten aus Thomasstahl. Sie wurden in der Gießhalle des Thomaswerkes gegossen, im Trägerlager und im Walzwerk Süd geputzt und schließlich in den zwei Drehereien von rund 400 Personen, darunter ca. 100 Frauen, fertiggestellt – bis zu 500 Stück pro Tag. Auch private Kleinbetriebe wie zum Beispiel Schlossermeister Strohm in der Irrgartenstraße beteiligte sich an der Granatenproduktion in Neunkirchen.[Anm. 14] Die nahegelegene Kokerei Heinitz lieferte die Ausgangsmaterialien für Spreng- und Treibstoff und stellte in den Jahren 1914 bis 1917 8.226 Tonnen Ammoniumsulfat und 7.355 Tonnen Benzolprodukte her.[Anm. 15]

Trotz des Verbots durch die Haager Landkriegsordnung waren daran zahlreiche Kriegsgefangene beteiligt. In der Grube Heinitz lebten sie direkt auf dem Grubengelände und waren dem Rauch der Koksöfen permanent ausgesetzt. Diese Lebensbedingungen führten in Verbindung mit einer unzureichenden Lebensmittelversorgung und der körperlichen Arbeitsanstrengung zu einer stetig steigenden Anzahl kranker Kriegsgefangenen. Aus diesem Grund wurde in der Grube Heinitz ein Lazarett eingerichtet, das 120 Mann – darunter auch Arbeiter aus anderen Betrieben – aufnehmen konnte.[Anm. 16]

Grube Reden, Landsweiler-Reden (Saar)[Bild: Bundesarchiv]

Im Allgemeinen wurden Kriegsgefangene vorzugsweise unter Tage eingesetzt oder mit Nebenarbeiten betraut. Dabei stieg die Zahl der Gefangenen im preußischen Saarbergbau kontinuierlich an. Während in der Grube Heinitz 1915 ca. 50 russische Kriegsgefangene 70 gelernte Arbeiter ersetzen sollten, beantragte die Grube Reden ein Jahr später 1.500 Gefangene, wovon ihnen jedoch nur 315 zugeteilt wurden. Im selben Jahr arbeiteten bereits 479 bei der Bergwerksdirektion Heinitz und 313 im Eisenwerk Neunkirchen. In Neunkirchen stellten Kriegsgefangene somit verhältnismäßig wenig, nämlich 1,2% der Belegschaft. In anderen Werken, beispielsweise in Friedrichsthal, veränderten sie mit 25% die innerbetriebliche Arbeitsstruktur in weitaus größerem Maße. Über das Verhältnis zwischen regulären und kriegsgefangenen Arbeitskräften ist wenig bekannt. Die Grubendirektion Reden lobte beispielsweise die Arbeitsmoral der Kriegsgefangenen, sodass generell davon ausgegangen wird, dass die Arbeit im Rahmen der ohnehin streng hierarchisch organisierten Betriebsstruktur in der Regel friedlich von statten ging. Allerdings kam es auch regelmäßig zur Flucht von kriegsgefangenen Arbeitern.[Anm. 17]

Aus der Akte über die Beschäftigung von Kriegsgefangenen im Bergbau 1916. [Bild: Archiv des Saarlandes 564/388]

Am 18. Juni 1917 richtet die für die Grube Friedrichsthal zuständige Berginspektion folgende Anfrage an die Bergwerksdirektion in Saarbrücken:

"Drei hieisge Kriegsgefangene haben bei der Militärbehörde den Antrag gestellt, die deutsche Reichsangehörigkeit zu erwerben, und wollen nach Friedensschluss hier weiter arbeiten [...] Fleiss und Führung der drei Gefangenen waren bisher gut, sodass mit Rücksicht hierauf der Weiterbeschäftigung nichts entgegen stehen würde."

 

 

Konfliktpotential sowohl innerhalb der Belegschaft als auch zwischen Bergarbeitern und anderen Bevölkerungsgruppen bot vor allem die Nahrundmittelversorgung. Schwer- und Schwerstarbeiter erhielten bereits seit Beginn der Lebensmittelrationierung 1915 diverse Zusatzrationen. Kriegsgefangenen Arbeitern wurde im Mai 1916 ebenfalls eine Brotzulage bewilligt.[Anm. 18]

0.3.Bemerkungen zur Versorgungssituation

Sammelt Brennessel! 1918.[Bild: Archiv des Saarlandes/Plakat542]

Die Versorgungslage in den Städten und Dörfern an der Saar verschlechterte sich mit Beginn des Ersten Weltkriegs rapide. Dabei waren insbesondere Industrieregionen wie Neunkirchen von dem Lebensmittelmangel betroffen. Bereits im August 1914 sah sich der Landkreis Ottweiler, zu dem die Bürgermeisterei Neunkirchen gehörte, veranlasst Mehl und Kartoffeln auf eigene Rechnung zu beschaffen, um den steigenden Preisen entgegen zu wirken. Auf Geheiß des Trierer Regierungspräsidenten richtete man außerdem Kinderbewahranstalten ein, die es den Frauen ermöglichten, den fehlenden Verdienst des Ehemannes zu ersetzen und einer Beschäftigung nachzugehen.[Anm. 19] Viele Kinder und Jugendliche wurden jedoch für umfangreiche Sammelaktionen gebraucht. Diese dienten zunächst der Unterstützung der kämpfenden Truppen und wurden vom Vaterländischen Frauenverein am Bahnhof an die Richtung Westen und Osten durchfahrenden Männer bzw. die wenig später zurückkommenden Soldaten verteilt oder als Pakete verschickt. Außerdem rief der preußische Staat mittels Plakaten zu der Zeichnung von Kriegsanleihen und zu der Abgabe von Edelmetallen auf. In der sogenannten Goldankaufswoche 1917 warben Schüler öffentlich dafür, Wertgegenstände bei der zentralen Goldankaufstelle in Ottweiler abzugeben. Am 25. Juni 1917 wurde die Glocke der Marienkirche abgegeben.[Anm. 20]

Des Weiteren organisierten die Neunkircher Schullehrer regelmäßige Sammlungen, die zur Verbesserung der Nahrungsmittelsituation beitragen sollten. Zu den damals gängigen Ersatzstoffen gehörten Obstkerne zur Ölgewinnung und Brennnesseln für die Herstellung von Stoffen. Im Schulhaus in der Viktoriastraße wurden Altkleider gelagert, auf der Oberschmelz existierte ein Lebensmittellager und das Schuhhaus Herz warb mit dem Slogan „Kein sogenannter Kriegsersatz!“ für hölzerne Schuhe. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die staatlich organisierte Lebensmittelrationierung in Neunkirchen wie andernorts nicht ausreichte. Ab 1915 wurden Lebensmittelkarten verteilt, die die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln wie Brot, Milch, Butter u.a. gewährleisten sollten.[Anm. 21]

Bereits im Februar des darauffolgenden Jahres schloss sich das preußische Saarrevier mit der Einkaufsgesellschaft Rhein-Mosel zusammen, um zusätzliches Schlachtvieh aus dem rheinischen Viehhandelsverband beziehen zu können. Etwa zur gleichen Zeit kam es zu einem ersten Kartoffelnotstand, der sich nach dem sogenannten Steckrübenwinter 1916/17 wiederholte. Auch bestand die wöchentliche Brotration zu 3 ½ Pfund jetzt nur noch zu 1.150 Gramm aus Mehl. Die sonstigen Bestandteile waren erst Kartoffeln, dann Steckrüben oder Mais, ferner Roggen und Gerste.[Anm. 22]

Kartoffelkarte für Brotzusatzkartenempfänger.[Bild: Archiv des Saarlandes/R37]

Die Folge dieser unzureichenden Versorgungslage waren Hamsterfahrten in die umliegenden ländlich geprägten Regionen, von denen Werkmeister Rudolph Grenner folgendes berichtete: „Der Verkehr der fälschlich genannten Hamster war so stark, daß man nur gezwungen reiste. Speciell die Wagen 4ter Klasse standen stets so voll Körbe und Säcke mit zu Wucherpreisen erbettelten alten Kartoffeln und Frucht […] Wer nichts zum Leben hat, sucht halt, wo er etwas bekommen kann und ist dann leider auch gezwungen diese Preise zu zahlen. Pfui daher über alle, die diese traurige Notlage so ausnützen. Hamster im eigentlichen Sinne dürfen diese Leute doch fast nicht genannt werden.[Anm. 23] Als Werksmeister war er mit der prekären Lage der Arbeiterschaft vertraut und hatte sich selbst an solchen Fahrten beteiligt. In Neunkirchen waren die Bergarbeiterfamilien unmittelbar vom preußischen Fiskus bzw. von der umfangreichen Sozialpolitik der Familie Stumm abhängig. Die bereits erwähnten Zulagen zu den staatlich festgesetzten Rationen erhielten Schwer- und Schwerstarbeiter, ab 1917 auch Halb- und Drittel-Schwerstarbeiter. Glaubt man Grenner, so bekamen sie in Neunkirchen am 26. Oktober 1916 beispielsweise „je 4 Pfd. Mehl, die Bergleute je 9 ½ Pfd. und die jungen Bergleute je 8 ½ Pfd. So sollen die Schwerarbeiter je 2 Pfd. Kartoffel und andere Leute je 1 Pfd. Pro Tag erhalten, Brot erhalten diesselben in 7 Tagen je 2 Pfd. mehr. Außerdem alle vierzehn Tage entweder Erbsen, Bohnen, Gries, Graupen, Mehl oder sonst etwas aber immer in großen Mengen. Auch erhalten sie Fett.“[Anm. 24]

Margarinenzusatz für Bergleute.[Bild: Archiv des Saarlandes/HV R37]

Trotz dieser stark umstrittenen Zusatzrationen brachen die Forderungen nach mehr Nahrungsmitteln nicht ab und zeigen, dass die verteilten Lebensmittel auch in den Bergwerken nicht ausreichten. Ein Grund dafür war der für selbstverständlich erachtete Verbrauch der Lebensmittel für die gesamte Familie. Weitere Streitigkeiten gab es folglich auch zwischen Familienvätern und Junggesellen in den Betrieben. Die Bergwerksdirektionen versuchten dieser Situation mit der Einrichtung von Ernährungsausschüssen Herr zu werden und verteilten bald auch Klein- und Nutzvieh, Futter- und Düngemittel sowie Saatgut, um den landwirtschaftlichen Nebenerwerb der Bergarbeiterfamilien zu unterstützen.[Anm. 25]

Luftangriffe

Vorschriften zum Verhalten bei Fliegerangriffen.[Bild: Stadtarchiv Trier (Sam. 108/98a)]

Weitere Kriegsauswirkungen, die die Arbeiterschaft in besonderem Maße betrafen, waren die zunehmenden Luftangriffe. Da die Bergarbeiter oftmals direkt auf dem Betriebsgelände oder in unmittelbarer Nähe – in Neunkirchen in der Saarbrücker Straße, in der Goethestraße und in der Königsstraße – zum Werk wohnten, lebten sie in ständiger Angst, Opfer der feindlichen Flieger zu werden. Auch der Trierer Regierungspräsident bemerkte eine „gewissen Beunruhigung“[Anm. 26] unter den Arbeitern und wies auf die in der Zeitung veröffentlichten Schutzmaßnahmen gegen die neuartige Kriegsführung hin. Das Neunkircher Eisenwerk konkretisierte das Vorgehen und instruierte die Belegschaft: „Das Herannahen feindlicher Flieger wird zunächst durch die Brandsirenen bekannt gegeben. Wenn das Fliegersignal ertönt, müßen alle Maschinen und Motoren nach dem Auswalzen der noch in den Walzen befindlichen Stäbe außer Betrieb gesetzt werden. Dann haben alle Arbeiter ohne Überstürzung und in aller Ruhe in die für die einzelnen Betriebe angewiesenen geschützten Unterstände zu gehen.“[Anm. 27] Unterstände befanden sich im Thomaswerk und im Süd-Werk. Vollständigen Schutz gegen direkten Beschuss gewährten jedoch nur die Kellerräume im Nordwerk und das Schienenlager.[Anm. 28]

Abwehrkanone der Firma Krupp.

Tatsächlich hatte der Luftkrieg während des Ersten Weltkriegs weniger die Zivilbevölkerung als vielmehr die Zerstörung von Industriestandorten und Verkehrslinien zum Ziel. In Neunkirchen befanden sich daher mehrere Flugwachen und Scheinwerferanlagen sowie Luftabwehrkanonen auf den Dächern des Bahnhofs, des Wasserturms und auf jenen eines Wirtshauses. Flakbatterien wurden an der Hermannsstraße, am Ziehwald, am Kissel und auf dem Hirschberg angebracht, wobei diese durch den hohen Munitionsverbrauch selbst zur Gefahr für die Einwohner der Stadt werden konnten. Rund zehn Luftangriffe durch Flieger und Lenkballons registrierte die Stadt in den Jahren 1914 bis 1918. Es starben mindestens elf Personen, darunter ca. fünf Bergmänner und drei russische Arbeiter in den Heinitzer Anlagen.[Anm. 29]

Befüllen eines Fesselballons.[Bild: Bundesarchiv]

Im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg waren die Gefahren, die von den Bombenangriffen ausgingen an der Heimatfront relativ gering. Das volle Ausmaß der industrialisierten Kriegsführung zeigte sich vor allem bei der Ankunft der ersten Verwundeten. Sie wurden ab Mitte August 1914 über die grenznahen Gebiete zurück in die Heimat transportiert. „Nach den Gefechten bei Lagarde“, hielt der Oberlehrer der evangelischen Volksschule fest: „wurden am 13. August morgens 4 Uhr die ersten Verwundeten in Neunkirchen ausgeladen, 190 Mann, darunter 10 Franzosen. Der erste Anblick verwundeter Männer war erschütternd, aber bald gewöhnte man sich daran.“[Anm. 30] Etwa eine Woche später trafen weitere 150 Verwundete im benachbarten Ottweiler ein.[Anm. 31] In Neunkirchen wurden sie im Theodor Fliedner Krankenhaus, im Viktoria Hospital und im St Josefs-Krankenhaus von freiwilligen Helferinnen behandelt. Letzteres beherbergte 1916 ca. 200 Verwundete.[Anm. 32]

Einige von ihnen, 234 deutsche und 91 alliierte Soldaten, erlagen ihren Verletzungen und wurden gemeinsam mit einigen Opfern der Fliegerangriffe auf einem Ehrenfriedhof beerdigt. 1007 aus Neunkirchen stammende Soldaten kehrten nicht in die Heimat zurück. Ihnen wurde 1933/34 ein Denkmal auf dem Hauptfriedhof gewidmet. Weitere Denkmäler und Gedenktafeln im Neunkircher Eisenwerk, im Kohlwald, im Kasbruch, auf dem Friedhof Ludwigsthal, in Kohlhof, auf der Scheib, in Wellesweiler und Wiebelskirchen zeugen noch heute von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in der Zwischenkriegszeit.[Anm. 33]

Verfasser: Katharina Thielen

erstellt am 18.8.2017

Literatur:

  • Ames, Gerhard: „Ein ungeheurer Faktor ist der Bergmann im Kriege“ Die Saarbergleute und der Erste Weltkrieg. In: „Als der Krieg über uns gekommen war…“ Die Saarregion und der Erste Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums Im Saarbrücker Schloß. Saarbrücken 1993, S. 190–205.
  • Bettinger, Dieter Robert: Die Kriegs- und Soldatenchronik der Gemeinde Steinbach. Ottweiler, Steinbach hrsg. v. Heimat- und Kulturverein Steinbach 2016.
  • Dülmen, Richard van/Jacob, Joachim (Hrsg.): Stumm in Neunkirchen. St. Ingbert 1993.
  • Gehlen, Rita: Ein Volk von Brüdern? Das ‚Augusterlebnis‘ der Menschen an der Saar. In: „Als der Krieg über uns gekommen war…“ Die Saarregion und der Erste Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloß. Saarbrücken 1993, S. 38–51.
  • Haab, Günter: Fliegerangriffe auf Neunkirchen und das Neunkircher Eisenwerk im 1. Weltkrieg. In: Scheiber Nachrichten 68 (2014), S. 40–49.
  • Heller, Felix: Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Neunkirchen. In: Ministerium für Bildung und Kultur Saarland (Hrsg.): Orte des Gedenkens. Der Erste Weltkrieg im Saarraum, S. 46-50
  • Jacob, Joachim: Vom Bauerndorf zum Industrieort – Neunkirchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum hrsg. v. Rainer Hudemann, und Rolf Wittenbrock Saarbrücken 1991, S. 21–34.
  • Knauf, Rainer: Gefallenendenkmale, Kriegsopfermale, Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus. In: Neunkircher Stadtbuch hrsg. v. Dems. Und Christof Trepesch. Neunkirchen 2005, S. 311–329.
  • Krajewski, Bernhard: Aus bewegten Zeiten — von Krieg und Kriegsnot. In: Neunkirchen (Saar), Stadt des Eisen und der Kohle. Ein Buch vom Werden und Wesen einer Industriestadt hrsg. v. der Stadtverwaltung Neunkirchen. Neunkirchen 1955, S. 105–147.
  • Labouvie, Eva (Hrsg.): Saarländische Geschichte. Ein Quellenlesebuch. Blieskastel 2001.
  • Nimmesgern, Susanne: „Konnt‘ ich auch nicht Waffen tragen, half ich doch die Feinde .schlagen“ Kriegsalltag an der Heimatfront. In: „Als der Krieg über uns gekommen war…“ Die Saarregion und der Erste Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums Im Saarbrücker Schloß. Saarbrücken 1993, S. 80–93.
  • Plettenberg, Inge: „Eine Schraube ohne Ende“ Die Saar-Industrie in der deutschen Kriegsproduktion 1914 – 1918. In: Ebd., S. 172–189.
  • Rauguth, N. Ph.: Das Eisenwerk. In: Neunkirchen (Saar), Stadt des Eisen und der Kohle. Ein Buch vom Werden und Wesen einer Industriestadt hrsg. v. der Stadtverwaltung Neunkirchen. Neunkirchen 1955, S. 267–329.
  • Sander, Michael: Krieg im 19. und 20. Jahrhundert. In: Neunkircher Stadtbuch hrsg. v. Rainer Knauf und Christoph Trepesch. Neunkirchen 2005, S. 293–329.
  • Schwarz, Hans: Krieg an der Heimatfront. Zu den Auswirkungen des Luftkrieges auf den Großraum Saarbrücken. In: „Als der Krieg über uns gekommen war…“ Die Saarregion und der Erste Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums Im Saarbrücker Schloß. Saarbrücken 1993, S. 66–73.
  • Trinkaus, Fabian: Krise, Umbruch, Langzeitfolgen. Der Erste Weltkrieg in Neunkirchen. In: Saarbrücker Hefte 112 (2015), S. 113–118.
  • Walther, Markus: Bombenangriffe auf Neunkirchen im 1. Weltkrieg aus französischer und amerikanischer Darstellung. In: Querbeet durch die Geschichte Neunkirchens und seiner Umgebung hrsg. v. Historischer Verein Stadt Neunkirchen 2015, S. 84–99.

Anmerkungen:

  1. Jacob, Jaoachim: Vom Bauerndorf zum Industrieort – Neunkirchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum hrsg. v. Rainer Hudemann, und Rolf Wittenbrock Saarbrücken 1991, S. 21–34. Zurück
  2. Neu, S. 190. Zurück
  3. Zit. n. Sander, S. 297. Zurück
  4. ebd. Zurück
  5. ebd. Zurück
  6. ebd. Zurück
  7. Zit. n. Sander, S. 298. Zum sogenannten Augusterlebnis in Neunkirchen siehe auch Krajewski, S. 125f. und allgemein Gehlen, S. 42 und Nimmesgern, S. 141–144. Zurück
  8. Gehlen, S. 43. Zurück
  9. Ebd. Zurück
  10. Zu Stumm siehe Dülmen, Richard van/Jacob, Joachim (Hrsg.): Stumm in Neunkirchen. St. Ingbert 1993. Zurück
  11. Vgl. Rauguth, S. 284–298. Zurück
  12. Ames, S. 166. Zurück
  13. Plettenberg, S. 175f. Zurück
  14. Haab, S. 40. Zurück
  15. 1916 wurde in Neunkirchen außerdem der Bau eines Martinsofens angestoßen. Er wurde jedoch erst 1919 in Betrieb genommen. Vgl. hierzu Plettenberg, S. 181–184 und Sander, S. 30. Zurück
  16. Laufer, S. 219. Zurück
  17. Vgl. Laufer, S. 208–217. Zurück
  18. Lauer, S. 218. Zurück
  19. Nimmesgern, S. 90. Zurück
  20. Nimmersgern, S. 87–89 und Krajewski, S. 127. Zurück
  21. Plettenberg, S. 181. Zurück
  22. Vgl. Jacoby, S. 159–137. Zurück
  23. Zit. n. Labouvie, S. 320. Zurück
  24. Zit. n. Labouvie, S. 320. Zurück
  25. Vgl. Ames, S. 196–200. Etwa ein Drittel der Arbeiter verfügte über eine solche Einkommensquelle. Die ungleiche Verteilung der Begünstigungen belastete das Betriebsklima erheblich und führte zu zunehmender Organisation der Betroffenen in Arbeiterausschüssen, die langfristig zu einer Stärkung der Gewerkschaften führten. Rückblickend kann das steigende Selbstbewusstsein der Bergarbeiter auf ihre Bedeutung innerhalb der Kriegsindustrie zurückführt werden. In Neunkirchen und den umliegenden Dörfern mündete es Ende September 1917 in einem ersten Streik.Vgl. Ames, S. 203 und Sander, S. 302. Zurück
  26. Schwarz, S. 69. Zurück
  27. Zit. n. Haab, S. 42. Zurück
  28. Ebd., S. 45 Zurück
  29. Schwarz, S. 69f. und Sander, S. 302. Zu den Fliegerangriffen ferner Krajewski, S. 128ff. und ausführlich Haab, Günter: Fliegerangriffe auf Neunkirchen und das Neunkircher Eisenwerk im 1. Weltkrieg. In: Scheiber Nachrichten 68 (2014), S. 40–49, der auf S. 49 andere Zahlen nennt. Vgl. auch Walther, Markus: Bombenangriffe auf Neunkirchen im 1. Weltkrieg aus französischer und amerikanischer Darstellung. In: Querbeet durch die Geschichte Neunkirchens und seiner Umgebung hrsg. v. Historischer Verein Stadt Neunkirchen 2015, S. 84–99. Zurück
  30. Zit. n. Sander, S. 298. Zurück
  31. Bettinger, S. 54. Zurück
  32. Neu, S. 190. Zurück
  33. Hierzu ausführlich: Knauf, Rainer: Gefallenendenkmale, Kriegsopfermale, Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus. In: Neunkircher Stadtbuch hrsg. v. Dems. Und Christof Trepesch. Neunkirchen 2005, S. 311–329 und Heller, Felix: Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Neunkirchen. In: Ministerium für Bildung und Kultur Saarland (Hrsg.): Orte des Gedenkens. Der Erste Weltkrieg im Saarraum, S. 46-50. Zurück