Zweibrücken in der Pfalz

Zweibrücken 1815-1848 - Ein Zentrum der deutschen Demokratiebewegung

„Man glaubte ganz sicher, daß die deutsche Revolution in Zweibrücken beginnen würde, und alles war dort reif zum Ausbruch.“ Diese Worte schrieb 1840 niemand Geringeres als Heinrich Heine. Denn Zweibrücken hatte in den Jahren zuvor revolutionäre Erhebungen erlebt, welche zur damaligen Zeit in den deutschen Landen Ihresgleichen suchten. Die Stadt war Wirkungsstätte vieler revolutionärer Journalisten, Juristen und anderer Liberaler geworden, die gegen die Restauration ankämpften. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Johann Georg August Wirth und Friedrich Schüler sind wohl die Bekanntesten unter ihnen. Dass Zweibrücken zu dem revolutionären Zentrum in der Pfalz wurde, war auch Folge der französischen Herrschaft. So blieben demokratische Errungenschaften der Französischen Revolution – wie die Pressefreiheit oder der Code Civil – nach 1816 erhalten. [Anm. 1]

.1.1.Zweibrücken von 1816 bis 1830

Nach dem Wiener Kongress wurde die linksrheinische Pfalz (als „Rheinbayern“ oder „Rheinpfalz“) 1816 an Bayern angegliedert. Zu Beginn wurde dies von der Zweibrücker Bevölkerung größtenteils begrüßt, was sich jedoch rasch änderte. Denn obwohl der bayrische König Maximilian I. Joseph auch letzter Herzog von Pfalz-Zweibrücken gewesen war, kamen der Stadt nicht die großen Vorteile zu, welche die Einwohner sich erhofft hatten. Eine erste Niederlage war der Beschluss der bayrischen Regierung, den Sitz der Kreisregierung nach Speyer zu vergeben. Die „Entschädigung“, die Zweibrücken 1816 stattdessen bekam, der „Königlich Bairischen Appellationshof“ – das höchste Gericht Rheinbayerns – sollte sich für die revolutionäre Bewegung bald als schicksalhaft erweisen. Die freiheitlichen Rechtseinrichtungen verdankte die Rheinpfalz noch der Französischen Revolution und Napoleon. Die größten Errungenschaften waren dabei neben dem Appellationsgerichtshof der Code Civil und die Pressefreiheit. Da den Pfälzern diese „rheinischen Institutionen“ wichtig waren, garantierte der bayrische König deren Beibehaltung. In der Rheinpfalz galt somit weiterhin, auch unter bayrischer Herrschaft, das liberalere französische Recht. Diese Freiheiten sorgten dafür, dass es liberale Juristen und Journalisten – Rheinbayern war neben Baden das einzige deutsche Gebiet, in dem Pressefreiheit herrschte – hierher zog. Diese verstanden es, die Freiheiten zu oppositioneller Polemik gegen die reaktionäre Politik der Regierung zu nutzen. [Anm. 2]

Als Teil Bayerns erfuhr die Rheinpfalz von Beginn an einige Nachteile, was in der Bevölkerung zu Unmut gegenüber der Regierung im weit entfernten München führte. Der Anschluss an Bayern brachte eine spürbare Verschlechterung der finanziellen und wirtschaftlichen Situation in der Pfalz: Die Steuereinnahmen flossen nach München und wurden dort vor allem zum Ausbau der Hauptstadt verwendet, wohingegen Rheinbayern kaum in den Genuss von Geldern kam. Zusammen mit weiteren finanziellen Benachteiligungen und Missernten führte dies in den 1820er Jahren zu einer allgemeinen Verarmung der Bevölkerung in der Pfalz, was zusammen mit Missständen in der Verwaltungspraxis zur Unzufriedenheit der Pfälzer mit der Regierung in München beitrug. [Anm. 3]

Der Auslöser für das Aufflammen des revolutionären Geistes in Zweibrücken war die Julirevolution 1830 in Paris. In der Bevölkerung stieß die Absetzung des reaktionären französischen Bourbonen-Königs Karl X. auf große Sympathie und man nahm begeistert die Nachrichten über dieses Ende der Restauration in Frankreich auf. Auf regionaler Ebene betrat mit der französischen Julirevolution Philipp Jakob Siebenpfeiffer die Bühne: Er sah nun den Moment gekommen, um in einer eigenen Zeitung für Reformen zu schreiben und veröffentlichte den „Rheinbayern“. Dies gilt als Startschuss für die liberale Bewegung im Raum Zweibrücken. Der Homburger Landkommissär Siebenpfeiffer prophezeite für die Pfalz, dass auch hier heftige Erschütterungen unausweichlich seien, wenn sich an der Situation der Bevölkerung nichts ändere. Da er sich als Staatsdiener so etwas kaum erlauben konnte, wurde er strafversetzt. Siebenpfeiffer verweigerte sich allerdings, legte seine Staatsämter nieder und verstärkte seine journalistischen Tätigkeiten. [Anm. 4]

.1.2.Zweibrücker im bayrischen Landtag 1831

Porträt Friedrich Schüler[Bild: F. Schüler 1840 von unbekannt]

Der bayrische Landtag von 1831 wird auch als „Sturmlandtag“ bezeichnet. Zu Beginn der Landtagsverhandlungen galt noch Christian Culmann als der bekannteste unter den rheinbayrischen Oppositionellen. Er wurde „Erster Sekretär“ der liberalen Opposition, die erstmals die Mehrheit in der Ständeversammlung hatte: 62 regierungstreue gegen 66 oppositionelle Abgeordnete. Einen ersten Erfolg verzeichneten die Liberalen am 24. Mai 1831: Innenminister Eduard Freiherr von Schenk wurde entlassen. Der erzkonservative Minister hatte eine „Zensurordonnanz“ erlassen, um Zeitungen – speziell die Siebenpfeifers – zensieren zu können. Culmann, der die Form dies als Verfassungsbruch brandmarkte, war mit seiner Rücktrittsforderung erfolgreich. Auch die Presseverordnung wurde zurückgenommen. Danach zerstritt sich jedoch die liberale Opposition: Der Zweibrücker Jurist Friedrich Schüler wurde zum Anführer der radikalen Opposition, während Culmanns Fraktion eher aus gemäßigteren Liberalen bestand. Nach Abschluss der Landtagsverhandlungen wurden dennoch beide Abgeordneten als Helden in Zweibrücken empfangen: Nachdem Culmann bereits an Weihnachten 1831 in Zweibrücken begrüßt worden war, kehrte der gefeierte Schüler im Januar nach Zweibrücken zurück. [Anm. 5]

.1.3.Der „Deutscher Vaterlandsverein zur Unterstützung der Freien Presse“

Das offizielle Festbankett zu Ehren Friedrich Schülers fand am 29. Januar im Gasthaus Ladeberger in Bubenhausen statt (im Keller unter der heutigen Westapotheke). Die 350 Gedecke im Saal des Gasthauses reichten bei weitem nicht, um den Massen gerecht zu werden, die Schüler feiern wollten. Dieser wurde von einer Delegation an seiner Wohnung abgeholt. In Bubenhausen wurde ihm mit 102 Mörserschüssen salutiert – genau mit einem Schuss mehr als Fürsten normalerweise geehrt wurden. Zunächst berichtete Schüler von den Landtagsverhandlungen, dabei kritisierte er die reaktionäre bayrische Regierung. Er kam zu dem Schluss, dass auf parlamentarischem Wege Erfolge aussichtslos erschienen, weshalb er in seiner Rede die Wichtigkeit der außerparlamentarischen Arbeit und der Presse betonte. [Anm. 6]

Im Anschluss an das Ehrenfest wurde in kleinerem Kreis der „deutsche Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“ gegründet. Als Gründungsaufruf gilt der Aufsatz „Deutschlands Pflichten“ von Johann Georg August Wirth, den dieser am 3. Februar in seiner „Deutschen Tribüne“ und darüber hinaus in vielen weiteren liberalen Blättern veröffentlichte. Außerdem wurden deutschlandweit 50 000 Flugblätter mit dem Text verbreitet. Darin beschrieb Wirth das Programm des neuen Vereins. Er beklagt die unterdrückerischen Regime, welche in ganz Deutschland und Europa zusammenarbeiten würden, um ihre Macht durch Repressalien zu sichern. Das sei nur durch die Macht der öffentlichen Meinung zu ändern, welche die größte aller Gewalten sei. Deshalb könne die freie Presse für die politische Emanzipation der Völker sorgen und die Bildung eines demokratischen deutschen Nationalstaates in die Wege leiten. Wirth rief jedoch nicht nur zur Mitarbeit an Zeitungen auf, sondern vor allem zu deren Unterstützung: Er forderte zur Mitgliedschaft im neuen Press- und Vaterlandsverein auf, damit die Presse, trotz Zensur, Versiegelung von Druckpressen oder Verhaftungen von Journalisten weiter ihre Aufgabe erfüllen könne. Der Verein sicherte durch die Gelder, die seine Mitglieder zahlten, Zeitungen, die von Regierungen unterdrückt wurden sowie deren Journalisten finanziell ab. Den Vorstand des Vereins bildete das Zentralkomitee in Zweibrücken. Dieser provisorische Vereinsvorstand bestand aus Schüler und Joseph Savoye als Vereinsführer, dem Advokat Ferdinand Geib als weiteres Vorstandsmitglied sowie dem Journalisten Georg Eifler als Sekretär. Sprachrohr des Pressvereins war Wirths „Deutsche Tribüne". Nach dem Verbot der Tribüne meldete sich der Verein verstärkt durch Flugblätter zu Wort. Außerdem stellte Jakob Friedrich Rost seinen „Zweibrücker Allgemeinen Anzeiger“ für den Verein zur Verfügung. [Anm. 7]

Da Wirths Aufruf „Deutschlands Pflichten“ für starkes Aufsehen bei der Bevölkerung und den Regierungen gesorgt hatte, erfuhr der Pressverein enormen Zulauf. Direkt nach der Gründung waren 244 Zweibrücker (was über drei Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt entsprach) dem Verein beigetreten. In ganz Rheinbayern gründeten sich so genannte „Filialkomitees“, in denen sich die Mitglieder organisierten. Ende Februar zählte der Verein bereits über 1000 Mitglieder, deren Zahl bis September 1832 auf 5000 gestiegen war. Doch da waren längst nicht mehr nur Rheinbayern Vereinsmitglieder: Außerhalb des Rheinkreises entstanden im gesamten Deutschen Bund über 50 Filialkomitees. Die Beitrittswelle wurde durch ein Verbot des Vereins nicht gehemmt, sondern eher verstärkt. Diese Stimmung führte auch zum Schulterschluss der Zweibrücker mit Polen, die auf der Flucht vor den Russen waren, welche einen Aufstand für einen polnischen Nationalstaat niederschlugen. In Zweibrücken bildete sich, wie überall in der Pfalz, ein Unterstützungskomitee für die Polen. An der Spitze des Zweibrücker Komitees stand der Liberale Joseph Savoye. Der Kampf für nationale Einheit und Freiheit internationalisierte sich somit auch in Zweibrücken, wo die Bürger ihre eigenen Wünsche in den Ideen der Polen und Franzosen wiederfanden. [Anm. 8]

.1.4.Das Jahr 1832 in Zweibrücken

Dass die Gründung des Press- und Vaterlandsvereins Volk und Regierung aufgerüttelt hatte, wurde an einigen darauf folgenden Geschehnissen in Zweibrücken deutlich. Zur Verhütung von Unruhen wurde Militär in den Rheinkreis gezogen und die Polizeibehörden erhielten den Auftrag, der Ausdehnung des Pressvereins entgegen zu wirken. Angesichts dieser Anordnung kam es bald zur Eskalation. Am 2. März 1832 verhängte die Bundesversammlung des Deutschen Bundes Verbote über Siebenpfeiffers „Rheinbayern“ und „Westboten“ sowie über Wirths „Deutsche Tribüne“. Daraufhin drang am 8. März der neue Homburger Landkommissär gewaltsam in Wirths Wohnung ein, um dieses Verbot durchzusetzen und die Druckpressen zu versiegeln. Zum Aufbrechen von Wirths Haustür hatte sich der Landkommissär zwei Schwadronen des Zweibrücker Chevaux-Legers-Regiment zur Unterstützung mitgenommen, weil sich viele Bürger protestierend versammelt hatten. Wirth, der von dem Haftbefehl gegen sich wusste, eine Flucht jedoch ablehnte, wurde am 17. März verhaftet. [Anm. 9]

Man klagte Wirth der Provokation zu einem Verbrechen gegen die innere Sicherheit des Staates an – in dem Aufruf „Deutschlands Pflichten“ sah die Regierung einen Aufruf zum Umsturz. Bei Wirths Überführung ins Gefängnis nach Zweibrücken kam es zu Tumulten. Und als in Zweibrücken Wirths Arretierung bekannt wurde, zogen viele seiner Anhänger teilweise mit Hämmern, Äxten, Brecheisen und Stangen bewaffnet vors Gefängnis, griffen den Eingang an und forderten die Freilassung des Journalisten. Sie beruhigten sich erst wieder, als Wirths Sohn den Massen von seinem Vater ausrichten konnte, dass dieser zuversichtlich war, bald wieder frei zu kommen. Tatsächlich sprach das Zweibrücker Appellationsgericht Wirth am 14. April frei. Dieser Freispruch führte zum Erstarken und zur weiteren Ausdehnung des Pressvereins, da das Urteil so ausgelegt wurde konnte, dass der Beitritt zu diesem Verein nicht strafbar sei. Wirths Entlassung am folgenden Tag wurde zu einer Demonstration der liberalen Bewegung, ein großer Festzug holte Wirth am Gefängnis ab, danach wurde der juristische Sieg mit einem Festbankett gefeiert. [Anm. 10]

Am 6. Mai 1832 kam es in Zweibrücken zu einer weiteren großen liberalen Kundgebung: In einem Zelt im Garten des Zweibrücker Gasthauses „Tivoli“  fand ein erneutes Ehren­fest für Friedrich Schüler statt, das „Zweite Schülerfest“. Die Veranstaltung war vermutlich sowohl als Werbung, als auch als Generalprobe für das Hambacher Fest gedacht. Denn das Fest, bei dem alle 563 Plätze im Zelt besetzt waren, ähnelte in seinen Grundzü­gen dem Hambacher Fest. Nach dem Essen wurde an Schüler ein silberner „Ehrenbecher“ übergeben – der Vorwand für das neuerliche Fest. Für diesen hatte Siebenpfeiffer mehr als 2.000 Einzelspender gefunden. In seiner Rede kritisierte Schüler die hohen Staatsausgaben, soziale Missstände und die Angriffe auf die Pressefreiheit. Zudem wurden Unterschriftenlisten aus verschiedenen Städten zur Unterstützung überbracht und Siebenpfeiffer, der Journalist Rost und andere Zweibrücker hielten Reden oder Gedichtvorträge. [Anm. 11]

Während und nach dem Hambacher Fest kam es in verschiedenen Städten Rheinbayerns zu Unruhen, so auch in Zweibrücken. Am 28. Mai passierte hier der erste größere Zwischenfall: Nachdem Soldaten des Chevaux-Legers-Regiments einen Handelscommis angegriffen hatten, der sich um einen von einem Chevaux-Leger geschlagenen Jungen kümmern wollte, kam es zu einem wahren Volksauflauf. Denn die Nachricht verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt und gegen neun Uhr hatte sich – nach amtlichen Berichten – eine Masse von rund 1.500 wütenden Menschen vor der Kaserne eingefunden. Erst gegen elf Uhr gelang es der angerückten Zweibrücker Bürgergarde, die Massen zu besänftigen und die Ruhe wiederherzustellen. In der Folge wurde die Zweibrücker Garnison mit Truppen aus Landau verstärkt. An der Ixheimer Kerwe im August 1832 kam es in Zweibrücken zum blutigsten Zwischen­fall: Ein Trupp der Chevaux-Legers verwechselte wohl den Kerwestrauß mit einem der verbotenen Freiheitsbäume und riss diesen herunter. Danach jagten die Soldaten die zusammengelaufene Menge davon. Anschließend wurden Biergärten und Tanzsäle angegriffen, wobei es mindestens 30-40 Verletze gab, nachdem sich Bürger mit Prügeln bewaffnet und gegen die Soldaten zur Wehr gesetzt hatten. [Anm. 12]

.1.5.Folgen des Hambacher Festes für Zweibrücker

Auf dem Hambacher Fest, der größten Demonstration für Freiheit und Demokratie im Vormärz, hatten auch die Zweibrücker Revolutionäre ihren großen Auftritt. Sie kritisierten in ihren Reden die Regierung und forderten die Freiheit und Einheit des deutschen Vaterlandes. Nach dem Fest reagierte die bayrische Regierung mit ganzer Härte und bei der Verfolgung der Hambacher stand erneut Zweibrücken im Mittelpunkt, da sich hier nicht nur die Strafjustiz, sondern auch das Gefängnis befand. Wirth sollte am 12. Juni in Homburg verhaftet werden. Er hatte jedoch von dem Haftbefehl erfahren und reiste nach Zweibrücken, um sich selbst zu stellen. Siebenpfeiffer wurde am 18. Juni verhaftet und nach Zweibrücken gebracht. Friedrich Schüler dagegen war nach Frankreich geflohen. Am 20. Juni fanden in Zweibrücken Hausdurchsuchungen bei den führenden Mitgliedern des Pressvereins statt. Die polnischen Offiziere, die in Zweibrücken bei Privatpersonen lebten, wurden ausgewiesen. Bei allen Verhaftungen sowie bei den Haus­durchsuchungen kam es jedes Mal zu massiven Protesten der Bevölke­rung. Der Hauptprozess gegen die Verantwortlichen des Hambacher Festes fand in Landau statt, denn die Regierung befürchtete Ausschreitungen und hatte sich gegen Zweibrücken und für Landau, der einzigen pfälzischen Festungsstadt, als Verhandlungsort entschieden. [Anm. 13]

Die meisten Angeklagten wurden aber vom Vorwurf der Aufreizung zum Umsturz der Regierung freigesprochen. Nur Schüler und Savoye wurden in diesem Anklagepunkt für schuldig befunden und in Abwesenheit verurteilt. Wirth und Siebenpfeiffer wur­den dagegen nach dem Landauer Prozess von kleineren Gerichten wegen Beamten­beleidigung zur Höchststrafe von zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Siebenpfeiffer konnte am 14. November 1833 aus dem Zweibrücker Gefängnis flie­hen und begab sich in die Schweiz. Zweibrücker Bürger hatten ihm zum Aus­bruch verholfen. Auch Wirth sollte bei seinem Transport vom Zweibrücker Gefängnis ins Kaiserslauterer Zuchthaus im April 1834 gewaltsam befreit werden. Elf bewaffneten Männern gelang es nach einem kurzen Schusswechsel die Bewacher zu überwältigen. Allerdings weigerte sich Wirth, auf diese Weise in Freiheit zu kommen. Die Männer, die ihn befreien wollten, mussten fliehen und begaben sich – in der Pfalz in Abwesenheit zum Tode verurteilt – über Frankreich nach Nordamerika. Sie teilten damit das Schicksal tausender Pfälzer, die nach der Hambacher Zeit in die Emigration gingen. [Anm. 14]

.1.6.Zweibrücken nach 1832 und Paulskirchenrevolution

Äußerlich gelang es der Regierung durch ihre harten Maßnahmen wieder Ruhe und Ordnung herzustellen: Auch in Zweibrücken kehrte nun die biedermeierli­che Ruhe ein. Sogar das letzte liberale Blatt, die „Zweibrücker Zeitung“, war am 9. August 1832 unterdrückt worden. Erst Ende 1847 wagte es August Culmann (ein jüngerer Bruder Christian Culmanns) nach fast 15 Jahren biedermeierlicher Ruhe, liberales Gedankengut wieder öffentlich zum Thema zu machen. Das „Zweibrücker Wochenblatt“ berichtete am 26. November 1847 über ein Fest­bankett liberaler Zweibrücker, auf dem Culmann gesprochen hatte. Trotz der überall herrschenden Aufbruchsstimmung blieb es im März 1848 in Zweibrücken vergleichsweise ruhig. Das „Zweibrücker Wochenblatt“ berichtete zwar ausführlich über die Februarrevolution in Paris, das Heidelberger Vorparlament und die Berliner Unruhen. Die Zweibrücker Liberalen formulierten jedoch nur theoretische Forderungen. Die Stadt konnte nicht mehr an das revolutionäre Feuer der 1830er Jahre anknüpfen. Am 18. März 1848 wurde in Zweibrücken ein 15-Punkte-Programm zu demokratischen Reformen veröffentlicht, das die Auflösung des Deutschen Bundes und die Wahl eines gesamtdeutschen Parlamentes forderte, welches jedoch nicht namentlich unterzeichnet war. [Anm. 15]

Auch war der junge Culmann einer der Delegierten Zweibrückens bei der Gründung des pfälzischen Volksvereins am 9. April 1848 in Kaiserslautern. Um solche Volksvereine auch auf lokaler Ebene zu gründen, mussten die Menschen wieder für Politik sensibilisiert werden. In der Region Zweibrücken gelang dies leicht: Bald gab es hier Dutzende Volksvereine und der Zwei­brücker Volksverein war mit rund 760 Mitgliedern der größte in der gesamten Pfalz. Durch diese Gruppen wurde die weiterhin liberale Grundeinstellung der Zweibrücker deutlich. Jedoch nahmen die Zweibrücker die Errungenschaften der Märzrevolution nur wohlwollend zur Kenntnis, entwickelten aber keine revolutionäre Eigeninitiative mehr. Trotzdem waren vier Abgeordnete, die alle mit Zweibrücken in Verbindung standen, an der Vertretung der Pfalz in der Nationalver­sammlung 1848 beteiligt. Gewählt wurden der katholische Pfarrer Franz Tafel für den Wahlbezirk Zweibrücken, der Advokat Gustav Adolf Gulden für den Wahlkreis Homburg und August Culmann für Landau. Das Trio dieser in Zweibrücken wirkenden Abgeordneten wurde überraschend durch Friedrich Schüler ergänzt, der gerade aus Frankreich zurückgekehrt war und für Lauterecken in die Nationalversammlung einzog. Das Abgeordnetenquartett verteidigte seine demokratische Einstellung bis zum Schluss und nahm nach der Auflösung des Paulskirchenparlaments auch noch am Rumpfparlament in Stuttgart teil. Dieses wählte sogar Schüler kurzzeitig in die fünfköpfige Regierung des Deutschen Reiches – welche aber angesichts der reaktionären Fürsten machtlos war. [Anm. 16]

Ihren Höhepunkt hatte die liberale Bewegung in Zweibrücken zu Beginn der 1830er Jahre erlebt. Später war zwar das freiheitliche Gedankengut noch vorhanden, wurde aber weniger öffentlich zum Ausdruck gebracht. Dass die Stadt zu einem Ausgangspunkt der demokratischen Bewegung in Deutschland wurde, war vor allem auf die damals führenden liberalen Oppositionellen wie Schüler oder Sie­benpfeiffer zurück zu führen, die in Zweibrücken wirkten und dabei von vielen Zweibrücker Bürgern, oft vor allem Persönlichkeiten aus dem Bildungsbürgertum, wie Journalisten und Juristen, bestärkt und unterstützt wurden. Die Ansiedlung führender Li­beraler verdankte Zweibrücken der rheinbayrischen rechtlichen Sonderstellung und dem Appellationsgerichtshof – bis heute befindet sich das höchste Gericht der Pfalz in der Stadt.


.1.7.Nachweise

Verfasser: Felix Schmidt

Erstellungsdatum: 09.09.2014

 

Verwendete Literatur:

  • Ammerich, Hans: Zwischen Bewahren und Erneuern, in: Die Wiege der Könige. 600 Jahre Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Zweibrücken 2010, S. 366-382.
  • Baus, Martin: „In hiesiger Gegend ist alles fortwährend ruhig“ – Vormärz und Revolution in Zweibrücken, in: Zweibrücken 1793 bis 1918: Ein langes Jahrhundert. 25 Autorinnen und Autoren zu 125 Jahren Stadtgeschichte, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Blieskastel 2002, S. 174-203.
  • Foerster, Cornelia: Der Preß- und Vaterlandsverein von 1832/33 Sozialstruktur und Organisationsformen der bürgerlichen Bewegung in der Zeit des Hambacher Fests, Trier 1982.
  • Glück-Christmann, Charlotte: Eine Einführung in 650 Jahre Stadtgeschichte, in: Zweibrücken 1793 bis 1918: Ein langes Jahrhundert. 25 Autorinnen und Autoren zu 125 Jahren Stadtgeschichte, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Blieskastel 2002, S. 13-35.
  • Süß, Edgar: Die Pfälzer im „Schwarzen Buch“. Ein personengeschichtlicher Beitrag zu Geschichte des Hambacher Festes, des frühen pfälzischen und deutschen Liberalismus, Heidelberg 1956.

Anmerkungen:

  1. Vgl. Ammerich, Hans: Zwischen Bewahren und Erneuern, in: Die Wiege der Könige. 600 Jahre Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Zweibrücken 2010, S. 370.  Zurück
  2. Vgl. Glück-Christmann, Charlotte: Eine Einführung in 650 Jahre Stadtgeschichte, in: Zweibrücken 1793 bis 1918: Ein langes Jahrhundert. 25 Autorinnen und Autoren zu 125 Jahren Stadtgeschichte, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Blieskastel 2002, S. 28f.  Zurück
  3. Vgl. Foerster, Cornelia: Der Preß- und Vaterlandsverein von 1832/33 Sozialstruktur und Organisationsformen der bürgerlichen Bewegung in der Zeit des Hambacher Fests, Trier 1982, S.14f.  Zurück
  4. Vgl. Baus, Martin: „In hiesiger Gegend ist alles fortwährend ruhig“ – Vormärz und Revolution in Zweibrücken, in: Zweibrücken 1793 bis 1918: Ein langes Jahrhundert. 25 Autorinnen und Autoren zu 125 Jahren Stadtgeschichte, hrsg. von Charlotte Glück-Christmann, Blieskastel 2002, S. 176.  Zurück
  5. Vgl. ebd., S. 178 und Foerster, S. 13.  Zurück
  6. Vgl. Baus, S. 183.  Zurück
  7. Vgl. Foerster, S. 21ff. und Baus, S. 184ff.  Zurück
  8. Vgl. Foerster, S. 193ff. und Baus, S. 186.  Zurück
  9. Vgl. Baus, S. 186.  Zurück
  10. Vgl. ebd.  Zurück
  11. Vgl. ebd., S. 189.  Zurück
  12. Vgl. Baus, S. 189ff.  Zurück
  13. Vgl. Foerster, S.38f. und Baus, S. 190ff.  Zurück
  14. Vgl. Baus, S. 192 und Süß, Edgar: Die Pfälzer im „Schwarzen Buch“. Ein personengeschichtlicher Beitrag zu Geschichte des Hambacher Festes, des frühen pfälzischen und deutschen Liberalismus, Heidelberg 1956, S. 43ff.  Zurück
  15. Vgl. Süß, S. 140 und Baus, S. 193.  Zurück
  16. Vgl. Baus, S. 193ff. und Süß, S. 150 sowie Foerster, S.58ff.  Zurück