Altendiez im Rhein-Lahn-Kreis

Zur Geschichte von Altendiez

Der Raum um Altendiez ist bereits seit der Altsteinzeit, die etwa um 10.000 v. Chr. endete, bewohnt. Die Höhle „Wildweiberlei“ spiegelt diese lange Geschichte der Region wider, finden sich doch in den verschiedenen Schichten Überreste aus Neuzeit, Mittelalter, Latènezeit (etwa 450 v. Chr.–0) und jüngerer Altsteinzeit (40000–9700 v. Chr.).[Anm. 1] Auf dem Plateau über der Höhle befand sich zudem ein Urnengrab, das etwa 800 v. Chr. angelegt wurde. In der Umgebung der Höhle wurden zudem Geräte aus der Jungsteinzeit (in Mitteleuropa ca. 5500–2200 v. Chr.) gefunden.[Anm. 2]

Das heutige Altendiez wird in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen aus dem Jahr 790 n. Chr. zum ersten Mal erwähnt. In dieser vermacht der Frankenkönig dem Kloster Prüm das eingezogene Gut eines Grundherrn namens „Alpad“ im Lahn-, Einrich- und Engersgau. Neben zahlreichen weiteren Orten im Rhein-Lahn-Kreis wird dabei auch „Theodissa“ erwähnt. Damit ist unzweifelhaft Diez gemeint. Unklar ist, welches Gebiet genau Theodissa damals bezeichnete: Diez und seine Umgegend, eine Markgenossenschaft mit Diez, Freiendiez und Altendiez, oder allein das heutige Altendiez?[Anm. 3] Seine heutige Bezeichnung erhielt Altendiez zum ersten Mal in einer Urkunde aus dem Jahr 1285.[Anm. 4]

Wie in vielen mittelalterlichen Dörfern befanden sich auch die Altendiezer Höfe in der Hand verschiedener adliger und kirchlicher Grundbesitzer. Im frühen Mittelalter war das bereits erwähnte Kloster Prüm dabei der bedeutendste Grundherr. Später traten als kirchliche Grundherren vor allem in der Nähe liegende kirchliche Institutionen auf, etwa das Diezer Stift, das Kloster Dirstein oder die Fachinger Klause. Altendiez zählte zur Grafschaft Diez und war Sitz eines Zentgerichts. Entsprechend wirkte sich auch die vor allem im Hoch- und Spätmittelalter wechselvolle Geschichte der Grafschaft auf die Gemeinde aus. Nach dem Aussterben des Grafengeschlechts 1386 teilten sich die Erben Nassau und Eppstein die Herrschaft in der Grafschaft. Dabei gehörte das Altendiezer Zentgericht den Herren von Eppstein. Im Juni 1444 verkaufte Gottfried von Eppstein unter anderem das Zentgericht an der Gemeinde an Johann und Heinrich von Nassau. Da innerhalb der Grafschaft komplizierte Besitzverhältnisse vorherrschten, wurde die Reformation in Diez und Altendiez erst vergleichsweise spät eingeführt. An der Grafschaft waren nämlich Hessen, Nassau-Dillenburg und das Erzbistum Trier beteiligt. Nach dem Ausscheiden Hessens im Jahr 1557 einigten sich Trier und Nassau-Dillenburg im sogenannten Diezer Vergleich von 1564 über eine Aufteilung der Grafschaft. Dabei verblieb Altendiez bei Nassau. Johann VI. von Nassau führte nach Abschluss des Vergleichs die Reformation durch.[Anm. 5]

Im 17. Jahrhundert sorgten die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges in Altendiez für Verwüstung. Zwar war das Gebiet nicht unmittelbar von den Kampfhandlungen betroffen, es war aber zeitweise Durchmarschgebiet der verschiedenen Heere. Mittelbare Kriegsauswirkung war der 1629 im Raum Diez ausgebrochene „Hexenwahn“, dem 21 Frauen und drei Männer zum Opfer fielen. Unter den Angeklagten waren auch vier Einwohner von Altendiez. Drei Frauen wurden hingerichtet, während ein Mann zwar an den Pranger gestellt wurde und verbannt werden sollte, letztlich aber im Ort bleiben konnte.[Anm. 6] In den 1630er Jahren durchzogen mehrere Heere die Altendiezer Gegend, was jeweils mit schweren Zerstörungen einherging. Den Anfang machte 1633 ein schwedisches Heer, das das Kloster Dirstein zerstörte und das Dach der Kirche St. Peter in Altendiez als Feuerholz verwendete. Im folgenden Jahr bereitete ein spanisches Heer Probleme. Es kam zu einem Überfall spanischer Soldaten auf Altendiez, bei dem das Vieh des Dorfes geraubt wurde. Nur ein Jahr später machten Räuber – es handelte sich um desertierte Soldaten – die Wälder um Altendiez unsicher. Dementsprechend stellte sich auch die Lage im Raum Diez nach dem Krieg dar: Zahlreiche Klöster und Stifte waren beschädigt oder zerstört, vier Orte innerhalb der Grafschaft waren zu Wüstungen worden. Die Peterskirche war unbenutzbar geworden.[Anm. 7]

Möglicherweise infolge der Zerstörung der Peterskirche[Anm. 8] errichteten Altendiez und das benachbarte Heistenbach 1723 gemeinsam eine Kapelle in Altendiez. Das Projekt war schon von Anfang an von Streitigkeiten um die Finanzierung des Baus geprägt. Da der bauliche Zustand zudem alles andere als zufriedenstellend war, handelte es sich bei den Instandsetzungsarbeiten des Jahres 1776 praktisch um einen Neubau. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Kapelle wieder abgerissen.[Anm. 9]

1806 fiel die Grafschaft Nassau-Diez an das Herzogtum Nassau und 1866, nach der Annexion des Herzogtums, an Preußen. Das 19. Jahrhundert brachte erhebliche Änderungen auf wirtschaftlichem, demographischem und politischem Gebiet. Von der aufkommenden Industrialisierung war im Ort zunächst nichts zu spüren. Um 1850 waren alle Einwohner noch landwirtschaftlich tätig – ob nun im Haupt- oder im Nebenerwerb. Viele Einwohner gingen zudem mehreren Gewerben nach – ein Zeichen für die schwierige ökonomische Lage der Bevölkerung. Diese schwierige wirtschaftliche Lage hing nicht zuletzt auch mit dem stärkeren Bevölkerungswachstum zusammen. So hatte sich die Altendiezer Bevölkerung in den Jahren zwischen 1791 und 1851 fast verdoppelt.[Anm. 10]

Bevölkerungentwicklung von Altendiez

Jahr Zahl der Einwohner[Anm. 11]
1791 281
1815 431
1835 564
1851 561
1871 777
1905 1020
1939 1323
1970 1756
1987 2036
2018 2195

Eine Reaktion auf die zunehmende Armut war in vielen Gemeinden die Auswanderung. Während allerdings mit Nieder-Fischbach bei Katzenelnbogen und mit Sespenrod im oberen Gelbachtal zwei ganze Dörfer gemeinschaftlich auswanderten, sind für Altendiez nur neun Auswanderer – zwei davon mit Familie – festgehalten.[Anm. 12]

1851 wurde die Ablösung des Zehnten in einer Urkunde festgehalten. Bis dato hatten die Altendiezer ein Zehntel ihrer jährlichen Erträge an den bzw. die Zehntberechtigten – in Altendiez waren dies die herzogliche Domäne, die Kirche St. Peter, das Diezer Stift und der erste Pfarrer in Diez sowie einige private Grundbesitzer aus Altendiez und Hohenfeld - abzugeben. Dabei wurde in Altendiez durch die neugegründete Landeskreditkasse eine Summe an den Zehntberechtigten gezahlt, die dem 16-fachen der Jahresabgabe entsprach. Für Altendiez entstand damit eine Verbindlichkeit an die Landeskreditkasse in Höhe von 4000 Gulden, von denen im ersten Jahr 53 Gulden aufgebracht werden sollten. Die Restschuld sollte in einem Zeitraum von 42 Jahren abgetragen werden.[Anm. 13]

Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte der Bergbau in Altendiez einen Aufschwung. So wurden ab 1838 Eisen- und Manganerze in Altendiez gefördert. 1865/66 existierten bereits mehrere Gruben, es wurden jedoch bis 1878 noch einige weitere angelegt. Wohl zusammen mit dem Eisen- und Manganerzbau wurde wohl auch Phosphorit gefördert. Der intensive Bergbau wurde vor allem in den Jahren 1870 bis 1890, aber auch noch um 1900 betrieben. Er zeigt bis heute seine Auswirkungen, da er den Bebauungsplan für Neubaugebiete in Altendiez begrenzt. Neben den Erzen und Phosphorit wurde im 19. und 20. Jahrhundert auch Kalk in Altendiez abgebaut. Der Steinbruch war bis etwa 1970 in Betrieb und rückte in dieser Zeit bis an den Ort heran.[Anm. 14]

Im Ersten Weltkrieg litt Altendiez als ländliche Gemeinde weniger unter den kriegsbedingten Versorgungsproblemen. 1917 wurden im Gegenteil  14 Wiesbadener Kinder zur Erholung in den Ort geschickt. Nach dem Krieg, dessen Ende auch mit dem Ende der Monarchie im Reich und den Ländern einherging, wurde Altendiez als Teil des „Brückenkopfes Koblenz“ durch die Franzosen besetzt. Auf das Kaiserreich folgte die kurzlebige Republik, in der sich Altendiez zu einer Hochburg der Sozialdemokratischen Partei entwickelte. Neben der SPD war vor allem die konservative DNVP eine bedeutende Kraft im Ort. Ab 1928 verschwand die DNVP in Altendiez in die Bedeutungslosigkeit. An ihre Stelle trat die NSDAP, die ihren Wähleranteil bis 1933 auf 49 Prozent steigern konnte und schon 1932 bei den Reichstagswahlen die (relativ) meisten Stimmen in Altendiez gewinnen konnte.[Anm. 15]   

Wie im Reich übernahm die NSDAP auch in Altendiez 1933 die Macht. Der Gemeinderat wurde gleichgeschaltet. Verschiedene nationalsozialistische Organisationen nisteten sich im Ort ein. Ein sozialdemokratischer Funktionär wurde schikaniert, ebenso eine im Ort lebende Frau, die nach den nationalsozialistischen Gesetzen als „Halbjüdin“ galt, mit ihren Kindern.[Anm. 16]

Im Zweiten Weltkrieg erlitt Altendiez keine größeren Schäden durch Luftangriffe. Allerdings hatte die Gemeinde 104 Gefallene und Vermisste zu verzeichnen. Unmittelbare Auswirkungen des Krieges waren, neben der überall erfolgten Einführung von Lebensmittelkarten, vor allem die Einquartierung von Soldaten vor dem Westfeldzug 1940.   Zudem wurden, nach den starken Zerstörungen durch Bombardements, Evakuierte aus den Städten in die Gemeinde gebracht. In den Betrieben ersetzten französische und russische Kriegsgefangene sowie italienische Zivilarbeiter die eingezogenen Altendiezer. Vier dieser Kriegsgefangenen starben: einer erhängte sich, einer ertrank, einer wurde auf der Flucht erschossen, einer starb bei einem Unfall im Steinbruch.[Anm. 17]

Am Nachmittag des 26. März 1945 besetzten US-Truppen die Gemeinde. Altendiez wurde im Juli 1945 Teil der französischen Besatzungszone und etwa ein Jahr später Teil des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Nach dem Krieg stieg die Bevölkerungszahl stark an. Mehrere Neubaugebiete entstanden. Zugleich veränderte sich auch die Berufsstruktur der Altendiezer Bevölkerung. So sank die Zahl der Haupterwerbslandwirte kontinuierlich. Die große Mehrheit der werktätigen Altendiezer pendelt zu ihrem Arbeitsplatz. Seit 1969 gehört Altendiez zum Rhein-Lahn-Kreis und seit 1972 zur Verbandsgemeinde Diez.[Anm. 18]

Verfasser: Christoph Schmieder

 

Verwendete Quellen und Literatur

  • Gensicke, Helmut: Landesgeschichte des Westerwalds. Wiesbaden 1958 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 13; Neudruck 1999).
  • Herold, Rudolf: Die Einführung der Reformation im heimischen Raum. In: Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft, Geschichte, Kultur unserer Heimat. Hrsg. von Agnes Allroggen-Bedel. Oberwesel/Rhein 1987. S. 166–183.
  • Meckel, Albrecht: Bergbau in Altendiez. In: 1200 Jahre Altendiez 790-1990. Beiträge zur Geschichte unseres Dorfes. Hrsg. von Ortsgemeinde Altendiez. Altendiez 1990. S. 111–117.
  • Morlang, Adolf: Bilder aus der Geschichte von Altendiez. In: 1200 Jahre Altendiez 790-1990. Beiträge zur Geschichte unseres Dorfes. Hrsg. von Ortsgemeinde Altendiez. Altendiez 1990. S. 9–65.
  • Schlierike, Harald: Geschichte der St.-Peter-Kirche. In: 1200 Jahre Altendiez 790-1990. Beiträge zur Geschichte unseres Dorfes. Hrsg. von Ortsgemeinde Altendiez. Altendiez 1990. S. 66–72.

Zuletzt bearbeitet: 22.04.2020

Anmerkungen:

  1. Die Fundorte wurden leider durch Steinbrucharbeiten abgetragen. Zurück
  2. Morlang, S. 11–14. Zurück
  3. Morlang, S. 17–20 Zurück
  4. Morlang, S. 22. Zurück
  5. Gensicke, S. 246; Morlang, S. 22f.; Herold, S. 179. Zurück
  6. Morlang, S. 25f. Zurück
  7. Morlang, S. 29; Schlierike 1990, S. 67. Nach Schlierike wurde die Peterskirche durch kroatische Truppen zerstört. Zurück
  8. Wo genau der in der Literatur hergestellte Zusammenhang zwischen der zerstörten Peterskirche, die 1725 wieder feierlich eingeweiht wurde, und der Errichtung der Kapelle zwei Jahre zuvor liegt, erschließt sich nicht ohne weiteres. Zurück
  9. Morlang, S. 31f. Zurück
  10. Morlang, S. 36. Zurück
  11. Morlang, S. 34; Angaben des statistischen Landesamts. Zurück
  12. Morlang, S. 37. Zurück
  13. Morlang, S. 38. Zurück
  14. Meckel 1990, S. 113–116. Zurück
  15. Morlang, S. 48f. Zurück
  16. Morlang, S. 49f., S. 53. Zurück
  17. Morlang, S. 52, S. 53–58. Zurück
  18. Morlang, S. 62f., Angaben des statistischen LandesamtsZurück