Netzbach im Rhein-Lahn

Geschichte von Netzbach

Das Mittelalter

Karl der Große schenkte 790 einige Ortschaften im Umkreis von Netzbach der Benediktinerabtei Prüm (Eifel). Netzbach wurde in der Schenkungsurkunde nicht genannt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Netzbach im Jahr 1092 unter dem Namen "Nezebach". Laut Urkunde schenkte der Dienstmann Noth des Stiftes St. Alban zu Mainz seinem Stift u.a. einen Morgen Land in Netzbach. Die Urkunde ist als Abschrift aus dem Jahr 1410 erhalten und mit Übersetzung in der Ortschronik abgedruckt. Im Jahr 1288 waren alle Bewohner von Netzbach Leibeigene des Albanstiftes. Das Stift bezog im gesamten umliegenden Kirchspiel den Kirchenzehnten.[Anm. 1]

Die Namensentwicklung des Ortes verlief über "Nezzebach" (13. Jahrhundert), "Neczbach" (15. Jh.) zu Netzbach.[Anm. 2]

Der Fronhof Netzbach war im späten Mittelalter im Besitz des St. Georgenstifts aus Limburg an der Lahn. Ebenfalls Hof und Gut in Netzbach besaß das Zisterzienserinnenkloster Gnadenthal und das Benediktinerinnenkloster Dirstein. Das Marienstift Diez verfügte auch über Hof und Gut, sowie vermutlich über die Mühle. Im 15. Jh. erwarb das Klarissenkloster Bärbach einen Hof und Ackerland in Netzbach. Eine hohe Zahl weltliche Grundbesitzer ist ebenfalls bekannt. Zu ihnen gehörten der vor Ort wichtige Richwin Specht, einige Junker von Limburg sowie Graf Philipp von Nassau-Weilburg und viele nichtadelige Personen.[Anm. 3]

Um 1350 setzte eine Krise der Landwirtschaft ein, das Lahngebiet hatte seine bis dahin höchste Bevölkerungsdichte erreicht. Das Ackerland wurde durch die Erbteilung knapp. Netzbach lebte vor allem vom Anbau von Getreide und der Kleinviehhaltung, sodass Landbesitz ein existenzieller Faktor war.

In der Grafschaft Diez herrschte im Jahr 1560 ein Nutzungsverbot für die Waldweide. Die Heugewinnung als Winterfutter war jedoch enorm wichtig, Heu war dementsprechend kostbar. Im Steuerregister wurde ein Wagen Heu mit 40 Gulden berechnet. Ein Morgen Land kostete 25 Gulden, eine Kuh 5 Gulden, Häuser 9 bis 30 Gulden. An einigen Flurnamen wird deutlich, dass neben Ackerbau und Viehzucht auch Bergbau eine Rolle spielte. Für das Jahr 1380 ist die Bezeichnung „ysingruobin“ überliefert, für 1551 „Isengruben“ und für 1585 schließlich „Eisengruben“.[Anm. 4]

Die mittelalterlichen Territorialherren waren die jeweiligen Landesherren der Grafschaft Diez. Ab 1101 waren dies die Grafen von Diez. Das Grafengeschlecht starb in männlicher Linie 1386 aus. Graf Adolf von Nassau-Diez erlangte durch Heirat die Grafschaft. Nach dessen Tod ging die Grafschaft ungeteilt an seinen Schwiegersohn und seinen Bruder. 1564 wurde die Grafschaft Diez geteilt, Netzbach blieb bei Nassau, andere Orte gingen an Kurtrier. Im 15 Jh. hatte auch Graf Johann von Katzenelnbogen Untertanen und Einnahmen in Netzbach.[Anm. 5]

Frühe Neuzeit

Im Frühjahr 1619 bereitete sich die Grafschaft auf den Krieg vor, der als Dreißigjähriger Krieg (1618 - 1648) bekannt werden sollte. Es wurden Kompanien gebildet. Die Soldaten wurden zur Hälfte mit Gewehren ausgerüstet, der Rest bekam Hellebarden und Picken. Durch Netzbach zog ein bayerisches Heer von etwa tausend Mann. In der Nähe, auf dem Menfelder Kopf, befand sich ein großes spanisches Heerlager. Netzbach scheint jedoch von größeren Belastungen verschont geblieben zu sein. 1623 wurden zwei kurbayrische Kavallerieregimenter in der Grafschaft einquartiert. Sie erpressten ihre Versorgung von der umliegenden Bevölkerung, sodass 14 Familien aus dem benachbarten Hahnstätten flüchteten. Im Mai 1627 fiel Oberst Freiherr von Görzenich in die Grafschaft ein. Er plünderte mehrere Dörfer, darunter Netzbach. Die Einwohner wurden misshandelt, die Häuser zerstört, die Tiere gestohlen. Auf Befehl Wallensteins wurde Görzenich deswegen im Oktober 1627 enthauptet. 1634 brach die Pest in der Region aus. Im Jahr 1636 starben viele Menschen an einer Hungersnot. Die Lage war ernst, es kam zu Kannibalismus. Die Menschen aßen Tierkadaver und führten Exhumierungen durch. Frauen wurden der Hexerei beschuldigt und ermordet. Der "Hexenwahn" dauerte teilweise noch länger als ein Jahrhundert an, also weit über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges hinaus. Netzbach litt während des Krieges unter einem starken Bevölkerungsrückgang. Im Jahr 1612 gab es 15 Dienstpflichtige in Netzbach, 1642 gar keine mehr. Für 1645 sind drei Dienstpflichtige überliefert, für 1646 sieben.[Anm. 6]

Im Jahr 1647 lebten sechs Familien in Netzbach, im Jahr 1660 wieder elf Familien mit insgesamt 61 Personen.[Anm. 7]

Berichte über eine Schule in Netzbach gab es seit Einführung der Reformation im Jahr 1564. Der Unterricht wurde durch den jeweiligen Pfarrer im Pfarrhaus abgehalten. Ab etwa 1781 fand zudem Schulunterricht in weiteren Räumlichkeiten im Ort statt. Im Jahr 1819 erweiterte man den Schulsaal in Oberneisen auf Anweisung der Landesregierung, die Kinder aus Netzbach wurden in Oberneisen unterrichtet. 1869 erfolgte der Bau eines eigenen Schulhauses in Netzbach, die Kinder mussten somit nicht mehr nach Oberneisen laufen. Namentlich bekannt sind zwölf Lehrer in Netzbach für den Zeitraum von 1702 bis 1870.[Anm. 8]

Das 19. Jahrhundert

Während der Revolutionskriege eroberten französische Truppen am 19.09.1795 den Lahnübergang bei Diez und plünderten die Stadt. In Hahnstätten kam es ebenfalls zu Plünderungen. Ob Netzbach ebenfalls betroffen war, ist unbekannt. Abgesehen von den Erschütterungen der Kriege förderte der Einfluss der Französischen Revolution jedoch auch eine innere Umgestaltung Deutschlands. Freiherr von und zum Stein (1757-1831) aus Nassau an der Lahn ließ Reformen durchführen, die 1807 zum Edikt zur Bauernbefreiung führten. Die Erbuntertänigkeit wurde abgeschafft, die Freiheit der Person, des Besitzes, des Berufes und der Rechtsgleichheit garantiert.  Zum Jahresbeginn 1808 hoben die nassauischen Herzöge zudem die Leibeigenschaft im Herzogtum Nassau auf.[Anm. 9]

Am 7.12.1868 wurde Netzbach Teil der neu gebildeten preußischen Provinz Hessen-Nassau. Der Krieg gegen Frankreich 1870 betraf Netzbach in dem Sinne nicht, als dass kein Netzbacher zur Armee eingezogen wurde. Mit der Reichsgründung und Kaiserproklamation vom Wilhelm I. am 18.01.1871 begann auch in Netzbach der Kaiserkult. Von nun an wurde jährlich der Geburtstag des Kaisers gefeiert.[Anm. 10]

In den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam es vermehrt zur Auswanderung von Deutschen nach Amerika. Aus Netzbach machten sich mehrere Familien auf den Weg in die Neue Welt. Die Regierungen in Deutschland fürchteten sich teilweise vor dem Verlust von Untertanen und führten Kampagnen gegen die Auswanderung. Im Jahr 1877 erschien ein Artikel im Kreisblatt von Netzbach. Er befasste sich mit dem in Berlin erschienenen Ratgeber "Die Ansiedlungsverhältnisse in Nordamerika". Im Artikel wurde einerseits vor Schutz- und Rechtlosigkeit der potentiellen Auswanderer gewarnt, andererseits regelrecht Werbung für den Ratgeber und die Auswanderung gemacht.[Anm. 11]

Das 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg wirkte sich in Netzbach zunächst negativ auf die Bildung der Kinder des Ortes aus, denn der Lehrer Hennemann folgte als Erster der Mobilmachung. Die Schule wurde vom Lehrer aus Oberneisen mitversorgt. Zunächst waren 20 Netzbacher im Krieg, im Laufe des Krieges insgesamt dann 36. Im Jahr 1914 gab es fünf Tote, einer wurde vermisst gemeldet. Die Preise für Lebensmittel stiegen, diese wurden rationiert. Lebensmittelrationen wurden herabgesetzt, die Versorgungslage war vor allem in den Städten sehr schlecht. In den Jahren 1916 und 1917 fielen je ein weiterer Mann aus Netzbach im Krieg in Frankreich. Am 20. Juli starb der Lehrer Hennemann im Frankreich durch eine Bombe. Der Krieg endete am 11. November mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Der Kaiser floh ins Exil in die Niederlande. In Oberneisen ging Lehrer Hartenfels, der die Kinder aus Netzbach in der Zeit des Krieges unterrichtet hatte, in Rente.[Anm. 12]

Das Jahr 1919 begann mit der Einsetzung des neuen Lehrers. 39 Kinder besuchten zu diesem Zeitpunkt die Schule in Netzbach und der Unterrichtsausfall der Kriegsjahre machte sich bemerkbar. In der Weihnachtszeit führten die Kinder ein Weihnachtsfestspiel auf, dessen Erlös für Lehrmaterial verwendet wurde. Der Gesangsverein veranstaltete einen Familienabend zu Ehren der heimgekehrten Kriegsgefangenen, bei dem diesen zudem ein Geldgeschenk gemacht wurde. 1921 kam es zu Preissteigerungen, die Schulkinder mussten während des Sommers auf Anweisung der Schulbehörde Tee sammeln, von dessen Erlös die Lehrmittel finanziert wurden. Am 24. Juli 1922 wurde ein Gefallenendenkmal im Ort eingeweiht. Im Jahr 1930 endete die alliierte Rheinlandbesetzung, was in Netzbach sehr begrüßt und mit einer Befreiungsfeier in der Schule zelebriert wurde. [Anm. 13]

Am 30. Januar 1933 erfolgte die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Hindenburg. Zu Hindenburgs Geburtstag am 02. Oktober 1933 wurde diesem in der Schule gedacht. Dort wurden von Beginn der Nazizeit an alle wichtigen Gedenktage der NS-Führung am Radio mitverfolgt. 1934 wurde in der Geschichtsstunde eine Feier zu Hitlers Geburtstag abgehalten. Die Schulkinder mussten zudem in Wiesbaden die Ausstellung über "Volk, Rasse und Familie" besuchen. Am 13. März 1938 wurde Österreich Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Im Oktober folgte die militärische Besetzung von Teilen der Tschechoslowakei und die Umwandlung dieser Gebiete in das Reichsgau Sudetenland.[Anm. 14]

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. In Netzbach wurden im Frühjahr 1940 Soldaten einquartiert. Den Schulunterricht ließ man zur Kohleersparnis zu dieser Zeit ausfallen. Wie schon im Ersten Weltkrieg wurden Lebensmittel rationiert, sie waren nur noch über Lebensmittelkarten zu bekommen. Von den 240 Einwohnern von Netzbach waren 43 Männer im Krieg. Der erste Tote aus Netzbach wurde aus Frankreich gemeldet, ein Soldat war in der Loire ertrunken. Bis 1942 stieg die Zahl der Gefallenen auf fünf. Kriegsgefangene ersetzten die im Krieg befindlichen Soldaten in der Landwirtschaft und weiteren Betrieben. Der von Deutschland begonnene Krieg kam auch nach Netzbach. Auf der Gemarkung des Ortes musste ein in Brand geschossenes Kampfflugzeug notlanden. Angriffe von Tieffliegern verunsicherten die Bevölkerung.[Anm. 15]

Am 23. März 1945 war der Krieg in Netzbach zu Ende. Panzer der US-Armee rollten durch den Ort in Richtung Heringen. Es kam erneut für einige Tage zu Einquartierungen, diesmal von amerikanischen Soldaten. Dann wurde Netzbach der französischen Besatzungszone zugeteilt. Die Grenze verlief zwischen Netzbach und Heringen. 1946 wurde der Regierungsbezirk Montabaur gebildet. Im Zuge der Währungsreform im Juni 1948 tauschten die Netzbacher in Hahnstätten ihr Geld um. Ein Jahr später, im August 1949, wurde der Militärgrenzposten zwischen Netzbach und Heringen abgezogen. Der Passzwang im Personalverkehr wurde aufgehoben. In Netzbach kamen deutsche Flüchtlinge an, welche sich zu Beginn mit Mangel an Wohnraum und einer desolaten Wirtschaftslage konfrontiert sahen. Mit dem unerwartet schnellen Wirtschaftswachstum der 1950er Jahre verbesserte sich die Situation. 1953 wurden der neue Gemeinderat und der neue Bürgermeister gewählt. Der Bürgermeister trat aber bereits ein Jahr später wieder zurück. Neuer Bürgermeister wurde Fritz Crecelius, der bereits während der NS-Zeit, von 1937 bis 1945, Bürgermeister gewesen war. Am 9. Januar 1961 wurde die neue Volksschule eingeweiht. Ein Jahr später wurde eine Ölpipeline durch den Ort gebaut. In den Jahren 1968 und 1969 bauten die Netzbacher ihre relativ neue Schule zu einer Mehrzweckhalle um. Bis 1992 stieg die Anzahl der Einwohner von Netzbach auf über 300 an.[Anm. 16]  

Jahr Einwohner
1843 177
1927 255
1964 280

Bevölkerungsentwicklung von Netzbach. [Anm. 17]

Nachweise

Autor: Konstantin Arnold

Verwendete Literatur: Wick, Arno: 900 Jahre Netzbach. Festschrift aus Anlaß der 900-Jahrfeier von Netzbach vom 31.7. bis 2.8.1992. Netzbach 1992.

Erstellt am 13.03.2020

Anmerkungen:

  1. Wick, Arno: 900 Jahre Netzbach. Festschrift aus Anlaß der 900-Jahrfeier von Netzbach vom 31.7. bis 2.8.1992. Netzbach 1992.  S. 10–11. Zurück
  2. Wick 1992, S. 15. Zurück
  3. Wick 1992, S. 15–20. Zurück
  4. Wick 1992, S. 22–24. Zurück
  5. Wick 1992, S. 30–31. Zurück
  6. Wick 1992, S. 32–37. Zurück
  7. Wick 1992, S. 39–40. Zurück
  8. Wick 1992, S. 46–49. Zurück
  9. Wick 1992, S. 52. Zurück
  10. Wick 1992, S. 72–73. Zurück
  11. Wick 1992, S. 77. Zurück
  12. Wick 1992, S. 85–87. Zurück
  13. Wick 1992, S. 89–96. Zurück
  14. Wick 1992, S. 89–96. Zurück
  15. Wick 1992, S. 96–97. Zurück
  16. Wick 1992, S. 97–99. Zurück
  17. Wick 1992, S. 54. Zurück