Freirachdorf im Westerwald

Zur Geschichte von Freirachdorf

Gesamtansicht des Dorfes[Bild: el tommo CC0]

Rachdorf wurde wohl zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert gegründet. Für ein hohes Alter spricht allein schon die Aufspaltung des alten Ortes in mehrere Siedlungen, in Freirachdorf, Brückrachdorf und Marienrachdorf.[Anm. 1]

Erstmals erwähnt wird Freirachdorf als »Rechdorf« im Jahr 1190. Als Graf Dietrich von Wied 1190 dem Erzbischof Philipp I. von Köln (1167-1191) seine Burg Olbrück zu Lehen auftrug, wurde unter den Zeugen der Edelfreie »Roricus de Rechdorf« genannt-[Anm. 2] Dieser Rorich von Rachdorf ist identisch mit Rorich Walpode, einem Nachkommen der Herren von Nister. Die Walpoden besaßen noch 1420 einen Hof in Freirachdorf[Anm. 3] und 1317 den benachbarten Hof Freiert (Vrienrode). Vielleicht kann man Rorich mit dem Rorich von Nister (1183-1187) gleichsetzen.[Anm. 4]

Zur Unterscheidung von den anderen Rachdorf-Orten erscheint der Ortsname in den folgenden Jahrhunderten als »Frigenrachdorff«, »Frienrachdorff«, »Freienratorf«, »Freienrachdorf« und »Freyrachdorff« und anderen Schreibweisen.

Freirachdorf lag an einer wichtigen Verkehrsverbindung, die vom Rhein kommend über Dierdorf, Marienhausen, Freirachdorf, Mündersbach, Höchstenbach, Altstadt nach Hachenburg führte.[Anm. 5]

Gewisse Einkünfte zu Freirachdorf gehörten im Jahr 1311 Salentin III. von Isenburg. Diese Einkünfte verkaufte sein Sohn Salentin IV. im Jahr 1346 dem Trierer Erzbischof Balduin von Trier (1307-1354).[Anm. 6] Noch im 16. Jahrhundert konnten die Grafen von Isenburg-Grenzau Teile vom Zehnten in Freirachdorf und Sessenhausen beanspruchen.[Anm. 7]

Der Streit um das Hofgut

Streit war in Freirachdorf vorprogrammiert, da die Gemeinde Freirachdorf unter wiedischer, das Hofgut in Freirachdorf unter saynscher Hoheit stand. Der Graf von Wied forderte den Hof Freirachdorf mit der Begründung, sein Geschlecht habe den Hof seinerzeit rechtmäßig von den Reichensteinern erworben. Dieser Streit beschäftigte seit Mitte des 15. Jahrhunderts die Gerichte. Am 20. September 1402 hatte Wilhelm I. von Reichenstein dem Grafen Johan IV. von Sayn (1359-1408) seine Burg Reichenstein geöffnet, und ihm für den Fall des Aussterbens derer von Reichenstein den Anfall der Herrschaft zugesichert. Der Graf von Wied pochte aber darauf, dass Reichenstein ein Lehen des Hauses Wied sei, die Reichensteiner folglich nicht eigenmächtig darüber verfügen könnten. Eine zweite Forderung, welche die Sayner erhoben, betraf den Hof zu Freirachdorf. Diesen Hof, ursprünglich Eigengut (Allod) der Herren von Reichenstein, hatte Wilhelm von Reichenstein im Jahr 1420 dem Grafen von Sayn zu Lehen aufgetragen.HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. 4829 und Best. 340 Nr. U 10370a. Graf Wilhelms Sohn, Heinrich von Reichenstein, sollte das Lehen vom Grafen empfangen, doch Graf Gerhard I. von Sayn (reg. 1408-1419) geriet in Gefangenschaft, deshalb konnte Heinrich das Lehen nicht empfangen. Die Grafen von Sayn nutzten den Hof bis zum Jahr 1500 selbst. Erst im Jahr 1500 erhielt Heinrich von Reichenstein das Lehen wieder aus der Hand des Grafen Gerhard III. von Sayn (1493-1506).HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. U 12744a..

Im Jahr 1538 werden erneut »jrrungen undt gebrechen« zwischen dem Erzbischof Hermann V. von Köln (1515-1547) als Vormund des minderjährigen Grafen Johann zu Wied und dem Grafen Johann VI. von Sayn (1536-1560) u.a. wegen des Hofes Freirachdorf (freyen Rachdorf) ausgetragen. Von den Vermittlern in diesem Streit wurde bestätigt, dass die ebenfalls strittige Burg Braunsberg Lehen der Grafen von Wied sein sollte.HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. U 12933a vom 24.9.1538. Über den Anspruch beider Parteien auf den Hof Freirachdorf sollte ein kommendes Schiedsgericht entscheiden.HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr U 12936 a, b und c vom 2.12.1538.

Der Streit zog sich über Jahre hin. Im Jahr 1555 versuchten die Pfalzgrafen bei Rhein auf einem Schlichtungstag zu vermitteln. Die ebenfalls umstrittene Herrschaft Reichenstein sollte Wied zugesprochen, der Hof Freirachdorf den Grafen von Sayn bestätigt werden. Doch damit war noch immer keine abschließende Einigung erzielt worden. Es kam sogar zu einem Prozess am Reichskammergericht.HHStA Wiesbaden Abt. 340 Nr. 1424a.. Erst am 1. Juli 1556 wurde der Streit um das Hofgut Freirachdorf entschieden, als die Brüder Johann VI. (reg. 1536-1560) und Sebastian II. († 1573) von Sayn, Herren zu Homburg, zu Montclair und Meinsberg und Graf Johann zu Wied, Herrn zu Runkel, ihre Streitpunkte schlichten ließen. Die Geschichte des Hofes Rechdorf wurde minutiös durchgespielt: Der Hof sei Eigentum der Herren von Reichenstein gewesen und den Herren von Sayn zu Lehen aufgetragen worden. Diese Lehenauftrag wurde aber nicht umsonst getätigt, sondern erst gegen eine Zahlung von 200 Gulden, die Anna von Solms-Braunfels (+ 1433), Gräfin von Sayn, Witwe des Grafen Gerhard I. von Sayn († 1419), am 29. Juni 1420 auch zugesagt,HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. U 10370 a. und die Herren von Reichenstein am 23. Februar 1421 auch empfangen hatten. Die Ansicht des Grafen Johann von Wied, er habe den Hof wie andere Güter der Herren von Reichenstein erworben, wurde von den Schiedsleuten verworfen. Der Hof Freirachdorf (Rechdorf) sollte weiterhin als Lehen der Grafen von Sayn mit allen Nutzungsrechten bleiben. Sayn wurde aufgefordert, die entsprechenden Lehenbriefe als Kopie den Grafen von Wied zu überlassen.HHStA Wiesbaden Abt. 340 Nr. U 13184; Schultze, Walpoden S. 181; Gensicke, Landesgeschichte S. 321.

Freirachdorf und die Grafen von Wied

Im Jahr 1510 tauschte Dietrich von Braunsberg, Herr zu Brohl, mit dem Grafen Johann V. von Sayn (reg. 1506-1529), Herr zu Homberg, seinen leibeigenen Wolff Herr von Freirachdorf gegen Gerde, die Tochter des Steyn von Nordhofen, die in Krümmel wohnte.HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. U 12483 vom 23.5.1510.

In den Jahren 1562-1567 kam es zu einem weiteren Rechtsstreit, diesmal zwischen dem Grafen Johan von Wied, Runkel und Isenburg, dem Grafen Adolf von Sayn (reg. 1560-1568) und der Gemeinde Mündersbach am Reichskammergericht. Der wiedische Gemeindehirte von Freirachdorf war im Wald »Steinchen (Steingen)« gefangen genommen worden, zwei Schweine seiner Herde waren gepfändet, sofort abgestochen und nach Mündersbach verbracht worden. Es wurde vorgebracht, der Wald »Steinchen« stehe unter saynscher Oberhoheit, die wiedische Gemeinde Rachdorf habe kein Recht, ihre Schweine dort in die Mast zu treiben.HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. 1424b und ebd. Best. 1 Nr. 2161. Später wurde der Freirachdorfer Hirte wieder aus der Haft entlassen. Man räumte ein, dass die Gemeinde Freirachdorf früher Weide- und Mastungsrechte im »Steinchen« hatte, diese seien aber hinfällig geworden, da der Wald mittlerweile an Dritte verpachtet worden sei. Außerdem sei die Freirachdorfer Schweinherde krank und es habe die Gefahr bestanden, dass die Herde des Pächters infiziert würde.HHStA Wiesbaden Best. 1 Nr. 2160.

Nach dem Tod des Grafen Johann von Wied nahmen seine Söhne 1581 eine vorläufige Erbteilung vor, die erst im Jahr 1589 abschließend geregelt wurde. Graf Hermann von Wied (1576-1592) sollte das Schloss und den Schlossbezirk Wied, einige KirchspieleGenannt werden die Kirchspiele Feldkirchen, Niederbieber, Honnefeld, Rengsdorf, Urbach, Raubach, Puderbach, Wambach und Oberdreis, das Kirchspiel Rückeroth, den Bann Maxsain und das Gericht Hauserbach (= Freirachdorf) erhalten. Ein mit seinem Bruder Wilhelm von Wied (1581-1592) vorgesehener Tausch von Heddesdorf gegen den Bann Maxsain und »die Hauserbach« kam nicht zustande.Gensicke, Landesgeschichte S. 332.

Nach dem Tod des Grafen Hermann und seiner Mutter Katharina im Jahr 1592 wurde die Grafschaft Wied in eine Niedergrafschaft (Wied-Neuwied) und eine Obergrafschaft (Wied-Runkel) geteilt. Graf Hermanns Sohn Graf Wilhelm erhielt u.a. das Gericht auf der Hauserbach (= Freirachdorf).Gensicke, Landesgeschichte S. 333.

Ob in Freirachdorf wirklich eine »Burg« bzw. ein besonderes »Herrenhaus« bestanden hat, wie der 1852 noch bekannte Flurname »Burggarten« andeutet, müssen weitere Nachforschungen klären.Auch über die bei der Begradigung des Holzbaches angeblich ergrabenen Grundmauern dieser ehemaligen Befestigung ist nichts weiter bekannt. Markovic, Verbandsgemeinde S. 69ff.

Im Jahr 1738/29 kam es zu einem Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht zwischen dem Grafen Johann Ludig Adolf von Wied-Runkel, der alle seine Untertanen im Kirchspiel Freirachdorf im Amt Dierdorf verklagte, weil sie sich weigerten, herrschaftliche Frondienste zu leisten.HHStA Wiesbaden Best. E 9 Nr. 60 und ebd. Abt. 1 RKG Nr. 2202. Nach Auffassung des Grafen musste jeder Inhaber eines Fuhrwerks pro Jahr 6 Fuhren Brennholz aus den dazu bestimmten Wäldern des Amtes Dierdorf zum Schloss in Dierdorf liefern. Doch die Freirachdorfer hatten diese Fuhren nicht geleistet. Graf Johann Ludwig Adolph von Wied hatte daraufhin Vieh pfänden lassen. Das hatten sich die Freirachdorfer nicht bieten lassen und das Vieh kurzerhand zurückgeholt. Als der Graf militärische Exekution anordnen ließ, flohen viele Untertanen in Gebiete, die dem Erzbischof von Trier hoheitlich unterstanden. Weiterhin gehörte zu den Frondiensten, dass jeder Untertan eine gewisse Menge an Gewebe (30 Stränge) herstellen bzw. spinnen mussten. Zur Fronplicht gehörte auch, dass die Untertanen Heu auf der »Offhäuser Heide« machen mussten. Schließlich forderte der Graf auch Schadenersatz für alle ihm durch die Weigerung und die militärische Exekution entstanden Kosten und Schäden sowie die Zahlung der auferlegten Strafgelder.HHStA Wiesbaden Best. 1 Nr. 2202 a und b.

Das Dorf Freirachdorf

Um das Hofgut Freirachdorf hatte sich eine zivile Gemeinde gebildet. Im Jahr 1471 war Freirachdorf bereits Hauptort eines Kirchspiels, zu dem ursprünglich Marienhausen, Maroth, Elgert, Wiedischhausen und Trierischhausen gehörten.

Im 16. Jahrhundert war Freirachdorf auch Gerichtsort. Gerichtsherr war seit 1471 der Graf von Wied. Das Gericht war der Hohen Feste Rückeroth 1471-1598 und dann dem Amt Dierdorf 1598-1806 zugeordnet. Zum Freirachdorfer Gerichtsbezirk gehörten Freirachdorf selbst, Elgert (1552, 1585, 1591), Hausen (1552, 1585, 1591) und die wiedischen Untertanen in Maroth (1585, 1591), sowie im 18. Jahrhundert auch Hilgert.[Anm. 8]

Die Einwohnerzahl Freirachdorfs betrug 1877/1900 insgesamt 270/280 Einwohner, 1912 wurden 350 Menschen, 1961 dann 546 Einwohner gezählt. Im Jahr 1982 lebten 573 Menschen in 261 Familien im Ort.[Anm. 9] Heute (2019/2020) wird die Einwohnerzahl mit 626 Menschen angegeben.

Ein Großbrand vernichtete im Jahr 1735 das Pfarrhaus, die Schule und 26 Häuser. Einer weiteren Feuersbrunst fielen am 8. Juli 1827 18 Häuser und 19 Scheunen mit Stallungen zum Opfer.[Anm. 10]

Einige Freirachdorfer bekleideten wichtige Ämter in umliegenden Herrschaften Als Rentmeister in der Herrschaft Isenburg erscheint zwischen 1535 und 1559 Jakob Hünckelfay (Minckelfay) von Freirachdorf. Johannes von Freirachdorf bekleidete zwischen 1569 und 1583 das selbe Amt. Henrich von Freirachdorf, auch Minckelfelder genannt, war zwischen 1592-1604 Schultheiß in Großmaischeid. Hen Feychen (Fyen Hen) von Freirachdorf war 1474-1486 Schultheiß in Marienrachdorf. Johan Feiges von Freirachdorf erscheint 1575 als Schultheiß in Marienrachdorf.[Anm. 11]

Schultheißen zu Freirachdorf

1553 Heinrich Scheuren
1585 Jakob Goedert
1591-1599 Johann Montag
1600 Johann zu Hausen
1601-1618 Peter Grein
1640-1660 Johannes Hömrich
1670-1681 Hans Adam Cöster, Küster
1685-1686 Christian Geyer
1695-1714 Johannes Hömmerich
1731 Hümmerich
1737 J.P. Hümmerich
1567 Hümmerich
1767 Oettgen (Adjunkt)
1804 Lotscheid zu Elgert

Freirachdorf teilte als wiedischer Ort, die Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts, denen auch Selters unterworfen war. Seit 1972 gehört Freirachdorf zur Verbandsgemeinde Selters.

Im Laufe der Jahrhundert verdienten die Freirachdorfer ihren Lebensunterhalt überwiegend in der Land- und Forstwirtschaft. Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten die hochwertige Quarzitfunde in der Gemarkung zahlreichen Ortsbewohner neue Verdienstmöglichkeiten. Durch den beachtlichen Abbau des Quarzit wurde die Gemeinde recht vermögend. Im April 1898 wurde mit der Firma H. J. Vygen und Comp. aus Duisburg ein erster Vertrag zum Quarzitabbau geschlossen. Fast 100 Jahr wurde Quarzit abgebaut. Der letzte Betreiber der Grube gab Anfang der 1980er Jahre das rekultivierte Grubengelände an die Gemeinde zurück.[Anm. 12]

Weitere Nachrichten

• 1890 wurde die »Gesangsvereinigung« heute MGV Freirachdorf gegründet
• 1907 erhielt jedes Haus umsonst elektrisches Licht
• 1912 wurde der Jugend-Spiel- und Sportverein durch Lehrer Witzel gegründet
• 1975/76 Errichtung der Friedhofshalle
• 1959 Der Angelsportverein Freirachdorf e.V. (1959 gegründet) hat die Baggerseen in der Gemeinde als Fischweiher gepachtet.[Anm. 13]

Nachweise

Verfasser: Stefan Grathoff

Literatur:

Erstellt am: 09.9.2020

Anmerkungen:

  1. Gensicke, Landesgeschichte S. 11. Zurück
  2. MRUB II, S. 149 Nr. 107; Gensicke, Landesherrschaft S. 364. Zurück
  3. Schultze, Walpoden S. 145. Zurück
  4. Gensicke, Landesgeschichte S. 198. Zurück
  5. Gensicke, Landesgeschichte S. 25. Zurück
  6. Er veräußerte ihm seine Dörfer Marienhausen, Maroth und Beringershausen und seine Rechte und Gülten zu Roßbach, Freirachdorf und Mündersbach. Diese gehörte alles zum »gude Mergenhusen« (Marienhausen). Gensicke, Landesherrschaft S. 110. Zurück
  7. HHStA Wiesbaden Best. 340 Nr. 5009 für den Zeitraum (1368ff.) 1416 bis 1579; ebd. Best. 340 Nr U 10236a vom 1.2.1377. Zurück
  8. Gensicke, Landesgeschichte S. 42, 384, 434, 474. Zurück
  9. Markovic, Verbandsgemeinde S. 69ff. Zurück
  10. Markovic, Verbandsgemeinde S. 69ff. Zurück
  11. Gensicke, Landesgeschichte S. 546, 547 und 548. Zurück
  12. Markovic, Verbandsgemeinde S. 69ff. Zurück
  13. Markovic, Verbandsgemeinde S. 69ff. Zurück