Hilgert im Westerwald

Die Pfeifenbäcker

1664 verzeichnete man in Hilgert 13 Häuser, bei denen es sich vorwiegend um Fachwerkbauten mit Strohdächern handelte. Unter den Bürgern existierten dabei 22 Kannenbäcker, ein Pfeifenmacher, einige Fuhrleute, ein Rotgerber und ein Zimmermann. Dennoch war der landwirtschaftliche Betrieb die Haupterwerbsquelle geblieben.

[Bild: Werner Baumann/Fotostudio Höhr-Grenzhausen]

Hinzu kam mit der Zeit die Töpfer- und Pfeifenbäckerei. Im 16. Jahrhundert wanderten Töpfermeister in den Westerwald ein und die Töpfer der Gemeinde Hilgert hatten sich seit 1643 mit Ihresgleichen aus den Nachbarorten zu einer Zunft zusammengeschlossen. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges begann für die Kannenbäcker eine Zeit des Aufschwungs, der um 1700 seinen Höhepunkt erreichte, was die Zahlen der Zunftmitglieder für diese Zeit belegen. Gab es 1661 lediglich vier Zunftmitglieder in Hilgert, so stieg diese Zahl bis 1756 auf 37 an.

Allerdings verschlechterte sich danach die Lage der Kannenbäcker zusehends. Die Gründe dafür waren unter anderem die eingeschränkte Möglichkeit der Farbgebung, die Konkurrenz neuer Materialien, wie beispielsweise Porzellan, sowie die starre Zunftordnung der Pfeifenbäcker. Der Erlass einer eigenen Zunftordnung durch den Landesherrn am 5. Mai 1777 besiegelte schließlich den Niedergang der Kannenbäcker in Hilgert.

[Bild: Horst Bartels]

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden nun verstärkt Tonpfeifen produziert. Pfeifenbäcker waren in Hilgert 1754 das erste Mal belegt. 1792 wurde dann eine eigene Pfeifenbäckerzunft gegründet. Die Not, Armut und Abgaben sorgten jedoch dafür, dass sich mehr und mehr Menschen dafür entschieden auszuwandern. Bevorzugtes Ziel war hier Amerika, wo die Menschen hofften sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Für die Jahre 1709/10 und 1722 sind dabei regelrechte Auswanderungswellen belegt. Dessen ungeachtet blieb der überwiegende Teil der Hilgerter Bevölkerung zurück, lebte allerdings weiterhin in Armut.

Da bis hierhin viele Pfeifenbäcker ihr Gewerbe aufgrund schlechter Absätze aufgeben mussten, stellten sie - gemeinsam mit den übrigen Hilgerter Bürgern - Bittgesuche an den Landesherrn, in denen sie unter anderem den Erlass von Abgaben und Hilfe in einer Notlage forderten. Mit dem Edikt vom 15. Mai 1819 löste Nassau die gesamten Kannen- und Pfeifenbäckerzünfte auf und gewährte Gewerbefreiheit, wobei sich Dadurch wenig für die Pfeifenbäcker in Hilgert änderte. Wegen schlechter Absatzzahlen schrumpfte die Zahl der Betriebe bis 1844 auf zehn. Ab 1855 kam es kurzzeitig zu einem wirtschaftlichen Aufschwung bis 1861 wieder 19 Pfeifenbäckereien verzeichnet waren. Trotz weiteren Höhen und Tiefen blieb die Konzentration der Pfeifenbäcker in Hilgert bis Mitte des 20. Jahrhunderts erhalten, solange bis 1988 der letzte hauptberuflich arbeitende Pfeifenbäcker seine Tätigkeit beendete.

Nachweise

Verfasser: Christian Engeroff

Erstellungsdatum: 21.02.2014

Literatur:

  • Schnug, Claus-Dieter/Bartels, Horst: Hilgert - Ein Westerwalddorf im Wandel der Zeit. Hilgert 2013.