Hilgert im Westerwald

Die Pfeifenbäckerei

[Bild: Werner Baumann/Fotostudio Höhr-Grenzhausen]

Eines der Kulturdenkmäler Hilgerts ist die Pfeifenbäckerei oder „Pfeiffestuff“, die sich in der heutigen Schulstraße 18 befindet. Werkstätten dieser Art hatten sich erst im Laufe der Jahrhunderte zu eigenständigen Einrichtungen entwickelt. Zuvor hatte man aus Gründen der Platzersparnis und der Armut noch bis in die 1920er hinein im eigenen Wohnhaus produzieren müssen. In den folgenden Jahren kam es jedoch zu einem Rückgang der Heimindustrie, an dessen Ende nur noch Betriebe übrig blieben, die über eine eigene Werkstatt verfügten. Diese konnte dabei entweder ein Raum im Wohnhaus oder ein Anbau an eben dieses sein. In den Werkstätten arbeiteten normalerweise nur Familienangehörige, allerdings konnten bei besonderem Bedarf Teilzeitkräfte aus der Nachbarschaft engagiert werden. Gearbeitet wurde auf niedrigen Holzschemeln vor schmalen Bänken. Bei dem arbeitsteiligen Produktionsprozess wurden zunächst aus Tonerde, nach mehrmaligem Malen und Kneten, sogenannte „Rollen“ hergestellt. Dies war Aufgabe der Frauen und Kinder. Nachdem die Rollen getrocknet waren, steckte der Kaster - bei dem es sich meistens um den männlichen Betriebsinhaber handelte - einen langen Nadelförmigen Eisenstiehl in die Tonrolle, die anschließend in eine zweiteilige Form gelegt wurde. Darin wurde sie mit einem Schraubstock zusammengepresst und der Kaster arbeitete mit einem Stopfer aus der wulstförmigen Verdickung den hohlen Pfeifenkopf heraus. Danach wurden sie auf Brettern zum Trocknen gelagert, in feuerfeste Töpfe gesteckt und im Ofen 12 Stunden bei einer Temperatur von 950°C gebacken. Die fertigen Pfeifen wurden abschließend verpackt und versendet. Die normale Arbeit eines Pfeifenbäckers betrug in der Regel 9-10 Sunden am Tag ohne Urlaubstage. An Samstagen wurde ebenfalls durchgängig gearbeitet sowie auch an manchen Sonntagen. Nur wenn der landwirtschaftliche Nebenerwerb es notwendig machte, ließ man die Arbeit in der Pfeifenstube ruhen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden allerdings nach und nach die letzten Werkstätten in Hilgert.

Nachweise

Verfasser: Christian Engeroff

Erstellungsdatum: 21.02.2014

Literatur:

  • Schnug, Claus-Dieter/Bartels, Horst: Hilgert - Ein Westerwalddorf im Wandel der Zeit. Hilgert 2013.