Grünstadt in der Pfalz

Mittelalter

Grünstadt ist vermutlich eine fränkische Gründung aus dem 6./7. Jahrhundert. Ursprünglich bestand der Ort aus zwei Siedlungskernen. Der nördliche befand sich auf dem Gebiet des heutigen Petersparks und wurde 799/800 als „Grimdeostad“ in einer Urkunde des (Wissembourg) im Elsass erstmals erwähnt. Der weiter südlich, um die heutige Martinskirche, gelegene, findet 875 erstmals Erwähnung. Ludwig der Deutsche übergab den Ort dem Kloster Glandern in Lothringen. Dieses Datum wird von Seiten der Stadt als erste urkundliche Erwähnung betrachtet, weshalb 2025 die 1150-Jahrfeier begangen wurde.[1]Beide Siedlungskerne besaßen, trotz räumlicher Nähe, eine eigene Kirche, was mit der Zugehörigkeit zu zwei geistlichen Herren begründet werden kann.In den folgenden Jahrhunderten baute das Kloster Weißenburg seine Besitzungen aus und es entstand ein Gutsbetrieb mit über 1.000 Morgen Land. Dieser wurde dem Kloster, zusammen mit weiteren Besitzungen, 991 durch Otto von Franken genommen. Das Kloster erhielt jedoch im Gegenzug das Lehnsrecht.[3]

Im 13. Jahrhundert bestand Grünstadt aus zwei Klostergütern und mehreren Bauernanwesen, für die es seit 1287 einen Schultheiß gab.[4] In dieser Zeit muss der Ort an die Leininger gefallen sein, wann genau, lässt sich jedoch nicht sagen. Als Friedrich der IV. zu Leiningen-Saarbrücken 1316 starb, war unklar, ob Grünstadt den Grafen als Eigentum oder Lehen gehörte. Der daraus resultierende Konflikt mit dem Kloster Weißenburg wurde erst 1370 geklärt. Die Leininger erhielten Grinstat (Grünstadt), Aßelenheim (Asselheim), Kirchem (Kirchheim) und Susenheim (Sausenheim) als Lehen vom Kloster Weißenburg. Durch Wirren und Finanznöte wurde das Lehen in der Folgezeit immer wieder weitergegeben und geteilt.[5] Seit 1471 ist eine Stadtbefestigung nachweisbar, von der heute nur noch Reste in der Neugasse existieren.[6] 1487 verkaufte die Linie Leiningen-Westerburg ihren Anteil an Grünstadt an die Kurpfalz, übernahm diesen jedoch bereits 1505 wieder. In der von Kaiser Maximilian I. bestätigten Kaufurkunde wurde das ursprüngliche weißenburgische Lehen zwischen den Linien Neuleiningen und Leiningen-Westerburg geteilt.[7]

Neuzeit

Das Kloster Glandern trat seinen Besitz 1549 an Maria von Leiningen-Westerburg ab. Die Verpfändung im Wert von 16.000 Gulden war auf 98 Jahre befristet, was jedoch in Vergessenheit geriet. Erst als das Kloster 1734 Besitzansprüche geltend machte, erwarben die Leininger offiziell den Bereich um St. Martin. Dies wurde nur möglich, weil die Gattin Graf Georgs II. das nötige Kapital in die Ehe einbrachte. Auch wenn das Kloster Glandern zeitweise keine Gewalt über Grünstadt ausübte, ist es bemerkenswert, dass der Ort de jure über 1.000 Jahre lang dem Kloster gehörte.[8]

1555/56 wurde der erste lutherische Gottesdienst in Grünstadt gehalten.[9] Im gleichen Jahr wurde Grünstadt durch Karl V. das Marktrecht verliehen. Von nun an durften zwei Jahrmärkte und jeden Samstag ein Wochenmarkt abgehalten werden. Der Marktplatz befand sich im oberen Teil der heutigen Fußgängerzone, zwischen altem Rathaus und Röhrbrunnen.[10] Später wurde der „Neumarkt“ angelegt, der heutige Schillerplatz.[11] Seit der Sanierung der Fußgängerzone in den 2010er Jahren findet der Markt auf dem erweiterten Carrières-sur-Seine Platz, neben dem Rathaus, statt.[12]

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) machte auch vor Grünstadt nicht Halt. In den 1620er Jahren wurde die Stadt mehrfach von den Spaniern, die Quartier in Dirmstein bezogen hatten, geplündert. 1632 wurden sie durch Gustav Adolf vertrieben. Wirtschaftlich gebeutelt hatte die Stadt einen Kredit von 60.000 Gulden abzubezahlen. Die Summe wurde schließlich auf 14 weitere Dörfer umverteilt, es dauerte jedoch noch fast hundert Jahre, bis der Kredit abbezahlt werden konnte.[13] Durch Krieg und Epidemien verlor Grünstadt viele Einwohner, was die Stadtherren durch die Ansiedlung von „welschen“ Siedlern (hauptsächlich Wallonen, Franzosen und Schweizer) auszugleichen versuchte.[14] Durch den Übertritt Ludwig Eberhards zu Leiningen-Westerburg zum Katholizismus 1673 kam es zu konfessionellen Konflikten zwischen ihm und der inzwischen mehrheitlich lutherischen Stadtbevölkerung.[15]

Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697) war ein zweischneidiges Schwert für Grünstadt. Einerseits wurde die Stadt 1689 durch die Franzosen gebrandschatzt, andererseits ergaben sich aus der Zerstörung der Burgen Alt- und Neuleiningen im Jahr darauf unverhofft neue Chancen für die Stadt. Die beiden Linien zogen mit ihren Höfen und Beamten um und machten Grünstadt zum Zentrum ihrer Grafschaft. Ober- und Unterhof wurden errichtet bzw. umgebaut.[16] Ab 1705 verwalteten die Linien die Stadt jährlich abwechselnd.[17]

1792 eroberten die Franzosen im Rahmen des Ersten Koalitionskrieges das linksrheinische Gebiet. Revolutionäre Ideen waren aber schon zuvor in Grünstadt diskutiert worden, maßgeblich vorangetrieben durch die leiningischen Beamten Morsdorf und Parcus. Nach der Eroberung der Stadt mussten die Einwohner einen Eid auf die neue Republik schwören. Einige, allen voran die Grafen von Leiningen, verweigerten diesen Akt und gingen ins rechtsrheinische Exil. Damit endete nach über 400 Jahren die leiningische Herrschaft über Grünstadt.[18] Im weiteren Verlauf des Krieges verschob sich die Front mehrmals um die Stadt. 1794 bezog der spätere Feldmarschall Blücher Quartier in der Stadt. Es wird berichtet, er sei mit seinem Pferd die Außentreppe des Rathauses hinaufgeritten und habe eine Rede an die Bevölkerung gehalten.[19] 1797 wurde das linksrheinische Gebiet im Frieden von Campo Formio offiziell an Frankreich abgetreten.[20] Grünstadt wurde Sitz eines Kantons im Arrondissement Speyer des Donnersberg-Départements und blieb bis 1814 französisch besetzt.[21]

19. Jahrhundert

Nach dem Wiener Kongress wurde Grünstadt 1816 bayerisch. Im selben Jahr kam es durch Unwetter zu Missernten in der Region.[22] 1829 besuchte König Ludwig der I. von Bayern die Stadt. Im Reisebericht über den Pfalzaufenthalt des Königs wird der Empfang in Grünstadt als sehr prächtig beschrieben. Wirtschaftlich begann sich die Stadt zu entwickeln. Eine Steingutfabrik wurde im ehemaligen Leininger Unterhof eingerichtet und 1837 die Stadtsparkasse gegründet.[23]

Um das Stadtwachstum zu steuern, erstellte Architekt Friedrich Pützer (1871-1922) aus Darmstadt einen Stadterweiterungsplan. Auf diesen gehen u.a. die Ringstraßen (Nord-, West- und Südring) zurück, die die Altstadt in großem Bogen umschließen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Grünstadt zum Bahnknotenpunkt. Hier zweigten von der Pfälzischen Nordbahn (Monsheim-Neustadt) die Strecken nach Eisenberg, Altleiningen, und Worms ab. Nach der Stilllegung fast aller Strecken zwischen 1969 und 1984 war Grünstadt nur noch Endbahnhof aus Richtung Neustadt. Nach der  Reaktivierung der Strecke nach Monsheim (1995) und der Eistalbahn (1994/95) ist der Bahnhof heute wieder ein Knotenpunkt des Regionalverkehrs.[25]

20. Jahrhundert

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war geprägt von erstarkender politischer Beteiligung und der Forderung nach ebenjener. So organisierten die örtlichen Sozialdemokraten 1912 eine Maifeier, auf der u.a. zum Frauenwahlrecht gezeigt wurden.[26] Im Ersten Weltkrieg war Grünstadt ab 1914 Lazarettstandort. In der Jakobslust und dem Luitpoldsaal wurden Verwundete versorgt. 164 Grünstadter fanden den Tod im Krieg.[27]

Wie in anderen Teilen Deutschlands, bildete sich Ende 1918 auch in Grünstadt ein Arbeiter- und Soldatenrat. Dieser besetzte das Rathaus und hisste die rote Fahne als Zeichen der Revolution. Weiter schloss man eine Vereinbarung mit Bürgermeister Bordollo zur reibungslosen Weiterführung der Verwaltungsgeschäfte. Das revolutionäre Kapitel Grünstadts endete nach wenigen Wochen mit dem Einmarsch der Franzosen.[28]

Die Zeit des Nationalsozialismus begann mit der Entmachtung des letzten demokratisch gewählten Stadtrats im Frühjahr 1933 durch die örtliche NSDAP In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge am Östlichen Graben geschändet und jüdische Geschäfte angegriffen In den Jahren zuvor hatten die meisten jüdischen Bürger aufgrund der staatlichen und gesellschaftlichen Repressalien die Stadt bereits verlassen. Mit der Deportation der verbliebenen Juden im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion 1940 endete die fast 400jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde Grünstadt.[31]Im Zweiten Weltkrieg wurde Grünstadt mehrfach Ziel von Luftangriffen. Diesen fiel 1942 die Martinskirche zum Opfer.[32] Der Krieg endete in Grünstadt am 20. März 1945 gegen halb vier, mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen. In den folgenden Tagen kam es trotzdem zu kleineren Gefechten zwischen Amerikanern und Deutschen.[33] Insgesamt starben 360 Grünstadterinnen und Grünstadter im Krieg.[34]

Von 1862 an hatte die Stadt zum Bezirksamt Frankenthal gehört, das 1939 in einen Landkreis umgewandelt wurde. Seit der Auflösung des Landkreises Frankenthal 1969 gehört Grünstadt zum Landkreis Bad Dürkheim.[35] Im selben Jahr wurden auch Asselheim und Sausenheim eingemeindet.[36]

verwendete Literatur

  • Alemannia Judaica: Grünstadt. Jüdische Geschichte/Synagoge, 31.01.2026, https://www.alemannia-judaica.de/gruenstadt_synagoge.htm (Aufruf 15.09.2026).
  • Holzborn, Klaus: Eisenbahn-Reviere Pfalz, Stuttgart 1993.
  • Karn, Peter; Weber, Ulrike: Kreis Bad Dürkheim. Stadt Grünstadt, Verbandsgemeinden Freinsheim, Grünstadt-Land und Hettenleidelheim. Worms 2006 (Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Bd. 13.2).
  • Lampert, Walter: 1100 Jahre Grünstadt. Ein Heimatbuch. Grünstadt 1975.
  • Pfalzwein e.V.: Carrières-sur-Seine-Platz, https://www.pfalz.de/de/sehenswuerdigkeit/carrieres-sur-seine-platz (Aufruf 29.07.2026).

Fußnoten

[1] Lampert, Walter: 1100 Jahre Grünstadt. Ein Heimatbuch. Grünstadt 1975, S. 30-35.

[2] Ebd. S. 40.

[3] Ebd. S. 33, 40.

[4] Ebd. S. 41.

[5] Ebd. S. 58.

[6] Karn, Georg Peter/Weber, Ulrike: Kries Bad Dürkheim. Stadt Grünstadt, Verbandsgemeinden Freinsheim, Grünstadt-Land und Hettenleidelheim. Worms 2006 (Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 13.2), S. 171f.

[7] Lampert 1975, S. 59f.

[8] Ebd. S. 59-62.

[9] Ebd. S. 63.

[10] Ebd. S. 67.

[11] Karn/Weber 2006, S. 169.

[12] Pfalzwein e.V.: Carrières-sur-Seine-Platz, in: pfalz.de, URL: https://www.pfalz.de/de/sehenswuerdigkeit/carrieres-sur-seine-platz (zuletzt abgerufen: 29.07.2026).

[13] Ebd. S. 77f.

[14] Ebd. S. 80.

[15] Ebd. S. 83.

[16] Ebd. S. 84f.

[17] Karn/Weber 2006, S. 167.

[18] Lampert 1975, S. 103-105.

[19] Ebd. S. 109-111.

[20] Ebd. S. 113

[21] Karn/Weber 2006, S. 167.

[22] Lampert 1975, S. 119

[23] Ebd. S. 125-126; Karn/Weber 2006, S. 170.

[24] Karn/Weber 2006, S. 170.

[25] Holzborn, Klaus: Eisenbahn-Reviere Pfalz, Stuttgart 1993, S. 95.

[26] Lampert 1975, S. 144-151.

[27] Ebd. S. 153-156.

[28] Ebd. S. 158f.

[29] Ebd. S. 167.

[30] Ebd. S. 168.

[31] Alemannia Judaica.

[32] Ebd. S. 172-174.

[33] Ebd. S. 176-177.

[34] Ebd. S. 393.

[35] Karn/Weber 2006, S. 167.

[36] Ebd. S. 211, 222.