Frei-Laubersheim in Rheinhessen

Das Schicksal der letzten Juden von Frei-Laubersheim

Judenstern von 1941.[Bild: Henning Angerer]

Öffentlicher Anzeiger vom 9. Dez. 1938: „"Frei-Laubersheim: Der Viehhändler Salomon Baum verließ den Ort, damit ist die Gemeinde judenfrei“."

In dieser unscheinbaren Zeitungsnotiz wird im nationalsozialistischen Sprachgebrauch das Ende eines seit mehreren Generationen bestehenden  jüdischen Gemeindelebens in Frei-Laubersheim mitgeteilt. Gleichzeitig bedeutet dies den Beginn eines unvorstellbaren Leidensweges einer jüdischen Familie, die wie Millionen anderer jüdischer Mitbürger, Opfer des Nazi-Terrors wurden.

Salomon Baum, geb. am 21. November 1871 lebte wie seine beiden Schwestern Wilhelmine und Mathilde von Geburt an in Frei-Laubersheim. Nach dem Tod der Eltern, Samuel und Sara Baum, übernahm Salomon die Hofreite in der Obergasse, heute Rathausstraße und räumte seinen Schwestern das Nutzungsrecht ein.

Im Jahre 1905 heiratete Salomon  die vier Jahre jüngere Zerline Ackermann aus Weiher. Aus dieser Ehe gingen 6 Kinder hervor: Erna, Johanna, Arthur, Marx, Rosa und Flora. Salomon Baum verdiente seinen Lebensunterhalt so, wie es schon sein Vater in Frei-Laubersheim getan hatte, nämlich durch Viehhandel, vor allem durch Schlachtviehhandel.

Im ersten Weltkrieg war er zweieinhalb Jahre Kriegsteilnehmer.

Anfang der 30iger Jahre verließen fast alle Juden Frei-Laubersheim. Auch die beiden Söhne Salomons sahen in Deutschland keine Zukunft mehr und wanderten nach Argentinien aus, wo sie sich eine  neue Existenz aufbauten. Nur Salomon und der Rest der Familie blieben. Salomon Baum war Frei-Laubersheimer und er wollte seine Heimat nicht verlassen, obwohl auch er die zunehmende Hetzkampagne der Nationalsozialisten gegen die Juden erkennen konnte.

Öffentlicher Anzeiger vom 11. November 1938: "Auch in Bad Kreuznach und den Orten der Umgebung machte sich die Empörung der Volksgenossen in den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages Luft. Der Volkszorn über die abscheuliche Mordtat fand seinen Ausdruck in der Zertrümmerung der Fensterscheiben in jüdischen Geschäftslokalen und Wohnungen auch die Inneneinrichtungen wurden von den empörten Volksgenossen zerschlagen...
In  den Orten der Umgebung und Geschäften überall das gleiche Bild, der Volkszorn hatte sich in gleicher Weise Luft gemacht.“"

Die „Volksgenossen“, die in Frei-Laubersheim wüteten, bestanden nach einem Augenzeugenbericht aus einer Gruppe ortsfremder Nationalsozialisten, die allerdings genau wussten, dass hier noch eine jüdische Familie lebte.

Am Vormittag des 10. November 1938 hielt ein motorisierter nationalsozialistischer Trupp vor dem Anwesen des Salomon Baum, stürmte das Haus, zertrümmerte Fenster, Türen und das gesamte Mobiliar, warf Teile des Hausrats, aber z.B. auch gefüllte Einmachgläser  auf die Straße und setzte dann die Fahrt in Richtung Fürfeld fort. Da das Wohnhaus der Familie Baum durch diese Barbarei unbewohnbar geworden war, brachte man die Familie vorübergehend notdürftig im Rathaus unter.[Anm. 1]

Kurze Zeit nach dieser „sog. "Reichskristallnacht“" verließ auch die Familie Baum als letzte der hier wohnhaften Juden den Ort und zog nach Worms in die Gymnasiumstrasse 6. Tochter Johanna, die seit 1. Januar 1936 als Hausmädchen in Worms gearbeitet hatte, zog am 20. Oktober 1939 zu ihrer Familie in die Gymnasiumstrasse. Am 22.11.1939 zogen alle 6 in die Judengasse 33 in Worms. Johanna und Flora mussten seit dieser Zeit bei der Mainzer Firma Werner und Merz Zwangsarbeit leisten.

Am 20. März 1942 wurden die Schwestern Johanna und die 21jährige Flora mit dem damaligen Massentransport nach Piaski (Polen) deportiert. Sie sind wie alle Angehörigen dieses Transportes im Vernichtungslager Belzec oder Maidanec umgebracht worden.

Die Eltern, die den Abtransport ihrer beiden Kinder miterlebten, mussten drei Monate danach nochmals die Wohnung wechseln. Sie wurden in das stadteigene Haus Sixtusplatz 4 umquartiert, letztes Asyl vor ihrer eigenen Deportation.

Salomon Baum und seine Frau Zerline sowie die beiden Schwestern Wilhelmine und Mathilde wurden mit dem Massentransport am 27. September 1942 nach Terzin (Theresienstadt)  deportiert. Terzin war ein sog. „Altersgetto“, das für 5.000 Menschen geplant war, jedoch zeitweise  bis zu 45.000 Menschen aufnahm. Dorthin wurde u.a. auch die Leiterin der jüdischen Kinderheilstätte in Bad Kreuznach, Schwester Oberin Sophie Sondhelm, deportiert.

Mathilde Baum starb dort am 23.11.1942, ihre Schwester 14 Tage später am 9. Dezember. Zerline Baum starb am 2. März 1943 und ihr Mann am 20. (!)  April 1944.

Über das Schicksal der beiden Töchter Erna und Rosa konnte nichts ermittelt werden.

Wohnhaus der Familie Baum Gymnasiumstraße 6 in Worms[Bild: W. Zeiler]
Die Stolpersteine im Gehweg[Bild: W. Zeiler]
Die Steine werden verlegt[Bild: W. Zeiler]

Stolpersteine für die Familie Baum in Worms

Am Nachmittag des 8. März 2017 wurden in Worms vor dem Haus Gymnasiumsstraße 6 von der Stolpersteingruppe des Vereins Warmaisa in Worms 6 Stolpersteine verlegt. Sie sollen daran erinnern, dass Salomon Baum, seine Frau Zerline, ihre zwei dort lebenden Kinder Flora und Johanna sowie deren Tanten Mathilde und Wlhelmine Baum in diesem mehrstöckigen Haus vor ihrer Deporation in die Vernichtungslager ihre letzte eigene Wohnung hatten.

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Zeiler

Verwendete Literatur:

  • Zeiler, Wolfgang: Das Schicksal der letzten Juden von Frei-Laubersheim. In: Naheland-Kalender (2006), S. 176-177.

Erstellt: 2009

Aktualisiert am: 30.06.2014

 

Anm.:Das Bild des Judensterns stammt mit freundlicher Genehmigung aus der Hamburger Deportationsausstellung In den Tod geschickt.Die Deportation von Juden, Sinti und Roma aus Hamburg 1940-1945.

Anmerkungen:

  1. Nach Schilderungen des ehem. Frei-Laubersheimer Friseurs Herrn Rink Zurück