Frei-Laubersheim in Rheinhessen

[Bild: Ortsarchiv Frei-Laubersheim]

Die Entwicklung des Dorfplatzes am Röhrenbrunnen - dargestellt an 3 Ortskarten(1)

1. Die Bebauung anhand der Karte von 1832

Die Karte von 1832 ist die erste exakte Ortskarte von Frei-Laubersheim. Sie zeigt, obwohl sie fast 200 Jahre alt ist, eine Bebauung am Dorfplatz, wie wir sie auch heute noch im Wesentlichen vorfinden z.B. das Rathaus oder den ehem. Klosterhof des Klosters Tholey.Der Dorfplatz ist einem Dreieck ähnlich. Auf ihm treffen sich die Straßen Kirchenpforte, Rathausstraße und Philipp-Wehr-Straße (früher „Untergasse“). Die Landstraße von Kreuznach nach Alzey überquerte, von der Kirchenpforte kommend,  den Dorfplatz und verlief am Rathaus vorbei weiter nach Fürfeld. Einen großen Teil des Dorfplatzes nahm die „Weed“ ein, ein offener Teich, der als Löschwasserreservoir und als Viehtränke diente. Zu dieser Zeit waren weder der neugotische Röhrenstock (1863 errichtet), noch das ihn umgebenden Wasserbassin (1884 erbaut) vorhanden.(2)

Das Rathaus bildete in vielen Gemeinden bis ins 17. Jh. in der Regel „einen Teil der Bebauung am Dorfplatz"(3). Wie die Ortskarte von 1832 zeigt, ist der Standort des Rathauses zwar in der Nähe, aber nicht direkt am Dorfplatz. Der mächtige Rathausbau konnte aber, so wie dies heute auch noch möglich ist, vom Dorfplatz aus zumindest teilweise gesehen werden.

Auffallend ist, dass, von der Kirchenpforte kommend, das Rathaus in die Häuserfront eingegliedert ist, danach jedoch verläuft die Häuserfront um einige Meter versetzt weiter. Das gleiche Bauprinzip findet sich auf der dem Rathaus gegenüberliegenden Seite. Von der Backhauspforte kommend ist die Häuserfront bis auf die Höhe des Rathauses einheitlich, danach wird der Straßenverlauf um einige Meter versetzt fortgeführt. Die Westecke des Rathauses und die Ostecke des gegenüberliegenden Gebäudes  stehen sich dadurch direkt gegenüber und verengen den Straßenverlauf an dieser Stelle erheblich. Diese Form der Bebauung findet sich an keiner anderen Stelle im Ort.

Gerten weist in seiner Chronik des Rathauses (4) darauf hin, dass im Ort ein Vieh-, Wagen-, Fass- und Reifzoll erhoben wurde und dass diese Zolleinnahmen wegen des bedeutenden Fürfelder Viehmarktes recht beträchtlich gewesen sein müssen. Vermutlich wird an dieser bewusst herbeigeführten Verengung der Straße eine Zollschranke gewesen sein.

Nordwestlich der Weed erkennt man das heutige Anwesen  „Libor“(ehemals Bausmann). Die Gebäude bilden eine u-förmige Hofreite, wobei die ehemaligen Wirtschaftsgebäude giebelseitig zum Dorfplatz ausgerichtet sind, während sich das Wohnhaus an diese beiden Gebäude traufseitig anschließt. Das Wohnhaus zeigt im Türsturz die Jahreszahl 1782, die Jahreszahl über dem Keller, der unter den Haus liegt, weist als Erbauungsjahr 1802 aus. Dass der  Keller nach dem Wohnhaus errichtet worden sein soll,  erscheint doch sehr ungewöhnlich. Daher bleiben diese beiden Jahreszahlen nicht einsichtig.

 

Karte von 1832. Linie zeigt die Größe des Dorfplatzes.
Ortskarte "nach 1794"

2. Die Bebauung anhand der Karte von  „nach 1794“

Auf der Ortskarte, betitelt „nach 1794“ wird ein ganz anderes Bild der Bebauung des Dorfplatzes am Röhrenbrunnen dargestellt. Die Karte gibt die Strukturen des Ortes sehr gut wieder. Die „Weed“ ist z.B. wie in der 1832er Karte an gleicher Stelle eingezeichnet. Die Karte zeigt insgesamt, dass der Kartograph gute Informationen über Frei-Laubersheim besaß.

Der Dorfplatz war danach nicht dreieckig, sondern eher rechteckig. Auffallend ist das freistehende Gebäude, das in den Platz  hineinragt und ihn praktisch in einen östlichen und einen (kleineren) westlichen Platz teilt. Die Lage dieses Gebäudes und die durch die Rechteckform erkennbare Ausrichtung des Giebels zeigen, dass es sich bei diesem relativ großen Gebäude nur um das Frei-Laubersheimer Rathaus handeln kann. Die östliche Traufseite des Rathauses bildete danach den Abschluss des größeren Platzes nach Westen. Die westliche Traufseite mit dem Treppenaufgang begrenzte den kleineren Platz nach Osten. Das Rathaus war nach dieser Karte tatsächlich ein Teil der  Bebauung des Dorfplatzes und war in seiner gesamten Größe von beiden Plätzen aus zu sehen.

Die Gebäude, die den freien Blick vom Dorfplatz an der Weed zum Rathaus heute verstellen, gab es  nach dieser Karte damals noch nicht. Die Häuser, die den Platz nach Norden begrenzen, waren offenbar traufseitig zum Platz ausgerichtet. Dies ist erkennbar an der Linienführung entlang des Platzes. Die giebelseitigen Gebäude, die auf der 1832er Karte eingezeichnet sind, waren danach  um 1794 noch nicht vorhanden.

Durch die Größe der beiden Plätze konnten Bekanntmachungen und sonstige Verkündigungen  zu einer größeren Menschenmenge vom Altan oder vom Erker aus erfolgen. Der auf dem Prangerstuhl Sitzende konnte vom ganzen Platz aus gesehen werden, was die Wirkung seiner Strafe wohl noch vergrößerte.

Die bereits in der 1832er Karte festgestellte Straßenverengung kann auch aus dieser Karte ersehen werden, so dass der Gedanke einer Zollschranke an dieser Stelle, auch nach dieser Karte denkbar wäre. Sollte bei der Zollabfertigung einmal größerer Andrang geherrscht haben, so war auf beiden Seiten der Zollschranke Raum genug für wartende Fuhrwerke und Viehhändler. Da man in Frei-Laubersheim nicht "an den Pranger gestellt", sondern "an den Pranger gesetzt" wurde, befand sich der so Bestrafte an diesem engen Durchlass in gleicher Kopfhöhe wie die vorbeiziehenden Schafe und Ziegen; es ist leicht vorstellbar in welch unangenehme Situationen der Delinquent dadurch geraten und welchen Spass Viehhändler mit ihm treiben konnten

Einen weiteren Hinweis, dass der Dorfplatz tatsächlich wesentlich größer gewesen sein könnte, geben auch die eingemeiselten Jahreszahlen über den Kellereingängen des heutigen Anwesen Libor, die alle erst aus der Zeit um 1800 stammen. Keller, die aus dem 16. und 17.Jh. stammen, befinden sich unter mehreren Häusern in Frei-Laubersheim, aber gerade in diesem Bereich offenbar nicht!

Sollte die Ortsbebauung auch um 1603 so gewesen sein, wie sie diese Militärkarte darstellt, dann hatte dieser neue gewaltige Rathausbau, noch erhöht durch den leichten Anstieg von der Weed zum Rathaus hin, den Dorfplatz vollkommen dominiert. Mit dem Rathausbau wollten die Frei-Laubersheimer ihr bäuerliches Selbstbewusstsein demonstrieren. Mit einem solchen freistehenden, steinernen Renaissancebau an zentraler Stelle des Platzes, wäre dieses Ziel sicher erreicht gewesen.

In gewisser Weise bestätigt  wird diese Form der Bebauung am Dorfplatz auch durch eine noch ältere Karte aus dem Jahr 1740.

Ortskarte von 1740 (Bisher älteste Karte von Frei-Laubersheim)

3. Die Bebauung anhand der Ortskarte von 1740

Es ist der bisher älteste bekannte Ortsplan von Frei-Lauberseheim. Am oberen Bildrand ist die ehem. Kirche als ovales Gebilde erkennbar. Mit einem breiten Federstrich ist die Landstraße Richtung Fürfeld bzw. Kreuznach, die auch über den Dorfplatz verlief, eingezeichnet.

Von der Kirchenpforte 4 bzw. dem Görzchen Keller ist über eine längere Strecke rechts der Straße nach Fürfeld praktisch keine Bebauung zu erkennen. Allerdings sind auf dieser Karte, die sicherlich ungenauer ist als die Karte von 1794, weder die Weed noch das Rathausgebäude klar erkennbar. Ob diese durch den Federstrich verdeckt sind, ist aus der Abbildung nicht zu ermitteln.

4. Zusammenfassung

Es spricht einiges dafür, dass der Dorfplatz um 1600 nach Norden hin relativ gering bebaut  und damit wesentlich größer war als heute. Die Bebauung, wie wir sie heute kennen, erfolgte  in diesem Bereich wahrscheinlich erst um 1800. Der gewaltige Rathausbau beherrschte diesen Platz vollkommen und teilte ihn in einen größeren westlichen und einen kleineren östlichen Bereich.

Anmerkungen

1) Die Karte von 1832 befindet sich im Ortsarchiv Frei-Laubersheim: Handrisse über die Grundstücke in der Gemarkung Frei-Laubersheim, bearbeitet durch den Gr. Steuerkommissair Klein im Jahr 1832.

2) www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/frei-laubersheim/kulturdenkmaeler/roehrenbrunnen.html

3)  Spille, Irene: Rathäuser im Rhein – Main – Neckar – Raum bis 1800, Darmstadt und Marburg 1985, S. 22.

 

4) regionalgeschichte.net, Frei-Laubersheim,  Einzelaspekte: G. Gerten: Das Frei-Laubersheimer Rathaus aus dem Jahre 1603

5) Die Karten „1740“ und „nach 1794“ wurden entnommen von: Reiniger, Wolfgang: Landkarten und Ortspläne des Kreises Bad Kreuznach, 1668-1897, Bad Kreuznach 1987, S.37 und S. 49

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Zeiler

Verwendete Literatur:

  • Spille, Irene: Rathäuser im Rhein – Main – Neckar – Raum bis 1800. Darmstadt und Marburg 1985.
  • Reiniger, Wolfgang: Landkarten und Ortspläne des Kreises Bad Kreuznach, 1668-1897. Bad Kreuznach 1987.

Erstellt: 2012

Aktualisiert am: 07.07.2014