Frei-Laubersheim in Rheinhessen

Die Glocken im romanischen Kirchturm

Der romanische Wehr- und Kirchturm von St. Mauritius.[Bild: Harald Strube]

„Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut: Aber das Abendläuten erklang, schwebte über den Feldern, über den Wald. Es mahnte die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen.“ schreibt Alexander Solschenizyn in der Erzählung „... den Oka-Fluß entlang"[Anm. 1]. Der Klang der Glocken, so sagt man auch, würde Himmel und Erde verbinden. Tatsächlich ist es für uns eigentlich unvorstellbar, dass ein Dorf oder eine Stadt kein Geläute besitzt.
Die drei Glocken der katholischen Kirche Frei-Laubersheim befinden sich im romanischen Kirchturm[Anm. 2], dem ältesten Gebäude der Gemeinde.

Zwei der Glocken, nämlich die große und die kleine Glocke mit den Tönen as und cis, wurden  im 15. Jh. aus Bronze  gegossen. Nach dem ersten Weltkrieg stellte man beide Glocken am 20.08.1920 unter Denkmalschutz.


Die große Glocke hat einen Durchmesser von 96 cm, wiegt beachtliche 550 kg und stammt aus dem 15. Jh. [Anm. 3]. Die von Kordelstegen eingefasste einzeilige Umschrift ist aus verschiedenen Bibelstellen zusammengesetzt, wobei die einzelnen Worte durch Sternchen getrennt sind:

*osanna*filio*david*benedictvs*qvi*venit*in*nomine*domini*gloria*in*eccelis
(Hosanna* dem Sohne* Davids* gesegnet sei* der * kommt* im* Namen* des Herrn* Ehre* in* der Höhe*)

Diese Glockenumschrift ließ sich bisher als Inschriftentext auf anderen Glocken nicht nachweisen. [Anm. 4] Auf der Glocke befindet sich die figürliche Darstellung der Muttergottes mit Kind und gegenüberliegend das Relief des Gekreuzigten.

Die Glocke wurde nicht nur für kirchliche, sondern auch für gemeindliche Zwecke genutzt, denn sie läutete auch bei Feueralarm und anderen Notfällen. 

Die  kleine Glocke aus dem Jahr 1474 wiegt mit 175 kg etwa ein Drittel der großen Glocke, ihr Durchmesser ist jedoch mit 66 cm nur 1/3 kleiner als ihre große Schwester. Die einzeilige Umschrift lautet: „ih(esv)s nazarenvs rex ivdeorvm anno d(omi)ni m cccc lxxiiii ot“, also „Jesus von Nazareth König der Juden 1474“. Die beiden Buchstaben „ot“ am Ende der Umschrift sind wahrscheinlich die Anfangsbuchstaben des Glockengießers Johannes Otto, der Ende des 15. Jahrhunderts in der Umgebung von Kreuznach tätig war.[Anm. 5] Außer für kirchliche Zwecke wurde die kleine Glocke von der  Zivilgemeinde auch zum Uhrenschlag und als Signalglocke verwendet.


Der zeitlose Klang der kleinen und der großen Glocke begleitet das Leben der Menschen in Frei-Laubersheim nun schon seit über 500 Jahren. Reformation, Gegenreformation, Kriege mit Lanzen und Kriege mit Panzern - die beiden Glocken haben im Schutz des Turmes all diese Zeiten überstanden und dabei vielen Generationen Orientierung und Hilfe in ihrem Leben gegeben.

Schreiben des Kreisrates des Kreises Bingen vom 27. Mai 1842[Bild: Ortsarchiv Frei-Laubersheim]

Während die große und die kleine Glocke schon über ein halbes Jahrtausend Tag für Tag ihre Dienste für die Frei-Laubersheimer Kirchen- und Zivilgemeinde leisten, ist das Schicksal der mittleren Glocke wesentlich unruhiger verlaufen.

Im Jahre 1822 war die mittlere Glocke zersprungen, „wodurch ein sehr disharmonisches Geläut“ entstanden war. [Anm. 6] Diesen Zustand ertrugen die Frei-Laubersheimer fast 20 Jahre lang, denn erst 1841 wurden Kostenvoranschläge beim Glockengießer Beraud aus Frankreich, wohnhaft in Alzey, eingeholt. Der Glockengießer reichte zwei Voranschläge ein. In dem einen Voranschlag wurden die Kosten für das „Umgießen der zersprungenen Mittelelsten Glocke auf dem Kirchthurme zu Freilaubersheim, sowie für das Herabnehmen, das Wiederhinaufbringen und den Transport nach Alzei und wieder zurück“ detailliert aufgelistet. Gesamtkosten 218 fl. und 32 Kreuzer. Der zweite Voranschlag enthält Unerwartetes, denn dieser Voranschlag bezieht sich auf „das Umgiessen zweier Glocken auf dem Kirchthurme zu Freilaubersheim, der sogenannten Mittelsten und kleinen Glocke“. [Anm. 7] Die Kosten für die Erneuerung beider Glocken wurden im Voranschlag auf  317 fl. 24 Kr. festgelegt. Das Umgiessen der kleinen Glocke fand jedoch nie statt. Es bleibt unklar, aus welchem Grund auch die kleine Glocke umgegossen werden sollte. Von einer Beschädigung der Glocke wird in den Schreiben nichts erwähnt, aber vielleicht wollte man einen anderen Glockenton. Für die Zivilgemeinde und die Kirchenvorstände waren die beiden Angebote des Glockengießers ohnehin wohl nur als erste Information darüber gedacht, welche Kosten mit diesem Umguss entstehen würden. Denn erst ein Jahr später, im Mai 1842, wird in einem Schreiben an den Kreisrath in Bingen deutlich, dass die Arbeiten nun begonnen werden sollen. Anfang Mai 1842 befand sich nämlich der Glockengießer Beraud, der sich mittlerweile in Uffhofen bei Alzey niedergelassen hatte,  wieder in der Bürgermeisterei Frei-Laubersheim und bat darum, ihm die Arbeiten zu übertragen. „ Ich ließ daher“, schreibt der Bürgermeister, „ mehrere Mitglieder der Gemeinde und Kirchenräthe beikommen, um den fraglichen Gegenstand zu bereden; und während der Beredung mit dem genannten Glockengießer kam von ohngefähr ein zweiter dieses Handwerks, Friedrich Otto aus Gießen in die Versammlung“.[Anm. 8] Man vereinbarte, dass beide Handwerker  einen exakten Kostenvoranschlag einreichen sollten. Diese Voranschläge würden dann zur Entscheidung dem Kreisrat in Bingen zugeleitet werden.
Der Kreisrat in Bingen entschied sich für den Glockengießer Friedrich Otto, da dieser „billiger und gleichzeitig Inländer ist und man sich im Falle eines Falles besser an denselben halten kann“.[Anm. 9]
Der Umguss der Glocke erfolgte im Jahr 1842.

„Auf der (zersprungenen) alten Glocke stand die Inschrift: In honorem S. Archangeli Michaelis et SS. Mauritii sociorumque ejus et S. Catharinae V.E.M. Trotz der ernstesten Anforderung von Seiten des Pfarrers Rückert, dass bei dem neuen Umguss obengenannte lateinische Schrift mit Ausnahme der neuen Jahreszahl wiederhergestellt werden müssen, geschah dieses nicht. Der damalige Gemeindevorsteher, ein lauer ... Katholik, dessen Namen nicht verdient hier genannt zu werden, versprach zwar die Wahrung obiger Inschrift, aus Furcht vor den Protestanten aber, welche dazumal im Verhältnis zu den Katholiken ¾ der Gemeinde ausmachten, ließ derselbe dieser Glocke statt der Namen jener genannten Heiligen ... die Namen der hiesigen Gemeinderäthe und seinen eigenen Namen aufgießen. Diese Glocke ist deshalb nicht getauft.“[Anm. 10]


Am 16. Juli 1917, etwa 1 ¼ Jahr vor Ende des 1.Weltkrieges, beschlagnahmte die Reichsregierung diese Glocke für Kriegszwecke.  Sie kam nicht mehr nach Frei-Laubersheim zurück. An ihre Stelle trat am 9. September 1924 eine neue mittlere Glocke, die von der Gemeinde Frei-Laubersheim angeschafft wurde. Auf der Glocke standen, wie bei der Vorgängerglocke, der Name des Bürgermeisters und die Namen der Gemeinderäte. Bei der Ankunft der Glocke hielt der Bürgermeister vor der Kirche eine Ansprache, eine Glockenweihe fand jedoch auch für diese Glocke nicht statt. [Anm. 11]


Bereits 18 Jahre später, am 1. August 1942, wurde diese Glocke gleichfalls für Kriegszwecke als Material für den zweiten Weltkrieg demontiert. Auf Anordnung Görings vom 15. März 1940 waren „die in den Glocken aus Bronze .... enthaltenen Metallmengen ... zu erfassen und unverzüglich der deutschen Rüstungsreserve dienstbar zu machen.“[Anm. 12]. Geplant war zunächst eine vollständige Glockenvernichtung im deutschen Reich, doch auf hartnäckiges Drängen kirchlicher Stellen und des Denkmalschutzes, durfte jede selbständige Kirchengemeinde eine „Läuteglocke“ behalten. Darüber hinaus wurden die Glocken in vier Gruppen, A bis D, eingeteilt. Die am niedrigsten bewerteten A-Glocken, zu denen fast alle nach 1800 gegossenen Glocken gehörten, wurden zur sofortigen Einschmelzung nach Norddeutschland transportiert. Dazu gehörte auch die Frei-Laubersheimer mittlere Glocke, die am 1. August 1942 zur Einschmelzung abgeholt wurde. Die unter Denkmalschutz stehenden B- und C-Glocken mussten zwar ebenfalls abgeliefert werden, aber man schmolz sie nicht direkt ein, sondern brachte sie vorerst als Rohstoffreserve  in Sammellager („Glockenfriedhöfe“). Damit bestand zumindest eine geringe Chance, sie doch irgendwann zurückzubekommen. Nur die kleine Gruppe der D-Glocken, etwa 7% des gesamten Glockenbestandes, durften wegen ihres hohen geschichtlichen oder künstlerischen Wertes in den Glockentürmen bleiben. Dazu gehörten die kleine und die große Glocke aus dem 15. Jh., die so diese Glockenvernichtung überlebten.


Drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges bestellte Bürgermeister Vogel als Ersatz für die eingeschmolzene mittlere Glocke bei der Firma Petit & Gebr. Edelbrock, Glocken- und Metallgießerei, eine neue mittlere Glocke. Herr Miesen stellte das benötigte Metall der zu gießenden mittleren B-Glocke zur Verfügung  und leistete gegenüber der Firma „von sich aus die Garantie der Bezahlung ohne Rücksicht auf die Währungsreform ...“.[Anm. 13] Die Glockengießerei bestätigte daraufhin der Gemeinde, dass die Glocke für die Gemeinde kostenlos gegossen und nach Fertigstellung abholbereit gestellt wird“.[Anm. 14] Am 25. März 1949 „begrüßte die Gemeinde Frei-Laubersheim auf dem Platz vor der Kirche ihre neue Glocke“.[Anm. 15]

Die Daten der mittleren Glocke:
Durchmesser unten:  "86 cm",  Gewicht: "361 kg",  Gussjahr: "1948",
Material:    "Bronze",
Inschrift:    "PAX  P  ev. und kath. Simultankirche Frei-Laubersheim."
Die Begrüßungsansprache hielt Bürgermeister Vogel. Er wünschte, „dass die Glocke so lange wie ihre beiden alten Schwestern - und nicht mehr gefährdet durch neuen Krieg - ihren Dienst tue“.  Als Vertreter der bürgerlichen Gemeinde übergab er die Glocke an die beiden Konfessionsgemeinden.

Schreiben der Glockengießerei vom 8. Juni 1948[Bild: Ortsarchiv Frei-Laubersheim]

Glockenweihe 1949 mit der Glocke im Hintergrund.[Bild: Privatsammlung Albert Mühlberger]

Schulkinder trugen Schiller´s Gedicht „Das Lied von der Glocke“ vor. Der ev. Kirchenchor unter der Leitung von Lehrer Reinhardt, Volxheim, und der kath. Kirchenchor unter der Leitung von V. Göckel, Bad Kreuznach, „sangen geistliche Lieder des Dankes und der Anbetung“. Der seit Ende August als kath. Geistlicher tätige Pfarrer Karl Willimsky sprach in seiner Rede vom „Sinn der Glocken. die die christliche Gemeinde zum Gebet rufen, durchs Leben geleiten und ihr die Zeit ansagen.“  [Anm. 16]Pfarrer Rohrbach von der ev. Kirchengemeinde „berichtete von der Geschichte der alten Glocken und der Anschaffung der neuen Glocke und dankte den Helfern und Spendern, die durch eine Weinsammlung die Beschaffung der neuen Glocke möglich gemacht haben“.[Anm. 17]

Der katholische Pfarrer Karl Willimsky 1949 bei der Glockenweihe.[Bild: Privatsammlung Albert Mühlberger]

„Nach der Feier wurde die Glocke von Schmiedemeister Andreas Berg und seinen Söhnen, Meistern des Schmiede- und Wagnerhandwerks und einem Dipl. Ingenieur und ihren Helfern hochgebracht und aufgehängt. Der alte Doppelschlag der beiden kleineren Glocken zu den Viertelstunden wurde wieder hergestellt.
Am Abend, um 8 ½ Uhr füllte eine andächtige Gemeinde aus den beiden Konfessionen die Simultankirche bis auf den letzten Stehplatz. Einer kath. Fastenandacht zur Verkündigung der Geburt Christi folgte die Feier der ev. Glockenweihe. (Die kath. Glockenweihe war schon am Mittwochabend  vorgenommen worden.) Gemeinsam wurden die Lieder „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Großer Gott wir loben dich“ gesungen.
Nach der Predigt von Pfarrer Willimsky über die gemeinsame Grundlage der beiden Konfessionen und ihre gemeinsamen Aufgaben in Gemeinde und Volk, vor allem in der heutigen Zeit, betete die versammelte Gemeinde gemeinsam das apostolische Glaubensbekenntnis. Nach der Ansprache von Pfarrer Rohrbach wurden die Glocken einzeln zum Dienst gerufen und dann erscholl ihr dreifaches Geläute vom (...) alten  Glockenturm in den lautlos stillen Kirchenraum zu der ergriffenen Gemeinde. Zum Schluss beteten die Gläubigen der beiden Konfessionen wieder gemeinsam das Vaterunser.

Die Gemeinde wünscht sich, dass der Name der neuen Glocke „Friede“ sich als Gottes Friede über Frei-Laubersheim, Deutschland und aller Welt erfülle.“[Anm. 18]

 

Aus Anlass der Glockenweihe wurden von den jungen Mädchen Anstecknadeln mit dem Bild zweier Glocken und der Aufschrift „Glockenweihe 1949“ angeboten und von den Gemeindemitgliedern eifrig gekauft. Mit dem Erlös sollte eine neue Armatur für die neue Glocke gekauft werden.

Nachweise

Verfasser: Wolgang Zeiler

Verwendete Literatur:

  • Nikitsch, Eberhard J.: Die Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach. Wiesbaden 1993. (Die deutschen Inschriften: Mainzer Reihe, Bd. 3)
  • Pfarrei St. Mauritius und Gefährten(Hrsg.): Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Pfarrkirche St. Mauritius und Gefährten in Frei-Laubersheim 1796 - 1996. Frei-Laubersheim 1996.

Erstellt: 2012

Aktualisiert: 07.07.2014

Anmerkungen:

  1. Solschenizyn, Alexander:... den Oka-Fluß entlang, Possev-Verlag Zurück
  2. Näheres zum romanischen Kirchturm kann unter „Sehenswürdigkeiten" nachgelesen werden Zurück
  3. Die Deutschen Inschriften, Mainzer Reihe 3. Band, Die Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach, gesammelt und bearbeitet von Eberhard J. Nikitsch, 1993, S. 144 Zurück
  4. ebd. S. 144 Zurück
  5. ebd. S. 105 Zurück
  6. Schreiben an den Großherzoglich Hessischen Kreisrath des Kreises Bingen vom 25. Mai 1842, Ortsarchiv Frei-Laubersheim A12  Zurück
  7. Kostenvoranschlag vom 3. April 1841, Ortsarchiv A12 Zurück
  8. Protokollabschrift vom 25. Mai 1842 gerichtet an den Kreisrat des Kreises Bingen, Ortsarchiv A12 Zurück
  9. Schreiben des Kreisraths des Kreises Bingen vom 27. Mai 1842, Ortsarchiv A12 Zurück
  10. Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Pfarrkirche St. Mauritius und Gefährten in Frei-Laubersheim 1796 - 1996, Hrsg.: Pfarrei St. Mauritius und Gefährten Frei-Laubersheim 1996, S.61 Zurück
  11. ebd. S. 68 Zurück
  12. Zeit online vom 21.04.2004, Nr. 44: Herz, Wilfried: Manche Glocke geht so über die Grenze" Zurück
  13. Ortsarchiv Frei-Laubersheim, A/1, Schreiben vom 8. Juni 48 an Bürgermeister Vogel Zurück
  14. ebd. Zurück
  15. a.a.O. Protokoll... Zurück
  16. a.a.O. Protokoll Zurück
  17. a.a.O. Protokoll Zurück
  18. a.a.O. Protokoll Zurück