Welgesheim in Rheinhessen

.1.Katholische Kirche Allerheiligen in Welgesheim

Innenraum der katholischen Kirche von Welgesheim mit drei neugotischen Altären.[Bild: Alexander Wißmann]

Aus dem Lorscher Kodex geht hervor, dass Welgesheim bereits 1290 eine eigene Kirche besaß, die der Pfarrei Zotzenheim im Dekanat Partenheim als Filiale unterstand. Allerdings residierte in Welgesheim ein eigener Seelsorger.[Anm. 1] Die Kirche, die Allen Heiligen geweiht war, wurde zu diesem Zeitpunkt zur Pfarrkirche erhoben. Das Patronat der Kirche hatten zunächst im 13. Jahrhundert die Herren von Falkenstein und das Benediktinerinnenkloster Rupertsberg inne. Nach 1316 unterstand die Kirche den Rheingrafen. 1556 wurde die Kirche lutherisch und später calvinistisch.[Anm. 2] Bei der Pfälzischen Kirchenteilung (1705) wurde die Kirche von Welgesheim den römisch-katholischen Christen zugesprochen. Eine topographische Angabe von 1784 beschreibt, dass es in Welgesheim nur eine katholische Kirche gab. Die Reformierten waren nach Zotzenheim eingepfarrt und gingen dort zum Gottesdienst. Die katholische Kirche Allerheiligen unterstand dem kurmainzischen Landkapitel Gau-Algesheim. Sie wurde nach 1685 zunächst von den Kapuzinern aus Bingen betreut und schließlich übernahmen im Jahre 1700 die Augustiner-Chorherren aus dem Kloster Pfaffen–Schwabenheim bis zur Auflösung des Konvents im Jahre 1802 die Seelsorge.[Anm. 3] Zu diesem Zeitpunkt wurde die katholische Kirche Filialkirche des benachbarten Gensingen, was sie bis heute geblieben ist.[Anm. 4]

An der Stelle der heutigen katholischen Kirche stand bereits im Mittelalter eine Kirche mit dem sie umgebenden Friedhof. Die mittelalterliche Kirche wurde baufällig und 1784 komplett neu errichtet. 1848 erfolgte eine Erweiterung nach Osten, wahrscheinlich weil die Kirche zu klein geworden war. Unter der Amtszeit des Pfarrers von Gensingen und Welgesheim Wendelin Kimmes (Amtszeit: 1887–1904) aus Budenheim wurde die katholische Kirche erneut verändert und erhielt weitgehend ihr heutiges Aussehen. Er ließ 1897/98 einen neugotischen Chor und eine neue Sakristei durch den Architekten Jakob Röder aus Frankfurt am Main anbauen und die frühklassizistische Kirche neugotisch überformen. Das Kirchengebäude ist ein verputzter Saalbau mit einem verschieferten Satteldach. Die sandsteingerahmten Spitzbogenöffnungen beherbergen bleiverglaste Fenster. Die Westfassade ist durch Nischen gegliedert. Darin sind mehrere Heiligenfiguren zu sehen. Im spitzbogenförmigen Hauptportal zeigt das Tympanon (1898) über dem Haupteingang Jesus Christus zwischen den vier hl. Evangelisten Markus, Johannes, Matthäus und Lukas. Die Kirche besaß einen Dachreiter über der Vierung, der 1966 entfernt wurde. An der Nordflanke der Kirche wurde 1925 ein Turm errichtet, der eine interessante Symbiose zwischen gotisch-historisierender und expressionistischer Formensprache darstellt. An den Turmecken sind Strebepfeiler angebracht.[Anm. 5] Die Welgesheimer Kirche ist in ihrer expressionistisch gestalteten Fassade eine Ausnahme in der gesamten Region.

Das Innere der Kirche ist überspannt von einem Kreuzrippengewölbe. Die Empore auf der Westseite trägt eine wertvolle Orgel aus der Werkstatt der Brüder Andreas und Michael Keller aus Limburg. Die farbigen Chorfenster zeigen Darstellungen der Evangelisten. Sie entstanden erst in den 1950er Jahren. Die Ausstattung der Barockzeit wurde fast ausnahmslos vernichtet. Einige Pfarreimitglieder retteten jedoch einige Figuren in Privatbesitz, wo sie sich heute teilweise noch befinden. Vier Barockfiguren sind heute wieder in der Kirche befindlich. Der Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner (1829–1899) konsekrierte die erweiterte Kirche und den Hochaltar am 9. Mai 1898. Die Kirche wurde im Folgenden neu ausgestattet. Es entstanden drei neue Altäre, Kanzel, Orgel und Beichtstuhl sowie eine Kommunionbank. Der Hochaltar zeigt Szenen auf dem Leben Jesu: Links die Geburt Christi und rechts das letzte Abendmahl. Auf dem Altaraufsatz steht eine Herz Jesu Figur. Während die neugotischen Seitenaltäre architektonisch recht schlicht gehalten sind, ragen die Skulpturen aufgrund ihrer Qualität deutlich hervor. Im Seitenaltar der Epistelseite eine Figur des Altarpatrons Aloysius von Gonzaga (1568–1591), Patron der Jugend und Keuschheit. Im Seitenaltar der Evangelienseite eine Muttergottes mit Jesuskind. Auf dem Aloysius-Altar befinden sich als Assistenzfiguren zwei kleinere Holzfiguren von zwei unbekannten Heiligen (heute als hl. Joseph und hl. Katharina von Alexandria gedeutet) des Mainzer Bildhauers Martin Biterich (1691–1759) aus dem alten Bestand der Kirche.[Anm. 6] Sie sind für die Altarnische zu klein, was darauf hinweist, dass die Skulpturen Biterichs nicht ursprünglich auf dem Altar standen. Ebenso aus dem geretteten Bestand stammen eine Pietà und ein Jesusknabe als Weltenherrscher. Die Assistenzfiguren auf dem Marienaltar, ein hl. Bischof und eine hl. Cäcilia von Rom (um 200–um 230), gehören auch nicht zum ursprünglichen Inventar und wurden der Gemeinde als Leihgabe aus dem Mainzer Dombauamt überlassen. Die Figuren sind allerdings neugotisch und aus dem 19. Jahrhundert. An den Seitenwänden bei der Empore stehen zwei Figuren auf neugotischen Konsolen, die hll. Antonius von Padua (um 1190–1231) und Wendelin (gest. um 617). Die Verehrung des hl. Wendelin geht auf den gleichnamigen Pfarrer Wendelin Kimmes zurück, der nicht nur aufgrund seines Namens den hl. Wendelin sehr verehrte sondern eben auch aus Budenheim stammte, wo bis heute eine sehr lebendige Wallfahrt zu diesem Heiligen im Lennebergwald besteht. Die sehr qualitätvolle Figur des heiligen Wendelin ist in Holz gearbeitet folgt den Gemälden von Melchior Paul von Deschwanden (1811–1881). Im Turmeingang ein Fenster mit der biblischen Szene des verlorenen Sohns, gestiftet 1925 von den Jünglingen und den Jungfrauen in Welgesheim. Das Fenster stammt von Friedrich Bernhard Kraus (1867–1935) aus Mainz.

Nachweise

Verfasser:
Alexander Wißmann M.A.

Verwendete Literatur:

  • Günther Friedrich: Kirch- und Altarweihe vor 100 Jahren: In Welgesheim wird auch Jubiläum des Chors gefeiert, in: Heimat am Mittelrhein 43, 3, 1998, S. 4.
  • Ludwig Baron Döry: Der Mainzer Barockbildhauer Martin Biterich, in: Mainzer Zeitschrift 66, 1971, S. 9-43.
  • Dieter Krienke: Denkmaltopographie der Bundesrepublik. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Kreis Mainz-Bingen 18.1. Worms 2007.
  • Spang, Franz Joseph: Welgesheim im Wiesbachtal, in: M.G.V. „Liederkranz“ 1887 Welgesheim. Festbuch zum 65jährigen Jubiläum, Welgesheim 1952, o. S.

Aktualisiert am: 29. 09. 2015

Anmerkungen:

  1. Vgl. Günther Friedrich: Kirch- und Altarweihe vor 100 Jahren: in Welgesheim wird auch Jubiläum des Chors gefeiert, in: Heimat am Mittelrhein 43, 3, 1998, S. 4. Zurück
  2. Vgl. Dieter Krienke: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Kreis Mainz-Bingen 18.1. Worms 2007, S. 702. Zurück
  3. Vgl. Franz Joseph Spang: Welgesheim im Wiesbachtal, in: M.G.V. „Liederkranz“ 1887 Welgesheim. Festbuch zum 65jährigen Jubiläum, Welgesheim 1952, o. S. Zurück
  4. Vgl. Günther Friedrich: Kirch- und Altarweihe vor 100 Jahren: in Welgesheim wird auch Jubiläum des Chors gefeiert, in: Heimat am Mittelrhein 43, 3, 1998, S. 4. Zurück
  5. Vgl. Dieter Krienke: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Kreis Mainz-Bingen 18.1. Worms 2007, S. 702. Zurück
  6. Vgl. Ludwig Baron Döry: Der Mainzer Barockbildhauer Martin Biterich, in: Mainzer Zeitschrift 66, 1971, S. 42. Zurück