Finthen in Rheinhessen

Zur Geschichte von Finthen

Luftbildaufnahme von Finthen.[Bild: Alfons Rath]

Das heutige Mainz-Finthen wird 1092 erstmals urkundlich als "fundene" erwähnt. Erzbischof Ruthard schenkte den Mainzer Domherren verschiedene Besitzungen und Einkünfte, darunter auch Finthen. Der Ort selbst ist wesentlich älter, der archäologische Nachweis beruht jedoch auf Gelegenheits- und Oberflächenfunden, systematische Grabungen fehlen.

Vorgeschichte und römische Zeit

Bereits in der Jungsteinzeit finden sich ab 4.500 v. Chr. Siedlungsspuren unterschiedlicher Steinzeitkulturen in der Gemarkung, mit Schwerpunkt im oberen Aubachtal.[Anm. 1] In der Bronzezeit scheint sich der Siedlungsschwerpunkt in das obere Tal des Königsborn zu verlagern, um in der keltischen Eisenzeit den Standort abermals zugunsten des Aubachtals zu wechseln. Ob dieses keltische Dorf noch bestand, als die ersten römischen Truppen das Gebiet um Mainz besetzen, ist ungewiss.

Die römische Epoche Finthens begann mit dem Bau der Straße Mainz-Bingen, der heutigen Saarstraße / L419, bzw. Kurmainz- und Flugplatzstraße. Im 1. Jahrhundert wurde im Bereich des Katzenbergs ein Tempel errichtet, der Merkur und Rosmerta-Maja geweiht war. Ein römischer Vicus bildete sich nicht aus; die Siedlungsstruktur bestand aus weit auseinander liegenden Einzelgehöften, sogenannten "villae rusticae," an der selben Stelle oder sogar in Kontinuität zur früheren keltischen Siedlung mit Schwerpunkt im oberen Aubachtal. Aber auch im heutigen Ortsgebiet fanden sich Spuren römischer Gehöfte, so z.B. in der Bieroth- und der Mühltalstraße. Vom Königsborn aus führte ein Seitenarm der römischen Wasserleitung nach Mogontiacum (Mainz).
Wann und wie die römische Präsenz in Finthen endete und die fränkische Landnahme begann, ist archäologisch nicht nachvollziehbar. Es spricht einiges dafür, dass um die Mitte des 5. Jahrhunderts ein kontinuierlicher Übergang stattfand. Die Bevölkerung des römischen Kulturkreises (Romanen) scheint über Generationen hinweg in der zugewanderten, fränkischen Bevölkerung aufgegangen zu sein. Als Beleg kann die Tradierung der römischen Gebietsbezeichnung (fontanetum) und der sich daraus entwickelnde Ortsname ""fundene"" gelten.
Darüber hinaus finden wir in unmittelbarer Nähe zweier römischer "villae rusticae" ein merowingisches Gräberfeld (Mühltalstraße / Am Keltenlager), bzw. den heutigen Ortskern (Bierothstraße).

Mittelalter

Die frühmittelalterliche Epoche Finthens ist bis auf das Gräberfeld abseits des Ortsmittelpunkts wenig erforscht. Aufgrund der relativ geringen Belegungsstärke und einiger Grabbeigaben wird es einem fränkischen Adelshof zugeordnet. Dieser könnte in Kontinuität zu der römischen villa rustica stehen, deren Gräber in unmittelbarer Nähe in der Mühltalstraße gefunden wurden. Wann der eigentliche Ort Finthen entstand, liegt vorerst im Dunkeln. Es kann nur vermutet werden, das sich parallel zu dem fränkischen Adelshof eine zweite Siedlungsstelle im Bereich um die heutige Kirche St. Martin entwickelte, die später zur Keimzelle Finthens wurde und spätetestes in karolingischer Zeit etabliert sein dürfte. Ob die Wahl der Örtlichkeit in Zusammenhang mit einer villa rustica steht, deren Gräber in der Bierothstraße gefunden wurden, ist archäologisch zwar nicht nachgewiesen, liegt aber nahe.

Aufgrund einiger späterer Urkunden und der Erwähnung des Königsborns bzw. der Königsstraße ist anzunehmen, dass es sich bei der Finther Gemarkung um Reichsgut handelte. Dieses Reichsgut gelangte im Laufe der Jahrhunderte in den Besitz der Mainzer Erzbischöfe. 1092 wurde es schliesslich den Domherren geschenkt. In Folge erlangte der Domprobst die Ortsherrschaft, die er formal bis zur Säkularisation 1803 ausübte. Mit der Ausbildung der Territorialstaaten wurde Finthen ein Bestandteil von Kurmainz.

Neuzeit

Das Bild zeigt eine Kreidezeichnung des Malers Lasinsky, angefertigt 1857. In den 50er Jahren des 20. Jhdt. von der Malerin Mayr-Löhr noch einmal handcoloriert.
Ortsansicht Finthen, Kreidezeichnung von Lasinsky aus dem Jahr 1857.

1635 wurde das Dorf im Dreißigjährigen Krieg durch die Schweden zerstört. Die Bewohner flüchteten und kehrten erst 1648 zurück. Nur zwei Jahrzehnte später wurde der Ort 1666/67 von der Pest heimgesucht, welche die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte.[Anm. 2]

Am 21. Oktober 1792 zogen französische Revolutionstruppen in Mainz ein. Auch in Finthen feierte man am 21. November 1793 die Pflanzung eines Freiheitsbaumes. Nach der Ausrufung der Mainzer Republik im März 1793 (ein kurzlebiger Freistaat unter dem Schutz der französischen Revolutionstruppen) verweigerte man sich im katholischen Finthen, einen Eid auf die französische republikanische Verfassung zu schwören. 18 Einwohner wurden infolgedessen eine Nacht im Eisernen Turm in Mainz eingesperrt und zehn vorübergehend auf die rechte Rheinseite ausgewiesen. Bei der Belagerung von Mainz im Sommer des Jahres 1793 lagen die hessischen Truppen vor Finthen (siehe Hessendenkmal). In den nächsten Jahren wechselten sich französische und deutsche Besatzungstruppen mehrfach ab. Durch Besatzung und Plünderungen wurde Finthen zu dieser Zeit auch finanziell schwer belastet.[Anm. 3]

1797 gelangte Finthen in Folge des 1. Koalitionskrieges an Frankreich. Die nunmehr französische Gemeinde bildete zusammen mit der Gemeinde Drais die Bürgermeisterei Finthen. Diese lag im Kanton Nieder-Olm, das zusammen mit 37 weiteren Kantonen das Département Mont-Tonnerre bildete. Zu dieser Zeit wurde die Rheinstraße von Finthen nach Bingen, die sogenannte "Route de Charlemagne", neu angelegt. Nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft am Rhein 1813/14 und der Neugliederung der deutschen Staaten auf dem Wiener Kongress wurde Finthen 1816 mit großen Teilen ehemaliger Kurmainzer Gebiete dem neu gegründeten Großherzogtum Hessen eingegliedert. Die auf diese Weise neu geschaffene Provinz erhielt 1818 offiziell den Namen Rheinhessen. Im Zuge einer Verwaltungsreform erlangte Finthen 1835 die Selbstständigkeit. [Anm. 4]

1848 wollten demokratische Turner in Finthen, wie vielerorts im Deutschen Bund, einen Turnverein gründen. Dies scheiterte am entschiedenen Widerstand des Pfarrers Autsch, der den demokratischen Vereinen Gottlosigkeit vorwarf. In Finthen kam es infolgedessen zu einer Gegenbewegung gegen die demokratischen Fahnenweihen und Kundgebungen der Region. Stattdessen wurden in der Gemeinde kirchliche Fahnen verkauft und zum 1. Advent ein großes demonstratives Kirchenfest abgehalten. Auch antifranzösische Tendenzen schienen in Teilen eine Rolle gespielt zu haben. Das Fest erregte regional große, teilweise sehr positive Aufmerksamkeit im Mainzer Raum.[Anm. 5] 

Im Jahr 1853 fielen einem Großbrand zahlreiche Häuser zum Opfer. [Anm. 6] Die lange Friedenszeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 führte zu einem wirtschaftlichen Aufschwung im Ort. Finthen zeigte erste Ansätze eines werdenden Industriestandorts: 1876 wurde die Strohhülsenfabrik Hochhaus gegründet, 1895 die Pfaff'sche Dampfmühle, 1899 die Ziegelei Blumenfeld und 1905 die Backsteinfabrik Schütz. Um die Jahrhundertwende verbesserte sich zudem die infrastrukturelle Situation. So wurde Finthen 1892 an die Süddeutsche Eisenbahn-Gesellschaft angeschlossen; 1900 hielt zunächst Leitungswasser Einzug und 1910 Gas der Gruppenversorgungs-Gaswerks Budenheim-Finthen. Vier Bürger hatten zu dieser Zeit in Finthen bereits einen Telefonanschluss.[Anm. 7]

Das 20. Jahrhundert

Über den Ersten Weltkrieg liegen für die Ortsgeschichte von Finthen bisher keine Forschungsergebnisse vor. Lediglich die Anzahl der 68 Todesopfer, die der Krieg von der Gemeinde forderte, ist bekannt.

Bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 erzielte die NSDAP in Finthen 25,7% der abgegebenen Stimmen und lag damit hinter Zentrum und KPD an dritter Stelle. Nach der sogenannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 gewann die NSDAP in der nächsten, nun nicht mehr freien Wahl eine knappe Mehrheit in Finthen. Bis zum Kriegsende gehörten ungefähr 140 Finther der NSDAP, 35 der SA und 130 Fintherinnen dem NS-Frauenwerk an. [Anm. 8] 

Im Jahr 1939 wurden 400 Morgen Land, darunter der Leyenhof, durch Nationalsozialisten beschlagnahmt. Der Leyenhof wured zu einem KZ-Außenlager des KZ Hinzert bei Hermeskeil umfunktioniert, in dem überwiegend luxemburgische Arbeitshäftlinge untergebracht waren. [Anm. 9] Im Krieg nahm der Ort keinen größeren Schaden durch Bomben. In der Nacht vom 20. auf den 21. März 1945 rückten nach längerem Beschuss amerikanische Panzer von Nieder-Olm und Essenheim durch Finthen nach Mainz vor, welche im Juni von französischen Besatzungstruppen abgelöst wurden. 143 Finther Soldaten starben im Zweiten Weltkrieg. [Anm. 10]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Potsdamer Konferenz lag Finthen in der französischen Besatzungszone, aus der im August 1946 das Land Rheinland-Pfalz gegründet wurde. 1947 wurde Rheinland-Pfalz Bundesland der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Die selbstständige Gemeinde Finthen lag im Landkreis Mainz, 1969 erfolgte in Folge der Durchführung des "4. Landesgesetzes über die Verwaltungsvereinfachung im Land Rheinland-Pfalz" die Zwangseingemeindung nach Mainz und aus "Finthen bei Mainz" wurde der Stadtteil "Mainz-Finthen".

Bevölkerungsentwicklung

Daten entnommen aus Schütz, Friedrich: 900 Jahre Mainz-Finthen. Mainz 1992.
Ende des 18. Jahrhunderts 880 Einwohner
1824 1.298 Einwohner
1834 1.528 Einwohner
1905 2.829 Einwohner
1939 3.936 Einwohner
1947 4.220 Einwohner
1950 4.593 Einwohner
1979 10.000 Einwohner
1992 14.000 Einwohner

Exkurs: Vereinsleben

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Finthen, wie überall im deutschen Bund, eine Welle von Vereinsgründungen. So wurden 1856 ein Männergesangverein, 1862 der Gesangverein Cäcilia, 1876 der Gesangverein Liederkranz gegründet. Der Turnverein wurde nach einem fehlgeschlagenen Versuch 1848 letztendlich erst 1872 offiziell ins Leben gerufen. 1871 wurde darüber hinaus die Freiwillige Feuerwehr, 1888 ein landwirtschaftlicher Konsumverein und 1891 eine Spar- und Darlehenskasse gegründet. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts folgten viele weitere Vereine: So der Arbeiter-Gesangverein Freiheit, der Geflügelzuchtverein, ein katholischer Kirchenchor, Jünglingsverein und katholischer Männerverein, die Kriegerkameradschaft Hassia, ein Radfahrerverein, ein Arbeiter-Radfahrer-Verein, der Touristenklub Wanderlust, der Touristenklub "die Naturfreunde", die Stenographenvereinigung 1925 und ein Kirchenmusikverein Cäcilia (zusätzlich zum gleichnamigen Gesangverein). Auch nach dem Krieg lebte das Vereinswesen weiter. 1947 wurde der Finther Carneval-Verein mit seiner Gesangsgruppe Finther Schoppesänger gegründet. 1950 schlossen sich viele Vereine zum Finther Vereinsring zusammen. [Anm. 11]

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Anne-Kathrin Zehender, Sarah Traub, Simeon Thomas Pfeiffer

Verwendete Literatur:

  • Brilmayer, Karl Johann: Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichte der bestehenden und ausgegangenen Städte, Flecken, Dörfer, Weiler und Höfe, Klöster und Burgen der Provinz Rheinhessen nebst einer Einleitung. Gießen 1905.
  • Schlösser, Ingo: Die Römerquelle. Zur Entstehung eines Ortsteils. In: Finter Zeitspiegel, Heft 2/2005 Mainz, S. 15-21.
  • Schütz, Friedrich: 900 Jahre Mainz Finthen. Mainz 1992.

Aktualisiert am: 06.06.2017

Anmerkungen:

  1. Schütz, S. 9. Zurück
  2. Schütz, S. 16. Zurück
  3. Schütz, S. 21-22. Zurück
  4. Schütz, S. 24-27. Zurück
  5. Schütz, S. 30. Zurück
  6. Schütz, S. 32. Zurück
  7. Schütz, S. 33-34. Zurück
  8. Schütz, S. 39. Zurück
  9. Einem der in Finthen verstorbenen Häftlinge, Jean Pierre Jungels, wurde 1992 eine Straße gewidmet; vgl. Schütz, S. 40. Zurück
  10. Schütz, S. 40. Zurück
  11. Schütz, S. 32-34, S. 37-38, S. 43. Zurück