Sankt Johann in Rheinhessen

Die Evangelische Johanniskirche in Sankt Johann

Geschichte

Die Johanniskirche von außen.[Bild: Harald Strube]

Erstmals wird 1339 eine Kirche "St. Johann Baptist" im damals noch Megelsheim genannten St. Johann erwähnt, in welcher Graf Johann von Sponheim eine Messe stiftete. [Anm. 1] Der Baubeginn der heutigen Kirche konnte 2006 mithilfe einer dendrochronologischen Untersuchung der Überreste einiger Eichenbalken im Mittelschiff auf die 1330er bzw. die frühen 1340er Jahre datiert werden. Beendet wurde der erste Teil der Arbeiten wohl in den späten 1350er Jahren. [Anm. 2] Aufgrund des sogenannten "Stifterbilds" im Chor ist anzunehmen, dass die Grafen von Sponheim-Kreuznach Stifter und Kirchenpatrone des Gotteshauses waren. Wann genau die Wallfahrten zur Kirche begannen, lässt sich schwer sagen; auch ob sich eine Reliquie des Hl. Johannes des Täufers in St. Johann befand, ist unbekannt. Allerdings lässt der 1372 dokumentierte, von Gau-Bickelsheim kommende "sente Johans pade zu Wisseberg" vermuten, dass schon im 14. Jahrhundert ins damalige Megelsheim gepilgert wurde. [Anm. 3] Am 24. Juni (dem Geburtstag Johannes des Täufers) und am 29. August (seinem Todestag) machten sich nach Schätzung von Prof. Dr. Steitz ungefähr tausend Pilger aus der näheren Umgebung auf den Weg zur heutigen Johanniskirche. [Anm. 4] Sie war so bedeutend, dass sie auch zum Ziel für Adelige wurde, wie eine Rechnung in den Regesten der Grafen von Katzenelnbogen bezeugt: Als sie am 7. März 1428 gen Ober-Ingelheim und Megelsheim pilgerten, verbrauchten die Gemahlinnen der Grafen Johann IV. von Katzenelnbogen und Philipp dem Älteren von Katzenelnbogen "8 1/2 Sack Hafer". [Anm. 5] Die mit den Wallfahrten einhergehenden Jahrmärkte machten Megelsheim zu einem regionalen, auch wirtschaftlichen Zentrum, ihre Bedeutung für die dörfliche Entwicklung ist kaum zu überschätzen. In einem Visitationsprotokoll von 1627 wird in vorreformatorischer Zeit eine "Halbstift" genannte Gemeinschaft von 6 Kanonikern an der Kirche erwähnt, St. Johann wird als eine "besondere Pfarrei"  mit Güterbesitz bezeichnet. [Anm. 6] Dass die Pfarrei wohlhabend war, wird auch dadurch belegt, dass sie Kredite vergeben konnte: 1470 bestätigte der Konvent des nahe gelegenen Klosters Pfaffen-Schwabenheim eine Restschuld von 100 Gulden gegenüber ersterer. [Anm. 7] Für 1511 sind vier Altäre dokumentiert: Ein Allerheiligenaltar, ein Marienaltar, ein Altar Johannes des Täufers und ein Altar der Hl. Magdalena. [Anm. 8] Da das Gotteshaus für eine Wallfahrtskirche vergleichsweise klein ist, liegt die Vermutung nahe, dass sie ursprünglich größer geplant war. Rund um die Kirche sind Gewölbe- und Maueransätze zu erkennen, die darauf hindeuten, dass ein vielleicht wesentlich größerer Westbau geplant war. Bei archäologischen Untersuchungen im Jahr 2007 wurde außerdem der Beginn eines Fundaments entdeckt. Möglich sind neben einer angestrebten Verlängerung der Kirche auch der geplante Bau einer Vorhalle, in welcher sich Pilger ausruhen konnten, oder sogar eines Spitals. [Anm. 9] Warum diese Pläne nicht umgesetzt wurden, ist heute nur noch schwer festzustellen. Mit der Einführung der Reformation durch den Condominus Ottheinrich von der Pfalz (1502-1559) im Jahr 1556, nach kurpfälzischer Kirchenordnung und vorest nach lutherischem Bekenntnis, endeten die Wallfahrten, was für die St. Johanner Kirche einen gewichtigen Bedeutungsverlust zur Folge hatte; die Pfarrei wurde der Sprendlinger Kirche als Fillialgemeinde untergeordnet. Die Jahrmärkte blieben allerdings erhalten. 1588 wurde die Gemeinde schließlich infolge des kurpfälzischen Konfessionswechsels calvinistisch. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche 1622 von katholischen Soldaten geplündert, unter spanischer Besatzung bestand von 1625 bis 1632 wieder eine katholische Pfarrei. Dem bereits oben erwähnten Visitationsbericht von 1627 ist zu entnehmen, dass in dieser Zeit das gesamte Inventar der Kirche, darunter auch die Glocken und der Altar, zerstört oder geraubt wurden. Nach der Eroberung des Gebietes durch schwedische Truppen wurde das reformierte Bekenntnis wiederhergestellt. [Anm. 10] Nachdem im Jahr 1707 Sprendlingen und St. Johann ganz an die inzwischen wieder katholische Markgrafschaft Baden gekommen war, versuchten ihre Behörden, für die katholische Minderheit ein Mitnutzungsrecht der protestantischen Gotteshäuser zu erreichen. 1699 erzwang der badische Beamte Johann Nikolaus Quad die gewaltsame Errichtung eines katholischen Altars in der Johanniskirche. Da in St. Johann aber keine katholische Gemeinde bestand, mussten sich die Sprendlinger Katholiken einmal im Jahr, am 24. Juni, dem Tag des St. Johanner Jahrmarktes, in die Johanniskirche begeben, um dort nach der Beendigung des reformierten Gottesdienstes die Hl. Messe zu feiern. [Anm. 11] Diese Regelung hatte bis ins Jahr 1898 Bestand, als das Simultaneum aufgrund des Neubaus der katholischen Kirche St. Michael in Sprendlingen nicht mehr notwendig war und einvernehmlich aufgelöst wurde. Durch die rheinhessische Kirchenunion von 1822 wurde die Gemeinde evangelisch. 1973 schlossen sich die Kirchengemeinden von Sprendlingen und St. Johann zusammen, heute sind auch die früheren Gemeinden von Zotzenheim und Wolfsheim Teil dieses Verbandes. [Anm. 12]

Baubeschreibung und Ausstattung

Der ehemals in der Johanniskirche in St. Johann aufgestellte Altar wurde im Jahr 1900 in die neue katholische Kirche in Sprendlingen übernommen. Das abgebildete Altarbild des seligen Bernhard von Baden ist seit 1967 verschollen.[Bild: Katholische Pfarrgemeinde Sprendlingen]

Bei der Johanniskirche handelt es sich um eine sogenannte dreischiffige Pseudobasilika, das bedeutet, dass das Mittelschiff zwar etwas höher liegt als die beiden Seitenschiffe, aber anders als bei einer echten Basilika keine eigenen Fensteröffungen besitzt. Sie ist ein stilreines, hochgotisches Gotteshaus, dessen innere und äußere Gestaltung an die der pfälzischen Bettelordenskirchen des 14. Jahrhunderts (z. B. die Stiftskirche Landau) erinnert. [Anm. 13] Aufgrund ihrer Einheitlichkeit und historischen Wichtigkeit als Zeugnis der Stiftertätigkeit der Grafen von Sponheim-Kreuznach wird sie zu den bedeutendsten Dorfkirchen Rheinhessens gezählt. Von außen wird ihr Eindruck von den verputzten Außenwänden, den Gliederungen und Maßwerkfenstern aus gelblichem "Flonheimer Sandstein", den mäßig geneigten, schiefergedeckten Dächern und dem 1965 bei einer umfassenden Restaurierung ausgetauschten Dachreiter dominiert. Das Gebäude besitzt drei Westportale, die zwei in den Seitschiffen gelegenen Zugänge sind gotisch, das zentrale Portal stammt aus dem 18. Jahrhundert. Zusätzlich dazu gibt es ein ebenfalls schlicht gehaltenes Nordportal. Das Kreuzrippengewölbe im Inneren ist in Rot gehalten, die achteckigen Pfeiler tragen das vierjochige Langhaus. [Anm. 14] Insgesamt handelt es sich architektonisch um eine schlichte, aber auch außergewöhnlich licht und hoch proportionierte Komposition. [Anm. 15]

Die ursprüngliche, mittelalterliche Innenausstattung ist nur teilweise erhalten geblieben (siehe oben). Ihr Bestand beschränkt sich größtenteils auf die Gewölbeschlusssteine, die Rippenkonsolen im Mittelschiff und die Wandmalereien im Chor und in den Seitenschiffen. Die Gewölbeschlusssteine sind mit verschiedenen Motiven verziert: Im Chor ist der Kirchenpatron Johannes der Täufer zu sehen, im Mittelschiff ein Osterlamm, im südlichen Seitenschiff z. B. ein den Evangelisten Johannes repräsentierender Adler. Die sonstigen Schlusssteine zeigen größtenteils Rosetten, Blattmasken und diverse Maßwerkmotive. Die Rippenkonsolen sind zum größten Teil ebenfalls mit Laub- und Maßwerk, aber auch mit Blattmasken und Miniaturköpfen verziert. [Anm. 16]

Es sind fünf verschiedene Wandbilder erhalten: Zwei im Chor, zwei im nördlichen Seitschiff und eines in der sogenannten Dreisitznische neben dem Altar. Diese wurden bei Restaurationsarbeiten im Jahr 1913 von dem Architekten Prof. Carl Bronner entdeckt. Gemäß dem Zeitgeschmack stellte man die von der Feuchtigkeit schwer geschädigten Wandmalereien mit historisierenden Ergänzungen wieder her, der gesamt Kirchenraum wurde gotisierend ausgestaltet. Als 1965 wieder eine Restauration vorgenommen wurde, entfernte man letztere wieder und versetzte die Gemälde in ihren Auffindungszustand. [Anm. 17] Das außergewöhnlichste Werk stellt das sogenannte "Stifterbild" dar. In einer baldachinartigen und ohne gotische Stilelemente abstrakt wirkenden Fantasiearchitektur thront eine Marienfigur mit Kind. Über ihr ist eine weitere, stehende Heiligenfigur zu erkennen, bei der es sich vermutlich um Johannes den Täufer handelt. In anbetender Pose sind drei Personen dem Täufer, vier der Gottesmutter zugewendet. Durch das gold-blaue Schachbrettmuster ihrer Wappen kann man sie als Mitglieder des Hauses Sponheim-Kreuznach identifizieren. Interessant ist hierbei, dass die Anbetenden nahezu (im Fall der unteren Figuren) oder wirklich genauso groß (im Fall der oberen Figuren) wie die Angebeteten dargestellt sind. Dies zeugt von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein der Auftraggeber. Stilistisch wird das Bild meistens mit der böhmischen Malerei des 14. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. [Anm. 18] Während das Stifterbild also eher ungewöhnlich für die Mittelrheinregion ist, ähnelt das ihm gegenüber gelegene Bildnis des Hl. Christophorus in seiner Gestaltungsweise zahlreichen anderen Beispielen aus dem Rheinland (z. B. in St. Peter in Bacharach). Dass genau dieser Heilige an so prominenter Stelle zu sehen ist, könnte darauf hinweisen, dass die heutige Johanniskirche unter anderem aus Dank über eine überstandene Pestepidemie erbaut wurde. Schließlich gilt Christophorus auch als Schutzheiliger gegen die Pest. Die zwei Gemälde im nördlichen Seitenschiff sind deutlich kleiner als die im Chor. Das eine zeigt das bekannte Motiv von Christus als "Schmerzensmann", er ist mit einem ihn verspottenden Juden (erkennbar an seinem Hut) und dem Kreuz sowie anderen Folterwerkzeugen abgebildet. Das andere ist nur sehr schlecht erhalten. Eine Heiligengestalt mit langem Haar steht zwischen zwei eindeutig männlichen Personen, die ersterer zugewandt sind. Gewöhnlich wird es als Verspottung Christi interpretiert, es könnte sich aber auch um die Abbildung des Martyriums einer Heiligen handeln. In der Dreisitznische, wo sich der die Messe lesende Priester setzen konnte, befindet sich eine letztes Bild, in welchem drei Engel dargestellt sind, die einen Vorhang halten. Dieses wurde größtenteils neu gemalt. [Anm. 19]

Während der Restaurationsarbeiten von 1963 bis 1965 wurden Reste von Tonfiguren im Kircheninneren gefunden, auch entdeckte man Grablegen in der Kirche. Dies deutet auf eine wesentlich reichhaltigere Ausstattung im Mittelalter hin, die allerdings vermutlich zum Teil calvinistischen Bilderstürmern und zum Teil den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges zum Opfer gefallen sind. Der heutige Altar stammt von 1965, es wurden allerdings auch in der Johanniskirche gefundene Originalfragmente gotischen Blendwerkes verwendet. [Anm. 20] Das schlichte Taufbecken ist ebenfalls modernen Ursprungs, es wurde während der Umbauten 1965 errichtet und besteht aus rotem Sandstein. Die Kanzel wurde 1756 eingesetzt, auf ihrer Außenwand finden sich Bildnisse der vier Evangelisten. [Anm. 21] Die Orgel der Johanniskirche ist bedeutend, da sie eine der wenigen orginal erhaltenen Orgeln des großherzoglich-hessischen Hoforgelbaumeisters Johannes Oberndörfer darstellt. Sie wurde 1793 für die Kirche von Roßdorf bei Darmstadt geschaffen und konnte 1848 für einen Preis von 700 Gulden für die Johanniskirche erworben werden, da für den Neubau der Roßdorfer Kirche eine größere Orgel benötigt wurde. Die von 1771 stammende Empore musste für ihren Einbau erweitert und verstärkt werden. Obwohl 1965 ihr Fortbestehen unklar war, konnte die Orgel durch das Engagement des damaligen Pfarrers Karl-Hanns Iber und des Pfarrvikars Klaus Scheuermann gerettet und ihre Restauration in Auftrag gegeben werden. [Anm. 22] Die Chorfenster stammen aus der Werkstatt des Michelstädter Kirchenmalers Heinz Hindorf und zeigen Szenen aus dem Neuen Testament und speziell aus dem Leben des Hl. Johannes des Täufers. [Anm. 23]

Nachweise

Verfasser: Linus Steyer

Verwendete Literatur:

  • Krienke, Dieter: St. Johann in Rheinhessen. Köln 2012. (Rheinische Kunststätten 537)
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 18.1: Kreis Mainz-Bingen. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 2007.
  • Diehl, Ludwig: Sankt Johanner Heimatblätter I. Johanniskirche, ehemalige Wallfahrtskirche. Sankt Johann 1994.

Aktualisiert am: 08.08.2019

Anmerkungen:

  1. Landesamt Denkmalpflege: S. 673 Zurück
  2. Krienke: S. 7 Zurück
  3. Krienke: S. 4 Zurück
  4. Diehl: S. 14 Zurück
  5. Diehl: S.57 Zurück
  6. Diehl: S. 15 Zurück
  7. Krienke: S. 5  Zurück
  8. Krienke: S. 14 Zurück
  9. Krienke: S. 8 Zurück
  10. Krienke: S. 4 Zurück
  11. Diehl: S. 33 Zurück
  12. Krienke: S. 5 Zurück
  13. Landesamt Denkmalpflege: S.673 Zurück
  14. Krienke: S. 8 Zurück
  15. Diehl: S. 49 Zurück
  16. Krienke: S. 10 Zurück
  17. Krienke: S.11 Zurück
  18. Krienke: S. 12 Zurück
  19. Krienke: S. 13 Zurück
  20. Krienke: S. 13 Zurück
  21. Krienke: S. 14 Zurück
  22. Diehl: S. 11-12 Zurück
  23. Landesamt Denkmalpflege: S. 674 Zurück