Sankt Johann in Rheinhessen

Zur Geschichte von St. Johann

Vor- und Frühhistorische Spuren

Die Evangelische Johanniskirche, das Wahrzeichen St. Johanns[Bild: Harald Strube]

Im Jahr 1977 wurden auf dem Gelände einer Sandgrube zwei Kilometer nördlich von St. Johann Überreste eines altsteinzeitlichen Rentierjäger-Lagers entdeckt, welche der älteste Nachweis für eine menschliche Besiedlung der näheren Umgebung sind. [Anm. 1]  Eine höhere Zahl von Spuren sind für das Neolithikum (in Mitteleuropa ca. 5500 – 2200 v. Chr.), die Bronze- (in Mitteleuropa ca. 2200 - 800 v. Chr.) und die Eisenzeit (in Mitteleuropa ca. 800 – 15 v. Chr.) vorhanden. Diese weisen auf eine kontinuierliche menschliche Präsenz im mit fruchtbaren Böden und günstigem Klima gesegnetem Raum St. Johann hin. Der südlich vom Ort gelegene Wißberg wurde ab etwa 5000 v. Chr. von Siedlern bewohnt, die der sogenannten „Michelsberger Kultur“ (benannt nach dem bei Bruchsal gelegenen Michelsberg) zugeordnet werden. [Anm. 2] Diese gut zu verteidigende Position bot ausgedehnte Weideflächen, wildreiche angrenzende Wälder, einen fruchtbaren Lehmboden und Süßwasserquellen, was sie als Siedlungsfläche attraktiv machte. [Anm. 3] Später siedelten an gleicher Stelle „Rössener Leute“ (benannt nach einem beim gleichnamigen Ort im Saalekreis gefundenen Gräberfeld), sowie später sogenannte „Hinkelsteiner“ (nach dem Hinkelstein bei Monsheim) und Angehörige der „Glockenbecherkultur“. [Anm. 4]

Über den Handelsweg von Worms über Alzey nach Bingen gelangte ab 2000 v. Chr. das Wissen um die Bronzeherstellung in die Umgebung des Wißbergs, die zahlreichen bronzezeitlichen Fundstücke geben hiervon Zeugnis. [Anm. 5] Mehrere Bronzemesser wurden bei St. Johann gefunden, eines davon befindet sich heute im Britischen Museum in London. Eisenzeitliche Ansiedlungen sind auf dem Wißberg sowie auf umliegenden Höhenzügen belegt. Die auf dem nordöstlichen Wißberg gelegene Siedlung aus der Hallstattzeit (etwa 800 bis 450 v. Chr.) wurde näher untersucht. Funde weisen darauf hin, dass die Einwohner Viehzucht betrieben und über hohe Kunstfertigkeit im Töpferhandwerk verfügten. Eisenzeitliche "Spinnwirtel" legen außerdem nahe, dass Textilien produziert wurden. Ebenfalls entdeckte, "Napoleonshut" genannte Mühlsteine aus Quarzporphyr unterstützen das Bild einer agrarischen Gemeinde, Teile von "Kalenderbergware" (nach dem Kalenderberg in Niederösterreich) genannter Keramik legen nahe, dass Handel betrieben wurde. [Anm. 6]

Keltisch-Römische Zeit

Die hier bereits zur Hallstatt- (ca. 800 bis 450 v. Chr.) und Latènezeit (ca. 450 v. Chr. bis um Christi Geburt) ansässigen Kelten bildeten die Urbevölkerung des heutigen Rheinhessens, als die Römer ihr Reich 13/12 v. Chr. bis an den Rhein ausdehnten. Von den Städten Mogontiacum (Mainz) und Borbetomagus (Worms) sowie von den kleineren Siedlungen Cruciniacum (Bad Kreuznach), Bingium (Bingen) und Altiaia (Alzey) aus begann die römische Erschließung der ländlichen Regionen. Über letztere, vici genannte Kleinsiedlungen und über die als villae rusticae bekannten Landgüter gelangte der römische Einfluss in die Sankt Johanner Gegend. Ein solcher Gutshof wurde 1908 bei der Schaffung eines Weinberges am südöstlich von Sankt Johann gelegenen Kisselberg entdeckt, aber nicht weiter ausgegraben. [Anm. 7] 

Spätantike und Entstehung Megelsheims im frühen Mittelalter

Ab etwa 250 n. Chr. führte die steigende Intensität der Germaneneinfälle, anfangs vor allem seitens der Alemannen, generell zu einer stärkeren germanischen Präsenz im bis dahin gallo-romanisch geprägten Rheinhessen.[Anm. 8] Ungefähr ab dem Jahr 450 n. Chr. wurde der fränkische Einfluss in Rheinhessen nach und nach stärker, bis die Franken nach ihrem Sieg über die Alemannen in der Schlacht von Zülpich 496 endgültig zu den neuen Herrschern des Gebietes wurden. Während der sogenannten "Fränkischen Landnahme" entstand nun ein dichtes Netz von kleineren Weilern und Dörfern, die häufig das fränkische Suffix "-heim" im Namen trugen.

Auch die Gründung des für die Entwicklung des späteren St. Johann überaus wichtigen Ortes Sprendlingen fällt in diese Zeit, er ging vermutlich aus einem zur Königspfalz Kreuznach gehörenden Reichsgut hervor. [Anm. 9] Von dem regionalen Mittelpunkt Sprendlingen ging die Gründung zahlreicher Nebendörfer aus, unter anderem die heute nicht mehr bestehenden Siedlungen Bettenheim, Barkheim und Dürkheim, deren Namen nur noch in Flurbezeichnungen fortbestehen. [Anm. 10] Aber auch Megelsheim, das "Heim des Megil", entstand damals, man vermutet eine Entstehung um 650 n. Chr. [Anm. 11] Entsprechend der Umstände seiner Gründung war Megelsheim Bestandteil der Sprendlinger Gemarkung, eine Regelung, die noch bis ins Jahr 1860 Bestand haben sollte. Diese Tatsache ist auch der Grund für eine fehlende Nennung in frühmittelalterlichen Urkunden. Erst 1220 n. Chr. taucht der Name Megelsheim im Lehensverzeichnis des Rheingrafen Wolfram III. (um 1166-1220/21) das erste Mal auf. [Anm. 12]

Megelsheim unter den Grafen von Sponheim

Die Grabplatte des mittelalterlichen Förderers des späteren St. Johann befindet sich in Pfaffen-Schwabenheim.[Bild: Wikipedia-Nutzer "Volmar" [CC BY-SA 4.0]]

Als Lehen kam Sprendlingen und damit auch Megelsheim 1251 von den Wild- und Raugrafen an die rheinische Linie der Grafen von Sponheim. Im 13. und 14. Jahrhundert taucht eine heimische Adelsfamilie von Megelsheim auf, die eine Burg im späteren St. Johann besaßen. 1272 wird in einer Urkunde, in der Graf Johann I. von Sponheim-Kreuznach, genannt der Lahme, die Beilegung eines Streites zwischen ihm und den Rittern und Bürgern in Oppenheim festhalten lässt, explizit ein Ritter Hermann von Megelsheim erwähnt. In einer auf den 30. Mai 1306 datierten Wormser Urkunde, die heute im Münchner Hauptstaatsarchiv lagert, wird bestätigt, dass der Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Bayern Rudolf I. (1274-1319) Johann von Megelsheim zwei Teile der Megelsheimer Burg für 170 Mark kölnische Pfennige "soweit sie der äußere und letzte Graben umschließt" abgekauft habe. Das letzte Mal tritt diese Familie in einem Dokument aus dem Jahr 1339 in Erscheinung, in der der Mainzer Erzbischof Heinrich III. von Virneburg (um 1295-1353) zu Protokoll gibt, dass er dem Ritter Johann von Megelsheim 400 Pfund Heller schuldig sei, die dieser ihm für den Bau der Kurfürstlichen Burg in Eltville geliehen hatte. [Anm. 13]

Im Jahr 1339 stiftete außerdem Graf Johann II. von Sponheim-Kreuznach "zu seinem und seiner Vorfahren Seelenheil eine ewige Messe in der Pfarrkirche St. Johann Baptist zu Megelsheim". [Anm. 14] Dies ist die erste Erwähnung einer Kirche in St. Johann und wird meist auf einen Vorgängerbau der heutigen gotischen Kirche bezogen. Letztere wurde vermutlich um 1360 fertiggestellt. [Anm. 15] Möglicherweise wurde sie aus Dankbarkeit nach einer überstandenen Pestepidemie erbaut, worauf das Wandgemälde des Hl. Christophorus, der auch gegen die Pest schützen soll, hinweist. In Gau-Bickelheim ist im Jahr 1372 ein "sente Johans pade zu Wisseberg", also möglicherweise ein Pilgerweg, vermerkt, was ein Indiz für einen schon im 14. Jahrhundert liegenden Beginn der Wallfahrten sein könnte. [Anm. 16] Mit den Wallfahrten am 24. Juni (dem Geburtstag Johannes des Täufers) und am 29. August (dem Todestag desselben) gingen Jahrmärkte einher, die St. Johann nicht nur zu einem wichtigen geistlichen Zentrum der näheren Umgebung, sondern auch zu einem wichtigen regionalen Warenumschlagsplatz machten. So werden in einer Groß-Winternheimer Almosenrechnung aus dem Jahr 1581 "21 Ellen grau wollen Tuch [...] in St. Johann gekauft" vermerkt, was die Bedeutung St. Johanns für den regionalen Tuchhandel dokumentiert. [Anm. 17] In alten Berichten wird von 200 Ständen gesprochen. Die Tatsache, dass die Kessler am Tag unmittelbar nach dem 24. Juni in Alzey ihren Zunfttag abhielten, lässt es wahrscheinlich werden, dass auch sie in großer Zahl anwesend waren. [Anm. 18] Außerdem gab es auf dem Markt Weinhütten, er hatte wohl einen volksfestartigen Charakter. Das dokumentiert auch ein gerichtlicher Bericht von 1584, dem zu entnehmen ist, dass Besucher aus Dromersheim und Gau-Bickelsheim auf dem St. Johanner Markt aneinandergeraten seien, was zu einer Gerichtsverhandlung führte. [Anm. 19] Die Namensänderung ist vor dem Hintergrund des Marktrechtes zu verstehen und scheint sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vollzogen zu haben: 1436 erscheint das Dorf erstmals unter neuem Namen in einer Sponheimer Urkunde. [Anm. 20] Mit dem Aussterben des sponheimischen Geschlechtes im Mannesstamm 1437 durch den Tod des kinderlosen Grafen Johann V. von Sponheim-Starkenburg endete schließlich die Sponheimer Zeit St. Johanns.

St. Johann vom "Beinheimer Testament" bis zum Ende des Alten Reiches

Nach der Teilung der Grafschaft Sponheim 1237 hatte Sprendlingen mit St. Johann zur Vorderen Grafschaft Sponheim unter der Linie Sponheim-Kreuznach gehört. Nachdem diese Linie mit Gräfin Elisabeth von Sponheim-Kreuznach 1417 erlosch, fielen vier Fünftel ihres Erbes an den Grafen Johann V. von Sponheim-Starkenburg, wodurch der Großteil der sponheimischen Erblande zum ersten Mal seit nahezu 200 Jahren wieder in einer Hand vereint war. Ein Fünftel der Grafschaft allerdings ging an die Familie von Elisabeths zweitem Ehemann, dem Kurprinzen von der Pfalz Ruprecht Pipan (1375-1397). Dieser Anteil wurde 1422 vom Kurfürsten Ludwig III. von der Pfalz (1378-1436) vergrößert, indem er dem Grafen Johann ein weiteres Fünftel für 20000 Goldgulden als Pfand abkaufte. Da auch Johann V. keine direkten Nachkommen hatte, entschied er im sogenannten "Beinheimer Testament" über den Verbleib seines Besitzes. Die 3/5, die ihm von der Vorderen Grafschaft geblieben waren, sollten zu gleichen Teilen an seine Vettern Markgraf Bernhard I. von Baden (1364-1431) und Graf Friedrich III. von Veldenz (im 14. Jahrhundert-1444) verteilt werden. [Anm. 21] Als letzterer 1444 starb gingen seine drei Zehntel an den mit seiner einzigen Tochter Anna verheirateten Pfalzgrafen Stephan von Pfalz-Simmern (1385-1459) über. 1509 fiel außerdem das 1422 verpfändete Fünftel zurück an die Erben Johanns V. und wurde zwischen Baden und Pfalz-Simmern aufgeteilt. Als 1559 mit dem Tod des Kurfürsten Otto Heinrich auch die alte kurpfälzische Erblinie endete, erhielt die Linie Pfalz-Simmern auch das "Kurpfälzische Erbfünftel". So gehörte die Vordere Grafschaft Sponheim 1560 also zu drei Fünfteln zur Pfalz und zu zwei Fünfteln zu Baden. [Anm. 22]

Zuvor jedoch wurde 1556 durch Kurfürst Otto Heinrich (1502-1559) die lutherische Konfession in seinen Territorien eingeführt, mit der Zustimmung des ebenfalls lutherischen Markgrafen Philibert von Baden (1536-1569) auch in der Vorderen Grafschaft Sponheim. So endeten nach wahrscheinlich über 200 Jahren die Wallfahrten nach Sankt Johann, nicht aber die weiterhin an den alten Terminen ausgerichteten Jahrmärkte. Aufgrund des Kondominatsverhältnisses machte St. Johann die unmittelbar folgenden Konfessionswechsel der Pfalz vorerst nicht mit, 1588 allerdings wurde unter Pfalzgraf Johann Kasimir (1543-1592) das reformierte Bekenntnis durchgesetzt. Dies führte zur Vertreibung des lutherischen Pfarrers Martin Rheinerus und zur Berufung des reformierten Predigers Wimarius Stipelius (1541-1625). [Anm. 23]

An dessen, von Prof. Dr. Heinrich Steitz mithilfe von Archivalien skizzierten Leben lässt sich gut die auch für St. Johann schwere Zeit des Dreißigjährigen Kriegses veranschaulichen. Der aus Westfalen stammende Pfarrer hatte an der Heidelberger Universität Theologie studiert und war bereits mehrmals vor religiöser Verfolgung geflüchtet. Seine Amtszeit sollte eine schwierige werden. Nachdem 1588 ein großer Brand das Dorf heimgesucht hatte, brach im Jahr 1596 erstmals die Pest aus, 1601 die Ruhr und 1622 wieder die Pest. Von den 1601 ungefähr 800 in Sprendlingen und St. Johann lebenden Menschen starben während der Pestjahre beinahe die Hälfte, d. h. etwa 350. Schließlich erreichte 1622 auch St. Johann der Krieg: Frühmorgens, am 28. November plünderten katholische Truppen aus Spanien und Bayern Sprendlingen und St. Johann. Die Wut der Soldaten richtete sich zuallererst gegen den damals bereits 81-jährigen Stipelius: Nachdem sie ihn beraubt hatten, verprügelten sie ihn und versuchten, ihn am Scheunentor zu erhängen. Das erste Seil riss, also legte die Soldateska ihm einen zweiten Strick an und zog so lange bis sie meinten, der Pfarrer sei tot. Daraufhin ließen sie ihn zurück. Als letzterer wieder zu sich gekommen war, schlug er sich bis nach Kreuznach durch. Nach dem Abzug der Soldaten kehrte er 1623 in seine Pfarrei zurück, 1625 aber wurde er von der spanischen Verwaltung seines Amtes enthoben. Wenig später starb Wimarius Stipelius mit 84 Jahren. [Anm. 24]

Von 1625 bis 1631 blieb Sprendlingen mit Sankt Johann unter spanischer Besatzung und wurde zwangsweise katholisch, infolge der Siege Gustav IV. Adolphs von Schweden kehrte die Gemeinde 1632 zum reformierten Bekenntnis zurück. Die Plünderungen scheinen Sankt Johann schwer in Mitleidenschaft gezogen zu haben: So ist in einem Visitationsprotokoll von 1627 vermerkt, dass es in der Kirche keinen Küster gebe und dass weder Glocken, noch Altar, noch liturgisches Gerät vorhanden seien, da der auch vor dem Krieg schon kleine Kirchenbesitz 1622 geraubt worden sei. [Anm. 25] Nach dem Westfälischen Frieden versuchten die Beamten der inzwischen wieder katholischen Markgrafschaft Baden das Simultaneum in den protestantischen Kirchen der Gegend durchzusetzen. So ließ der badische Landschreiber vom Oberamt Kreuznach, Johann Nikolaus Quad, 1699 gewaltsam einen katholischen Altar in der Johanniskirche errichten, obwohl damals in Sankt Johann keine katholische Gemeinde bestand. [Anm. 26] 1678 wurde eine reformierte Primarschule in St. Johann gegründet, die später in einem 1699 gebauten Schulhaus am alten Rathausplatz untergebracht wurde. [Anm. 27]

Am 24. August 1707 handelten die Gesandten der Kurpfalz und Badens eine Teilung der nun schon etwa 270 Jahre lang im Kondominat geführten Vorderen Grafschaft Sponheim aus: Sprendlingen und St. Johann wurden als einzige Gemeinden der Markgrafschaft Baden zugesprochen. [Anm. 28] Dadurch befanden sich die mehrheitlich reformierten Ortschaften nun unter alleiniger katholischer Oberhoheit, was zu Auseinandersetzungen führte. Nachdem bereits 1730 eine Beschwerde der Protestanten bezüglich der badischen Übergriffe von den Behörden abgelehnt worden war, obwohl diese von der eingesetzten Untersuchungskommission Recht erhalten hatte, ereignete sich zwischen 1755 und 1773 ein Vorfall, der als "Kreuzesstreit" bezeichnet wurde. 1755 starb der einzige katholische Einwohner St. Johanns und gemäß seinem letzten Willen errichteten die Sprendlinger Katholiken auf dem damals noch an der Kirche gelegenen Friedhof auf seinem Grab ein großes Holzkreuz. Daran nahm die reformierte Gemeinde Anstoß, denn das Kreuz wurde als Symbol des Katholizismus angesehen, welches nicht auf einen reformierten Kirchhof gehöre. Das Oberamt Kreuznach schenkte den Beschwerden der Sankt Johanner kein Gehör. Schließlich wurde das Kreuz im November 1773 niedergerissen und zerschlagen aufgefunden. Trotz der nachfolgenden Untersuchungen wurde der Täter nie gefunden. Die badischen Beamten verpflichteten daraufhin die gesamte reformierte Gemeinde, für die Errichtung eines neuen Kreuzes aufzukommen. [Anm. 29]

Von der Franzosenzeit bis zur Unabhängigkeit von Sprendlingen

Der klassizistische Bau stammt von 1825 und basiert auf Plänen des Mainzer Architekten Peter Wetter.[Bild: Wikipedia-Nutzer "Nixnubix" [CC BY-SA 3.0]]

Nachdem die linksrheinischen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs seit 1792 unter französischer Besatzung standen und ab 1797 fest in den französischen Staat eingegliedert wurden, begann für die Kirchengemeinden in Sprendlingen und St. Johann eine Zeit äußeren Drucks, die aber auch dazu führte, dass die Konfessionen unter dem Einfluss des reformierten Pfarrers Johann Paul Wundt und seines Sohnes und späteren Nachfolgers, des Vikars Friedrich Ludwig Wundt, untereinander enger zusammenrückten und sich sogar auf einen gemeinsam finanzierten Neubau der Sprendlinger Simultankirche einigen konnten. [Anm. 30]

In Sprendlingen wurde ein Freiheitsbaum aufgestellt, durch eine Unterschrift in eine "Reunionsliste" sollten sich die Bewohner der Ortschaften für eine Vereinigung mit Frankreich aussprechen. 126 Sprendlinger trugen sich ein, darunter auch ein Sankt Johanner Bürger. [Anm. 31] Die wohl wichtigste Neuerung für den normalen Sankt Johanner aber war wohl das Ende der Feudalabgaben, die bis in die napoleonische Zeit beträchtlich geblieben waren; so hatten die beiden Hofgüter St. Johanns bis zuletzt den Gegenwert von 100 Malter Korn zu entrichten. Die Bauern und Winzer, die ihre Weinberge und Äcker vorher als Erbpächter bebaut hatten, konnten diese nun käuflich erwerben. [Anm. 32]

Nach dem Ende der französischen Herrschaft durch die "Befreiungskriege" 1814 kam St. Johann infolge des Wiener Kongresses als Bestandteil der neu geschaffenen Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen und bei Rhein, viele Errungenschaften der Franzosenzeit blieben aber bestehen. Infolge der "Wörrstädter Union" von 1822 wurden die lutherischen und reformierten Gemeinden zu evangelischen vereinigt, so geschah es auch in Sprendlingen und St. Johann. Die Erweckungsbewegung fasste Fuß, es entstanden Hauskreise, wo man sich zur Andacht und zum Bibelstudium traf. [Anm. 33] Mit dem Pfarrer Amandus Jakob Müller erhielt sie einen tatkräftigen Förderer. Die 1699 erbaute Schule am Rathausplatz wurde, da sie baufällig geworden war, 1825 abgerissen und durch einen klassizistischen Neubau des Mainzer Architekten Peter Wetter mit angeschlossener Lehrerwohnung ersetzt. [Anm. 34] 1837 wurde anstatt des alten, an der Kirche gelegenen Friedhofes ein neuer am Ortsrand errichtet, nachdem es über die Nutzungsrechte zu Auseinandersetzungen gekommen war. Anfangs wurde der neue Friedhof als ausschließlicher Besitz der evangelischen Gemeinde betrachtet, die Katholiken begruben ihre Toten vorerst weiterhin auf einem Teil des alten Kirchhofes, nur im Falle einer Epidemie sollten sie auch den neuen Friedhof nutzen dürfen. Ab 1844 durften auch sie den neuen Friedhof verwenden, wobei ihnen allerdings das Aufstellen von Kreuzen mit einer Höhe von über zwei Fuß verboten wurde (möglicherweise ein Nachklang des "Kreuzesstreites" aus dem 18. Jahrhundert). [Anm. 35] Außerdem muss in dieser Zeit ein Gesangsverein in Sankt Johann entstanden sein, denn es existiert ein von dem Sankt Johanner Bürger Lorenz Gumbsheimer I. handgeschriebenes "Singbuch" für diesen aus dem Jahr 1845. [Anm. 36] Auch ein demokratischer Verein bildete sich in St. Johann infolge der Märzrevolution 1848, dieser scheint in seiner Wirkung aber begrenzt geblieben zu sein. [Anm. 37]

Im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen mehr und mehr die Spannungen zwischen den Einwohnern St. Johanns und Sprendlingens. Die verhältnismäßig wohlhabenden Sankt Johanner fühlten sich von der Sprendlinger Gemeindeführung bevormundet und um ihre Steuergelder betrogen, die, so ihre Wahrnehmung, weitestgehend in Sprendlingen investiert wurden. Anhand der im Archiv der Ortsgemeinde Sankt Johann aufbewahrten Unterlagen, welche den Briefverkehr zwischen dem Sprendlinger Gemeinderat und dem St. Johanner Beigeordneten Peter Beiser II. ausführlich dokumentieren, lässt sich ein guter Einblick über die Ereignisse gewinnen. Am 6. März 1848 wurde der Antrag auf eine Trennung der Gemeinden dem Sprendlinger Gemeinderat unterbreitet. Dieser Antrag wurde am 19. Mai kategorisch abgelehnt. Man verwies darauf, dass St. Johann historisch kein Anrecht auf Selbstständigkeit habe und das Streben nach letzterer eine Inanspruchnahme "fremden Eigentums" darstelle; dass die Behandlung Sankt Johanns nicht im geringsten ungerecht, sondern voller "Humanität" sei; dass Sankt Johann nicht mehr Steuern zahle als Sprendlingen und dass durchaus auch in St. Johann investiert würde (der Gemeinderat führt als Beweis an, dass in den zurückliegenden 20 Jahren über 10000 Gulden für Maßnahmen in St. Johann aufgebracht worden seien) und schließlich dass eine Trennung wegen der geringen Größe des Dorfes unpraktikabel sei.[Anm. 38]  So begannen zähe Verhandlungen, die insgesamt zwölf Jahre dauern sollten.

Beiser reagierte am 15. Juni mit einer geradezu schulmeisterlich anmutenden Erklärung, in welcher er detailliert auf die Sprendlinger Argumente einging. Er beginnt mit einer Definition der Begriffe, mit denen der Sprendlinger Gemeinderat Sankt Johann bedacht hatte: So könne letztere Siedlung mit mit "63 Häuser[n] eine[r] Kirche, eine[r] Schule [und] eine[m] Rathaus" unmöglich als Weiler gelten usw. [Anm. 39] Von den über 10000 Gulden habe man im Dorf nichts gemerkt; und selbst wenn dieses Geld aufgewendet worden wäre, wäre das ja auch nicht ohne Sankt Johanner Beteiligung vonstatten gegangen. Zur Sprendlinger "Humanität" hatte er nur zu sagen, dass der Gemeinderat einen "eigentümlichen Begriff von Humanität" zu haben scheint. Dann geht er auf die Steuerlasten ein, die seinen Angaben nach offensichtlich doch ungerecht waren: Ein Sprendlinger zahle im Monat durchschnittlich ca. 12 Kreuzer, ein Sankt Johanner ca. 22. [Anm. 40] Er schließt mit dem Hinweis, dass eine fehlende historische Grundlage eine Entwicklung in der Gegenwart nicht unmöglich mache und fordert den Kreisrat auf, eine Trennung in die Wege zu leiten. [Anm. 41]

Am 15. September ordnete die Wormser Regierungskommission an, dass ein Ausschuss aus neutralen Experten die Angelegenheit beurteilen sollte. Trotz der anfänglichen Weigerungen Sprendlingens, einen Experten für ihre Seite zu bestimmen, trat die Kommission zusammen und sprach sich in ihrem Bericht vom 21. Dezember 1850 für eine Trennung aus. [Anm. 42] Das veranlasste den Sprendlinger Gemeinderat dazu, St. Johann eine Teilung auf Basis der Einwohnerzahlen und zu Kosten der Antragsteller vorzuschlagen. Das allerdings hätte für Sankt Johann ein unvorteilhaftes Arrangement bedeutet, da die Einwohnerschaft zwar durchschnittlich wohlhabender, aber zahlenmäßig kleiner als die von Sprendlingen war. So wurde dieser Vorschlag von den in ihrem Selbstbewusstsein gestärkten Sankt Johannern abgelehnt. [Anm. 43]

Am 3. September 1851 jedoch lehnte die großherzogliche Verwaltung in Darmstadt das Gesuch trotz der Unterstützung durch den Wormser Bezirksrat und die Untersuchungskommission ab. Daraufhin wandte man sich an die Erste Kammer der Hessischen Landstände, was 1856 den gewünschten Erfolg brachte: Am 14. Juni verfügte der Großherzog die Errichtung einer selbstständigen Gemeinde St. Johann. [Anm. 44] Bereits am 18. August wurden daraufhin die ersten Wahlen zum Ortsvorstand abgehalten, Christian Bernhard IV. wurde zum ersten Vorsitzenden bestimmt. Nun begannen die Verhandlungen über die Gemarkungsgrenze und die Aufteilung des Vermögens, die ebenfalls an die drei Jahre in Anspruch nahmen. Schließlich wurde am 7. Dezember 1859 im Sprendlinger Gemeindehaus der "Auseinandersetzungsrecess" von den Ortsvorständen St. Johanns und Sprendlingens unterzeichnet. Am 18. Januar wurde Christian Bernhard IV. folgerichtig zum ersten Bürgermeister der neuen Gemeinde St. Johann ernannt. [Anm. 45] Damit war die Selbstständigkeit besiegelt.

Ihre Unabhängigkeit feierten die Sankt Johanner mit einem zwei Tage dauernden Volksfest, einem Festakt in der Johanniskirche,wo dem neuen Bürgermeister seine Pflichten übertragen wurden, einem Fackelzug durch das Dorf und einem anschließenden Festbankett im "Gasthaus zum Deutschen Kaiser". [Anm. 46]

St. Johann als selbstständige Gemeinde bis zum Ersten Weltkrieg

Die Bauten stammen hauptsächlich aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[Bild: Wikipedia-Nutzer "Nixnubix" [CC BY-SA 3.0]]

In den ersten Jahrzehnten nach der Erlangung der Eigenständigkeit erlebte St. Johann eine Phase des Wachstums. Jener war auch von einer wachsenden Bautätigkeit geprägt, die unter anderem ein neben dem alten Ortskern um die Kirche ebenfalls für St. Johann prägendes Bauensemble im Bereich der heutigen Hindenburgstraße entstehen ließ. Ein großer Teil der gründerzeitlichen Hofanlagen ist bis heute erhalten. [Anm. 47] Im öffentlichen Bereich hingegen wurde gespart, etwa durch die Wiederverwendung von Baumaterialien bei Neubauten. Dies erregte im Fall des zweiten Bürgermeisters Peter Bernhard III. solche Missgunst bei führenden Familien des Dorfes, dass es zu einer Wiedereinsetzung seines Vorgängers kam. Das im 16. Jahrhundert als Amtssitz des Sprendlinger Bürgermeisters an Markttagen bzw. seines Sankt Johanner Stellvertreters, des Adjunkts, während der sonstigen Zeit des Jahres erbaute Rathaus am Alten Rathausplatz, sowie das an der Kirche gelegene Backhaus, welches in früheren Zeiten von hoher Wichtigkeit für die Dorfgemeinschaft gewesen war, wurden abgerissen. Dort, wo das Backhaus gestanden hatte, wurde zwischen 1875 und 1876 ein schlichter Bau geschaffen, der im Untergeschoss das Spritzenhaus, im oberen Stockwerk einen Raum für den Bürgermeister und einen für den Pfarrer beherbergte. [Anm. 48]

Modernisierungsmaßnahmen, wie die Einrichtung einer mit Erdöl betriebenen Straßenbeleuchtung 1877, die Errichtung einer Poststelle 1882 sowie die Gewährleistung der Wasserversorgung 1894 und der Telefonverbindung 1897 verbesserten die Infrastruktur der Gemeinde. 1912 konnten die Sankt Johanner erreichen, dass die neu errichtete elektrische Kleinbahnlinie nicht wie ursprünglich geplant nur bis nach Sprendlingen, sondern bis in ihr Dorf fuhr. Dies bedeutete zusätzlich zu der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr eine Verbesserung für die landwirtschaftlichen Betriebe, denn auch Waren und kleinere Gerätschaften konnten ab 1914 mit der Bahn ins Dorf verbracht werden. [Anm. 49] Außerdem wurde durch den Anschluss an das Bahnnetz auch die Stromversorgung garantiert, so wurde die Beleuchtung ab dem 16. November 1912 elektrifiziert. [Anm. 50]

Was das kulturelle Leben anging, so wären da zuerst die Ereignisse um den seit 1852 in der Gemeinde wirkenden Pfarrer Adolph Anton Stöhr zu nennen. Er wurde berufen, nachdem es wegen der tatkräftigen Beteiligung des Frei-Laubersheimer Pfarrers Balthasar Matty an der Märzrevolution zu Unruhen in der protestantischen Bevölkerung des rheinhessischen Westens gekommen war. Er übernahm eine wohlhabende und alles in allem fromme Pfarrei, was zum Teil wohl auch ein Resultat der immer noch nachwirkenden Erweckungsbewegung war, die zur Amtszeit der beiden Pfarrer Wundt auch in Sprendlingen und St. Johann zahlreiche Anhänger gefunden hatte. [Anm. 51] In der von ihm gewissenhaft geführten Ortschronik lässt sich sich der Wandel seiner Einstellung gegenüber den Mitgliedern der Gemeinde nachverfolgen. Der pietistisch geprägte Stöhr bemühte sich sehr, das kirchliche Leben zu fördern und die Gemeinde zu Mitwirkung anzuregen. Bei den führenden Mitgliedern der dörflichen Gemeinschaft aber, insbesondere dem Kirchenvorstand, stoß er auf mangelndes Interesse. Diese "Honoratioren" bezeichnete er daraufhin mehr und mehr als "religionslos", "unsittlich" und zu sehr dem Weltlichen zugewandt. Den Vereinen stand er skeptisch gegenüber, er befürchtete einen negativen Einfluss auf die Lebensführung der Mitglieder. [Anm. 52] Den steigenden Wohlstand der einfachen Landbevölkerung sah er ebenfalls kritisch, denn dieser gebe ihr die Mittel zu einem Leben in "Unsittlichkeit". Zwar freute er sich über die verbesserte Situation der Bauern und Landarbeiter, aber er bedauerte die Entwicklungen, die er als "Verfall des kirchlichen Lebens" ansah. Die vielen, auch sonntäglichen, Feste leisteten seiner Ansicht nach vor allem dem Laster und der Entkirchlichung Vorschub. Obwohl Stöhr diese Einträge nach seiner eigenen Aussage aus seelsorgerischem Interesse vornahm, benachrichtigte sein Vikar Karl Ludwig Fabricius den Kirchenvorstand. Dieser war empört und verurteilte die "allzu pessimistische(m) und böswillige(n)" Weise, mit der Pfarrer Stöhr das sittliche Leben der Gemeinde beschrieb. Es wurden Stimmen laut, die seine Absetzung forderten. [Anm. 53] So wurde er nach einer Kirchenvisitation durch den rheinhessischen Superintendenten, den Prälaten Dr. Karl Georg Friedrich Schmitt, am 13. Juni 1875 vom darmstädtischen Oberkonsistorium "auf unbestimmte Zeit" beurlaubt. Am 20. Juni hielt er seine Abschiedspredigt in der Sprendlinger Michaelskirche, in welcher er sich rechtfertigte, stets nur die biblischen Weisungen befolgt zu haben. Als er sich am 22. Juni zum Bahnhof begab, wurde er von den ihm begegnenden Passanten gemieden, niemand begleitete ihn. [Anm. 54]

Zu seinem Nachfolger wurde der erst 19-jährige Pfarrvikar Fabricius berufen, der es schaffte, die Beziehungen zwischen Pfarrer und Gemeinde wieder zu verbessern. So gründete er 1875 einen Frauenverein mit 61 Mitgliedern. [Anm. 55] Auch rief er 1882 einen Kirchengesangsverein ins Leben, dieser konnte sich allerdings anscheinend nicht langfristig halten. [Anm. 56] Bis 1874 war die evangelische Gemeinde für die Dorfschule zuständig gewesen, nun ging ihr Unterhalt in staatliche Hand über. Im gleichen Jahr gründeten St. Johanner Veteranen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 einen Kriegerverein, der 1887 offiziell in "Krieger-Gesangsverein" umbenannt wurde. Dieser knüpfte wohl an die Tradition des inzwischen inaktiven, alten Gesangsvereins, der 1845 im Singbuch des Lorenz Gumbsheimer I. erwähnt worden war an. [Anm. 57] Nachdem eine behördliche Weisung den Gemeinden die Wahl zwischen einer Berufs- und einer Freiwilligen Feuerwehr freistellte, entschied man sich in Sankt Johann für letztere. Sie wurde 1891 gegründet und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens im Dorf.[Anm. 58] Das seit 1699 in der Johanniskirche bestehende Simultaneum, das eine katholische Messe am Tag des St. Johanner Jahrmarkts verlangte, wurde 1898 in Übereinkunft mit den Sprendlinger Katholiken aufgelöst, der katholische Altar wurde am 15. und 16. Dezember desselben Jahres unter Aufsicht des katholischen Pfarrers Schönherr entfernt und in der neuen katholischen Kirche St. Michael in Sprendlingen verwendet. [Anm. 59] Am 17. April 1910 wurde der TSV 1910 St. Johann unter Mitwirkung einiger Mitglieder des TSV 1886 Wolfsheim im Rathaus ins Leben gerufen. Der Sportverein integrierte sich schnell ins dörfliche Leben und hatte von Anfang an über 100 Mitglieder, mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung St. Johanns. [Anm. 60] Ein eigener Kirchenchor entstand unter der Ägide des Pfarrers Emil Grünewald im Jahr 1912, er war bis in die 30er Jahre aktiv. [Anm. 61]1913 wurden bei einer Restaurierung der Kirche die mittelalterlichen Wandmalereien wiederentdeckt und bei ihrer Wiederherstellung mit historisierendem Beiwerk ergänzt. [Anm. 62]

St. Johann während und zwischen den beiden Weltkriegen

Der Erste Weltkrieg bedeutete auch in St. Johann einen schwerwiegenden Einschnitt in das Leben der Bewohner. Der Gesangsverein stellte seine Aktivität ein, der Präsident Karl Gumbsheimer I. wurde ein Opfer des Krieges. [Anm. 63] Auch der Sport im TSV 1910 kam zum Erliegen. Insgesamt fielen acht Sankt Johanner, darunter auch der Lehrer Philipp Wilhelm Reinheimer. [Anm. 64] Nach dem Ende des Krieges begann sich das Vereinswesen langsam zu erholen. Auch wenn mit der Inflation noch einmal schwere Zeiten kamen (Bspw. betrug der Mitgliedsbeitrag des TSV 1910 im Oktober 1923 eine Million Mark, die Saalrente im Wirtshaus musste mit einem Zentner Gerste beglichen werden), gedieh das kulturelle Leben in der Zwischenkriegszeit. [Anm. 65] 1924 wurde das 50-jährige Jubiläum des Gesangsvereins unter Mitwirkung von 14 Vereinen aus der Umgebung festlich begangen.[Anm. 66] 1925 entstand ein jugendlicher Mandolinenclub, 1927 bildete sich um den Lehrer Christoph Mees ein Kegelvereinigung. Politisch war in den 20er und frühen 30er Jahren der konservativ-monarchistische "Stahlhelm" in St. Johann tonangebend, dieser wurde 1933 zwangsweise in die NSDAP integriert. Nach der Machtergreifung war das gemeinschaftliche Leben auch hier von den Nationalsozialisten und ihren Parteiorganisationen wie HJ, BDM und NS-Frauenschaft geprägt. Der Alte Rathausplatz hieß nun Adolf-Hitler-Platz. 1934 wurde eine "Kleinkinderschule" geschaffen, was für Familien eine große Erleichterung darstellte. Von 1927 bis 1933 wurde in St. Johann eine Flurbereinigung vorgenommen. 1938 kam die Gemarkung vom Kreis Alzey zum Kreis Bingen, auch wurde das Gebiet der Ortsgemeinde um das Plateau des Wißbergs erweitert. [Anm. 67] Während des Zweiten Weltkrieges wurden in St. Johann vornehmlich polnische Kriegsgefangene auf den Äckern und in den Weinbergen eingesetzt. Durch die Evakuierung von Stadtbewohnern aufs Land vergrößerte sich die Einwohnerzahl auf über 700 (vorher lag sie bei ungefähr 550). Als 1945 amerikanische Streitkräfte der Region immer näherkamen, wurde eine hölzerne Panzersperre in der Hauptstraße errichtet. Am Wißberg befanden sich Flakgeschütze. Beim Angriff auf diese Stellungen wurde St. Johann mit Artillerie- und Panzerfeuer beschossen. [Anm. 68] Im Ort brachen daraufhin zahlreiche Brände aus, allein 15 Scheunen wurden Opfer der Flammen. Eine einsatzfähige Feuerwehr gab es aufgrund des Krieges nicht mehr. [Anm. 69] Während der Besatzung wurden einige Häuser in der Hindenburgstraße von amerikanischen Soldaten beschlagnahmt, auch ein Stab war hier zeitweise einquartiert. Ein spätes Opfer des Krieges wurden drei St. Johanner Jungen, die von einer am Alten Friedhof herumliegenden, noch scharfen Granate in den Tod gerissen wurden. Einige andere wurden schwer verletzt. [Anm. 70] Der Krieg forderte das Leben von 40 St. Johannern, sie sind auf dem Ehrenmahl der Ortsgemeinde auf dem Neuen Friedhof aufgeführt. [Anm. 71]

St. Johann nach dem Krieg und bis heute

Nach Kriegsende lief die Normalisierung der Lebensumstände zunächst langsam an. Die Zerstörung zahlreicher Scheunen und Geräte 1945 traf viele landwirtschaftliche Betriebe schwer. Nachdem die höher gelegenen Ortsteile im Sommer und im Herbst mit Wassermangel zu kämpfen gehabt hatten, wurden 1949 im Nordosten des Ortes Probebohrungen durchgeführt. Man wurde fündig, doch das Wasser musste aufgrund seines hohen Mineralisierungsgrades mit Wasser aus der Umgebung vermischt werden. Außerdem konnte der Tiefbrunnen nur eingeschränkt genutzt werden, da der Filter versandete.[Anm. 72] Die Vereine begannen sich nach und nach zu erholen und auch die in St. Johann einquartierten Evakuierten aus Mainz, Ingelheim und Bingen trugen zur Stärkung des gemeinschaftlichen Lebens bei. Der seit 1935 inaktiv gewesene TSV 1910 St. Johann wurde am 20. Oktober 1948 neu gegründet und erlebte, nun auch als aufstrebender Handballverein, in den folgenden Jahren ein erneutes Erblühen des Vereinslebens. [Anm. 73] Mainzer Flüchtlinge regten die Gründung einer Karnevalsabteilung im Verein an und so hielt die Fastnacht im Dorf Einzug. [Anm. 74] Die erste Sitzung fand am Fastnachtsdienstag 1948 mit Erlaubnis der amerikanischen Militärverwaltung unter der Bedingung statt, dass das Tragen von Gesichtsmasken verboten sei. 1949 gab es dann erstmals auch einen Fastnachtsumzug mit anschließender Kindersitzung. [Anm. 75] Im gleichen Jahr kam es zu einer Reorganisation der Freiwilligen Feuerwehr. [Anm. 76] 1954 wurde der bis heute bestehende Landfrauenverein St. Johann gegründet. 1962 entstand das bis heute als Teil der Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen e. V. bestehende Volksbildungswerk St. Johann. [Anm. 77] Die notwendig gewordene Restauration der Johanniskirche wurde 1963 in Angriff genommen, der Dachreiter wurde ersetzt, die Ergänzungen des frühen 20. Jahrhunderts wurden entfernt und das Gebäude erhielt seine historische, bis heute bestehende Gestalt zurück. Im Chor wurden drei Buntglasfenster des Künstlers Heinz Hindorf eingesetzt. [Anm. 78] Seit 1969 gehört St. Johann zum damals neu gegründeten Landkreis Mainz-Bingen, 1972 kam die Eingliederung in die Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen. [Anm. 79] Ab den 70er Jahren begann der Ort wieder zu wachsen, die bereits bestehenden Neubaugebiete "Leimenkaute" und "Auf dem Kreuz" wurden 1982 um das Gebiet "Auf dem Ewiger" und später die Lage "Westlich der Danziger Straße" erweitert. [Anm. 80] 1976 konnte auch eine Lösung für das bis dahin mit dem problemanfälligen Tiefbrunnen nur provisorisch gelösten Problem um die Wasserversorgung gefunden werden, indem St. Johann an das Wasserwerk Wörrstadt angeschlossen wurde. [Anm. 81] Die Modernisierung der Landwirtschaft nahm 1976/1977 einen verhältnismäßig frühen Anfang, als in den Weinbergen erstmals automatische Traubenvollernter zur Weinlese eingesetzt wurden. [Anm. 82] Von 1985 bis 1991 wurden Maßnahmen zum Ausbau des Straßennetzwerks und zur Kanalisierung durchgeführt, 1987 wurde St. Johann als "Dorferneuerungsgemeinde" anerkannt. [Anm. 83] Schließlich entstand von 1991 bis 1993 mit dem Golfclub Rheinhessen auf dem Wißberg ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Weiterentwicklung des Dorfes. [Anm. 84]

Nachweise

Verfasser: Linus Steyer

Verwendete Literatur:

  • Diehl, Ludwig: Sankt Johanner Heimatblätter I. Johanniskirche, ehemalige Wallfahrtskirche. Sankt Johann 1994.
  • Diehl, Ludwig: Sankt Johanner Heimatblätter II. Die Ortsgeschichte von Sankt Johann, Teil 1. Sankt Johann 1995.
  • Diehl, Ludwig: Sankt Johanner Heimatblätter V. Sankt Johanner Vereins-Chronik. Sankt Johann 2005.
  • Steitz, Heinrich: Die Einführung der Reformation und die wechselvolle Geschichte der ersten evangelischen Pfarrer in Sprendlingen und St. Johann bis zum 30jährigen Krieg. In: Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinden Sprendlingen - St. Johann/Rhh. Mainz 1980. S. 17-29.
  • Steitz, Heinrich: Das kirchliche Leben als Grundlage des kirchlichen Bauens. In: Festschrift der Evangelischen Kirchengeminden Sprendlingen - St. Johann/Rhh. Mainz 1980. S. 55-57.
  • Rosendorn, Kurt: Die rheinhessischen Simultankirchen bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Speyer 1958.
  • Krienke, Dieter: St. Johann in Rheinhessen. Köln 2012.

Aktualisiert am: 30.07.2019

Anmerkungen:

  1. Diehl, Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 2  Zurück
  2. Diehl, Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 2  Zurück
  3. Diehl, Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 3  Zurück
  4. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 3  Zurück
  5. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 3  Zurück
  6. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 4  Zurück
  7. Krienke, S.3  Zurück
  8. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 6 Zurück
  9. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 6 Zurück
  10. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 6 Zurück
  11. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 6 Zurück
  12. Krienke: S. 3 Zurück
  13. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 9 Zurück
  14. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 9 Zurück
  15. Krienke: S. 7 Zurück
  16. Krienke: S.4 Zurück
  17. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 57 Zurück
  18. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 16 Zurück
  19. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 17 Zurück
  20. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 10 Zurück
  21. Rosendorn: S. 102 Zurück
  22. Rosendorn: S. 103 Zurück
  23. Steitz: Die Einführung der Reformation. S. 55 Zurück
  24. Steitz: Die Einführung der Reformation. S. 56-57 Zurück
  25. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 16 Zurück
  26. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 17 Zurück
  27. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 19 Zurück
  28. Rosendorn: S. 120 Zurück
  29. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 17 Zurück
  30. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 18 Zurück
  31. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 19 Zurück
  32. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 19  Zurück
  33. Steitz: Das kirchliche Leben. S. 21 Zurück
  34. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 19 Zurück
  35. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 18 Zurück
  36. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 9  Zurück
  37. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 4 Zurück
  38. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 36 Zurück
  39. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 38 Zurück
  40. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 39 Zurück
  41. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 40 Zurück
  42. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 41 Zurück
  43. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 42 Zurück
  44. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 20  Zurück
  45. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 46 Zurück
  46. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 47 Zurück
  47. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 21 Zurück
  48. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 21 Zurück
  49. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 22 Zurück
  50. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 23 Zurück
  51. Steitz: Das kirchliche Leben. S. 22  Zurück
  52. Steitz: Das kirchliche Leben. S. 23 Zurück
  53. Steitz: Das kirchliche Leben. S. 24 Zurück
  54. Steitz: Das kirchliche Leben. S. 17-18 Zurück
  55. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 21 Zurück
  56. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 5 Zurück
  57. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 11 Zurück
  58. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 25 Zurück
  59. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 19 Zurück
  60. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 25 Zurück
  61. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 5  Zurück
  62. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 21 Zurück
  63. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 12 Zurück
  64. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter i. S. 36 Zurück
  65. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 27 Zurück
  66. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 13 Zurück
  67. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter IV. S. 3 Zurück
  68. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 26 Zurück
  69. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 73 Zurück
  70. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 26 Zurück
  71. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 55-56 Zurück
  72. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 21 Zurück
  73. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 27 Zurück
  74. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 39 Zurück
  75. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 40 Zurück
  76. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 73 Zurück
  77. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 28 Zurück
  78. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter I. S. 23-24 Zurück
  79. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 32 Zurück
  80. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 29 Zurück
  81. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 29 Zurück
  82. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 32 Zurück
  83. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter II. S. 30 Zurück
  84. Diehl: Sankt Johanner Heimatblätter V. S. 83-84 Zurück