Zornheim in Rheinhessen

Zur Geschichte von Zornheim

Von der Römischen Zeit zur Fränkischen Herrschaft

Luftbild von Zornheim[Bild: Alfons Rath]

Die früheste schriftliche Nennung des Ortes Zornheim geht auf eine Schenkungsurkunde aus dem Jahr 771 zurück. Nach dieser schenkte Haguno, Mitglied einer großfränkischen Hochadelsfamilie, die im Mainzer Raum großen politischen und gesellschaftlichen Einfluss hatte, dem Kloster Fulda einen Weinberg im Weiler Zornheim, damals unter dem Namen „Zarenganheim“. [Anm. 1] Die Gründung Zornheims kann aber wohl schon früher datiert werden. So deuten archäologische Funde aus der Jungsteinzeit auf erste menschliche Besiedlung der Gegend um Zornheim im 5. Jahrtausend v. Chr. In den folgenden Jahrtausenden wandelten sich die Siedlungsart und Kultur der am linken Rheinufer lebenden Menschen. [Anm. 2]

Um Christi Geburt wurden die römischen Legionen aus Innergallien an den Rhein verlegt. Die dort seit der späten Eisenzeit (etwa 470 – 13 v. Chr.) lebenden Keltenverbände verloren dadurch ihre politische Unabhängigkeit und wurden in das wachsende Römische Reich eingegliedert. In Mainz (röm. Mogontiacum) wurde ein bedeutendes Militärlager errichtet und das fruchtbare Umland zur Versorgung der Stadt genutzt. So wurde auch die Gemarkung Zornheim intensiv mit Gutshöfen, sogenannten villae rusticae, bewirtschaftet, die Spuren römischer Besiedlung hinterlassen haben. Spätestens mit der Zerstörung von Mainz 406 n. Chr. endete die Phase der römischen Besiedlung.

Nach einer kurzen Herrschaft der Burgunder und Alemannen wurde die Gegend von den Franken beansprucht. Im Zuge einer umfangreichen Kolonisierung in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Merowinger, der sogenannten fränkischen Landnahme, entstand wahrscheinlich auch die Siedlung Zornheim. Dabei konnte das von den Römern genutzte und vorbereitete Acker- und Weideland genutzt werden. Während von der fränkischen Siedlung selbst keine archäologischen Spuren mehr erhalten geblieben sind, wurde Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe des Ortes ein fränkisches Gräberfeld mit Grabbeigaben gefunden, das auf den Zeitraum zwischen dem späten 6. Jahrhundert und dem 7. Jahrhundert datiert wurde. [Anm. 3]

Mittelalter

Erst etwa 200 Jahre nach der vermuteten Ortsgründung wird Zornheim in heute noch überlieferten Urkunden belegt. Neben der Schenkung des Haguno an das Kloster Fulda von 771, ist so auch eine Schenkung des fränkischen Adligen Sigibald an das Kloster Lorsch im Jahr 782 urkundlich belegt. Doch neben Fulda und Lorsch besaßen auch weitere Klöster in Zornheim Besitzungen. Von 1145 ist beispielsweise belegt, dass das Kloster St. Alban aus Mainz den Zehnt und einen Fronhof in Zornheim besaßen und gleichzeitig das Patronatsrecht der Ortskirche innehatte.

Der Kirchenbezirk wurde im Laufe des Mittelalters befestigt und diente zusammen mit dem von Gräben umgegebenen Schutzwall dem Schutz der Ortschaft. Zornheim gehörte zu den Dörfern der Mainzer Umgebung, deren BewohnerInnen für die Instandhaltung eines Teils der Mainzer Befestigungsmauer zuständig waren und diese im Ernstfall zu verteidigen hatten. Im Ausgleich dafür hatten sie das Anrecht, im Krisenfall hinter den Mauern Schutz zu erhalten und in Friedenszeiten Waren auf dem Mainzer Markt zollfrei zu kaufen und verkaufen. [Anm. 4]

Die ersten Hinweise über die Ausübung der Vogteirechte in Zornheim stammen aus dem Lehensverzeichnis des Reichsministerialen Werner II. von Bolanden aus dem Jahr 1194. Nach den Einträgen dieses Verzeichnisses gehörte Zornheim zur Prefectura (Amtsbezirk), die sich von Gau-Odernheim bis vor Mainz erstreckte und damit wahrscheinlich die Reste der karolingischen Grafengerichtsbarkeit im Nahegau umfasste. Im 10. und 11. Jahrhundert war das Gebiet Teil des Verwaltungsbereiches der Emichonen, den Lehnsgrafen der Salier. Deren Nachkommen aus dem Geschlecht der Wildgrafen belehnten die Vogteirechte an die Reichministerialen von Bolanden, die sie wiederum an ihre Lehnsleute verteilten. Der Versuch der von Bolanden in Rheinhessen eine Landesherrschaft aufzubauen, scheiterte, als das Geschlecht in mehrere Linien zersplitterte. Bei der Teilung des Erbes 1225 ging Zornheim an eine Nebenlinie der Hohenfelser. Konflikte mit den Mainzer Stiften und Klöstern führten 1263 zu einer Verurteilung der Grafen durch den Mainzer Erzbischof, was den Niedergang des Adelsgeschlechtes einleitete. Finanzielle Probleme schließlich zwangen die Hohenfelser zur Veräußerung ihrer Ortsvogteien. So wurde zunächst die Ritterfamilie Ruhe aus Nierstein mit der Zornheimer Vogtei belehnt, bevor die Vogteirechte 1329 an die Äbtissin und das Konvent des Reichsklaraklosters in Mainz verkauft wurde. Dieses Kloster war nach Aufkäufen von anderen Besitzungen, wie den Gütern des Ingelheimer Augustinerinnenklosters 1276, bereits der größte Grundbesitzer in Zornheim. Die Übergabe der Vogteirechte fand am 9. Mai 1329 statt, allerdings sind Gerichtssiegel des Reichsklaraklosters erst von 1531 überliefert. [Anm. 5]

Frühe Neuzeit

Zornheim auf einer Karte des 17. Jahrhunderts (Ausschnitt).[Bild: Staatsarchiv Würzburg]

Etwa 200 Jahre nachdem das Kloster Reichsklara die Ortsherrschaft in Zornheim übernommen hatte, trat die Äbtissin Ursula Steinhäuserin und der Konvent des Klosters die Ortsvogtei 1578 an den Mainzer Kurfürsten, Erzbischof Daniel Brendel von Homburg (1555 – 1582) ab. Während der Bischof die Ortsherrschaft übernahm und die Zornheimer Verwaltung an das Olmer Amt angegliedert wurde, erhielten die Nonnen des Reichsklarakloster die Abgaben aus Zornheim zunächst weiter. Im 15. Jahrhundert beanspruchte der Pfalzgraf bei Rhein das Wildfangrecht, dass es ihm erlaubte alle Männer, die keine Zugehörigkeit zu einem Landesherren nachweisen konnten, als kurpfälzische Leibeigene und Untertanen zu beanspruchen. Dieses Recht wurde vom Pfalzgrafen genutzt, um die Landesherrschaften anderer Herrscher auszuhöhlen und so seinen eigenen Einfluss zu vergrößern. Dadurch wurden unweigerlich Konflikte bei der Besteuerung von Dörfern ausgelöst, in denen sowohl Kurmainzer als auch pfälzische Leibeigene lebten. In diesem Zusammenhang muss die Übergabe der Vogteirechte Zornheims durch das Reichsklarakloster an den Mainzer Kurfürsten gesehen werden. Das Kloster übergab damit die Schutzpflicht und die Verwaltungsverantwortung an den Erzbischof und konnte so den wachsenden Spannungen mit der Kurpfalz ausweichen. Der Streit über die Leibeigenen zwischen Kurmainz und der Kurpfalz zog sich hingegen noch bis ins 18. Jahrhundert hinein und konnte erst 1715 im Zuge eines Austausches der Leibeigenen nachhaltig beigelegt werden. [Anm. 6]

1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus und schaffte neue Konflikte zwischen dem evangelischen Pfalzgrafen und dem Mainzer Erzbischof. 1620 eroberte der spanische Heerführer Ambrosio Spinola an der Spitze eines katholischen Heeres aus den spanischen Niederlanden die Kurpfalz. Die Protestantische Union hingegen versuchte die rheinischen Besitztümer des Pfalzgrafen zu schützen und machte Rheinhessen damit zum Schlachtfeld, wobei in Zornheim immer wieder Truppen einquartiert wurde. Davon abgesehen wurden die Männer aus Zornheim in den Landesausschüssen (Landwehren) des Olmer Amtes eingesetzt und wurden für Verteidigung von Mainz vorgesehen. Als Ende 1631 schwedische Truppen nach Rheinhessen kamen und Mainz nach kurzer Belagerung einnahmen, wurde in den umliegenden Dörfern und damit auch in Zornheim die Reiterei einquartiert. Die Belagerung von Mainz durch Graf Gallas 1635 beendete die schwedische Besatzung. 1644 hingegen kamen die Franzosen und die Männer der Olmer Landesausschüsse wurden erneut zur Verteidigung von Mainz gerufen. Diesmal jedoch verweigerte man den Gehorsam. Während des Kriegsverlaufes war Zornheim so neben Einquartierungen, Requirierungen und hohen Abgaben, vor allem Plünderungen, der Zerstörung von Feldern und Weinbergen und dem Dienst auf der Stadtmauer sowie bei Schanz- und Aufräumarbeiten ausgesetzt, was zur allgemeinen Verarmung des Volkes beitrug. Durch die Nähe zu Mainz gehörte Zornheim dabei zu den von den Kriegsgräueln am härtesten Betroffenen. Doch auch nachdem die offiziellen Kampfhandlungen mit dem Westfälischen Frieden 1648 ein Ende fanden, konnte noch nicht zum normalen Leben zurückgekehrt werden. Entlassene Landsknechte schlossen sich vermehrt zu Räuberbanden zusammen, um plündernd durchs Land zu ziehen, während die eingeschleppte Pest ganze Dörfer entvölkerte. [Anm. 7]

Der Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg ging nur schleppend voran. Es dauerte mehrere Jahrzehnte bis alle Spuren der Zerstörung beseitigt waren und bis Zornheim wieder so viele EinwohnerInnen hatte wie vor dem Krieg. Dabei wurde das Bevölkerungswachstum unter anderem durch den Pestausbruch von 1666 entscheidend gehemmt. Die hohen Steuern und Abgaben, die hingegen für den Mainzer Wiederaufbau verwendet wurden, verlangsamte die Beseitigung der Kriegsschäden in Zornheim.

Gerade als sich die Region von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu erholen begann, brach im September 1688 der Pfälzische Erbfolgekrieg aus und machte das rheinhessische Gebiet erneut zu einem Kriegsgebiet. Nach der kampflosen Kapitulation des vom Krieg überraschten Mainz, wurden die Bewohner des Umlandes zu Kontributionen von Nahrung und Unterhalt der Truppen sowie zu Schanzarbeiten in Mainz herangezogen. Die Belagerung und Rückeroberung von Mainz Anfang 1689 brachte kaum Verbesserung für das einfache Volk, da die Männer nun für die andere Kriegspartei Schanzarbeiten zu erledigen hatten und weiterhin Material, Verpflegung und Unterhalt für die Truppen gefordert wurde. Gleichzeitig verbreiteten sich Krankheiten wie die Ruhr rasend schnell im kriegsgebeutelten Rheinhessen. Die Situation der ZornheimerInnen verschlimmerte sich 1691 noch weiter, als die Franzosen im Zuge der sogenannten Pfalzzerstörung zwischen Alzey und Nieder-Olm zahlreiche Dörfer in Schutt und Asche legten. So wurde auch Zornheim 1691/92 von französischen Soldaten gebrandschatzt und zerstört. Dabei wurde auch die gesamte Ernte vernichtet und selbst nach dem Ende der Kämpfe und Plünderungen wurden zunächst weiter hohe Kontributionen erhoben. [Anm. 8]

Zus sehen ist das Fachwerkhaus der "Zornheimer Weinstuben"
Fachwerkhaus der "Zornheimer Weinstuben" am Röhrenbrunnenplatz[Bild: Harald Strube]

Der Wiederaufbau des Ortes begann erst nach der Jahrhundertwende, worauf die Jahreszahlen der heute noch erhaltenen Gebäude hinweisen. Die neugebauten Gebäude wurden dabei in der Regel als geschlossene Hofreiten mit zweigeschossigen Gebäuden gebaut, deren Erdgeschoss aus massivem Kalkstein war und das Obergeschoss im Fachwerk gebaut wurde. Dabei wurde bereits dem Wandel der Landwirtschaft im 18. Jahrhundert, von der Weidewirtschaft zur Viehwirtschaft, Rechnung getragen und zahlreiche Wirtschaftsgebäude errichtet. 1701 begann der Neubau der Pfarrkirche, deren Ausstattung erst über mehrere Jahre fertiggestellt wurde. Der Wiederaufbau des Dorfes war Mitte der 1720er Jahre so gut wie abgeschlossen. Es folgte eine Phase der Konsolidierung, in der die Bevölkerung des Ortes bis 1795 auf etwa 422 EinwohnerInnen (144 Haushalte) anstieg.

Die Mainzer Kurfürsten waren im 18. Jahrhundert vermehrt Anhänger der Aufklärung was eine Reformwelle zur Folge hatte. So wurde das Prinzip der Leibeigenschaft durch Loskaufen immer weiter abgeschafft. Weitere Reformen betrafen das Bau- und Gesundheitswesen, den Brandschutz, die Back- und Schmiedeordnung sowie das Schulsystem. Während die dörfliche Oberschicht sich im 18. Jahrhundert immer mehr Wohlstand aneignen konnte, verarmte ein großer Bevölkerungsanteil des Ortes immer weiter. Durch den Wiederaufbau und die zunehmende Notlage sahen sich viele ZornheimerInnen gezwungen, immer mehr Schulden aufzunehmen, was nicht selten zu Konkurs und Versteigerung der Höfe führte. Von den 144 Haushalten (1795) besaßen etwa die Hälfte keinen Grundbesitz mehr. Auch das Dorf selbst war verschuldet. [Anm. 9]

Im Jahr 1792 begann der Erste Koalitionskrieg (1792 – 1797) und die französischen Revolutionstruppen brachten ihr revolutionäres Gedankengut auch nach Zornheim. Während die örtlichen Verwaltungsstrukturen beibehalten wurden, wurde die übergeordnete Zentralbehörde an den neu geschaffenen Staat, die Mainzer Republik, angepasst. Obwohl Kontributionen und die Mitarbeit der EinwohnerInnen gefordert wurden, gestaltete sich das Verhältnis mit den Besatzungstruppen recht problemlos, da die französischen Truppen dazu angehalten waren, sich gegenüber der Bevölkerung gut zu benehmen. Doch die ZornheimerInnen waren von den neuen republikanischen Ideen nicht vollends überzeugt und verweigerten eine Abstimmung, um sich von der ehemaligen Herrschaft loszusagen und die französische Verfassung anzuerkennen. Damit gehörte Zornheim zu einer kleinen Gruppe von Ortschaften, die diese Stimmabgabe verweigerten. Letztlich war die Abstimmung jedoch ohne Bedeutung, da die französischen Generäle aus Paris die Vollmacht erhielten, die bestehenden Regierungen abzusetzen und die französischen Ideale durchzusetzen. In der Folge sollte in Wahlen eine neue Verwaltung gebildet werden und ein Treueeid auf die französische Verfassung erzwungen werden. Widerspenstige Dörfer, so auch Zornheim, bestrafte man mit Einquartierungen. Dennoch verblieb ein Widerstand in Zornheim der sich in einer geringen Wahlbeteiligung widerspiegelte. Der Beschluss des Mainzer Nationalkonvents den Anschluss an die Französische Republik zu suchen, wurde durch den Vormarsch der preußischen Truppen obsolet, die im Juli 1793 Mainz einnahmen. 1794 war Frankreich bereits wieder auf dem Vormarsch an den Rhein, belagerte Mainz und quartierte sich unter anderem in Zornheim ein. Im Oktober 1795 schlugen schließlich österreichische Truppen die französischen Belagerer und befreiten Mainz. Damit wurde Zornheim ein letztes Mal Teil der kurfürstlichen Verwaltung.

Mit dem Frieden von Campo Formio (17. Oktober 1797) annektierte Frankreich das gesamte linksrheinische Gebiet und Zornheim wurde Teil des Kanton Nieder-Olm im Département du Mont Tonnerre (Donnersberg). In der Folge wurden viele republikanische Neuerungen eingeführt. So wurden die Schulen der Aufsicht der Kirchen entzogen und die ehemaligen Herrschaftsgüter versteigert. Zornheim betraf dies nur geringfügig, da noch in kurfürstlicher Zeit die ehemaligen Klostergüter dem Universitätsfonds übertragen wurden und auch nach der Auflösung der Universität dort verblieben. In den kommenden napoleonischen Kriegen (1798/99 – 1815) wurden auch junge Männer aus Zornheim für den Dienst in die französische Armee eingezogen. [Anm. 10]

Nach dem Ende der Napoleonischen Herrschaft und der Neuordnung Europas im Wiener Kongress (1815) gehörte Zornheim zusammen mit dem linksrheinischen Gebiet um Bingen, Alzey, Worms und Mainz zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Die erste Hälfte des 19. Jahrhundert war von einem ausgeprägten Bevölkerungswachstum geprägt, das nur durch Krankheitsausbrüche 1829, 1951 und 1866 gebremst wurde. 1890 wurde schließlich sogar die 1000er Marke überschritten, die jedoch aufgrund von Einwohnerverlust durch wegziehende ZornheimerInnen nicht lange gehalten werden konnte. Auswanderungen nach Amerika sind von Zornheim in den 1850er und 1880er Jahren nachweisbar und können auf durch Unwetter und Missernten hervorgerufene Nahrungsmittelknappheit und Armut zurückgeführt werden. Vor allem das Ende des 19. Jahrhunderts war in Zornheim durch Modernisierungen und dem Ausbau der Infrastruktur geprägt. Neben der notwendig gewordenen Ortserweiterung wurde der Ausbau der Verbindungsstraßen zwischen den einzelnen Dörfern der Umgebung durch die Kreisverwaltung gefördert. Während der befestigte Weg nach Nieder-Olm bereits 1838/39 geplant und fertiggestellt wurde, wurde die Straße vom Wahlheimer Hof über Zornheim nach Ebersheim lange Jahre geplant und konnte erst in den Jahren von 1898 – 1901 gebaut werden. Ein Ausbau des Weges nach Mommenheim scheiterte am Widerstand der Nachbargemeinde. Nachdem bereits 1898 erste Bohrversuche durchgeführt wurden, konnte am 1. Mai 1902 die Gemeinde-Wasserleitung und die Pumpstation an der Ecklocher Mühlenquelle eingeweiht werden. 1912 erfolgte schließlich der schrittweise Anschluss der Gemeinde an das elektrische Netz. [Anm. 11]

Das 20. Jahrhundert

Bereits vor dem Beginn des 1. Weltkrieges wurde mit dem Bau von neuen Festungsanlagen für die „Festung Mainz“ begonnen. Nach jahrelangen Planungen begann man 1907 mit dem Bau der Selzstellung, einer etwa 10 bis 20 Kilometer vor Mainz liegenden Festungslinie aus über 350 unterschiedlichen Befestigungswerken, die durch eine Festungsbahn verbunden wurde. Teil dieses Plans war der Bau des in der Gemarkung Zornheim liegenden Fort Dechenberg und des 500 Meter entfernt liegende Fort Muhl in der Gemarkung Ebersheim, die eine befestigte Linie hinter der vorgezogenen Stellung Zornheim bilden sollten und durch nahegelegene Infanteriestützpunkte sowie den Infanteriewerken in Zornheim und Sörgenloch unterstützt werden sollten. Zum Ausbruch des 1. Weltkriegs war allerdings nur der Stützpunkt Muhl und der Lagerplatz bei Zornheim fertiggestellt, während das Fort Dechenberg sich noch immer im Bau befand. Alle weiteren Baumaßnahmen wurden in der Folge zugunsten neuer Pläne aufgegeben.

Am 1. August 1914 wurde mit der Mobilmachung begonnen. Bereits in der zweiten Mobilmachungswoche kam es zu Einquartierungen von Arbeitern und Soldaten in Zornheim, die die Ortschaft an die Festungsbahn anschlossen und den Ausbau der Festungswerke der vorgeschobenen Stellung Zornheim vorantrieben. Die Bevölkerung des Ortes selbst unterstützte den Krieg und hielt verschiedene Spenden- und Wohltätigkeitsaktionen zugunsten der Soldaten und Kriegsopfer ab. Die Gemeindeverwaltung beteiligte sich ab 1915 auch an den Kriegsanleihen. Erst eine Beteiligung an der 8. Kriegsanleihe im März 1918 wurde schließlich verweigert. Den Rohstoffmangel, der durch den Krieg verursacht wurde, versuchte man durch Materialsammlungen auszugleichen, was 1917 zur Beschlagnahmung von zwei der drei Kirchenglocken führte. Vor allem gegen Kriegsende litten viele ZornheimerInnen unter den gestiegenen Lebensmittelpreisen, während im Januar 1918 eine extreme Kälte und der Mangel an Brennmaterial die Situation noch verschlimmerte. Der Krieg endete im Juli 1918 schließlich in einer Niederlage des deutschen Reiches. Insgesamt 38 Zornheimer Männer fielen im Laufe des Krieges, sechs wurden vermisst und zehn weitere fanden sich in Kriegsgefangenschaft wieder und kehrten erst 1920 wieder heim. [Anm. 12]

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs wandelte sich das Deutsche Kaiserreich zur Weimarer Republik (1918 – 1933). Wie in vielen Orten wurde auch in Zornheim ein Bauernrat gebildet, der jedoch nur kurz Bestand hatte. Ende 1918 begann die Besetzung des linken Rheinufers durch französische Truppen, die unter anderem auch in Zornheim einquartiert wurden. Auf Anordnung der Siegermächte mussten alle Festungsanlagen auf eigene Kosten restlos beseitigt und geschleift werden. Der Krieg hinterließ eine schwierige wirtschaftliche Situation, die durch Hyperinflation und die hohen Reparationszahlungen verschlimmert wurde. Im holzarmen Rheinhessen bereitete vor allem der Mangel an Heizmaterial Probleme. Die wirtschaftliche Situation verbesserte sich erst Mitte der 1920er Jahre, was in Zornheim zum Bau neuer Gehöfte führte. 1925 wurde das bisher weitgehend autarke Dorf an die Buslinie nach Mainz angeschlossen, was es immer mehr EinwohnerInnen ermöglichte Arbeit außerhalb des Dorfes zu suchen. Im Jahr 1929 brannte Zornheim gleich zweimal. Während im April nur ein Anwesen brannte, wurden im September gleich vier Gehöfte zerstört. Eine weitere Ausbreitung des Feuers konnte von der Mainzer Berufsfeuerwehr verhindert werden.

Mit der Gründung der Weimarer Republik wurde auch das Großherzogtum Hessen zum Volksstaat Hessen umstrukturiert. In Folge der neuen Hessischen Verfassung fanden zum Jahresende 1918 Neuwahlen der kommunalen Verwaltungsorgane statt, bei denen erstmals auch Frauen wählen durften. Sowohl bei diesen lokalen Wahlen als auch bei den Wahlen zum hessischen Landtag und den Reichstagswahlen wurde in Zornheim mit überragender Mehrheit die katholisch geprägte Zentrumspartei gewählt. Dies änderte sich auch trotz der anwachsenden nationalen Gesinnung in Deutschland bis 1933 nur geringfügig. So gehörte Zornheim bei der Reichstagswahl 1933, der letzten Wahl, bei der mehr als eine Partei zur Wahl stand, zu einem der wenigen Ortschaften, in denen das Zentrum mit über 50% der Stimmen die absolute Mehrheit verteidigte, während die NSDAP von etwa einem Drittel der ZornheimerInnen gewählt wurde. [Anm. 13]

In Zornheim gab es erst nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 eine Abteilung der SA. Im Zuge der politischen Umgestaltung durften Bürgermeister und Beigeordneter zunächst in ihren Ämtern verbleiben, mussten jedoch ihre arische Abstammung nachweisen. Eine vollständige Umstrukturierung der Gemeindeverwaltung nach dem Willen der neuen Machthaber fand erst 1935 statt. Kritiker der Nationalsozialisten wurden jedoch bereits 1933 gewaltsam eingeschüchtert und so zum Schweigen gebracht. Im Rahmen der Verfolgung der Sozialdemokraten wurden auch die Wohnungen von Zornheimer SPD-Mitgliedern durchsucht. Während dabei nichts Verdächtiges gefunden werden konnte, wurde der Zornheimer Sozialdemokrat Christoph Maus III. später aus politischen Gründen für eine gewisse Zeit ins KZ Osthofen verbracht. Durch die Gleichschaltung aller Vereine und die Einführung neuer Feste und Gedenkfeiern versuchte man die traditionell-christlichen Feste zu verdrängen und die NS-Ideologie in den Alltag zu integrieren, wodurch eine tiefere Bindung an diese angestrebt wurde. Im katholisch geprägten Zornheim gelang dies jedoch kaum.

Im November 1938 begannen die ersten Requirierungen in Zornheim. Im nächsten Jahr folgte die Anweisung einer schnellen Ernte, damit bereits Ende August 1939 mit der stillen Mobilmachung begonnen werden konnte. Mit dem Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der 2. Weltkrieg. Während die ersten Kriegswochen in Zornheim vor allem mit der Einrichtung des zivilen Luftschutzes und kurzzeitige Einquartierungen einer Sanitätskompanie geprägt war, wurde im April 1940 mit dem Bau einer Flakstellung am Wingertsberg begonnen. Ab Anfang Juli begannen die regelmäßigen nächtlichen Luftangriffe der Engländer, was auch in Zornheim, durch die relative Nähe zu Mainz, zu spüren war. Dennoch betrafen die Kriegshandlungen die Gemarkung erst 1943 direkt, als im August ein abgeschossenes amerikanisches Flugzeug abstürzte. Am 8. Oktober 1944 erfolgte der folgenschwerste Angriff für Zornheim, als eine Fliegerbombe südlich des Ruhkreuzes sechs Menschen tötete. Im Laufe des Krieges wurden über 200 Männer aus Zornheim ins Militär und zum Arbeitsdienst eingezogen, wovon nach dem Krieg 36 Männer gefallen waren und 22 weitere vermisst wurden. Mitte März 1945 näherten sich die amerikanischen Truppen, die am Abend des 18. März Zornheim erstmals beschossen. Am 20. März 1945, wenige Monate vor offiziellem Kriegsende, nahmen die Amerikaner Zornheim schließlich ein. [Anm. 14]

Nachkriegszeit bis Heute

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Zornheim der französischen Besatzungszone an. Der Mangel an Lebensmitteln, Brennmaterial und die fehlenden Arbeitskräfte, durch die in Kriegsgefangenschaft befindlichen Wehrmachtssoldaten, erschwerten die Situation. Als eine der ersten Maßnahmen der Besatzer wurden die bisherigen NS-Anhänger entmachtet und unbelastete Personen in die Gemeindeverwaltung eingesetzt. In der ersten Gemeinderatswahl 1945 gewann die Christlich Demokratische Union (CDU) mit überragender Mehrheit, die ihren großen Vorsprung in den kommenden Wahlen jedoch nicht halten konnte. Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz und damit die offizielle Neuorganisation der westlichen Besatzungszonen zur Bundesrepublik Deutschland in Kraft.

Die Währungsreform 1948 entspannte die wirtschaftliche Lage und das Alltagsleben begann sich wieder zu normalisieren. Ausgebombte StadtbewohnerInnen und weitere Flüchtlinge, die in Zornheim verblieben, veränderten die Bevölkerungszusammensetzung des Dorfes jedoch nachhaltig und lösten einen Strukturwandel des bisher landwirtschaftlich geprägten Dorfes ein. Vermehrt wurde Arbeit außerhalb des Dorfes gesucht, während viele Bauern ihre Höfe aufgaben, da ihre Erben die Betriebe nicht mehr weiterführen wollten. Die verbliebenen Bauern gründeten 1945 einen Ortsbauernverein, vergrößerten ihr Land und modernisierten ihre Höfe. Die nach dem Krieg wieder steigende Bevölkerung führte in den 1960er Jahren zu einer nötigen Ortserweiterung und umfangreichen Modernisierung. Das bislang landwirtschaftlich geprägte Dorf wandelte sich so innerhalb weniger Jahre zu einer Wohngemeinde für die Arbeiter des Rhein-Main-Gebietes.

Der Drei-Grazien-Brunnen auf dem Lindenplatz in Zornheim wurde 2015 eröffnet.[Bild: Wikipedia-Nutzer Wiemaha [CC BY-SA 4.0]]

Das 1200-jährige Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung wurde im Jahr 1971 mit zahlreichen Veranstaltungen, einem Festzug und der Veröffentlichung einer umfangreichen Dorfchronik groß gefeiert. Nach der Neuordnung im Zuge der rheinland-pfälzischen Gebietsreform gehörte Zornheim seit dem 1. Januar 1973 zur neugegründeten Verbandsgemeinde Nieder-Olm. Sowohl die Ausweisung von Neubaugebieten als auch die Modernisierung des Ortes wurde in den kommenden Jahren weitergeführt, um der steigenden Bevölkerungszahl Rechnung zu tragen, die seit ca. 1980 die 3000-Einwohner-Marke überschritten hatte (Stand 2019: 3863 EinwohnerInnen). So wurden unter anderem die Dorfplätze neugestaltet, ein neues Schulhaus (1962/63) und ein evangelisches Gemeindezentrum (1988) errichtet. 1989/91 restaurierte man ein ehemaliges Bauerngehöft zum sogenannten Gemeindehof, in dem seitdem die Gemeindeverwaltung untergebracht ist. [Anm. 15]

Das 1250-jährige Jubiläum der urkundlichen Erstnennung Zornheims soll im Sommer 2021 festlich begangen werden.

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Jonathan Bugert

Verwendete Literatur:

  • Gemeinde Zornheim (Hg.): 1200 Jahre Zornheim: 771 - 1971. Beiträge aus der Geschichte der Gemeinde, Zornheim 1971.
  • Kneib, Gottfried: Zornheim. Geschichte eines rheinhessischen Dorfes, Zornheim 2016.
  • Kneib, Gottfried: Zornheim: Einwohner und Gehöfte im 18. und 19. Jahrhundert, Zornheim 2001.
  • Krienke, Dieter: Zornheim. In: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege 18 (Hg.), Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Kreis Mainz-Bingen 2. Verbandsgemeinden Bodenheim, Guntersblum und Nieder-Olm, Worms 2011, S. 351.
  • Ochs, Heidrun (Hg.), Themenheft Zornheim, Neu-Bamberg 2015 (Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde Jg. 15).
  • Wissenswertes über Zornheim. In: www.zornheim.de, URL: https://www.zornheim.de/freizeit-kultur/geschichte/ (20.04.2021)

Aktualisiert am: 20.04.2021

Anmerkungen:

  1. Vgl. Kneib 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 23 - 26.  Zurück
  2. Vgl. Kneib 2016, S. 8 - 13; Knöchlein 2015, S. 6 - 11; Stümpel 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 19 - 21.  Zurück
  3. Vgl. Kneib 2016, S. 14 - 16; S. 19 - 22; Knöchlein 2015, S. 8 - 9; Stümpel 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 21 - 22.  Zurück
  4. Vgl. Kneib 2016, S. 26 - 31; Gensicke 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 32 - 33.  Zurück
  5. Vgl. Kneib 2016, S. 34 - 35. S. 45 - 50; Sauer 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 35 - 45; Lang 1971, In:1200 Jahre Zornheim 1971, S. 51 - 52. Zurück
  6. Vgl. Kneib 2016, S. 73 – 74; Lang 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 55 – 56; Sieben 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 93 – 97. Zurück
  7. Vgl. Kneib 2016, S. 88 – 92; Sieben 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 97 – 98. Zurück
  8. Vgl. Kneib 2016, S. 103 – 104; Sieben 1971, In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 98 – 99. Zurück
  9. Vgl. Kneib 2016, S. 104 – 122; Sieben 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 99 – 109. Zurück
  10. Vgl. Kneib 2016, S. 133 – 146; Mathy 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 113 – 118.  Zurück
  11. Vgl. Kneib 2016, S. 147 – 178; Rick 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 127 – 160. Zurück
  12. Vgl. Kneib 2016, S. 186 – 193; Hummel 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 171 – 175. Zurück
  13. Vgl. Kneib 2016, S. 194 – 202; Rick 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 159 – 161; Hummel 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 175 – 178.  Zurück
  14. Vgl. Kneib 2016, S. 203 – 214; Hummel 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 178 – 182.  Zurück
  15. Vgl. Kneib 2016, S. 215 – 242; Hummel 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 182 – 185; Sans 1971. In: 1200 Jahre Zornheim 1971, S. 193 – 199.  Zurück