Ingelheim in Rheinhessen

Zur Geschichte von Ingelheim

von Hartmut Geissler (Historischer Verein Ingelheim)

Archäologischer Park in Ingelheim.[Bild: Horst Goebel]

Faustkeilfunde lassen darauf schließen, dass das Gebiet um Ingelheim bereits vor etwa 50.000 Jahren von Menschen durchzogen wurde. Seit der Jungsteinzeit lassen sich nahezu kontinuierlich Siedlungsspuren an den fruchtbaren Hängen des Selztales und am Rhein nachweisen. Vor der römischen Eroberung wurde das Gebiet wahrscheinlich von keltischen Treverern bewohnt.

0.1.Antike

Galloroemische Grabfiguren im Museum Ingelheim.[Bild: Hartmut Geißler]
Römische Grabfiguren im Mueseum Ingelheim.[Bild: Horst Goebel]

Nach der Einbeziehung in das Römische Reich diente die Gegend um Ingelheim mit vielen ländlichen Höfen (villae rusticae) vor allem zur Versorgung der römischen Truppen im Stationierungsort Mainz. Durch das Gebiet zogen sich römische Straßen, die wichtigen Verbindungen zwischen Mainz und Trier bzw. Mainz und Köln. Grab- und Münzschatzfunde aus dem 2. und 3. Jahrhundert lassen auf einen erheblichen Wohlstand der romanisierten Bewohner schließen. Es scheint auch an der Straße von Mainz-Finthen nach Bingen, die sich als heutige "Mainzer Straße" bzw. "Binger Straße" durch Nieder-Ingelheim zieht, einen vicus (d.h. ein römisches "Gewerbegebiet") gegeben zu haben, dessen Name sich aber nicht erhalten hat. Als Durchzugsgebiet und aufgrund der Nähe zu Mainz war das Ingelheimer Gebiet vielen Kriegshandlungen ausgesetzt, die im dritten und vierten Jahrhundert zu wiederholten Plünderungen und massiven Zerstörungen geführt haben dürften und damit auch zum Ende des vicus sowie wohl auch aller Villae. Außerdem verloren diese Landgüter, die ja für den städtischen Markt produzierten, ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage, da es immer weniger Militär in Mainz gab. Die Villa im benachbarten Heidesheim, aus deren linkem Eckrisalit die heutige "Georgskapelle" wurde, wurde nach Grabungsfunden bis ins späte 4. Jahrhundert genutzt; sie lag dann jahrzehntelang als Ruine da, bis ihre Baureste zu anderen Zwecken umgewidmet wurden.

0.2.Mittelalter

Aula regia in Ingelheim[Bild: Horst Goebel]

Spätestens ab dem 5. Jh. wurde das Gebiet von „Franken“ bäuerlich besiedelt. Nach einem von ihnen (namens „Ingilo“?) wurde – wie in Rheinhessen üblich – ein Frankenhof Ingilenheim o. ä. genannt, woraus der heutige Name entstanden ist. Mindestens seit merowingischer Zeit (ab dem 6. Jh.) gab es in Ingelheim einen großen Königshof (villa regia oder curtis regia) mit dem dazugehörigen Königsland das Selztal hinauf („Ingelheimer Reich“, auch „Ingelheimer Grund“). Dazu gehörte ein großer Wald beim heutigen Binger Wald, der "Ingelheimer Wald", der noch immer im Besitz der Gemeinde ist. 
Die Bewohner dieses Gebietes hatten dadurch viele Jahrhunderte Sonderrechte, aber auch Sonderpflichten, u.a. die Fährdienste am Rhein durch die Bewohner Frei-Weinheims. Überregionale Bedeutung erlangte das Gebiet durch den Beschluss Karls des Großen, neben dem Königshof mit dem Bau einer prächtigen Kaiserpfalz mit Aula regia (Versammlungssaal nach Art einer Basilika) zu beginnen. Ihr gegenüber wurde ein einzigartiger doppelstöckiger Halbkreisbau mit einer Pfeilerhalle in der Mitte und einem nach innen vorgelagerten Säulengang errichtet, eine "Exedra" mit ca. 90 m Durchmesser. Beide zusammen bildeten mit einem geraden Nordbau ein besonders herausgehobenes Ensemble von repräsentativen Steingebäuden, die in römischer Technik mit vielen römischen Spolien gebaut wurden - womöglich ein Anspruch auf die Nachfolge römischer Kaiser noch vor der Kaiserkrönung im Jahre 800! Karls Sohn, Ludwig der Fromme, hielt sich besonders oft in Ingelheim auf. Er starb 840 auf einer Au (Insel) im Rhein gegenüber der Pfalz.
Seit Karl war diese mehrfach umgebaute Pfalz für zweieinhalb Jahrhunderte ein verkehrsgünstiger und wichtiger Stützpunkt der mittelalterlichen deutschen Könige bzw. Kaiser am Mittelrhein. Ringsherum muss es oft wahre Zeltstädte für die manchmal Tausende von Gästen gegeben haben. Sie diente u.a. für

  • Reichstage
  • Gesandtschaftsempfänge
  • Gerichtstage, z. B. unter Karl gegen Tassilo von Bayern (788)
  • kirchliche Synoden
  • Osterfeiern (unter den Ottonen besonders häufig)
  • ein Hoch­zeitsfest, namentlich das von Kaiser Heinrich III. mit Agnes von Poitou (1043)
  • als zeitweiliger Aufenthaltsort für den "Canossa-Kaiser" Heinrich IV. nach seiner Absetzung durch seinen Sohn (1105)

Heidesheimer Tor mit rechts anschließender Wehmauer.[Bild: Hartmut Geissler]

Unter den Staufern wurde Ende des 12. Jahrhunderts das nach Süden erweiterte Pfalzgebiet („Saal“) durch einen hohen Mauerring umgeben, so dass eine kleine burgähnliche Siedlung entstand, das heutige „Saalgebiet“. Dabei wurden die Außenmauern der Aula regia und der Exedra in die Wehrmauer einbezogen und so teilweise erhalten. 

Ländliche Pfalzen wurden seit jener Zeit nicht mehr für repräsentative Zwecke genutzt; an ihre Stelle waren nun die aufgeblühten Städte als Tagungs- und Beherbergungsorte getreten, z. B. das benachbarte Mainz. Deshalb verfielen die Ingelheimer Pfalzgebäude seit dem 13. Jahrhundert, das Gelände wurde spätestens seit 1402 allmählich überbaut und durfte von den Bewohnern als Steinbruch benutzt werden. Zu den Ausgrabungen im Saalgebiet siehe: www.kaiserpfalz-ingelheim.de

Ingelheimer Gerichtssiegel. Entnommen aus: Beiträge zur Ingelheimer Geschichte Nr. 40, 1994; S. 5. Repro Hartmut Geissler.

Demgegenüber stieg nun das selzaufwärts gelegene Ober-Ingelheim zu größerer Bedeutung auf. Hier (und im kleineren Großwinternheim) hatten die Ingelheimer Adligen, die ursprünglich wohl mit der Verwaltung der Pfalz betraut worden waren, ihre großen Höfe, darunter die "Pfalzgrafen" und späteren „Grafen von Ingelheim“.
Das dortige Obergericht (Ingelheimer Oberhof) war über drei Jahrhunderte als eine wichtige Rechtsauskunftsinstanz, als Schiedsgericht und als Berufungsgericht für viele Ortsgerichte und kleine Oberhöfe in der weiteren Umgebung von Ingelheim tätig. Ein Teil der Akten der Ortsgerichte („Haderbücher“) ist noch erhalten und bildet in seiner Vielfalt und Informationdichte einen einmaligen Schatz deutscher spätmittelalterlicher Rechtsquellen. 
Auch Ober-Ingelheim umgab sich im Spätmittelalter mit einer Wehrmauer, hatte aber niemals unter Belagerungen oder Zerstörungen zu leiden. Von dieser umfangreichen Wehrmauer sind noch Tore und beachtliche Mauerreste erhalten, vor allem um die Burgkirche.

Ab 1375 wurde der vom Kaiser nicht mehr benötigte Ingelheimer Grund mit seinen Orten Nieder-Ingelheim, Ober-Ingelheim, Groß-Winternheim, Frei-Weinheim, Bubenheim, Elsheim, Schwaben­heim (damals: „Sauerschwabenheim) und Wackernheim vom böhmischen Kaiser Karl IV. an die Kurfürsten von der Pfalz verpfändet. Aber auch unter der pfälzischen Herrschaft, die 400 Jahre lang bis zur Französischen Revolution dauerte, behielten die Einwohner des Ingelheimer Grundes, „des riches lude“ (= des Reiches Leute), wie sie vor dem Oberhof genannt wurden, einen großen Teil ihrer früheren reichsunmittelbaren Privilegien. Diese ließen sie sich von jedem neuen Kurfürsten (gegen hohen Huldigungsaufwand) immer wieder bestätigen.


Karl IV., der eigentlich mit seinem tschechischen Taufnahmen Wenzel hieß, ließ auch in der nicht mehr für königliche Zwecke benutzten Aula regia ein Augustiner-Chorherrenstift einrichten, das er mit umfangreichen Pfründen ausstattete. Dessen vier Kanoniker mussten Tschechisch sprechen können, weil sie sich offenbar um die tschechischen Pilger der Karlswallfahrt kümmern sollten, die bis 1776 alle sieben Jahre von Böhmen, Österreich, Steiermark, Slawonien und Ungarn durch Ingelheim hindurch nach Aachen führte - im Gedenken an die als Heilige von ihm verehrten Wenzel, den tschechischen Nationalheiligen, und Karl den Großen (in dieser Reihenfolge!).

0.1.Renaissance

Cosmographia von Sebastian Münster[Bild: Sebastian Münster [gemeinfrei]]

Im Jahre 1488 wurde in Ingelheim der wohl bedeutendste Sohn Ingelheims geboren, der Hebraist, Geograph, Theologe, Historiker, Mathematiker und Herausgeber Sebastian Münster (gestorben 1552 als Rektor der Baseler Universität), dessen Portrait den vorletzten Hundertmarkschein zierte. Er war Herausgeber und Mitautor eines der meistgelesenen Bücher des 16./17. Jahrhunderts, der „Kosmographie“.

0.2.Die kurpfälzische Zeit Ingelheims von der Reformation bis zur Französischen Revolution

Ebenfalls im 16. Jahrhundert wurde auf Weisung des in Heidelberg residierenden Kurfürsten Ottheinrich 1556 in Ingelheim die Reformation eingeleitet, noch radikaler durch den streng reformierten Kurfürsten Friedrich III. ab 1565. Dieser ließ in allen Kirchen seines Herrschaftsbereiches Altäre, Heiligenfiguren und Wandmalereien entfernen bzw. übermalen, so auch in der Ober-Ingelheimer Burgkirche, die bis dahin dem Hl. Wigbert geweiht war.
Es begann danach eine für die Kurpfalz besonders fatale Zeit religiöser Wirren und Kriege, bis nach dem Dreißigjährigen Krieg im Frieden von Münster und Osnabrück (1648) den Landesfürsten die Duldung der drei (Protestanten, Katholiken, Reformierte) christlichen Religionen auferlegt wurde. Bis dahin hatte die Bevölkerung zeitweilig schwer unter der Indoktrination durch unduldsame Landesherren und Besatzer zu leiden. Der Ingelheimer Grund wurde als Territorium des Winterkönigs Friedrich V. von der Pfalz (König in Böhmen 1619/20 für "einen Winter") von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges verheerend betroffen, während aus dem Pfälzischen Erbfolgekrieg keine Berichte über gravierende Zerstörungen vorliegen. Zweifellos brachten jedoch der Einfall der Franzosen und dauernde Truppendurchmärsche erhebliche Belastungen für die Region mit sich. Hinzu kamen mehrere Pestwellen, die schlimmste 1666.
Der Übergang der Kurpfalz an die in Düsseldorf residierende katholische Linie Pfalz-Neuburg (1685), an dem sich der Pfälzische Erbfolgekrieg mit dem Frankreich Ludwig XIV. entzündet hatte, markiert eine weitere Zäsur in der Regionalgeschichte. Die Katholiken erhielten wieder mehr Rechte, mit der Folge, dass sich nunmehr die Protestanten bedrängt fühlten. Kurfürst Johann Wilhelms Bemühen, durch eine Simultaneumsverordnung (1698) den Streit zu schlichten - beide Konfessionen sollten die Kirchen gemeinsam benutzen - , scheiterten. Erst durch die Pfälzer Religionsdeklaration (1705), in der alle Kirchen und die damit verbundenen Rechte und Pflichten unter die Konfessionen aufgeteilt wurden, beruhigte sich die Lage.
In Nieder-Ingelheim erhielten die Katholiken die Remigiuskirche, die bald darauf barock umgebaut wurde, während die Reformierten sich die in Ruinen liegende heutige Saalkirche wieder aufbauen mussten. Sie errichteten allerdings nur einen Kirchenbau, der aus den beiden Querschiffen und der Apsis bestand, während das völlig zerstörte Hauptschiff ausgespart wurde (diese wurde erst 1963 in den ursprünglichen Ausmaßen wieder aufgebaut). In Ober-Ingelheim erhielten die Reformierten St. Wigbert, ein Name, der nicht mehr benutzt wurde, während sich die Katholiken eine neue Kirche, St. Michael, errichten mussten. Die nun namenlose evangelische Kirche wurde nach der Vereinigung zur Stadt 1939 in "Burgkirche" umbenannt.
Zu den Konfessionsstreitigkeiten gesellte sich außerdem die Bedrohung durch einen weiteren europäischen Krieg, den Spanischen Erbfolgekrieg, in dem der Kurfürst Partei ergreifen musste. Ingelheims Lage am Rhein brachte es mit sich, dass es wiederum von Truppenbewegungen betroffen war.
Unter den letzten beiden (katholischen) Kurfürsten der Pfalz bei Rhein, Karl Philipp von Pfalz-Neuburg und Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach, wurde Ingelheim von der neuen Residenzstadt Mannheim aus regiert. Von dort aus wurde die Errichtung einer Jesuitenmission mit sozialen Aufgaben in Nieder-Ingelheim gefördert.
Bis zum Einmarsch der französischen Revolutionstruppen Ende des 18. Jahrhunderst blieben der Region weitere schwere Erschütterungen erspart.

0.3.Ingelheim in französischer Zeit

Den Truppen der französischen Revolutionsarmeen (und ihre Gegner) diente Ober-Ingelheim mehrfach als Quartier, u.a. dem bekannten General Kléber. Außerdem wurden die Einwohner durch die ständig verlangten Schanzdienste vor Mainz, durch erzwungene Transportleistungen und Nahrungsmittelabgaben sehr geplagt. Die Schulen, die von ihren kirchlichen Einnahmequellen abgeschnitten waren, gerieten mit ihrem Personal in schlimme Zeiten.
Es gab allerdings auch Ingelheimer, die mit dem neuen System sympathisierten: In der Burgkirche wurden die Adelswappen aus den alten Grabmälern herausgehauen, und in Ober-Ingelheim wurde nach der zweiten Eroberung ein (lebender) Freiheitsbaum gepflanzt.

Ober-Ingelheim wurde nun zum Hauptort des "Cantons Oberingelheim" im neuen "Arrondissement Mayence" des "Département Mont Tonnerre" (Donnersberg). Dieser Kanton war größer als der alte Ingelheimer Grund und schloss z. B. auch Gau-Algesheim und sogar (Mainz-)Mombach mit ein. Viele Ingelheimer mussten unter Napoleon Kriegsdienste in ganz Europa leisten und starben in den Kämpfen. Auf dem Friedhof in Großwinternheim gibt es noch einen sehenswerten Gedenk-Obelisken der napoleonischen Veteranen aus dem Jahre 1844.

Die napoleonische Zeit, in der Ingelheim wie das gesamte linksrheinische Gebiet zu Frankreich gehörte, brachte auch hier den allgemeinen Modernisierungsschub, insbesondere eine große Besitzumschichtung: säkularisiertes Kirchengut und Adelsgüter wurden versteigert und konnten oft weit unter Wert von bürgerlichen Spekulanten erworben werden (so die Jesuitenmission und das Hofgut Westerhaus). Es entstand so die moderne bürgerliche Besitzstruktur Ingelheims.

1807 wurde ein wichtiger Straßenausbau fertiggestellt: die Straße ("2. Klasse") von Mainz nach Bingen, die im Zuge des französischen Straßenbaus von Basel bis an den Niederrhein entlang der neuen Grenze entstand. Sie durchzieht Nieder-Ingelheim fast schnurgerade und bildet die Achse, an der sich im 19. und 20. Jahrhundert die Industrie Nieder-Ingelheims ansiedelte und der Ort sich weiter ausdehnte.

0.4.Das 19. Jahrhundert

Napoleonstein vor Hotel Multatuli

Nach dem Ende der napoleonischen Zeit gehörte das Ingelheimer Gebiet (ab 1816) zusammen mit „Rheinhessen“ zum Großherzogtum und späteren „Volksstaat“ Hessen, und dies bis 1945.

Die großherzogliche Provinzregierung in Mainz versuchte durch Neubau und Renovierung von Kirchen und Schulen Kriegswunden zu heilen und die Modernisierung fortzusetzen. Als Infrastrukturhilfe wurden Straßen gebaut, darunter die Straße durch den Ingelheimer Grund, die ihren Nachhall noch heute im Ingelheimer Straßennamen "Grundstraße" hat (Bauzeit 1829-32).
Das Rechtssystem der napoleonischen Zeit (der Code civil) blieb erhalten ebenso wie vorerst die Kantonseinteilung (bis 1835). Danach gehörten die Ingelheimer Orte zum neuen Landkreis Bingen, der ehemals kurmainzische und kurpfälzische Gebiete vereinte.

Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts fanden auch in Ingelheim ihr mehrfaches Echo: Der Ober-Ingelheimer Dr. Martin Mohr war ein vom Volk gewähltes Mitglied des Frankfurter Paulskirchenparlamentes bis zu seiner Auflösung 1849 und den Aufständischen in der Pfalz schlossen sich auch Freischärler aus der Ingelheimer Region an, darunter allein aus Ober-Ingelheim angeblich ca. 270 Männer. Zwei Tage vor deren Gefecht bei Kirchheimbolanden ereignete sich in Ingelheim am 12. Juni 1849 sogar ein Attentat auf den Anführer der preußischen Truppen, den Kronprinzen und späteren Kaiser Wilhelm I. Aus einem Kornfeld etwa im heutigen Zentrum von Ingelheim wurde auf die Fahrzeuge des Kronprinzen ein Pistolenschuss abgefeuert, der aber nicht den Wagen des Kronprinzen traf, sondern den Postillon eines zweiten Wagens verwundete. Ein später verhafteter 26-jähriger Schneidermeister-Sohn aus Nieder-Ingelheim, Adam Schneider, wurde 1850 in Mainz mangels Beweisen freigesprochen.

Im noch ländlich-idyllischen Nieder-Ingelheim mit herrlichem Blick auf Rhein und Rheingau siedelten sich im 19. Jahrhundert einige (groß-)bürgerliche Familien an, die sich z. T. auch als Wohltäter Nieder-Ingelheims einen Namen machten:

  • 1841 der Niederländer Albert de Rook
  • 1855 die Familie von Harder (er Niederländer, sie aus einer baltischen Familie)
  • 1859 das Ehepaar Caroline und Wilhelm von Erlanger, aus reichen Frankfurter Bankiersfamilien, und
  • 1880 der niederländische Kolonialbeamte und Schriftsteller (Pseudonym Multatuli) Eduard Douwes Dekker, der sich allerdings in seinem Haus oberhalb von Ingelheim völlig von der Ingelheimer Bevölkerung abschottete.

Einweihung Selztalbahnhof. Aus: Gottfried Braun: Das Zuckerlottchen. Kleine Schriften Nr. 4, 2005; S.19.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Ingelheim nach der Französischen Revolution die zweite, noch viel tiefer greifende "Revolution": Durch den Bau der hessischen Ludwigsbahn von Mainz nach Bingen mit Anschluss an das preußische Eisenbahnnetz in Bingerbrück (1859) wurde das Nieder-Ingelheimer Gelände am neuen Bahnhof, an der Durchgangsstraße und an der Selz zum idealen Standort für Industriebetriebe – Nieder-Ingelheim wurde industrialisiert. Darunter fiel auch die Ansiedlung eines chemischen Unternehmens: Albert Boehringer (sen.) aus Stuttgart kaufte 1882 eine hiesige Weinsteinfabrik, aus der sich das heute weltweit tätige Pharma-Unternehmen "Boehringer Ingelheim" entwickelt hat und das sich immer noch in Familienbesitz befindet. In Ingelheim befinden sich zum einen die Konzernzentrale mit 155 Standorten auf allen Kontinenten und weltweit ca. 40.000 Mitarbeitern (Stand: Ende 2007) und zum anderen die Produktionsstätten von „Boehringer Ingelheim“ (siehe: www.boehringer-ingelheim.de).

Die Industrialisierung wandelte die Struktur vor allem Nieder-Ingelheims grundlegend: Das bäuerliche Dorf wurde immer stärker durch Industriearbeiter und ihre neuen Siedlungen in Fabriknähe (Rheinstraße) geprägt, und so dass die Bevölkerungszahlen Nieder-Ingelheims im 20. Jahrhundert diejenigen von Ober-Ingelheim überholten. Mehr und mehr Ingelheimer wurden zu Fabrikarbeitern, sie mussten nicht mehr wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund von Arbeitslosigkeit auswandern, damals oft nach Brasilien. Häufig behielten sie aber noch ein kleines Stückchen Land zur Bewirtschaftung mit Obst, Gemüse (Spargel) und Wein, als "Feierabend-" oder "Wochenendbauern". Das heute allmählich entstehende moderne Zentrum des vereinten Ingelheim zwischen Bahnhof und neuem Rathaus geht letztlich auf diese Industrialisierung zurück. 

Nach der Jahrhundertwende wurde deshalb auch der Frei-Weinheimer Hafen, der nach der Kurpfälzer Zeit zur völligen Bedeutungslosigkeit abgesunken war, zu einem modernen Hafen mit neuer Mole und Dampfkran ausgebaut.

0.1.Das 20. Jahrhundert bis 1933

Bismarckturm in Ingelheim.[Bild: Horst Goebel]

Der nationalistische Geist des zweiten deutschen Kaiserreiches fand in Ingelheim seinen Ausdruck im Bau eines mächtigen "Bismarckturmes" auf dem Westerberg, der heute ein beliebtes Ausflugsziel darstellt (Einweihung 1912).

Ab 1904 gab es sogar noch eine zweite Eisenbahnstrecke, die Selztalbahn, die vom Frei-Weinheimer Hafen aus das Selztal hinauf bis Partenheim fuhr und dem Personenverkehr ebenso wie den Warentransporten dienen sollte, darunter auch Zuckerrübentransporten (daher das „Zuckerlottchen“ genannt). Sie erreichte aber niemals eine ausreichende Rentabilität, weil ihr die beginnende Automobilisierung immer mehr Kunden wegnahm, und wurde deshalb 1954/55 stillgelegt. 

Die sich verstärkende Industrialisierung und die bessere Verkehrsanbindung führten zu einem starken Bevölkerungswachstum in den Ingelheimer Orten, das sich in zahlreichen Neubaugebieten niederschlug. Neue Volksschulen, Kirchen und Krankenhäuser wurden gebaut, eine "Höhere Bürgerschule" war schon Ende des 19. Jahrhunderts in Ober-Ingelheim entstanden (1890).

Ober- und Nieder-Ingelheim wuchsen entlang der Grundstraße und der neu gebauten Bahnhofstraße immer enger zusammen, auch Frei-Weinheim entlang der Rheinstraße. Die Infrastrukturanforderungen einer Industriegesellschaft (Elektrizität, Gas, Wasser/Abwasser, Telefon, Straßen) machten eine zunehmende Zusammenarbeit nötig, aber ein Zusammenschluss zu einer Stadt scheiterte immer wieder.

Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Ingelheim zum französisch (und britisch) besetzten Rheinland und war daher auch von der versuchten Machtübernahme durch Separatisten und von Ausweisungen im Jahre 1923 betroffen.

Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 wirkte sich in den Ingelheimer Orten nicht ganz so dramatisch aus wie in reinen Industriegebieten, da viele Ingelheimer Fabrikarbeiter noch immer Feierabend-Landwirte waren, die sich mit etwas Selbstversorgung besser helfen konnten.

Kulturell wurde die Zeit zwischen den Weltkriegen durch eine sehr rege Vereinstätigkeit geprägt, die in zahlreichen Musik- oder Sportveranstaltungen gipfelte. Begeisterte Zuschauer sahen viele Laienspiel-Theateraufführungen auf der Freilichtbühne hinter der Burgkirche. Deren Höhepunkt war sicherlich die Aufführung des "Schinderhannes" in Anwesenheit des Autors Carl Zuckmayer im März 1928.

0.2.Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Synagogenplatz[Bild: Hartmut Geissler]

Auch in den Ingelheimer Orten übernahm 1933 die NSDAP die Macht, die demokratisch gewählten Bürgermeister wurden abgesetzt und die Nationalsozialisten übernahmen überall, auch in den Vereinen, das Ruder.

Jüdische Bürger wurden diskriminiert und vor allem nach der Reichspogromnacht 1938, der auch die Ober-Ingelheimer Synagoge zum Opfer fiel, enteignet und in die Emigration getrieben. Die letzten verbliebenen jüdischen Personen wurden 1942 in Vernichtungslager deportiert; von ihnen kehrte eine einzige Person zurück. Ebenso wurden Roma und Behinderte deportiert und ermordet, auch in Ingelheim wurden Zwangs- und Fremdarbeiter beschäftigt.

Während des Krieges wurde die Stadt zwar wiederholt von Jagdflugzeugen beschossen, aber nur von wenigen Bomben getroffen, so dass sie durch Kampfhandlungen nicht nennenswert beschädigt wurde. Deshalb konnte sie eine große Anzahl Ausgebombter aus Mainz aufnehmen. In den letzten Kriegstagen, als die Amerikaner bereits kurz vor Ingelheim standen, wurde am 18. März der letzte Volkssturmkommandant der Stadt, Hermann Berndes, standrechtlich zum Tode verurteilt und gehängt, weil er die Bevölkerung aufgerufen hatte, die Waffen niederzulegen, um unnötige Opfer zu vermeiden.
Zwei Tage später besetzten US-amerikanische Truppen nazu kampflos die Stadt. Da Ingelheim zur französischen Besatzungszone gehörte, übernahmen französische Truppen am 10. Juni 1945 die Kontrolle.

Von bleibender Bedeutung war der angeordnete Zusammenschluss zur Stadt. Zum 1. April 1939 wurden die bis dahin selbständigen Ortschaften Ober- und Nieder-Ingelheim (mit Sporkenheim) und Frei-Weinheim durch Anordnung des hessischen NS-Reichsstatthalters Sprenger zur "Stadt Ingelheim am Rhein" vereinigt. Dieser Beschluss wurde 1947 durch den frei gewählten Stadtrat demokratisch bestätigt.

0.3.Die Nachkriegszeit seit 1945

Die Gründung der neuen Universität in Mainz 1946 durch die Franzosen brachte Ingelheim den Zuzug von Professoren und Studenten, die im stark zerstörten Mainz selbst keine Unterkunft fanden. So entwickelte sich im Ingelheim der Nachkriegszeit ein reges kulturelles Leben. 1957 wurde das Fridtjof-Nansen-Haus für die Volkshochschule gebaut, die weit über die Grenzen Ingelheims hinaus einen guten Ruf genießt.

Die Zuweisung vieler Flüchtlinge und Vertriebener machte einen verstärkten Wohnungs- und Straßenbau in Ingelheim nötig. Handel und Gewerbe profitierten davon, Ingelheim wuchs weiter.

Nachdem die bisherige „Höhere Bürgerschule“, eine Realschule, 1946 unter französischem Einfluss zu einem Gymnasium aufgewertet worden war, musste auch für diese Schule ein neues Gebäude gefunden werden. So entstand ab 1960 in der Dörrwiese das Sebastian-Münster-Gymnasium, zu dem 1972 eine neue Realschule und an anderer Stelle 1992 die Integrierte Gesamtschule "Kurt Schumacher" kamen. Auch die Berufsschule konnte neue Gebäude beziehen. 1966 wurde ein Frei- und Hallenbad eröffnet und 1982 das neue Rathaus eingeweiht, das zum Kristallisationspunkt des neuen Zentrums werden sollte. Ab 1984 wurden die Rheindeiche verbessert, um die Hochwasserbedrohung Frei-Weinheims zu verringern. Im Verlauf der Kommunalreform wurde 1972 ein weiterer Ort des Ingelheimer Grundes nach Ingelheim eingemeindet: Großwinternheim im Selztal.

Die Geschichte der letzten Jahre ist geprägt vom Bemühen um Neubaugebiete, um neue Gewerbeflächen, Umgehungsstraßen sowie um die Verschönerung der Stadt bei gleichzeitigem Wachstum von Natur- und Landschaftsschutzgebieten rings um die Stadt. Gleichzeitig wurden und werden aber auch mit hohem finanziellem Aufwand die alten Ortskerne saniert. Insbesondere das Saalgebiet, in dem die archäologischen Grabungsfunde aus den verschiedenen Epochen der alten Kaiserpfalz mit großem Geschick des Chefausgräbers Holger Grewe präsentiert werden, hat sich zu einem touristischen Anziehungspunkt entwickelt, der einen guten Ruf weit über Ingelheim hinaus besitzt.

Eines der schwersten Gestaltungsprobleme Ingelheims ist der weitere Aus- und Umbau des Geländes zwischen neuem Rathaus und Bahnhof, eines Gebietes, das zum neuen, städtischen Zentrum werden soll.

Insbesondere durch die Gewerbesteuern der GmbH Boehringer gehört Ingelheim zu den wenigen Kommunen Deutschlands, die z. Z. keine Schulden haben. Während die französische Verwaltung in den Gemeinden des heutigen Ingelheims im Jahre 1808 zusammen 2.952 Einwohner zählte, waren es knapp zwei Jahrhunderte später (2004) 26.153 Einwohner mit Erst- und Zweitwohnsitz, also fast neun Mal so viel.

Nachweise

Verfasser: Hartmut Geissler, Historischer Verein Ingelheim, unter Mitwirkung von Margarethe Köhler

Redaktionelle Bearbeitung: Stefan Grathoff, Sarah Traub

Literatur:

  • Bernhard, Gerda u.a.: Ingelheim. Ingelheim 1984.
  • Erler, Adalbert: Ingelheim zwischen dem späten Mittelalter und der Gegenwart. Aufsätze und Vorträge. Ingelheim 1987
  • Krienke, Dieter: Ingelheim am Rhein. Köln 2010.
  • Lachenal, François: Ingelheim am Rhein 774-1974. Geschichte und Gegenwart. Ingelheim 1974.
  • Mendelssohn, Gabriele: Vom Doppeladler zur Trikolore. Ingelheim in napoleonischer Zeit. Ingelheim 2008.
  • Vey, Anno: Ingelheim während der Kriegsjahre 1939-1945. Ingelheim 2006.
  • Siehe auch: www.ingelheimergeschichte.de

Aktualisiert am: 20.05.2016


http://www.ingelheimergeschichte.de