Mainz in Rheinhessen

0.Die Rolle von Mainz und Rheinhessen im sogenannten "Schlieffenplan"

0.1.Der "Schlieffenplan"

Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913)[Bild: Wikipedia]

Bereits einige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) zeichnete sich in Europa eine drohende Konfliktsituation ab. Die militärische Führungsebene arbeitete unter Hochdruck an der Ausarbeitung strategischer Pläne für den Fall eines möglichen Krieges. Nachdem in den Jahren 1904 und 1907 Militärbündnisse zwischen Russland, Frankreich und Großbritannien geschlossen worden waren, sahen sich der deutsche Kaiser und seine Generäle zu konkretem Handlungsbedarf veranlasst [Anm. 1]. Übergeordnete Grundidee der nun eingeleiteten Maßnahmen bildete der sog. „Schlieffenplan“ – eine vom deutschen Chef des Generalstabes, Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913), im Jahre 1905 verfasste Denkschrift zur operativen Planung eines Zweifrontenkrieges [Anm. 2]. Schlieffens Konzept basierte auf der Annahme, dass das Deutsche Reich im Falle eines europäischen Krieges in einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich im Westen und Russland im Osten verwickelt werden würde. Aus diesem Grund zielte sein Plan neben einer zügigen deutschen Mobilmachung zunächst auf einen schnell durchgeführten Angriff gegen Frankreich, bevor die russische Armee vollständig aufgerüstet sein würde. Nach der erkämpften Kapitulation Frankreichs sollten die deutschen Truppen umgehend nach Osten verlegt werden, um dort einen Sieg über die russischen Truppen zu erringen [Anm. 3].

Hierbei kam angesichts einer geplanten Offensive im Westen insbesondere der Festung Mainz große Bedeutung für die anschließenden Kriegsvorbereitungen zu [Anm. 4]). Mit der Kabinettsorder vom 17. Januar 1907 wurde der weitere Ausbau und die Aufrüstung der Festung Mainz angeordnet, wodurch in den kommenden 9 Jahren eine der modernsten Festungslinien im Westen des Deutschen Reiches entstehen sollte: die Selzstellung in Rheinhessen [Anm. 5].
Den Hintergrund für diese Entscheidung bildete die wachsende Überzeugung, dass im Falle eines Krieges auch Mainz und Rheinhessen denkbare Kriegsschauplätze werden könnten und daher zeitnah mit dem Ausbau begonnen werden musste [Anm. 6]. Bereits 1908 erfolgte der Spatenstich für die Errichtung von insgesamt 350 modernen Festungswerken, Lagerplätzen, Wasserwerken, neuen Straßen sowie Schienen und Fernmeldestationen in einem Halbkreis von Heidenfahrt, Ingelheim, Heidesheim, Wackernheim, Essenheim, Ober-Olm, Nieder-Olm, Ebersheim und Gau-Bischofsheim bis nach Weisenau, wodurch Rheinhessen in wenigen Jahren sein Erscheinungsbild grundlegend veränderte [Anm. 7].

0.2.Die Umsetzung des "Schlieffenplans" in Mainz und Rheinhessen

Neben Überlegungen zur strategischen Einbindung der Selzstellung auf deutscher Seite, verfolgte auch der französische Offensivplan XVII aus dem Jahre 1911 eine Einbindung der Region in ihr taktisches Vorgehen. Ziel der „Doctrine de l’attaque constante“ (Doktrin des permanenten Angriffs) war es, die Truppen über Lothringen und das nördliche Elsass vorrücken zu lassen und somit die zahlenmäßig unterlegenen deutschen Truppen bis zum Rhein zurückzudrängen [Anm. 8]. Schlieffens Nachfolger Moltke (1848–1916) passte den Plan an diese Strategie an: Der rechte deutsche Flügel unter dem Kommando des preußischen Kronprinzen, Wilhelm von Preußen (1882–1951), sollte in einer großen Ausholbewegung die französische Armee im Rücken umgehen und einkesseln, während der linke deutsche Flügel unter Führung des bayerischen Kronprinzen, Ruprecht von Bayern (1869–1955), passiv im Schutze der starken Festungen entlang der Grenze und des Rheins verbleiben sollte. Daher lautete die Aufmarschanweisung für den bayerischen Kronprinzen, sich beim erwarteten französischen Angriff mit seiner 6. Armee zurückzuziehen, um so die Gegner ins Reichsgebiet hineinzulocken [Anm. 9].
An diesem Punkt hätte die Festung Mainz mit seinen beiden Verteidigungsringen – bestehend aus 350 Festungswerken und 14 kriegsbereiten Forts – den Zweck erfüllt, die französischen Truppen so lange hinzuhalten, bis die zurückweichenden deutschen Truppen den Rhein überquert und sich auf der rechten Rheinseite für einen Gegenangriff neu formiert hätten. Sobald der starke rechte Flügel Paris erreicht und dort eine Kapitulation erzwungen hätte, wären die Kämpfe in Mainz und Rheinhessen umgehend eingestellt worden [Anm. 10]

Die Region um Mainz war somit zentraler Bestandteil, nicht nur des deutschen, sondern auch des französischen Kriegskalküls. Dennoch ist hier im Ersten Weltkrieg nie ein Kriegsschauplatz entstanden [Anm. 11]. Entgegen Moltkes Plänen, die französische Armee auf das deutsche Reichsgebiet zu locken, führte der bayerische Kronprinz eigenmächtig einen Offensivschlag in Lothringen durch. Infolgedessen wurden die französischen Truppen hinter ihre eigenen Festungslinien zurückgeworfen und damit der Drehtüreffekt des Schlieffenplans gehemmt [Anm. 12]. Über die Gründe für das Vorgehen des bayerischen Kronprinzen kann allenfalls spekuliert werden. Vermutlich spielten Rivalitäten eine wichtige Rolle, da dem Kronprinzen von Bayern die Aufgabe zukam, nach Deutschland zurückzuweichen, während der Kronprinz von Preußen mit seinen Einheiten ins Feld gegen Frankreich ziehen sollte [Anm. 13].
Nichtsdestotrotz hat das eigenmächtige Handeln des bayerischen Kronprinzen der Stadt Mainz sowie vielen rheinhessischen Ortschaften damit möglicherweise das Schicksal von Verdun erspart [Anm. 14].

Literatur:

 

Büllesbach, Rudolf/ Hollich, Hiltrud/Tautenhahn, Elke: Bollwerk Mainz. Die Selzstellung in Rheinhessen. München 2013.

 

Cornelissen, Christoph: Schlieffen-Plan. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Hrsg. v. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz. Aktual. u. erweiterte Studienausgabe. Paderborn 2009 (=UTB 8396), S. 819-820.

 

Münkler, Herfried: Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. 7. Aufl. Berlin 2014.

 

www.bollwerk-mainz.de/Nachrichten/2014_01_Mainz.html (abgerufen: 10.09.2016).

 

www.ebersheimer-geschichte.de/inhalt_ereignisse_ersterweltkrieg.html (abgerufen: 11.09.2016).

 

Verfasserin: Sara Anil

Erstellt am: 23.09.2016

Anmerkungen:

  1. Vgl. http://www.ebersheimer-geschichte.de/inhalt_ereignisse_ersterweltkrieg.html (abgerufen am: 20.09.2016)  Zurück
  2. Vgl. Cornelissen 2009, S. 819.  Zurück
  3. Vgl. Büllesbach 2013, S. 37.  Zurück
  4. Vgl. http://www.ebersheimer-geschichte.de/inhalt_ereignisse_ersterweltkrieg.html   Zurück
  5. Vgl. Büllesbach 2013, S. 37-38 u. S. 76.  Zurück
  6. Vgl. Büllesbach 2013, S. 78  Zurück
  7. Vgl. Büllesbach 2013, S. 9.  Zurück
  8. Vgl. Münkler 2014, S. 113; http://www.bollwerk-mainz.de/Nachrichten/2014_01_Mainz.html (abgerufen am: 19.09.2016)  Zurück
  9. Münkler 2014, S. 85; S. 111 u. S. 126.  Zurück
  10. Vgl. Büllesbach 2013, S. 36.  Zurück
  11. Vgl. Büllesbach 2013, S. 9  Zurück
  12. Vgl. http://www.bollwerk-mainz.de/Nachrichten/2014_01_Mainz.html>http://www.bollwerk-mainz.de/Nachrichten/2014_01_Mainz.html (abgerufen am: 19.09.2016)  Zurück
  13. Vgl. Münkler 2014, S. 128.  Zurück
  14. Vgl. http://www.bollwerk-mainz.de/Nachrichten/2014_01_Mainz.html (abgerufen am: 19.09.2016)  Zurück