Mainz in Rheinhessen

Auf der Bastei 3 - Zur Geschichte des Hauses

von Wolfgang Brönner

Das Haus "Auf der Bastei 3".[Bild: Stefan Dumont]

Spricht man von dem Domizil der Villa Musica, so muss man zur Erklärung seiner exponierten Lage und seines Namens zunächst von der barocken Festung Mainz reden, von der das auf hohen Futtermauern angelegte, trapezförmige Plateau zeugt, auf der das Gebäude steht. Das Bauwerk wurde 1670 als Teil des 1655 von Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn begonnenen Festungsgürtels errichtet und erhielt, nach dem derzeitigen Papst Alexander VII., den Namen »Bastion Alexander«. Spricht man von dem eindrucksvollen bürgerlichen Wohngebäude Auf der Bastei 3 in Mainz, das heute Sitz der Villa Musica ist, muss man aber auch von den beiden anderen Häusern sprechen, die hier oben stehen. Zwar ist jedes der drei, so auch das Gebäude der Villa Musica, für sich genommen schon so bemerkenswert, dass es eine eigene Betrachtung rechtfertigen könnte. Ihre ganz besondere Bedeutung erhalten die Häuser durch die Art und Weise, wie sie auf das Plateau der barocken Befestigungsanlage platziert worden sind. Betrachtet man den Grundriss, will es fast erscheinen, als habe man es mit einer Schlossanlage des 18. Jahrhunderts zu tun. Zwei spiegelsymmetrisch aufeinander bezogene Gebäude an der schmaleren Seite des Trapezes stehen an dessen breiterer Seite einem deutlich größeren Bauwerk gegenüber und erinnern von Ferne an die Verbindung von Schloss und Kavaliershäusern. Auch die Formen der Architektur weisen mit ihren hohen Mansarddächern und geschweiften Giebeln ins 18. Jahrhundert. Und doch handelt es sich um eine Anlage des frühen 20. Jahrhunderts von durch und durch bürgerlichem Charakter. Sie wurden 1913 bis 1914 als Einfamilienwohnhäuser großbürgerlichen Zuschnitts erbaut.

Das Haus "Auf der Bastei 1"[Bild: Stefan Dumont]

Die Bauherren der beiden symmetrisch angelegten Häuser Nummer l und 3, Ernst und Otto Behnke, waren Brüder, von denen der erstere seinen Wohlstand einem Tiefbauunternehmen verdankte. Der Entschluss zur Erbauung zweier ganz und gar gleich aussehender Villen mutet uns heute fremd an, war aber im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg durchaus nichts Ungewöhnliches. Es galt viel­mehr als äußerer Ausdruck des modernen Familiengedankens, der mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert Einfluss gewann und der als Alternati­ve zum von der Großfamilie bewohnten großen Stadthaus die Häuser­gruppe ersann, die jedem Familienmitglied einen eigenen Hausstand er­möglichte und doch die Einheit der Familie noch versinnlichte. Von den zumeist unter französischem Einfluss entstandenen Plänen größerer En­sembles blieben in der Realität zumeist nur Dreier- oder, wie hier auf der Bastei, Zweiergruppen übrig. Zur Dreiergruppe kam es hier auf der Bastei erst durch die Beteiligung eines dritten Bauherrn, der nun nicht zur Familie gehörte. Es handelte sich um Kommerzienrat Dr. Otto Jung, Direktor der auf dem nahen Kästrich gelegenen Mainzer Aktien-Bierbrauerei, die inzwischen einer modernen Wohnbebauung hatte weicher, müssen. Das gemeinsame Interesse, dem eigenen Wohnhaus eine repräsentative Umgebung zu sichern, wird die drei Bauherren zusammengeführt haben. Die Aufträge wurden allerdings an verschiedene Architekten vergeben. Während die Brüder Belinke den in Mainz ansässigen Paul Kubo engagierten, beauftragte Jung für das Haus Nr. 2 den renommierten Darmstädter Albinmüller (Künstlername von Albin Müller). Dennoch kam nicht nur im Grundriss der Anlage, sondern auch m der Gesamterscheinung der Architektur etwas durchaus Einheitliches zustande. Stilistisch sind die von Kubo erbauten Häuser Nummer l und 2 »barocker« als das einen schweren Klassizismus vortragende Haus Nr. 2 von Albinmüller. Doch ist allen dreien die großflächige Kubatur der Baukörper, die nahezu schmuck­losen verputzten, mit Werkstein- bzw. Kunststeingliederungen versehenen Wände und das hohe Mansarddach gemeinsam, Grundzüge, die gut zu den schweren Mauern der barocken Festung passen, auf denen sie stehen.

Luftbild der ehemaligen Bastion Alexander um 1930.[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Mag auch das Barockschloss als Motiv anklingen, von einer Hierarchie der Gebäude untereinander kann hier bei dieser bürgerlichen Villenanlage nicht die Rede sein. Dies zeigt sich schon alleine in der Tatsache, dass die Auffahrt von der Seite in die Mitte des Grundstücks führt und dort über einen zentralen Platz den Zugang zu allen drei Häusern gleichermaßen erschließt. Dieser kleine Platz war ursprünglich von den Vorgarteneinfriedungen der Grundstücke kreisförmig umgeben und so zu einem Rondell gestaltet, von dem leider die zum Haus Nr. 2, heute Gästehaus der Landesregierung, gehörende Hälfte nicht mehr existiert. Die Häuser der Brüder Behnke schließen sich außerdem über eine leicht geschwungene, die Form der Rondells aufnehmende Loggia zusammen, als wollten sie sich die Hände reichen, und bilden so ein Gegengewicht zum massigen Bau der Villa Jung. Die Grundrissdisposition aller drei Häuser zeigt eine gewisse Freiheit im Umgang mit der Symmetrie und verrät, dass bei allem Wunsch nach Repräsentation auf Zweckmäßigkeit und Wohnlichkeit Wert gelegt wurde. Auch dies kündet von bürgerlicher Gesinnung.

Grundriss des Hauses Nr. 3
Aufriss der Ostseite des Hauses "Auf der Bastei 3" aus den Bauakten

Was das Innere betrifft, so möchte ich mich auf das Haus Nr. 3 beschränken, das ja auch besonders gut erhalten ist, und dazu einige wenige Hinweise geben. Hervorzuheben ist hier vor allem die geräumige, mit Stuck und Täfelung versehene Treppenhalle, deren vielfältige Nutzbarkeit jeder Bewohner bald entdecken wird. Er darf sicher sein, dass diese Nutzungsvielfalt - vom feierlichen Entree bis hin zum ausgelassenen Fest - in der Absicht von Architekt und Bauherrn gelegen hat. Weiter bedarf die nach der Rückseite des Hauses gelegene Raumgruppe, bestehend aus zwei großen und einem halbrunden kleinen Raum, der Erwähnung. In den beiden großen Zimmern dürfen wir in der ursprünglichen Nutzung Salon und Speisezimmer vermuten, während der davor angeordnete tempelartige Rundbau als Wintergarten zum Garten vermittelte. In letzterem und auch in Vestibül und Halle wurden übrigens 1973 Reste alter Wand- und Deckenmalereien gefunden, die darauf hinweisen, dass wir uns das Haus in seinem ersten Zustand insgesamt reicher und heiterer ausgestattet denken müssen, als es sich heute präsentiert. Schließlich darf auch der kleine, mit vier Schalen und einem Brunnen in der Mitte repräsentativ angelegte Garten nicht unerwähnt bleiben. Zu ihm gehört auch der Eckerker der barocken Bastion, der als Laube einbezogen wurde. Ein kleines Relief mit einem vom Wappen umgebenen Hl. Georg an der Loggia ist einem 1914 gefallenen Verwandten eines Hausbewohners gewidmet und erinnert daran, dass schon ein Jahr nach Fertigstellung des Hauses der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist. Soweit zum Baudenkmal Bastei!

Die weitere Geschichte des Hauses Nr. 3 ist schnell erzählt. 1929 wurde die Doppelhausgruppe von dem Deutsch­nationalen Handlungsgehilfenverband übernommen, der sie mit nur geringen baulichen Veränderungen zu seinem Klubhaus machte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus Nr. 3 fast gänzlich verschont, während das Pendant Nr. 1 größere Schäden hinnehmen musste. Die Re­paratur nach dem Krieg ging hier mit größeren Veränderungen im Innern einher. Die ursprüngliche Form des Daches, ein wichtiger Teil der Gesamterscheinung des Ensembles, konnte erst in jüngster Zeit wiederhergestellt werden.

Das Haus Nr. 3 hatte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Eigentümerwechsel erlebt, bis es das Eigentum des Landes Rheinland-Pfalz gelangte. Ein Abbruchantrag für das seit Jahren leerstehende Haus schreckte 1973 die Denkmalpflege und die interessierte Öffentlichkeit auf. Ein geplanter Neubau an dieser Stelle wurde von der Stadt abgelehnt, und das Villenensemble wurde fortan als erhaltenswertes Baudenkmal behandelt. 1977 wurde es dem Landesamt für Denkmalpflege als Dienstgebäude übergeben.

Da das Gebäude von Anfang an zu klein war, zog das Landesamt schon acht Jahre später in eine andere, auch nur als Zwischenlösung gedachte Unterkunft um. Trotz der erlebten Raumnot denken die Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege gerne an die heimelige Atmosphäre der alten Villa zurück. Andererseits freuen sie sich als Denkmalpfleger aber auch darüber, dass das Haus mit Villa Musica eine angemessene kulturelle Nutzung erhalten hat. Die Beziehung zum alten Amtssitz ist überdies eng geblieben, denn die Veranstaltungen der Villa Musica finden immer häufiger in historischen Bauwerken statt und tragen zu deren Integration in das Kulturleben des Landes bei.

Nachweise

Verfasser: Prof. Dr. Wolfang Brönner

Literatur:

  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 2.1: Stadt Mainz. Bearb. v. Angela Schumacher,  Ewald Wegner. Worms 1986.
  • Website der Festung Mainz

Aktualisiert am: 11.09.2014