Mainz in Rheinhessen

0.Festung Mainz

von Stefan Dumont

"Der Bewohner von Mainz darf sich nicht verbergen, dass er für ewige Zeiten einen Kriegsposten bewohnt: alte und neue Ruinen erinnern ihn daran."

Goethes Zitat macht deutlich, wie eng die Geschichte von Mainz mit der Festung verbunden ist. Leid und Tod, aber auch Brot und Arbeit brachte das Militär den Bürgern ein. Der nachfolgende Text soll einen kleinen Überblick über die 300jährige Geschichte der Festung Mainz geben.

0.1.Die Zeit der Kurfürsten 1619-1792

Mainzer Stadtplan von Mattheus Merian um 1632.[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Man schreibt das Jahr 1619, als Kurfürst Johann von Schweickhard von Kronberg - angesichts der Schrecken des 30jährigen Krieges - die mittelalterliche Stadtmauer von Mainz an den wichtigsten Punkten mit Wällen befestigen lässt; so lässt er auch den strategisch äußerst wichtigen Jakobsberg zur "Schweickhardsburg" ausbauen. Die Schweickhardtsburg war ein unregelmäßiges Vieleck aus Wällen und umgab die alte Klosteranlage.
Allerdings hat der Kurstaat keine Mittel, um die notwendige Anzahl an Soldaten aufzubringen, die für die angemessene Verteidigung gesorgt hätten. Daher kann am 23. Dezember 1631 auch der schwedische König Gustav Adolf ungehindert in die Stadt einziehen - die geistlichen und weltlichen Herren waren wohlweislich schon vorher "abgereist".
1648, nach dem Ende des 30jährigen Krieges, als die Schweden schon seit 15 Jahren aus Mainz verschwunden waren, baut der Mainzer Kurfürst Johann Philip von Schönborn Mainz zur Festung aus. So gab es 1660 an die 16 Bastionen, die einen sternförmigen Gürtel um Mainz bildeten; Der zentrale Punkt ist die Zitadelle: eine Festung in der Festung, die auf dem Jakobsberg errichtet wird und von 1696 an die Festungskommandantur beherbergt.
1688/89 wird die Festung zum ersten Mal in einen Belagerungszustand versetzt. Allerdings stehen die Deutschen, die eigentlichen Inhaber der Festung, draußen - drinnen sind die Franzosen; ein Umstand, der sich aus der mangelnden Besatzung ergibt. Mühsam muss die Festung zurückerobert werden.
Ab etwa 1700 können feindliche Kanonen durch den Fortschritt in der Artillerietechnik über den Festungsgürtel hinweg schießen; das hat Konsequenzen, die in diesem Falle der Kurfürst Lothar Franz von Schönborn zieht: er lässt den Festungsbaumeister Maximilian von Welsch einen zweiten Gürtel um die Stadt errichten, der aus fünf weit vorgeschobenen Forts (auch Schanzen genannt) bestand. Diese sind durch einen weiteren Wall miteinander verbunden und können durch einen unterirdischen Gang vom ersten Festungsring aus für den Kriegsfall mit Soldaten besetzt werden. Um 1730 werden die meisten Arbeiten abgeschlossen.

0.2.Die Festung wird französisch 1793/98-1814

Minengang im Fort Josef.[Bild: Stefan Dumont]

Durch diesen Ausbau wird Mainz zur stärksten Festung im Westen Deutschlands. Doch ihre Aufgabe, einen Angriff des benachbarten Frankreich abzufangen, kann sie aufgrund der Unterbesetzung der Garnison nicht erfüllen. So wird Mainz, als 1792 die Revolutionskriege beginnen und Frankreich zum Rhein hin expandiert, den Franzosen kampflos übergeben. 1793 wird die Festung Mainz von den deutschen Truppen wieder mühevoll zurückerobert. Bei der Belagerung stehen den 23 000 französischen Soldaten etwa 44 000 Preußen, Österreicher, Bayern, Sachsen und Hessen gegenüber. Nachdem die Franzosen es zwei Jahre später nochmals erfolglos mit einer Eroberung von Mainz versuchen, wird Mainz 1797 mit dem Frieden von Campio Formio kampflos an Frankreich übergeben.
Mayence, wie Mainz im französischen heißt, wird jetzt nicht nur Hauptstadt eines französischen Departements Donnersberg (benannt nach dem gleichnamigen Berg), sondern bald auch zur wichtigsten Festung am Rhein, der "natürlichen" neuen Ostgrenze Frankreichs. Als Napoleon ein paar Jahre später an die Macht kommt, wird deshalb die Festung Mainz eines seiner wichtigsten militärischen Projekte. Mainz soll zu einem "Boulevard de la France" werden. Der Ausbau zur Militärstadt bekommt Mainz in den Endtagen Napoleons auf besonders schlimme Art und Weise zu spüren: Beim Rückzug der "Grande Armee" im Herbst 1813 ist Mainz die erste Rast auf französischem Boden. Viele Soldaten sind bereits zu diesem Zeitpunkt mit dem Fleckfieber infiziert und rasch kann sich die Seuche in den engen Gassen von Mainz ausbreiten. So fordert der "Typhus de Mayence" an die 20 000 Menschenleben, darunter allein 2500 Zivilisten - ein Zehntel der Mainzer Bevölkerung.

0.3.Bundesfestung 1816-1866

Das Gautor um 1890.[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Nach dem Abzug der Franzosen 1814 kommt Mainz bei der Neuordnung Deutschlands zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Am 30. Juni 1816 wird der entsprechende Vertrag unterzeichnet. Gleichzeitig wird die Festung Mainz dem Deutschen Bund unterstellt.
Denn die deutschen Länder sehen die Festung Mainz nun als wichtigstes Bollwerk gegen das im Westen liegende Frankreich an. So werden große Summen bereitgestellt, um die Festung auszubauen und bestehende Wehranlagen zu modernisieren. Zusätzlich dazu wird Mainz nun dauerhaft armiert und mit einer ständigen und in der Zahl ausreichenden Garnison versehen, die von Preußen und Österreich gleichermaßen gestellt wurde. In die Zeit der Bundesfestung fallen viele Neubauten, die noch heute vorhanden sind: zum Beispiel das Fort Weisenau im Volkspark, das Proviantmagazin am Schillerplatz oder das Fort Bingen, von dem heute noch eine Kasematte unter dem ReWi-Gebäude der Universität Mainz erhalten ist. Das Fort Bingen gehört neben dem Fort Mariaborn und dem Fort Gonsenheim zum dritten Befestigungsgürtel, der um Mainz gezogen wird.

0.4.Reichsfestung 1872-1918

Der Bunkerstützpunkt "Auf der Muhl".[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Nachdem deutsch-deutschen Krieg von 1866 wird Mainz erst preußische Festung, um dann sieben Jahre später Festung des Deutschen Reiches zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hat Mainz schon die industrielle Entwicklung verpasst: Die Befestigungswerke und militärisch freigehaltene Flächen verhindern ein Ansiedeln von modernen Fabriken und Industrieanlagen, hinzu kommt die unglaubliche Enge der Mainzer Gassen und Straßen. 1872 wird dann die lang ersehnte Neustadterweiterung von den Festungsbehörden genehmigt: Der nördliche, schönborn'sche Bastionsgürtel wird abgerissen - auf ihm entsteht die Kaiserstraße. Um die Neustadt herum wird allerdings wieder ein Wall errichtet, den die Stadt Mainz teuer bezahlen muss. Von diesem "Rheingauwall" sind heute unter anderem noch das Kavalier "Prinz Holstein" und das erst kürzlich wieder entdeckte Gonsenheimer Tor erhalten. Weitere Festungsbauten werden vor allem am Rhein und auf dem rechten Rheinufer errichtet. Das Fort Biehler, im Vorland von Kastel gelegen, ist von allen Befestigungswerken in Mainz das modernste.
1904 wird endlich die Festung aufgelassen. Auf Order des Kaisers Wilhelm II. werden bis 1912 viele der Festungswerke und Stadttore niedergelegt. Dennoch bleibt Mainz immer noch Festung: in einem Umkreis von 15km werden neue, moderne Bunkerbauten errichtet, die die veralteten Festungswerke ersetzen. Dieser vierte Festungsgürtel zieht sich durch die rheinhessischen Ortschaften Heidesheim, Wackernheim, Ober-Olm, Nieder-Olm, Zornheim, Ebersheim und Gau- Bischofsheim und besteht aus vielen einzelnen Maschinengewehrständen, Artilleriebeobachtungsständen und Infanterieräumen. Insgesamt werden bis 1915 an die 300 Bunker und Stützpunkte errichtet. Die einzelnen Militäranlagen werden sogar mit einer eigenen, kleinen Festungsbahn versorgt.

0.5.Das Ende der Festung

Das Gautor in Mainz.[Bild: Institut für Geschichtliche Landeskunde]

So ausgebaut konnte Mainz den Vergleich mit Festungen wie Verdun wagen, wenngleich Mainz im Ersten Weltkrieg - glücklicherweise - eine Belagerung erspart blieb. Mit dem Versailler Vertrag von 1918 endet die 300jährige Geschichte von Mainz als Festungsstadt, da die Festungsanlagen komplett zerstört werden müssen.
Dennoch sind heute viele Festungs- und Militärbauten in Mainz erhalten gebelieben. Und an vielen Stellen trifft man entweder auf die Bauten selbst oder auf Straßennamen der längst abgetragenen Festungswerke. Viele Jahre lang wurden die militärischen Bauten vergessen und verbergen sich heute hinter wildem Grünwuchs oder werden als städtische Lagerräume benutzt. Sie wieder zu entdecken und der Öffentlichkeit vorzustellen, könnte einen sehr wichtigen Teil der Mainzer Geschichte wieder erfahrbar machen.

Nachweise

Verfasser: Stefan Dumont

Redaktionelle Bearbeitung: Stefan Grathoff

Verwendete Literatur:

  • Dumont, Franz: Mayence - un Boulevard de la France. Die Festung in der Franzosenzeit 1792-1814. Artikel auf www.festung-mainz.de.
  • Falck, Ludwig: Die Festung Mainz. Das Bollwerk Deutschlands - "Le boulevard de la France". Eltville 1991.
  • Neumann, Hans-Rudolf: Die Bundesfestung Mainz 1814-1866. Entwicklung und Wandlungen. Von der Blockhausfortifikation zum Steinernen Bollwerk Teutschlands.(= Ing.- Diss. TU Berlin); Berlin / Mainz / Gensingen 1986.
  • Wothe, Heinrich: Mainz. Ein Heimatbuch. 2 Bde., Frankfurt am Main 1977 [Nachdruck der Ausgabe von 1928].

Aktualisiert am: 17.09.2014