Mainz in Rheinhessen

Geschichte des Mainzer Reichklarenklosters

Reichklarakloster vor dem Abbruch 1904.[Bild: Ernst Neeb (Stadtarchiv Mainz)]

Von dem einstigen Kloster der Reichklarissen in Mainz ist heute nur noch die ehemalige Klosterkirche erhalten. Der Bau der Klosteranlage wurde ab 1272, nach der Stiftung durch den reichen Frankfurter Ratsherren und Patrizier Hubert zum Widder, der einst Bürger von Mainz war, begonnen. Generell waren Privatstiftungen von Klöstern und Schenkungen, vor allem an fromme Ordensgemeinschaften, im Mittelalter nichts Ungewöhnliches, konnte man sich doch zum Dank dem Gebet und Segen der Ordensmitglieder sicher sein und das eigene Seelenheil retten. Die Gründung und Stiftung des Klosters ist auch inschriftlich belegt[Anm. 1]. 1282 schenkten Humbert zum Widder und seine Ehefrau Elisabeth zum Jungen dem Kloster weiteren reichen Güterbesitz. Daraus kann man den Reichtum des Handelsherrn, der im Haus zum Widder lebte, ermessen. Beide Stifter wurden in der Klosterkirche begraben. Diese entstand um 1300. Sie war ursprünglich zweischiffig, eine gotische Anlage mit hohem Mittelschiff und dreiseitig geschlossenem Chor[Anm. 2].
Im Wesentlichen erstreckte sich das Klostergelände über das Areal zwischen Reichklara-, Flachsmarkt-, Petersstraße und Mitternacht. Ab 1619 trug das Kloster den Namen Reichklarenkloster, in Abgrenzung zur neuen Niederlassung der Armen Klarissen an der heutigen Ecke Adolf-Kolpingstraße/Klarastraße. Die Armklarissen bezogen dort die Gebäude des ehemaligen Antoniterklosters.

Auflösung des Klosters

1781 wurde das Reichklarenklosters, legitimiert durch eine päpstliche Bulle, von Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal aufgehoben und dessen Besitz zugunsten des Universitätsfonds säkularisiert. Die Finanzmittel und Güter der Einrichtung waren nicht unbedeutend. So hatten die 60 Schwestern in den Mainzer Klöstern Altenmünster und Reichen Klaren ein jährliches Einkommen von 21.000 Gulden[Anm. 3]. Dazu kam ein beträchtlicher Besitz an Gütern, besondern zu erwähnen sind die Kirchen-Gerätschaften aus Silber im Gesamtwert von über 7686 Gulden[Anm. 4].

Mehlsäcke statt Ordensschwestern

Die Klostergebäude wurden ab 1793 als Militärbäckerei genutzt, während die zugehörige Kirche schon 1792 den französischen Besetzern als Magazin und Mehlspeicher diente[Anm. 5]. Nach der Rückeroberung durch die preußisch-österreichischen Koalitionstruppen am 23. Juli 1793 wurden bis 1798 wieder Gottesdienste in der Kirche abgehalten. Als die Franzosen 1798 die Stadt Mainz erneut besetzt hatten, richteten sie in die Kirche wiederum ein Proviantmagazin ein[Anm. 6].
Nachdem schon in den Jahren 1670 und 1720 an der Kirche größere bauliche Veränderungen stattfanden, wurde ab 1831 der Innenraum des Kirchengebäudes grundlegend umgestaltet. Nach einer Einteilung in fünf Geschosse erfolgte der Abriss des Seitenschiffes und des Kirchturms[Anm. 7]. Heute ist das Gebäude in drei Stockwerke geteilt. Im Westen befindet sich eine dreischiffige Halle, welche im Obergeschoss die nur zweischiffige Nonnenempore trägt. Der Erker am Mitternachtsplatz stammt vom Adelspalast derer von Bicken (1574). In der Wandelhalle und im Schulhof an der Peterstraße finden sich prächtige Spätrenaissance-Portale und Säulen vom Stadioner Hof.

Weitere Nutzung des Geländes

Umbau der Reichsklarakirche zum Naturhistorischen Museum 1904/1905.[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Nachdem die ehemalige Klosteranlage 1903 in den Besitz der Stadt übergegangen war, erfolgte 1904 der Abriss einiger Gebäude und 1906 der Ausbau der alten Kirche zum Naturhistorischen Museum. Zusammen mit dem Neubau der Mädchenschule an der Petersstraße 2 bildet die ehemalige Klosterkirche seit 1907 einen „architektonisch und städtebaulich geschlossenen Komplex“[Anm. 8].

Beim ersten großen Luftangriff auf die Stadt Mainz vom 11.-13 August 1942 wurde vor allem die Altstadt schwer getroffen. Auch die Gebäude auf dem ehemaligen Klostergelände blieben nicht verschont. Die gesamte Anlage musste daher nach dem Krieg äußerlich stark renoviert werden.

Reichklaren oder Reichklarissen, was ist das?

Die Bezeichnung Reichklaren oder auch Reichklarissen für die Ordensmitglieder der Klostergemeinschaft lässt sich folgendermaßen erklären:
Der Orden der Klarissen, eine Frauengemeinschaft, die zu den Bettelorden gezählt wird, wurde von der heiligen Klara von Assisi um 1212/13 gegründet. Beeinflusst von Ihrem Zeitgenossen Franz von Assisi, dem Begründer des Franziskanerordens, ließ sie sich von ihm eine strenge Ordensregel für das Leben der Klarissen in Armut, Keuschheit und Gehorsam diktieren (Forma Vivendi). 1247 begann Klara mit der Ausarbeitung einer eigenen Ordensregel, die 1253 durch Papst Innozenz bestätigt wurde. Das Originaldokument wird allerdings erst 1893 (wieder-)gefunden[Anm. 9].
Zu einer Spaltung der Ordensgemeinschaft kam es durch eine Aufweichung der strengen Armutsregel der Klarissen durch Papst Urban IV. im Jahr 1263. Den nach der neuen Regel lebenden Klarissen, auch Reichklarissen oder Klarissen-Urbanistinnen genannt, waren Einkünfte und klösterlicher Besitz gestattet, während sich der ursprüngliche Orden weiterhin an die von Klara aufgestellte und von Innozenz IV. bestätigte Ordensregel hielt.
In Mainz gab es ab 1620 auch ein Kloster der Armen Klarissen, die eine von dem Antoniterorden errichtete Klosteranlage übernahmen und ausbauten[Anm. 10].

Nachweise

Verfasser: Dominik Kasper

Verwendete Literatur:

  • Arens, Fritz: Das goldene Mainz. Ein Führer zu seinen Kunstdenkmälern. 2., verbesserte Auflage. Schwäbisch Hall 1969.
  • Brilmayer, Karl Johann: Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart. Geschichte der bestehenden und ausgegangenen Städte, Flecken, Dörfer, Weiler und Höfe, Klöster und Burgen der Provinz Rheinhessen nebst einer Einleitung. Neudruck der Ausgabe 1905 Würzburg 1985.
  • Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Rheinland-Pfalz Saarland. Bearb. von Hans Caspary u.a. Darmstadt 1985.
  • Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Mainz Altstadt, Band 2.2, S. 114.
  • Schneider, Friedrich: Die Schatzverzeichnisse der drei Mainzer Klöster Karthause, Reichen Klaren und Altenmünster bei ihrer Aufhebung im Jahre 1781. Mainz 1901.
  • Schrohe, H.: Geschichte des Reichklarakloster in Mainz. Nach ungedruckten und seither unbenutzten Quellen dargestellt. Mainz 1904.
  • Vita der hl. Klara. In: klarissen.net [URL: http://www.klarissen.net/klara/vita.html (16.06.09)]

Erstellt: 09.06.2009

Geändert: 29.09.2014

Anmerkungen:

  1. Schrohe, S.1f. Zurück
  2. Vgl.: Denkmaltopographie, S. 114. Zurück
  3. Schneider, S. 3. Zurück
  4. Ebenda, S. 36, Eine Auflistung von S. 28-36. Zurück
  5. Vgl.: Denkmaltopographie, S. 114. Zurück
  6. Vgl.: Schrohe, S. 94-96. Zurück
  7. Vgl.: Schrohe, S. 97. Zurück
  8. Denkmaltopographie, S. 114. Zurück
  9. Vgl.: Vita der hl. Klara. Zurück
  10. Vgl.: Denkmaltopographie, S. 86. Zurück