Neuwied am Mittelrhein

Zur Geschichte der Stadt Neuwied und des Neuwieder Beckens

Neuwied befindet sich nordwestlich von Koblenz am rechten Ufer des Rheins. Die Talweitung des Neuwieder Beckens war schon früh von Menschen besiedelt. So wurden hier aus der Zeit um 8000 v.Chr. Knochenreste eiszeitlicher Tiere und Feuersteingeräte gefunden. Später wurden aus den Jägern und Sammlern allmählich Bauern. Mit dem Beginn der Eisenzeit nahm die Besiedelung zu. Das Neuwieder Becken war Siedlungsraum der Hunsrück-Eifel-Kultur (600-100 v. Chr.). Dass die Menschen nun auch die Berghöhen eroberten, belegen verschiedene Festungs- bzw. Ringwallanlagen. Später drangen dann Germanen in die von Kelten besiedelten rechtsrheinischen Gebiete vor.

0.1.Römerzeit

Grundmauern eines Römerkastells im Stadtteil Niederbieber[Bild: Wikipedia-Nutzer Frila [CC BY-SA 3.0]]

Als die Römer an den Rhein kamen, versuchten sie, auch das rechte Ufer dauerhaft zu besetzen. Man geht davon aus, dass der Übergang im Neuwieder Becken, genauer zwischen dem heutigen Neuwied und Engers, erfolgte. Die römischen Truppen verwüsteten bei ihrem ersten Vorstoß zahlreiche Dörfer, Höfe und Felder, zogen sich danach jedoch wieder aus dem Bereich zurück. Es gelang ihnen lange Zeit nicht, das rechtsrheinische Gebiet zu erobern, weswegen sie ihre Verteidigung auf der linken Seite ausbauten. Trotz Vorstößen der Kaiser Vespasian (9-79 n.Chr.) und Domitian (51-96 n.Chr.) verzichteten die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus weitgehend auf die Eroberung der germanischen Gebiete rechts des Rheins. Sie errichteten den Limes, der über 200 Jahre die friedliche Entwicklung des Rheinlandes garantierte. Die Einbeziehung des Neuwieder Beckens in das von dem Verteidigungswall umschlossene Gebiet hatte taktische Gründe, weil hier zwei wichtige Züge ihres Heerstraßennetzes zusammentrafen.[Anm. 1] In der späteren Zeit war der Rhein wieder die Grenze des Imperiums. Im großen und ganzen betrachteten die Römer das Gebiet des Neuwieder Beckens weniger als gesicherten Besitz, sondern vielmehr als Schutzzone vor germanischen Angriffen. Um 260 n. Chr. mussten sie das rechte Rheinufer endgültig aufgeben. Später bestätigte Kaiser Valentinian (321-75 n. Chr.) den Franken ihren gesamten rechtsrheinischen Besitz. Damals gehörte die Gegend um das heutige Neuwied zum Engersgau. Im 5. Jahrhundert war es eindeutig Teil der „patria francorum“ (Heimat der Franken).[Anm. 2]

0.2.Mittelalter

Burg Altwied um 1785[Bild: Charles Dupuis (1785) [gemeinfrei]]

Seit dem Jahr 773 werden einige Stadtteile des heutigen Neuwied erstmals urkundlich erwähnt. Das Haus Wied übte seit dem 11. Jahrhundert die Grundherrschaft aus. Der Stammsitz der Familie, die Burg Altwied, steht heute noch als Ruine auf einem Felsriegel im Wiedtal und wurde 1129 erstmals urkundlich erwähnt. [Anm. 3] Der wiedische Besitz wurde im Mittelalter immer wieder zwischen einzelnen Zweigen des Geschlechts geteilt und wiedervereinigt. Die Grafen traten im Jahr 1564 zum calvinistischen Bekenntnis über.[Anm. 4]

0.3.Stadtgründung in der Frühen Neuzeit

Friedrich III. Graf zu Wied[Bild: Unbekannt [gemeinfrei]]

Das heutige Neuwied wurde 1653 durch Graf Friedrich III. zu Wied (1618-98) gegründet. Mit der Gründung verlegte er das Zentrum seiner Herrschaft an den Rhein, der bedeutendsten Verkehrsader jener Zeit. Friedrich versprach sich von diesem Schritt eine Besserung seiner Finanzen, denn die Grafschaft war im Dreißigjährigen Krieg (1608-48) verarmt. Im Jahr 1662 sicherte er den Bürgern von "Neuwen Wiedt" in einem neun Punkte umfassenden Privileg weitreichende Rechte und Freiheiten zu, vor allem das Recht auf freie Religionsausübung, die Freiheit von Frondiensten und Leibeigenschaft sowie das Recht auf städtische Selbstverwaltung. Jedem Bürger, der ein Haus bauen wollte, wurde ein Bauplatz zugesprochen. Ferner versprach der Landesherr, dass die Steuern nur zur einen Hälfte an ihn und zur anderen Hälfte an die Stadt gehen sollten. All das war in der damaligen Zeit sehr fortschrittlich und zog vor allem Menschen an, die aufgrund ihrer Konfession andernorts unter Repressalien zu leiden hatten.

0.4.Auszug aus dem Stadtrechtsprivileg von 1662

So haben wir gleichwohl Ihnen / [den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen Anm. d. Red.] hiemit Vestig- und Unverbrüchlichkeit Versprochen / und angelobet / [...] Zu ewigen tagen/ daß wir Ihnen / [...] Irene Conscientz / und Exercitium Religionis in Ihren häußern Ungehindert gestatten / [...].

Dießem nechst Vors Zweyte / sollen Sie / Krafft dieser Erclärung Von allen [...] Frohn / und Diensten / [...] gäntzlich exempt / befreyet / und erlaßen sein [...].

Und obwohl auch Drittens Unßerer Graffschafts Underthanen Unß mit leibaigenschafft affect und zugethan seindt / So wollen wir gleichwohl deroselben Leibaigenschaft auf Dero Personen / und forders in ansehung Dero / und derselben güetter / so Sie Unter Unßerer Graffschaft erwerben / werden / keineswegs extendirt / sondern dieselbe pro liberis / und frey Underthanen gehalten haben / [...].[Anm. 5]

Fürst Johann Friedrich Alexander, Graf zu Wied-Neuwied[Bild: Johann Baptist Hirschmann (1770–1829) [gemeinfrei]]

Die Stadt mit der neuen gräflichen Residenz wurde nach einem Schachbrettplan angelegt und wuchs langsam, aber stetig - bis Neuwied im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-97) zwischen die Fronten geriet. Das neu erbaute Schloss ging 1694 in Flammen auf, Graf Friedrich musste kurzzeitig die Stadt verlassen.[Anm. 6] Sein Sohn Friedrich Wilhelm zu Wied (1684-1737) erneuerte die Privilegien der Stadt und legte den Grundstein zu einem neuen Schloss. [Anm. 7]Dessen Nachfolger Graf Johann Friedrich Alexander, Graf zu Wied-Neuwied (1706-91), ging als "zweiter Stadtgründer" in die Geschichte ein. Unter ihm erlebten die Einwohner der kleinen Residenzstadt einen beeindruckenden wirtschaftlichen und städtebaulichen Aufschwung. Neben materiellen Verbesserungen ging es ihm um kulturellen Fortschritt im Sinne der Aufklärung.[Anm. 8] Unter seiner Regierung herrschte eine deutschlandweit einzigartige Pressefreiheit, die bald ein lebendiges Verlags- und Zeitungswesen anzog. Mitunter erschienen in Neuwied antimonarchistische französische Publikationen wie das "Journal des Révolutions de l`Europe", die andernorts der Zensur zum Opfer gefallen wären.

0.6.Franzosenzeit

Die Schlacht von Neuwied[Bild: Unbekannt [gemeinfrei]]

Nach 1789 war Neuwied Sammelplatz französischer Emigranten, die beim Ausbruch der Revolutionskriege gegen das französische Heer kämpften. Nach dem Scheitern des preußisch-österreichischen Vorstoßes im Jahr 1792 versuchten die Franzosen zwischen 1795 und 1797 gleich viermal, bei Neuwied über den Rhein zu setzen, um den wichtigen Brückenkopf einzunehmen. Am 18. April 1797 gelang es ihnen schließlich. In der "Schlacht von Neuwied" wurden die österreichischen Truppen geschlagen und aus der Stadt vertrieben. Kriegsschäden und hohe Kontributionen brachten die Stadt daraufhin an den Rand des Ruins. Der regierende Fürst Friedrich Karl zu Wied-Neuwied (1741-1809) dankte im Jahr 1802 vorzeitig ab und übergab die Regentschaft der Fürstinmutter Luise, bis Johann August Karl zu Wied (1779-1838) im Jahr 1802 die Regentschaft antreten konnte. Der junge Fürst weigerte sich 1803, dem auf Druck Napoleons zustande gekommenen Rheinbund beizutreten. Sein Territorium fiel daraufhin an den Herzog von Nassau. Nach dem Sturz Napoleons und der anschließenden Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress (1815) kam Neuwied schließlich zu Preußen.[Anm. 9]

0.7.19. und 20. Jahrhundert

Blick auf Neuwied[Bild: Wikipedia-Nutzer Frila [CC BY-SA 3.0]]

Damit waren die Tage Neuwieds als Residenzstadt alten Stils zwar gezählt, doch unter der neuen Verwaltung kehrten immerhin stabile politische Verhältnisse zurück. Auch die Wirtschaft belebte sich und erfuhr im 19. Jahrhundert einen ungeahnten Aufschwung. Im Jahr 1817 wurde eine "Fliegende Brücke" eingerichtet, um die Verbindung zum linken Rheinufer zu verbessern. 1823 wurde der Neuwieder Hafen eröffnet. Mitte des 19. Jahrhunderts begann man mit dem Bau von ersten gepflasterten Straßen. Beim Gütertransport wurde die Segelschifffahrt auf dem Rhein von der Dampfschifffahrt verdrängt, weshalb es während der Revolution von 1848/49 unter anderem zu Aufständen der Treidelschiffer kam. Im linksrheinischen Weißenthurm schossen sie aus Angst um ihre Existenz sogar auf Dampfschiffe. Im damals noch nicht eingemeindeten Heddesdorf begründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-88) sein landwirtschaftliches Genossenschaftswesen. Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Einweihung der rechtsrheinischen Eisenbahn am 11. Juli 1870.[Anm. 10] Im Ersten Weltkrieg (1914-18) war der Alltag in Neuwied wie überall in Deutschland von Todesnachrichten, Arbeitskräftemangel und Nahrungsmittelknappheit geprägt. Insgesamt hatte die Stadt 385 Gefallene zu beklagen. Nach Kriegsende folgte die französische Besetzung des Rheinlandes, der Ruhrkampf und die kurzlebige Ausrufung einer "Rheinischen Republik". Auch von den verheerenden Rheinhochwassern in den Jahren 1920, 1924 und 1926 blieb Neuwied nicht verschont. Trotz der schlechten Wirtschaftslage gelang es Bürgermeister Robert Krups, den Bau einer Deichanlage zu finanzieren, die 1931 eingeweiht werden konnte. Sie schützt Neuwied seitdem vor Hochwasser. Im Jahr 1935 konnte das Projekt einer Brücke über den Rhein verwirklicht werden.

0.8.Neuwied in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges

Ab 1944 erlebte Neuwied den Beschuss  durch alliierte Bomber. Ziel war vor allem die Rheinbrücke, dessen Zerstörung am 15. Januar 1945 geschah. Die Stadt selbst wurde etwa zu 18 Prozent zerstört. Dass Neuwied keine höheren Schäden von sich trug, war unter anderem auch dem Offizier Hans Meyer  (vor dem Krieg evangelischer Pfarrer in Neuwied) zu verdanken, welcher in den letzten Kriegstagen die Verantwortung für die Stadt Neuwied inne hatte. Er weigerte sich mehrmals eine „Kampftruppe Neuwied“ zu bilden, welche sich in der Stadt hätte verschanzen und bis zum letzten Mann kämpfen sollen. Auf dem von Amerikanern besetzten Flugplatz Niedermendig lagen bereits Bomben mit dem weißen Kreideschriftzug  „Neuwied“ für den Angriff bereit. Dadurch, dass Hans Meyer die Stadt zu einer offenen Stadt erklärte und sich den Amerikanern ergab, blieb Neuwied von einer völligen Vernichtung verschont.

0.9.Neuwied nach dem 2. Weltkrieg bis Heute

Seit 1946 gehören Stadt und Kreis Neuwied zum Regierungsbezirk Koblenz des Landes Rheinland-Pfalz. In der Nachkriegszeit gewann Neuwied seine Bedeutung als mittlerer Industriestandort zurück. Die Stadt besitzt heute einige ausgedehnte Gewerbegebiete mit guter Verkehrsanbindung.

Die Bevölkerungsanzahl stieg bis 1970 stetig an und verdoppelte sich nach der Bildung der „Neuen Stadt Neuwied“ durch die Einverleibung der umliegenden Orte auf 63.000 Einwohner. Die Stadt erhielt nach dem Zusammenschluss ihr neues, dreigeteiltes Wappen. Heute leben etwa 65.000 Personen in Neuwied.

Neuwied ist ebenfalls bekannt als die Stadt der Schulen. Zu den über 50 in der Stadt ansässigen Schulen gehören neben allgemeinbildenden Schulformen auch eine Duale Oberschule, Förderschulen, Schulen für unterschiedliche Arten der Behinderung wie z.B. die Landesbblindenschule, Krankenpflegenschulen sowie Deutschlands einzige Bundesfachschule des Lebensmitteleinzelhandels.[Anm. 11]

0.10.Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Eva Kütscher und Sarah Schrade und Rebekka Pabst

Verwendete Literatur:

  • Backes, Magnus; Merian, Hans: Neuwied. Schloss und Stadtkern. In: Rheinische Kunststätten(310). 1986.
  • Crusius, Ewald: Die Gründung Neuwieds. In: 300 Jahre Neuwied. 1653-1953, Neuwied 1953, S. 43-66.
  • Faber, Karl-Georg; Meinhardt, Albert: Heimatchronik des Kreises Neuwied. Die historischen Grundlagen des Kreises Neuwied von der Vorzeit bis zum Frühmittelalter. Köln 1966.
  • Kahlenberg, Friedrich P.; Kißener, Michael (Hrsg.): Kreuz, Rad, Löwe. Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte. Vom ausgehenden 18.Jahrhundert bis zum 21.Jahrhundert. Mainz 2012.
  • Meinhardt: Der Werdegang Neuwieds. In: 300 Jahre Neuwied. 1653-1953, Neuwied 1953, S. 67-75.
  • Strüder, Julius und Rolf: Bilder und gestalten aus der Vergangenheit der Stadt Neuwied. Zur 300-Jahr-Feier 1653-1953. Neuwied 1953.
  • Thomas, Martin; Stelz, Fritz: Neuwied. Gumersbach 1982.
  • 300 Jahre Neuwied: 1653 - 1953. Ein Stadt- und Heimatbuch zur 300. Wiederkehr der Stadtgründung. Hrsg. von der Stadtverwaltung Neuwied. [Vorw.: Albert Meinhardt]. Neuwied 1953.

Aktualisiert am: 07.03. 2014

Anmerkungen:

  1. Siehe Faber, Meinhardt 1966, S. 16ff. Zurück
  2.  Siehe a.a.O. 1966, S. 24f. Zurück
  3. Siehe Backes, Merian 1986, S. 3f. Zurück
  4. Siehe Backes, Merian, S. 4. Zurück
  5. Crusius 1953, S. 57. Zurück
  6. Siehe Meinhardt 1953, S. 75f. Zurück
  7. Siehe a.a.O., S. 108ff.  Zurück
  8. Siehe a.a.O., S. 114f. Zurück
  9. Siehe Backes, Merian 1986, S. 7f. Zurück
  10. Siehe Backes, Merian 1986, S. 10. Zurück
  11. Siehe Faber, Meinhardt 1966, S. 54f. Zurück