Mainz in Rheinhessen

Die Kirche St. Georg in Bretzenheim

St. Salvator - eine Eigenkirche als erstes Gotteshaus

Turm der Kirche St. Georg[Bild: Harald Strube]

An der Stelle der heutigen Pfarrkirche St. Georg stand im frühen Mittelalter eine Kirche, die dem "Erlöser" (lat. Salvator), also Christus, geweiht war. St. Salvator wird erstmals 775 in einer Urkunde erwähnt, in der eine Grundherrin namens Ada bestimmte, dass diese Kirche nach ihrem Tod dem Kloster Fulda gehören sollte. Ada muss in Bretzenheim über bedeutenden Grundbesitz verfügt haben, wenn sie alleinige, uneingeschränkte Eigentümerin der Kirche im Ort war. Letzteres geht aus der genannten Urkunde hervor, die dem Kloster Fulda zugesteht, nach dem Tod der Grundherrin die Kirche "zu verschenken, zu verkaufen und, was immer sie damit anfangen möchte, zu tun". Solche "Eigenkirchen" waren im Frühmittelalter allerdings keine Seltenheit. Sie wurden von reichen Grundherren auf eigenem Boden aus privaten Mittel errichtet. In diesem Fall wird das wahrscheinlich ein Vorfahre der Grundherrin Ada gewesen sein. Im Laufe der Zeit wurden die Eigenkirchen dann wie der restliche Besitz weitervererbt. Die Eigenkirchen dienten zum einen als Gotteshaus und letzte Ruhestätte für die Stifterfamilie, zum anderen standen sie aber auch dem Gesinde und den abhängigen Bauern als Pfarrkirche offen – im weitesten Sinne also allen Bewohnern des Dorfes. Die Eigenkirche sollte also nicht zuletzt dem Seelenheil der Stifterfamilie dienen.

Die frühmittelalterliche Kirche

St. Salvator stand am Nordhang oberhalb des mittelalterlichen Dorfes. Anscheinend ist dieser Ort nicht zufällig gewählt worden, da in der Nähe ein fränkisches Gräberfeld gewesen ist. In rund 250 Meter Entfernung von der Kirche wurde nämlich 1907 ein fränkisches Fürstengrab entdeckt. Möglicherweise lag dieses Grab im Bereich des späteren „Kirchhofs“ der Kirche. St. Salvator lag leicht versetzt zur heutigen Kirche: das Erdgeschoss des heutigen Kirchturmes bildete den Chor und das Kirchenschiff erstreckte sich entlang der heutigen südlichen Mauer. Das jedenfalls kann man einem Plan von 1720 entnehmen, der eine vermutlich frühmittelalterliche Kirche wiedergibt. Das erste Turmgeschoss mit dem Spitzbogenfenstern (noch heute sichtbar) dürfte erst im 16. Jahrhundert hinzugekommen sein.

Wechsel des Patroziniums

Figur des Hl. Georg[Bild: Harald Strube]

Dass sich das in der Urkunde genannte Salvatorpatrozinium auf eine ganz andere, heute in Bretzenheim verschwundene Kirche bezog, ist nicht anzunehmen. Das kultische Zentrum eines Ortes bleibt meistens über Jahrhunderte hinweg dasselbe. Das bereits erwähnte fränkische Gräberfeld in der Nähe der Kirche lässt vermuten, dass dies auch in Bretzenheim der Fall ist. Wann genau und unter welchem Umständen aus der Salvatorkirche eine St. Georg-Kirche wurde ist heute nicht mehr bekannt. Solche Wechsel des Kirchenpatrons waren aber nicht unüblich und es ist zu vermuten, dass in Bretzenheim im 11.-13. Jahrhundert der hl. Georg anstelle des Salvators trat. Während der Kreuzzüge wurde der Heilige besonders verehrt.

Neben dem Patrozinum wechselte im Hochmittelalter auch das Patronatsrecht der Bretzenheimer Kirche seinen Besitzer. Wer das Patronatsrecht inne hatte, durfte die Stelle des Pfarrers besetzen. Wie genau das Patronatsrecht in den Besitz des Mainzer Erzbischofs gelangte, ist nicht bekannt. Jedenfalls überließ Erzbischof Konrad 1189 dieses Patronatsrecht dem Mainzer Stift St. Stephan (im Tausch gegen das der Kirche in Alzey). Dort blieb es nun bis zur Säkularisation 1802.

Neubau im 18. Jahrhundert

Fotostrecke zu St. Georg in Bretzenheim

Um 1720 errichtete man (wahrscheinlich aus Platzgründen) eine neue Kirche – den Bau, der sich auch heute noch über Bretzenheim erhebt. Das Geld für das neue Gotteshaus kam dank der guten Bauorganisation der Gemeinde relativ schnell zusammen. So wurde es möglich, den Bau innerhalb von nur gut zwei Jahren abzuschließen. Das war im 18. Jahrhundert nicht gerade üblich, wurde doch meistens nur dann gebaut, wenn Geld wirklich, also in bar, vorhanden war. Während die Gemeinde (mit Hilfe von Spenden) die Kosten für das Langhaus übernahm, trug das Kapitel von St. Stephan – nach einigem Hin und Her – die Kosten für den Chor. Das alte Langhaus wurde abgerissen, nur der Glockenturm blieb bestehen, dessen Erdgeschoss jetzt allerdings als Sakristei diente. Am 22. Februar 1720 wurde offiziell der Grundstein gelegt. Nach der Errichtung des neuen Langhauses wurde das große Kirchenportal von Steinmetz Benedikt Glöckner in die südliche Fassade eingelassen. Ein kleines Türmchen in der Ecke zwischen Langhaus und Turm führte hinauf ins Glockengestühl. Bereits im August desselben Jahres konnte das Dach gedeckt und Fenster eingesetzt werden. Im darauffolgenden Jahr wurden die Tüncharbeiten vorgenommen und die Ausstattung gekauft oder in Auftrag gegeben: der Hochaltar (geweiht der Himmelfahrt Mariae) die beiden Seitenaltäre (den Patronen St. Georg und St. Sebastian geweiht) sowie Beichstühle und Orgel, letztere gebraucht aus St. Emmeran erworben. Am 30. August 1722 nahm der Mainzer Weihbischof Edmund Gedult von Jungenfeld die Kirchenweihe vor.

Zerstörung der Barockkirche 1793

Nach dem Neubau und der Ausstattung durch Mainzer Künstler war die Bretzenheimer Pfarrkirche St. Georg ein „kleines Juwel der Barockkunst“ (Fritz Arens) geworden. Dieses Juwel überstand aber nicht bis in unsere Tage: in den Revolutionskriegen sollte die Kirche stark zerstört werden. 1792 eroberten nämlich französische Revolutionstruppen die Festung Mainz. Ein knappes Jahr später kam es zur Belagerung von Mainz durch deutsche Truppen. Der damalige Bretzenheimer Pfarrer Franz Anton Faulhaber hielt die Ereignisse in einem Tagebuch fest. Am 23. April wagten die Franzosen mit 2000 Soldaten gegen das nur mit wenigen deutschen Truppen besetzte Bretzenheim einen Ausfall aus der Festung. Bisher war der Kirchturm als Ausguckposten von den deutschen Belagerern gebraucht worden, das Pfarrhaus stand leer, wohnte Faulhaber doch derzeit in Marienborn. Die Funktion als Ausguckposten war dann auch wohl der Grund dafür, weshalb die französischen Soldaten die Kirche St. Georg anzündeten. Dabei wurde nicht nur der spitze Turmhelm, sondern auch die barocke Ausstattung ein Raub der Flammen.

Wiederaufbau um 1800

Fotostrecke Innenraum von St. Georg[Bild: Alexander Wißmann]

Nach dem Ende der Belagerung und dem Abzug der Franzosen wurde aber sehr rasch der Wiederaufbau in Angriff genommen. Durch die Kriegswirren und die massiven Veränderungen in der kirchlichen und weltlichen Verwaltung links des Rheins dauerte die Wiederherstellung der Kirche aber knapp 15 Jahre. Erst 1807 konnten die letzten Arbeiten abgeschlossen werden. Die verbrannte Ausstattung ersetzte man auf Faulhabers Bitten mit Mobiliar aus dem Dalheimer Kloster. Das Orgelgehäuse, die Figuren des hl. Josefs und des hl. Bernhards, die Figurengruppe der Anna Selbdritt und wahrscheinlich auch das Hochaltarbild von Johannes Zick sind heute noch davon erhalten. Das Dach der Kirche wurde ebenfalls in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt. Nur der Turm musste flach abgedeckt werden und bekam erst 1896 seine heute noch vorhandene Zwiebelhaube.

Bereits 1858 entfernte man wieder die zwei Seitenaltäre aus dem Dalheimer Kloster. Sie ersetzte man 1899 durch zwei Seitenaltäre aus Oberwesel, die 1906 durch einen neobarocken Hochaltar ergänzt wurden. Zwei Weltkriege überstand die Kirche weitgehend unbeschadet. Erst 1963 wurden wieder größere Eingriffe im Kirchenraum vorgenommen: An der Westseite wurde eine Eingangshalle gebaut, an dem Turm schloss man einen neuen, achteckigen Anbau an, der von nun an als Sakristei dienen sollte. Der Chorraum wurde neu geordnet und die beiden Seitenaltäre wurden ausgeräumt.

Nachweise

Verfasser: Stefan Dumont
Verwendete Literatur:

  • Mainz-Bretzenheim, St. Georg. 1200 Jahre Bretzenheimer Kirchenstiftung. München 1975.
  • Arens, Fritz: Die Baugeschichte der Pfarrkirche in Mainz-Bretzenheim. Mainz 1955.
  • Böhme, Horst Wolfgang: Der fränkische Fürst von Bretzenheim. In: 1250 Jahre Bretzenheim hrsg. vom Verein für Heimatgeschichte Bretzenheim und Zahlbach. Mainz 2002. S. 29-30.

Erstellt: 03.02.2009
Geändert:
04.02.2009