Worms in Rheinhessen

"... eine furchtbar ernste Zeit":

Der Erste Weltkrieg als Wendepunkt der jüngeren Wormser Geschichte

Soldaten am Lutherplatz[Bild: Stadtarchiv Worms]

von Gerold Bönnen

Gemeinhin gilt im Rückblick auf das letzte Jahrhundert das Jahr 1945 als Zäsur gerade in der Wormser Stadtgeschichte. So richtig dies ist, auch der in letzter Zeit wieder stärker beachtete 1. Weltkrieg, die vielzitierte Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, markiert in Worms ebenfalls einen tiefen Einschnitt in die Stadtgeschichte. Die glanzvolle Entwicklung der Stadt seit den 1860er Jahren fand ein jähes Ende, nichts war in Politik, Wirtschaft und Stadtentwicklung so wie vorher, was im allgemeinen Bewusstsein vor Ort nur wenig bekannt ist. Es lohnt sich daher ein Blick auf die Wirkungen des Krieges auch auf Worms.

Die durch das auf den österreichischen Thronfolger verübte Attentat von Sarajewo am 28.6. 1914 beginnende Julikrise und die fatale Verkettung der politischen und militärischen Entscheidungen in Richtung auf einen Krieg trafen die Stadt Worms zu einem Zeitpunkt voller Blüte und tiefer Normalität. Hatte man sich für die nächste Zeit noch auf baulichem (Anlage eines Spiel- und Sportplatzes, Krankenhauswerweiterung, Kanalisation, etc.) und kulturellem (ab Juli 1915 so glanzvoll wie möglich geplante Nibelungenfestspiele) Gebiet neue, ehrgeizige Ziele gesetzt und den weiteren Ausbau des 'Neuen Worms' und seiner Infrastruktur geplant, sonnte man sich selbstbewusst im Glanz des seit gut einer Generation erreichten, so drängten sich im Lauf des Juli doch auch in Worms die Sorge um die Erhaltung des Friedens nach vorn.

Die Wormser Zeitungen berichteten am 1. und 2.8. 1914 von der Bekanntmachung der Mobilmachung und vermitteln einen Eindruck von der vorherrschend gedrückten Stimmung: stiller Ernst lag über der Volksmenge, die Heiterkeit verschwindet aus den Gesichtszügen. Auch der Stadtspitze war der Ernst der Lage sehr wohl bewusst: Der seit 1898 amtierende Oberbürgermeister Heinrich Köhler brachte die vorherrschende Stimmung  am 4.8. 1914 vor den Stadtverordneten mit den Worten zum Ausdruck, eine furchtbar ernste Zeit ist über uns hereingebrochen.

Der Finanzausschuss der Stadtverordnetenversammlung wurde als Kommission zur Vollziehung der Kriegsmaßnahmen eingesetzt. Die Stimmung war zunächst keineswegs hurrapatriotisch gestimmt, sondern sorgenvoll und durch das Bewusstsein kommender schwerer Zeiten geprägt. Die Garnisonsstadt Worms mit ihren knapp 49.100 Einwohnern veränderte innerhalb weniger Tage ihr Gesicht. Am Nachmittag des 2.8. sprach Großherzog Ernst Ludwig zu den ausrückenden Soldaten. die Bilanz des in Worms beheimateten Infanterieregiments Prinz Carl Nr. 118 wies 1918 aus, dass von 377 Offizieren und 24991 Mannschaften nicht weniger als 87 Offiziere und 2878 Mannschaften gefallen sowie 176 Offiziere und 7558 verwundet worden waren.

Lazarett in der Jahnturnhalle[Bild: Stadtarchiv Worms]

Am 11.8. 1914 berichtete die Wormser Zeitung von einem feierlichen Gottesdienst in der Synagoge für die ins Feld ziehenden israelitischen Rekruten mit einer patriotischen Ansprache des Rabbiners Dr. Holzer; er flehte den Segen Gottes auf die Ausziehenden herab und sprach das ergreifende Gebet für Kaiser und Reich, für unser Heer und seine Führer. Am 12.8. trafen die ersten Gefangenentransporte französischer Soldaten ein, auf die weitere folgten. Am 26.8. erschien die erste Todesanzeige eines gefallenen Wormsers in der WZ, es erfolgte die Einrichtung von Lazaretten im Mathildenheim, im Saalbau Neuhausen, in der Jahn-Turnhalle, im Sophienhaus und im Martinsstift. Umso patriotischer wurde der an die Schlacht im Krieg 1870/71 erinnernde 'Sedanstag' am 2.9. begangen. Der Oberbürgermeister sprach im Cornelianum, Oberlehrer Prof. Dr. Hermann Briegleb verlas ein pathetisches Gedicht.

Auch im Gymnasium fand ein Festakt mit der feierlichen Entlassung der ersten, noch jugendlichen Kriegsfreiwilligen statt. In Festansprachen wurden Deutschtum und Krieg verherrlicht; man beschwor immer aufs Neue die Vorstellung, ein Welt feindseliger Neider habe dem friedliebenden Deutschen Reich den Krieg aufgezwungen, den es nun zur Verteidigung der Kultur und seiner Reichseinheit zu gewinnen gälte.

Der Krieg, der auf kommunaler Ebene ein energisches Halt geboten hat, (so OB Köhler vor den Stadtverordneten am 6.1. 1915), stellte die Stadtverwaltung vor ungeahnte neue Aufgaben vor allem auf dem Gebiet der Sozialfürsorge bzw. der Wohlfahrtspflege. Bereits kurz nach Kriegsausbruch begannen Bemühungen zur Unterstützung von Soldatenfamilien, eine Arbeitsausgabestelle zur Beschäftigung bedürftiger Frauen und Mädchen wurde gegründet, da eine wachsende Zahl weiblicher Arbeitssuchender einer sinnvollen Beschäftigung zugeführt werden sollte. Im Dezember 1917 wurde ein städtisches Fürsorgeamt für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene eingerichtet, seit 1918 gab die Stadt Notgeld heraus.

Kriegsgefangenenlager Pfiffligheim, um 1917[Bild: Stadtarchiv Worms]

Erhebliche Anstrengungen waren zur Sicherstellung der Ernährung zu unternehmen: Anfang Februar 1915 erfolgte die Bildung einer Kommission für Lebensmittelversorgung. Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden Kredite für den Lebensmittelankauf genehmigt und zunächst bei Brot und Fleisch eine kommunale Vorsorge begonnen; die Stadtgärtnerei forcierte den Gemüseanbau. Im Zuge der Zwangsbewirtschaftung von Lebensmitteln und Brennstoffen wurde im Jahr 1916 in Worms ein Lebensmittelamt eingerichtet. Bis 1916 waren alle wichtigen Nahrungsmittel zwangsbewirtschaftet, wozu rasch eine entsprechende Bürokratie auf- und stetig ausgebaut werden musste, die noch bis zum Beginn der 20er Jahre fortbestanden hat. Den Höhepunkt erreichte die furchtbare Ernährungskrise im Winter 1916/17, das Hungerjahr 1917 blieb noch lange im Gedächtnis der Nachlebenden. 

Bereits im Juni 1916 war es in Worms zu Hungerkrawallen und Plünderungen gekommen, die das Ausmaß an Verzweiflung und potentieller Gewalt sowie die Brüchigkeit des 1914 verkündeten 'Burgfriedens' deutlich werden lassen. Im Polizeibericht heißt es:

Infolge der unverhältnismäßig hohen Kirschenpreise [...] entstand gestern auf dem Marktplatz ein durch Arbeiterweiber in Scene gesetzter Tumult. [...] Die Schutzmannschaft war nicht imstande, die Menge zu beruhigen. [...] Abends gegen 9 Uhr nahm der Volksauflauf noch erheblich zu, indem sich eine große Anzahl der halbwüchsigen Arbeiter der Menge zugesellte. Dabei wurden auf der Rückseite des Rathausgebäudes einige Fensterscheiben eingeworfen. Allmählich [...] zog die Menge in einige Straßen in einige Straßen in der Nähe des Marktes [...]. In der Hafergasse wurden Läden [...] vollständig ausgeplündert, nachdem die Schaufenster zertrümmert waren. Infolge der colossalen Erregung der Menschenmenge konnte die Schutzmannschaft nichts ausrichten [...]. In der Zwischenzeit wurde militärische Hilfe zugezogen. Die Ruhe ist vollständig hergestellt. Am Nachmittag haben sich demnach Frauen und massenhaft Kinder auf dem Marktplatze und den angrenzenden Geschäftsstraßen angesammelt, die mit 'Hunger, Hunger'-Rufen hervortraten. Ein Teil der Menge versuchte, das Rathaus zu stürmen; die Zahl der Anwesenden betrug schließlich etwa 1000. Am späten Abend kam es zu neuen 'Zusammenrottungen'; am Stadthaus wurden die Scheiben eingeworfen, etliche Geschäfte wurden angegriffen und die Waren geplündert. Noch sechs Wochen später heißt es, die Durchführung von Militärpatrouillen durch die Stadt erschien erforderlich, weil verschiedene halbwüchsige Burschen und auch Weiber geäußert hatten, sobald das Militär fort sei gehe es wieder los und es waren auch verschiedene größere Nahrungsmittelgeschäfte [...] als die in Aussicht genommenen Angriffsobjekte genannt worden.

Die Schulen litten vor allem seit dem Winter 1916/17 unter Kohlennot, was sowohl dem Altsprachlichen Gymnasium als auch in den Volksschulen, von denen zum Teil nur noch zwei beheizt werden konnten, zu häufigem Unterrichtsausfall führte. Erhebliche Anstrengungen galten der militärischen Vorbereitung der Jugen und der Organisation eines 'Kriegeshilfsdienstes', in dem Rohstoffe gesammelt und die Heranwachsenden mittels eines 'Jugendwehrvereins' und anderer Organisationen militärisch ertüchtigt wurden. Im Vorort Pfiffligheim wurde seit Anfang 1915 ein auf 10.000 Personen ausgelegtes Kriegsgefangenenlager errichtet, das bis Kriegsende bestand und in dem Soldaten unterschiedlicher Nationen untergebracht waren.

Nachhaltige Auswirkungen hatte der Krieg auch auf die Wormser Industrie. Die Arbeitsverhältnisse in der Lederindustrie waren durch den Wegfall des entscheidenden Faktors Export und Probleme bei der Beschaffung der notwendigen Rohware gekennzeichnet. Neben der Umstellung auf die Produktion von Kriegsleder erwies sich die Heranziehung zahlreicher jugendlicher und weiblicher Arbeitskräfte als unumgehbar, zumal ca. 2000 von den 6000 Arbeitern der Branche zum Heeresdienst eingezogen worden waren. Der Anteil der Mädchen und Frauen an der Industriearbeiterschaft schnellte nach Ermittlungen der Gewerbeinspektion von Mitte 1914 24,6% auf 1917/18 über 41%. Die in Worms recht starke chemische Industrie und die Holzindustrie kamen ohne Frauen nicht mehr aus. Am 1.10.1918 waren fast die Hälfte aller Beschäftigten in der chemischen Industrie von Worms Arbeiterinnen, ein Zustand, der sich nach Kriegsende rasch ändern sollte. Der Anteil der Jugendlichen (bis 16 Jahre) wuchs von 11,7% (1.7.1914) auf 16,5% am 1.10.1918 und betrug am 1.1.1919 nur noch 9,6%.

Granatenproduktion bei den umgerüsteten Lederwerken C. Heyl, um 1917[Bild: Stadtarchiv Worms]

Die Folgen für das Arbeitsleben waren gravierend: Schutzbestimmungen wurden gelockert, die Zahl der Arbeitsunfälle stieg stark an, der Gesundheitszustand der Arbeiterinnen wurde als schlecht angesehen, laut Bericht der Gewerbeaufsicht litten 'große Teile der Arbeiterschaft' unter 'Blutarmut und Unterernährung' sowie mangelnder Widerstandskraft. Im Laufe der Zeit erfolgte in den Lederwerken zum Teil eine Umstellung auf die Fabrikation von Munition. Die Kriegsfolgen versuchte man durch werkseigene Fürsorgemaßnahmen für Hinterbliebene bzw. eine umfangreiche Kriegsfürsorge auszugleichen, wofür die Lederwerke Cornelius Heyl sechs Millionen, die Firma Doerr & Reinhart zwei Millionen Mark aufgewendet haben. Insgesamt gingen die Beschäftigtenzahlen in der Lederindustrie von Mitte 1914 noch 5266 auf im Juli 1914 nur noch 3740 Personen zurück.

Der Krieg erreichte mit einem Luftangriff allliierter Streitkräfte im Juli 1917 punktuell auch Worms. Mit dem Soldatentod des hochbegabten Musikers Rudi Stephan am 19.9.1915 in Galizien verlor die Stadt ein herausragendes Talent auf künstlerischem Gebiet. Im selben Jahr (23.10.1915) starb mit Sophie von Heyl (geb. 1847) eine bemerkenswerte Persönlichkeit der bürgerlichen Führungsschicht der Stadt, die seit 1914 als Vorsitzende der Wormser Frauenvereine ihr ohnehin sehr starkes karitatives Engagement nochmals gesteigert hatte. Die nach ihrem Ableben errichtete Gedächtnisstiftung kam den von ihr gegründeten und geförderten Wohlfahrtseinrichtungen zugute.

Nachdem auch in Worms die revolutionäre Umwälzung in die Wege geleitet worden war, konstituierte sich am Abend des 9. November 1918 der Arbeiter- und Soldatenrat, dessen endgültiger Vorstand zwei Tage später mit dem späteren Bürgermeister Albert Schulte (SPD) als 1. Vorsitzenden und dem Arbeitersekretär Bernhard Rechthien als 2. Vorsitzenden endgültig besetzt wurde. Wie in den meisten anderen Städten des Deutschen Reiches verlief die Machtübernahme vollkommen unblutig, wobei sowohl im militärischen Bereich alle Truppenteile als auch die Zivil- und Staatsbehörden dem Arbeiter- und Soldatenrat unterstellt wurden. Oberbürgermeister Heinrich Köhler und Kreisdirektor Dr. Karl Kayser wurden ihrer Ämter enthoben, allerdings durfte letzterer ab 16. November 1918 seine Arbeit im Einvernehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat wieder aufnehmen.

Sobald die Kontrolle aller Institutionen durch den Rat übernommen worden war, wurden am 10.11. 1918 in der Stadtverordnetenversammlung unter dem Vorsitz Rechthiens die vorangegangenen Ereignisse erörtert und die Organisation der anstehenden dringlichen Probleme diskutiert. Oberste Prioriät wurden der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung sowie der Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln, Kohle und Kleidung eingeräumt, außerdem der Wiedereingliederung der Heimkehrer und deren Unterbringung. Für den Sicherheits- und Ordnungsdienst bildete man eine Bürgerwehr, deren Aufgabe jedoch schon seit Ende November durch reguläres Militär übernommen wurden. Die durch das Waffenstillstandsabkommen auferlegte Demobilmachung bedeutete für Worms eine besondere Belastung, da die Stadt von der Westfront kommende Truppen (am Tag bis zu 30.000 Soldaten) während ihres Aufenthaltes in Worms zusätzlich mit Lebensmitteln versorgen und einquartieren musste. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln für alle wurde gleichzeitig erschwert durch fehlende Transportmöglichkeiten . Am 3.12. löste sich der Wormser Arbeiter- und Soldatenrat auf. Schließlich übernahm die französische Besatzung am 8.12. die Verwaltung des Kreises Worms.

Der Krieg brachte auch in Worms Leid und Tod über die Menschen, er brachte Hunger und Wohnungsnot, Versorgungselend, verschärfte die sozialen Gräben, beendete die Fortentwicklung, bürdete den Menschen und der Stadtverwaltung neue Aufgaben und Probleme auf. Die junge Republik stand auch in Worms vor fast unlösbaren Aufgaben, die französische Besetzung wurde als Schmach und Schande empfunden, der politische Neubeginn erwies sich als sehr schwierig. Eine Vielzahl von bis heute nachwirkenden Strukturproblemen der Stadt hat hier seinen Anfang genommen. Noch viele Fragen sind offen, das vorhandene Quellenmaterial im Stadtarchiv ist sehr reichhaltig und bedarf noch weiterer Recherchen.

Nachweise

Verfasser: Gerold Bönnen

Literatur:

  • Bönnen, Gerold u.a. (Hg.) (2014): Eine furchtbar ernste Zeit. Worms, die Region und der "Große Krieg" 1914 -1918. Worms: Worms-Verlag (Der Wormsgau, Beiheft, 41)
  • Bönnen, Gerald: Geschichte der Stadt Worms. Stuttgart 2005.

Aktualisiert am: 09.01.2015